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Heinrich Heine (1)

Schade eigentlich: Karl Marx ist immer noch aktuell. Marx kannte, neben vielen anderen, seinen Zeitgenossen Heinrich Heine relativ gut. Um dessen Aktualität soll es im Folgendem, ohne Anspruch auf Vollständigkeit, gehen.

Marx kannte Heine nicht nur, sondern stand seinen Gedanken nicht fern. Dem war umgekehrt auch so. Heine arbeitete, das wird häufig vergessen oder bleibt unerwähnt, für die Zeitschrift „Vorwärts!“ und an den Deutsch-Französischen Jahrbüchern, welche von Marx herausgegeben wurden. Ihn verband zudem ein freundschaftliches Verhältnis zu Marx und Engels.
Zunächst zu Heines literarischer Tätigkeit. Er zeichnete sich ganz besonders durch seine treffenden und geschickten Satiren aus.
Allerdings ist diese keine individuelle Vorliebe Heines gewesen,

…sondern charakterisiert ein ideologiekritisches Anliegen, das darauf gerichtet ist, Illusionen über die gesellschaftlichen Zustände aufzulösen. Die beißende Satire von Heine und Weerth will den Menschen zum Subjekt seiner eigenen Geschichte erheben, will in den Worten Heines „das Himmelreich auf Erden“ herbeiführen helfen. Diesem Anliegen, das sowohl der heute viel gerühmte Heine als auch der heute oft ignorierte Weerth durchaus als kommunistisch zu benennen wussten, ist die Notwendigkeit der Zerstörung von Autoritäten eingeschrieben.
(Georg-Weerth-Gesellschaft Köln)

Auch gegen die kirchliche Autorität fand Heine spitze Worte. In seinem bekannten sozialkritischen Gedicht, „Die schlesischen Weber“, schreibt er:

Ein Fluch dem Gotte, zu dem wir gebeten
In Winterskälte und Hungersnöten;
Wir haben vergebens gehofft und geharrt,
Er hat uns geäfft und gefoppt und genarrt-
Wir weben, wir weben!

Und in seinem Versepos „Deutschland. Ein Wintermärchen“ verfasste Heine folgende Worte:

Wir wollen auf Erden glücklich sein,
Und wollen nicht mehr darben;
Verschlemmen soll nicht der faule Bauch
Was fleißige Hände erwarben.

Marx’ Deklaration der Religion als Opium des Volkes scheint vor dem Hintergrund Heines Gedichten lediglich eine pointiertere Darstellung der gleichen Gedanken zu sein. Schon in der Religionskritik, welche die „Voraussetzung aller Kritik“ (Marx) ist, gleichen Heines Vorstellungen Marx’ Ideen.
Heine artikuliert mit seinen Gedichten jedoch nicht ausschließlich Religionskritik. Weitere Gedichte und Kritiken seinerseits gehen mit einem ideologiekritischen Anspruch und so dem kritischen Gehalt der marxschen Theorie einher.
Heine wandte sich nämlich eindeutig gegen die „Tendenzpoesie“ seiner Zeit. Diese nahm Stellung zu gesellschaftlichen Fragen und verstand sich ausdrücklich als kritische Intervention in die damaligen sozioökonomischen und politischen Verhältnisse.
Dem Bundeslied eines bekannten Vertreters, Georg Herwegh, ist die Parole „Alle Räder stehen still, wenn dein starker Arm es will.“ entlehnt. Er durfte also keine Kritik aufgrund konformistischer Haltung erwarten, sah sich dennoch mit kritischen Anmerkungen Heines konfrontiert. Herwegh, dessen Portrait bezeichnenderweise auf einer Briefmarke der DDR zu sehen war, bezog sich positiv auf das allgemeine Volk und wollte den Dichter diesem Volk und seinen Interessen unterordnen. Herwegh erlag der Illusion, das Volk sei von sich aus gut und würde eine homogene Interessenslage aufweisen, als dessen Repräsentant der Dichter auftreten solle.
Die Gefahr, welche eine solche Position des Dichters mit sich bringt wurde von Heine ganz klar erkannt.
Heine in der Vorrede zu dem satirischen Versepos „Atta Troll“:

Damals blühte die sogenannte politische Dichtkunst (…)Die Musen bekamen die strenge Weisung, sich hinfüro nicht mehr müßig und leichtfertig umherzutreiben, sondern in vaterländischen Dienst zu treten, etwa als Marketenderinnen der Freiheit oder als Wäscherinnen der christlich-germanischen Nationalität. Es erhub sich im deutschen Bardenhain ganz besonders jener vage, unfruchtbare Pathos, jener nutlose Enthusiasmusdunst, der sich mit Todesverachtung in einen Ozean von Allgemeinheiten stürzte (…) Der leere Kopf pochte jetzt mit Fug auf sein volles Herz, und die Gesinnung war Trumpf.

Anmerkungen gegen Burschenschaften

„Wehe den Juden“ schrie der fanatisierte Burschenschaftspöbel während ihrer Bücherverbrennung auf dem Wartburgfest.
Bereits 1818 zeigt Saul Ascher, Jude und Kosmopolit, die irrationale Verirrung der Bruschenschafter auf und fordert die Autorität zu polizeilichen Maßnahmen zur Unterdrückung deutschnationalistischen Gedankengutes ein. Vorrausschauend und intelligent schreibt er:

Man muss die Menge, um auch sie für eine Ansicht oder Lehre einzunehmen, zu begeistern suchen; um das Feuer den Begeisterung zu erhalten, muß Brennstoff gesammelt werden, und in dem Häuflein Juden wollen unsere Germanomanen das erste Bündel Reiser zur Verbreitung des Fanatismus hinlegen.

Von Saul Ascher ist Heinrich Heine nach eigenen Aussagen beeinflusst worden. Heine schreibt zu den Burschenschaften:

Auf der Wartburg hingegen herrschte jener unbeschränkte Teutomanismus, der viel von Liebe und Glaube greinte, dessen Liebe aber nichts anderes war als Hass des Fremden und dessen Glaube nur in der Unvernunft bestand, und der in seiner Unwissenheit nichts Besseres zu erfinden wußte, als Bücher zu verbrennen!

Wer also behauptet, Burschenschaften wären „zu ihrer Zeit“ eine emanzipatorische Einrichtung, verfehlt den Kern und ignoriert historische Faktizitäten.
Die deutsche Romantik, eine widerliche Spielart des Nationalismus, von Volksgeist und ähnlichen Idiotien schwafelnd, sich selber einlullend in deutsch-nationale, regressivste und antiaufklärerische wabbernde Nebel, ist mit den Burschenschaften unmittelbar verknüpft.