Tag-Archiv für 'romantik'

Anmerkungen gegen Burschenschaften

„Wehe den Juden“ schrie der fanatisierte Burschenschaftspöbel während ihrer Bücherverbrennung auf dem Wartburgfest.
Bereits 1818 zeigt Saul Ascher, Jude und Kosmopolit, die irrationale Verirrung der Bruschenschafter auf und fordert die Autorität zu polizeilichen Maßnahmen zur Unterdrückung deutschnationalistischen Gedankengutes ein. Vorrausschauend und intelligent schreibt er:

Man muss die Menge, um auch sie für eine Ansicht oder Lehre einzunehmen, zu begeistern suchen; um das Feuer den Begeisterung zu erhalten, muß Brennstoff gesammelt werden, und in dem Häuflein Juden wollen unsere Germanomanen das erste Bündel Reiser zur Verbreitung des Fanatismus hinlegen.

Von Saul Ascher ist Heinrich Heine nach eigenen Aussagen beeinflusst worden. Heine schreibt zu den Burschenschaften:

Auf der Wartburg hingegen herrschte jener unbeschränkte Teutomanismus, der viel von Liebe und Glaube greinte, dessen Liebe aber nichts anderes war als Hass des Fremden und dessen Glaube nur in der Unvernunft bestand, und der in seiner Unwissenheit nichts Besseres zu erfinden wußte, als Bücher zu verbrennen!

Wer also behauptet, Burschenschaften wären „zu ihrer Zeit“ eine emanzipatorische Einrichtung, verfehlt den Kern und ignoriert historische Faktizitäten.
Die deutsche Romantik, eine widerliche Spielart des Nationalismus, von Volksgeist und ähnlichen Idiotien schwafelnd, sich selber einlullend in deutsch-nationale, regressivste und antiaufklärerische wabbernde Nebel, ist mit den Burschenschaften unmittelbar verknüpft.

Faserland – Eine Kritik

Christian Kracht - Faserland

Im folgenden formuliere ich eine (Teil-)Kritik an Christian Krachts Roman „Faserland“ und wahrscheinlich an Kracht selber, da lyrisches Ich und Autor in der Popliteratur häufig koinzidieren.
Zitate, sofern nicht anders angegeben, alle aus ebendiesem Roman.

Krachts Roman, einer der „wichtigsten (…) Texte der deutschen Literatur der neunziger Jahre“(FAZ) behandelt die Existenz- und Denkform eines lyrischen Ich, welches eine diffus anmutende Dialektik von Exzentrik und Normalität in sich vereint. Im Verlaufe des Buches wird das Verhältnis des lyrischen Ich zu seiner Umgebung jedoch klarer und, wie sämtliche anzumerkenden Widersprüche des lyrischen Ich, ein theatralisches Ende erfahren.
Die scheinbare Indifferenz des lyrischen Ichs wird bereits zu Anfang des Buches inszeniert. Der Leser erfährt weder einleitende Worte, noch nähere Beschreibungen des lyrischen Ich. In der Tradition neuerer Pop-Literatur wirft Kracht den Leser in ein langweiliges Urlaubszenario des um von dieser Ausgangssituation eine fiktive Reise durch Deutschland zu starten, die ihren dramatischen Schluß in der Schweiz finden wird. Im Fortgeschrittenen Stadium des Textes wird der Stil und die herrschende Atmosphere zu Beginn nicht etwa durch ein Umschwenken radikal verworfen, sondern konsequent fortgesetzt und ein höchst widerspruchsvolles Bild des Charakters gezeichnet. Das oberflächliche Desinteresse des lyrischen Ich korrespondiert mit Aplomb, ebenso mit permanenter Deskription und höchst sensiblen Charaktereigenschaften, die konservative Züge aufzeigen und fast ins Kindliche umschlagen. Der Autismus des Charakters ist Resultat einer hochgradig problematischen Auffassung seiner Umgebung respektive der herrschenden Realität, die zu erläutern Aufgabe von diesem Text sein soll. Es wird hier also nun das Bild der Realität nachgezeichnet und problematisiert, welches von Kracht literarisch stilisiert wurde und einen Dominanten Part des Textes darstellt, gar eine Determinante, die auf weitere Aspekte des Textes wirkt. Dazu muss zuerst der Charakter des lyrischen Ich im Hinblick auf das Politische adäquat charakterisiert werden.
Dieses erweckt den Eindruck eines unpolitischen Menschen pflegt Antipathien gegenüber Linken, die an einigen Stellen sogar eliminatorische Wünsche des lyrischen Ichs offenbaren. (vgl. S. 119-120, 30, 53, 72, 73)
Rechtsextremismus wird in Verbindung mit dem Nationalsozialismus erwähnt und fungiert als Denunziation, beispielsweise, wenn Gewitter als „Wagner-Nazi-Gewitter“ (S. 98) bezeichnet werden. Repräsentaten von rechten Positionen werden abgelehnt. Die Ablehnung von „Links und Rechts“ entspringt nicht etwa kritischer Reflexion, jedoch folgt aus der Ablehnung keine Affirmation der sogenannten politischen „Mitte“.
Weiterhin scheint seine Grundeinstellung, im Sinne des Terminus, antideutsch geprägt zu sein, denn das lyrische Ich spricht beispielsweise vom „Nazi-Leben“ in Deutschland (S. 70). Ihr „Antideutschtum“ wird sich später als regressive emtionalisierende Negation der Gesellschaft herausstellen.
Häufig wird der Leser mit zum Teil überraschend trefflichen Reflexionen und Analysen über materiellen Besitz und soziale Status konfrontiert (z.B. S. 30, 53, 64). So merkt das lyrische Ich an, nachdem es Ärger einer Person auf sich zieht, „wenn (es) ein Ausländer wäre und kein Jackett anhätte, wofür er (diese Person) einen halben Monatslohn hergeben müsste, dann hätte er auch bestimmt etwas gesagt.“
Hier wird gegen eine Personnengruppe polemisiert, denen er ausdrücklich den Tod wünscht (S. 64): sogenannte „Neu-Reiche“.
Nicht ganz Nietzscheaner, aber dennoch antimodern und zivilisationsfeindlich scheint das lyrische Ich außerdem zu sein, denn er bedenkt mögliche Lebensweisen auf Bergen oder auf „einer Insel, wo es ständig windet und stürmt“.
Seltenst wird kritisches Selbstbewusstsein offenbart, welches aber oft diffus bleibt und politische Statements werden lediglich drei geäußert: Im betrunkendem Zustand denkt das lyrische Ich, es hätte „wahnsinniges Glück“, „im demokratischen Deutschland zu leben“. Seine Trunkenheit führt es aber unmittelbar als Erklärung für solches „SPD-Gewäsch“ an.
Außerdem wird erwähnt, es passiere „oft bei ganz reichen Leuten, dass sie (…) ins Hippietum abdriften“.
Viel intensiver und insistenter wird Anderes gedacht: Eine „Maschine, die sich selbst baut“ würde als Lebensraum für Menschen dienen, von denen einige „Auserwählte sind, die gute Autos fahren müssen und gute Drogen nehmen (…) und „nur durch den Glauben weiter leben können, alles ein bisschen Stilvoller zu tun“, „während um sie herum alle dasselbe tun, nur eben ein ganz klein bißchen schlechter“. Dem lyrischen Ich scheint es so, „als ob Deutschland nur noch eine (…) Maschine (wäre)“(S. 149), in denen „Selektierer, Geschäftsleute, Gewerkschafter und Autonome“, in seinen Augen bizarre Personen, (S. 153) leben würden.
Deutschland bzw. die deutsche Gesellschaft wird mit einer Maschine gleichgesetzt, und als Lebensform aufgefasst, die sich durch Zwänge gestaltet, somit sonderbare Menschen und Illusionen hervorbringt, von denen er sich häufig geschockt zeigt. Dies passiert nicht in einem emanzipativen und aufklärerischen Sinne, sondern stets reaktionär: So wird zum Beispiel Gruppensex als völlig verkommene Tätigkeit beschrieben und Ressentiments gegen eine „dekadente“ Gesellschaft gehegt. Diese Ressentiments reihen sich problemlos in die antimoderne Grundstimmung ein.
Die oben skizzierte emotionalisierende Kritik vertritt die Grundstimmung und Spannung des Romans und steht exemplarisch für die politische Ausrichtung des lyrischen Ichs. Sie repräsentiert die pure Negation des Politischen bei gleichzeitiger Präsenz internalisierter Werte, mit denen das lyrische Ich seine Antipatie und teils auch seinen blanken Hass gegen Situationen und Menschen, gegen Produkte des „Nazi-Lebens“ artikuliert. Seine scheinbar antideutsche Haltung offenbart sich also als Abneigung gegen eine „moralisch verkommene“ Gesellschaft voller „falscher Freunde“ (vgl. S. 139) und mündet, wie oben erwähnt, in absoluter Zivilisationsfeindlichkeit und Selbstmord.
Der widersprüchliche Charakter des lyrischen Ichs kann somit als Ausruck eines „politischen Nihilisten“ gelten, der beispielsweise Aufnäher von einem Freund „nur dumm und gar nicht witzig“ (S. 91) findet, sich von messerscharfer Analyse der Gesellschaft fernhält, jedoch umso verzweifelter seine Utopie des „ursprünglichen Lebens“ umklammert, nicht zuletzt, weil er zu bemerken scheint, dass er selber Teil der „Maschine“ ist, von der er wünscht, frei zu sein.
So Zum Beispiel erwähnt er, ein Taxifahrer würde ein Jackett von Davies & sons tragen, hätte er „das alles“ verstanden (vgl. S. 30), konstatiert später jedoch, dass „die Auserwählten“ im Glauben leben, sie würden ihr Dasein in der Maschine „nur ein bisschen stilvoller“ fristen (vgl. S. 153), relativiert seine Ansichten also radikal.
Ein Buch in der Tradition der Ideen der deutschen Romantik, (die hier anderswo ansatzweise kritisiert wurde) welches klar gegen Aufklärung und Intellektualismus Stellung nimmt.

Emanzipation und Kultur

Ein kleiner Beitrag zu Tokio Hotel, links-alternativer Punkszene und „28 days later“, außerdem wenige Anmerkungen zur Romantik und Expressionismus.

Was das miteinander zu tun hat?
Leßt doch einfach meinen folgenden Text:

Wer kennt nicht die Hass- und Wutausbrüche gegen Tokio Hotel und deren Fans? Diese seien allesamt „dumme Schwuchteln“ oder, so der sich „links-alternativ“ schimpfende Jugendliche, „Spielzeug der Kommerz-Industrie“, die „nur an Geld interessiert“ seien. Die wahrlich banale Erkenntnis, dass es Zweck des Wirtschaftssubjekts ist, möglichst an (viel) Geld zu kommen, scheint diese Menschen jedoch häufig nur an der Musikszene zu erzürnen, und verlangt deshalb eine nähere Beschreibung, die dann auch endlich an das eigentliche Thema anschließt. Und zwar ereifert sich die Punkszenen-Meute deshalb darüber, weil ihre geliebte „Szene“, also das, was von ihnen als „Richtiges im Falschen“ konstruiert wurde, zu zerbrechen droht. Dieses Konstrukt bedarf einer Kritik, denn „es gibt kein Richtiges im Falschen“ (Adorno). Eine Konzeption die daruf abzielt, das Kuscheln in einer harmonischen Untergrundkultur als vernünftiges Ziel darzustellen und in letzter Konsequenz gar nicht mehr danach trachtet, die kapitalistische Gesellschaft in einen „Verein freier Menschen“ (Marx) zu transformieren, muss in der Nähe von esoterischen Zirkeln und anderen reaktionärem Stumpfsinn situiert werden. Der qualitative Unterschied, zu völlig legitimen Forderungen zur Verbesserung der eigenen Lage innerhalb des Bestehenden und der oben skizzierten Vorstellung besteht darin, dass eben diese Apologeten der Untergrundkultur die Flucht von der Realität, die jedoch die bürgerlich-kapitalistische Gesellschaft bestehen lässt, als rationales Endziel postuliert oder gar eine Flucht ins Private als antikapitalistischen Akt verklären will.
Die andere Polemik gegen die Band, zeigt sofort, dass sie einem faschistischem Begehren folgt. Exemplarisch hierfür sei das absolut dumpfe „Remake“ eines Songs von Tokio Hotel namens „Krüppel und Schwul“ angeführt, welches derzeit im Internet umhergeistert und sich größter Beliebtheit erfreut: Die Produzenten des Songs sagen den „ganzen Schwuchteln von Tokio Hotel“, dass sie es nicht verdienen zu leben. Die Welt soll von Drogenkonsumenten, Homosexuellen und „behinderten“ Personen gesäubert werden (so der Text dieses „Remakes“), ein großer Teil der deutschen Jugendlichen kann seine eliminatorischen Wünsche gegen eine Minderheit äußern, die schoneinmal dem deutschen Wahn zum Opfer gefallen ist.

Es zeigt sich also, dass die vermeintliche Kritik von links-alternativen Gefühlslinken bei näherem Hinsehen eine verkürzte Kapitalismuskritik und ein reaktionäres Weltbild offenbart, sich bestenfalls als eine in letzter Konsequenz blinde Affirmation entpuppt, der andere, größere Teil kann als Gegensatz zur Aufklärung aufgefasst- und nahezu faschistisch charakterisiert werden, denn „die Verve der Wut ersetzt Überlegung und Selbstbesinnung – genau darauf ist jeder Faschismus angewiesen“ (WKL).

Doch es gibt einen weiteren Aspekt zu beachten, der beiden Idiotien eins ist: Einer „künstlichen Welt“ wird das „echte Leben“ gegenübergestellt. Als „künstlich und falsch“ wird häufig genau das bezeichnet, was logische Konsequenz einer verkürzten Kapitalismus- und Konsumkritik ist, nämlich das „raffende Kapital“, der „US-Amerkanische Raubtierkapitalismus“, MC Donalds, Fernsehapparate, und Computerbildschirme. „Echt“ ist dagegen das Leben in Einklang mit der Natur, welches, laut der Vertreter dieser Ideologie, der Zivilisation vorgezogen werden soll. Wer erinnert sich hier nicht Voltaires spitzen Polemik gegen Rousseau und seinem „Diskurs über die Ungleichheit“, man „bekomme nun ordentlich Lust auf allen Vieren zu gehen.“ Anstatt also eine Emanzipation über die bestehenden Produktionsverhältnisse hinaus und des Menschen allgemein zu fordern, wird der Rückschritt in eine Urgesellschaft und wahlweise auch eine Rückbesinnung auf „alte Tugenden und Werte“, auf „das Echte“ verherrlicht.

Somit kann auch der Bogen zum Anliegen viele Expressionisten und Romantiker gespannt werden: Das bäuerliche Leben wird dem “dekadentem Leben“ in der Stadt vorgezogen, Flucht aus dem gesellschaftlichen Leben in idyllische Welten manifestiert und der Hass auf das Äußerliche vollzogen. Vorbild ist meißtens die Existenzform einiger Naturvölker. Zwar wird festgestellt, dass die herrschende Realität nicht „die beste aller denkbaren Welten ist“, es wird aber ein falscher wie folgenreicher Schluß gezogen, nämlich dieser einer schon erwähnten Rückkehr, die ebenso eine Rückkehr zu Zwängen darstellt, von denen sich der Mensch jedoch bereits erfolgreich befreite. Sie können sich die Veränderung der ökonomischen Verhältnisse nur im ökonomiefreien Raum vorstellen (vgl. Konkret 7/05) und müssen deshalb Konstrukte vom „Wahren“ und „Echten“ halluzinieren. Es werden unnütze, sinnfreie Imperative geschaffen, an denen sich der Mensch orientieren solle, die diametral der Bedürfnissbefreidigung des Menschen gegenüberstehen. Es herrscht die „Unfähigkeit, sich eine bessere Welt intellektuell und nicht gefühlsduselig beseelt vorzustellen.“ (Martin Büsser in Konkret 7/05)

Doch es geht auch anders: Der Film „28 days later“ pointiert meines Erachtens in kluger und aufklärerischer Weise, dass es dem Mensch um nichts als ein „schönes Leben“ gehen sollte. Besonders das Ende des Filmes ist hierfür wichtig, weshalb ich den Inhalt kurz darlegen möchte:
Nachdem in Großbritannien aufgrund eines Virus nahezu sämtliche Menschen zu zombieähnlichen Wesen geworden sind, findet der Hauptcharakter und seine Begleiter- und Mitstreiterinnen Zuschlupf bei einigen ehemaligen Militärs, die ein wehrhaftes Lager errichtet haben, welches gegen die Angriffe der infizierten Menschen schützen soll. Der Führer der Legion berichtet, die gesamte Welt sei von den Virus erfasst, und es gelte nun aus seinem Lager die Rezivilisierung zu beginnen. Der Film zeigt an einigen Stellen deutlich, wie sehr die Ideologie dieser Militärs mit einer faschistischen, gar nationalsozialistischen korrespondieren, und doch fühlt sich der Zuschauer den Militärs, sogar dem Führer selbiger hingezogen, zeigt dieser doch, wie dem Fluch der Zombieherrschaft zu entkommen ist. Der Zuschauer bemerkt überhaupt nicht, wie schnell er sich in der faschistischen Ideologie zurecht findet. Nun schwenkt die gesamte Situation, da sich offenbart was Ziel der Militärs ist, nämlich die Vergewaltigung einer Frau und eines Mädchens, die eben neu zu dem Kampfbund hinzugestoßen sind. Der Hauptcharakter metzelt die Kampftruppen dahin, und zeigt somit drastisch, worum es eigentlich gehen sollte: Um individuelle Emanzipation und nicht um Unterordnung, um Genuß des Lebens und nicht um (schädigende) Zielsetzung als Selbstzweck.
Das Ende des Filmes unterstreicht diese Annahme: Die Frau, das Mädchen und der Hauptcharakter befinden sich in einem einfachen Landhaus, begnügen sich jedoch nicht mit dieser Lage, sondern versuchen auf sich Aufmerksam zu machen, da sie wissen, dass der Rest der Welt nicht infiziert wurde und sind erfolgreich, da sie von zwei Jagdbombern gefunden werden. Die Jagdbomber repräsentieren einmal die Ambivalenzen der kapitalistischen Zivilisation, aber eben auch die Zivilisation, die in der Lage ist, dem Mensch ein schönes Leben zu bescheren, indem sie „die Müseligkeiten der menschlichen Existenz erleichtert“ (Bacon).