Tag-Archiv für 'kritik'

Marginalien zum christlichen Fundamentalismus auf K-TV

Nach einer kurzen Erwähnung von K-TV konnte ich gestern die Möglichkeit beanspruchen, das anzuschauen, was über den Bildschirm flimmert, wenn K-TV tatsächlich eingeschaltet ist.
Die „Erwartungen“ hinsichtlich des Inhalts von diesem Programm wurden übertroffen:
Ein Redner sprach vor einem Publikum, welches in einigen Zeitabschnitten in zwei Sequenzen gefilmt wurde, also sicherlich weitaus kleiner war, als es durch diese Kameratechnik suggeriert wurde. Bestimmt, weil es der Illusion der Zuschauer nicht entsprochen hätte, zumindest visuell zugeben zu müssen, dass das Interesse nicht ganz so hoch ist, wie es von Fundamentalisten herbeiphantasiert wird.
Aber zum Inhalt von dem Gespräch. Thema war „Der selige Kardinal von Galen, ein patriotischer Oberhirte“, wie mir der Abspann verriet. Diese Betitelung zeigt schon, was in den folgenden Beschreibungen zu erwarten ist.
Zwar konnte der Redner nicht durch stringente und flüssige Argumentation überzeugen, dafür aber umso besser seine diversen Ressentiments darlegen, welche mehr oder weniger mit dem Oberthema zusammenhingen.
Auf quasi Selbstverständnisse, mit welchen der Zuschauer konfrontiert wurde, wie einen stets nationalistischen Unterton und die diverse Glaubenssätze, möchte ich nicht weiter eingehen.
Bemerkenswert ist jedoch besonders folgendes: Durchweg wurde versucht, die Kirche zur Zeit des Nationalsozialismus als von diesem gänzlich verschiedene darzustellen und einen positiven Bezug zu dem Willen herzustellen, welcher es stets vermeiden wollte, mit dem nationalsozialistischen Volksstaat in Konflikt zu geraten.
Alle diese, welche eine höhere Bereitschaft zum Widerstand einklagten, wurden vom Redner als gänzlich unwissend und naiv zu positionieren ersucht. In diesem Zusammenhang versuchte der Redner, seine Darlegungen durch eine kleine Geschichte aufzulockern, was im Anbetracht der allzu häufigen Wiederholungen und anderen Missgeschicke, welche nicht grade für rhetorisches Geschick stehen, tatsächlich überraschte und fast als eine sehr gewitzte rednerische Zugabe erschien.
Genug der Polemik: Der Redner sprach nämlich von seinem Besuch eines Mädchengymnasiums und dem Vortrag, welchen er dort halten sollte zum Thema „Das Dritte Reich und die Jugend“.
Als ein Mädchen dort den mangelnden Einsatz der Jugendlichen gegen den Nationalsozialismus beklagte, fragte unser Redner, ob sie denn beispielsweise schon einen Leserbrief gegen Abtreibung geschrieben hätte.
Auf die empörte Reaktion, man könne dies nicht vergleichen, entgegnete der Redner, dass man dies sehr wohl könne, weil beides Verbrechen wären.
Der Nationalsozialismus, die Shoa verglich er nicht nur mit der Abtreibung, sondern setzte sie also eins.
Man merkt schon: Weniger von Galen war das Thema, sondern dieses war nur der Anlass, religiös-revisionistische Widerwärtigkeiten kundzutun:
Im Folgenden wurde betont, dass die Befreiung „zwar eine Befreiung für ‚die Gefangenen‘ gewesen sei, aber sonst eigentlich nicht“. Das Identifikationssubjekt war somit gesetzt und dann konnte auch beklagt werden, dass die Alliierten den Deutschen nicht vollständige Souveränität zugestanden haben und mit schmückenden Worten dies thematisiert, als was der Redner die Befreiung durch die Alliierten verstand. Nämlich als illegitime Besatzung und Fremdherrschaft.
Übrigens: Ganz besonders erbost und unverständlich zeigte sich der ideologische Schwadroneur über Rufe wie „Bomber Harris do it again.“

Der Glaube ist was für Liberale

Glaube, Verve der Tat und der nach ihr drängende nationalistische Gedanke gepaart mit der unbelehrbaren Dummheit, würde jeder „in die Hände spucken und Anpacken“ und der anschließenden Affirmation, Deutschlands als einen Körper, wessen Organe nur durch Selbstsubsumtion funktionieren und miteinander gegen vermeintliche äußere und innere Gefahren wirken müsse, bieten keine Basis für emanzipatorische Entwicklungen.
Die stupid-bornierte und immer widerkehrende Hoffnung auf Änderung ohne Berührungspunkte mit einer radikal-emanzipatorischen Analyse des Bestehenden, führen zur Hoffnung auf immanente Veränderung, also einer Perpetuierung der Barbarei, konformistischem Nonkonformismus oder hin zu Glaubenssätzen, welche durchaus die Hoffnung auch auf eine metaphysische Existenz im Jenseits richten.
Ein, Friedrich August von Hayek zugeschriebenes, Zitat reiht sich problemlos in diese Zusammenhänge ein:

Den meisten Argumenten gegen den freien Markt liegt ein Mangel an Glaube in die Freiheit zugrunde.

Auch wenn Adorno die Schwierigkeit erkannt hat, in Relation zur omnipräsenten Macht und stetig erfahrenen eigenen Ohmacht kritisches Denken zu erhalten und eine Resistenz gegen sich klug dünkende Dummheit und Barbarei zu entwickeln, besteht darin doch die Ursache und Grundlage für Kritik. Die Resistenz muss immer überdacht werden, um nicht totalitär und einseitig die Welt gedanklich zu erschließen.
Nur so kann das Projekt der Aufklärung fortgeführt werden.
Kritik darf sich in diesem Sinne nicht in positivistischer Registriererei und erst recht nicht in Glaubenssätzen verlaufen. Wird Kritik, nach Hayeks Vorbild, mangelnder Glaube an vermeintliche „kommunistische Ideale“ vorgeworfen, wird, eine notwendigerweise ultrarealistische, linke Kritik, nicht nur der christlichen Predigt für Nächstenliebe gleichgesetzt, sondern zusätzlich ignoriert, dass die Kritik der Religion und Glaubenssätze die Voraussetzung aller Kritik ist.

Adorno und Brecht

Solange es Zug um Zug weitergeht, ist die Katastrophe perpetuiert.

Adorno, Minima Moralia, Weit vom Schuß

Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch!

Brecht, Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui, Epilog

Fragmente der Kritik: Kandinsky und Mondrian

Die Bilder von Kandinsky und Mondrian, beides Künstler der abstrakten Malerei, sind unter kunsttheoretischen Gesichtspunkten prinzipiell voneinander zu unterscheiden. Dennoch werden die beiden Standpunkte der Maler durch die Kunst inhaltlich vereint. Ein Blick in die Biographien der beiden Maler verrät einiges über deren Weltanschauung. 1909 trat Mondrian in Amsterdam der Theosophischen Gesellschaft bei und setzte sich mit der Theosophie auseinander. Beides wirkte auf seine künstlerische Tätigkeit maßgeblich ein.
Auch Kandinsky wurde durch die Anthroposophie und Theosophie geprägt. Er lernte 1908 sogar Rudolf Steiner, und damit dessen anthroposophische Borniertheiten kennen. (mehr…)

kritische Anmerkungen: „Mein Führer“

Auch vor dem Start bzw. den Previews von „Mein Führer“ war eigentlich offensichtlich, was den Zuschaur im Kinosaal erwarten wird. Diese Erwartung wurde von einem Film bestätigt, welcher prominente Schauspieler benötigt, um überhaupt einigermaßen positiv rezipiert zu werden.

Der Film psychologisiert das Handeln Adolf Hitlers und kennt auch nur dieses als Grundlage und Ursache für den Nationalsozialismus. Verbrauchte und banale Witze konzentrieren sich ausschließlich auf die damalige Führungselite: Hitler erscheint als Schwächling, der seine Lust am totalen Krieg verloren hat, die nationalsozialistische Elite kommt mit ihren Titeln, Stempeln und Dokumenten nicht klar. So werden organisatorische Probleme der Nazis karikiert, der Gegenstand, worauf sich Kritik oder ein komödiantischer Film zu richten hätte, aus dem Blick verloren. Die Präsentation Hitlers als Schwächling und impotenter Liebhaber affimiert nicht nur die nationalsozialistischen Härte und Männlichkeitsideale.
Die Nazis werden an ihren eigenen Idealen blamiert, die Ideale selber werden aber eigentlich nicht angetastet, vielleicht auch deshalb weil einige dieser Ideale wieder in der „Mitte der Gesellschaft“ angekommen sind, oder diese nie verlassen haben und daher vom Publikum ernstgenommen werden, aber nicht verlacht.

Klar ist, dass kein Film die Frage beantworten kann, wie es zu Holocaust kam. Dieser Film aber vereinfacht die Erklärung auf eklatante Weise. Dani Levy orientierte sich hierfür größtenteils auf das Buch von Alice Miller „Am Anfang war Erziehung“. Miller schreibt:

Es ist Hitler tatsächlich gelungen (…) sein Familientrauma auf das ganze deutsche Volk zu übertragen.

Diese Darstellung, welche sich auch in dem Schulheft zum Film wiederfindet, ist programmatisch-konstitutiv für den Film. Hitler, als kleiner Junge von seinem Vater missbraucht, wird als psychisches Wrack präsentiert, welches zeitlebens eigentlich nur beschäftigt gewesen sei, einen Komplex kompensieren zu müssen: Der Vater hat Hitler geschlagen, jetzt schlägt Hitler die Deutschen. Schon diese Fixierung auf die Persönlichkeit Hitlers verkürzt notwendigerweise die Taten der normalen deutschen Täter auf eine Figur.
Und das ist durchaus auch gewollt: Dani Levy sagt in einem Interview, Hitler, eine „krankhafte Persönlichkeit (habe) ein ganzes Volk belogen (…) und in den Bann gezogen“.
Dabei bleibt er dann jedoch auch nicht stehen: Die „Schwarze Pädagogik“ habe dem Nationalsozialismus zugrundegelegen. (vgl. Interview in Konkret 1/07)
Hitler wurde schon in unzähligen Komödien satirisch überspitzt dargestellt und die Darstellung Hitlers als kranker alter Mann, der das deutsche Volk ruiniert, gab es zuletzt in „Der Untergang“, ist aber auch in allen Durchschnittskomödien über Hitler enthalten. Dani Levy zeigt nichts Neues, sondern wärmt ein altes Klischee auf. Die Aussage des Filmes, welche besonders entlarvend daherzukommen meint, „überzeichnet und zuspitzt“ (Levy), ist eine höchst problematische Auffassung über Nazideutschland.
Der Film ist somit als Komödie banal, als Satire vereinfachend und stumpf.
Zudem scheint es, als hätte sich Levy nicht entscheiden können, welche Art von Film er eigentlich produzieren will. Im Film sind einige Originalaufnahmen enthalten und auch sonst gibt es Szenen, die, sind sie als Witz gemeint, voller Hohn stecken. Der Film scheint so zwischen satirischer Überspitzung und wirklicher Perspektiv festzustecken.