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Pogrome und Alltagsrassismus: Deutsche Normalität

Das gesellschaftliche Klima von Rostock-Lichtenhagen war geprägt von „Das Boot ist voll“-Sprüchen. Und auch jetzt scheinen die alarmistischen Töne einiger Politiker die Waffe zu justieren, die dann andere abdrücken. Und das, obwohl angesichts der tödlichen Abschottung der EU-Außengrenzen und der Drittsaatenregelung kaum noch Flüchtlinge nach Deutschland kommen. Die Zahl der Asylanträge ist dementsprechend seit Jahren auf einem historischen Tiefstand. Von den Asyl-Anträgen, die hier überhaupt noch gestellt werden, werden dann wiederum ca. 84% abgelehnt. Es gibt nun seit einiger Zeit einen leichten Anstieg der Anträge, was angesichts der vielen Krisenherde, besonders Syrien, keine Überraschung ist. Und obwohl Deutschland nach wie vor wenig Flüchtlinge aufnimmt – Schweden nimmt etwa siebenmal so viele Flüchtlinge auf wie Deutschland – hat die Bundesregierung anlässlich der letzten Katastrophe vor Lampedusa schnell erklärt auch trotz der Syrien-Krise nicht mehr Flüchtlinge aufnehmen zu wollen; der deutsche Innenminister Friedrich nennt die steigenden Asylbewerberzahlen „alarmierend“ und sein Kollege Bosbach spricht von „Grenzen der Belastbarkeit“. Damit schaffen sie ein Klima in dem sich viele in ihren rassistischen Ressentiments bestätigt fühlen und zur Tat schreiten: In den vergangenen Monaten gab es an unzähligen Orten öffentlichen und rassistischen Protest gegen Asylbewerberheime (1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8), Berlin-Hellersdorf war da nur die medial prominente Spitze des Eisberges, die den Innenminister vor allem dazu veranlasste, sich um das Ansehen „unseres Vaterlandes“ zu sorgen und sich beim Mob anzubiedern, indem er davon salbaderte, „die Sorgen der Bevölkerung ernst zu nehmen“. Da überrascht es dann auch kaum, dass es allein in der vergangenen Woche Brandanschläge auf mindestens drei verschiedene Asylbewerberheime gab (1, 2, 3)! Ohne dem Irrtum zu verfallen, eine rassistische Grundstimmung sei einzelnen Politikern zurechenbar, so ist es doch zynisch, das gerade die, die mit ihren gewichten Äußerungen viel zu dieser Stimmung beitragen, das Problem dann regelmäßig und gebetsmühlenartig auf „rechtsextreme Rattenfänger“ und „rechte Demagogen“ marginalisieren, wie es Klaus Wowereit und Berlins Innensenator Henkel zu den rassistischen Protesten in Berlin-Hellersdorf taten. Das ist ein unheilvolles Ineinandergreifen von Ignoranz gegenüber den Fakten bei gleichzeitiger Scharfmacherei des Ressentiments einerseits und Verharmlosung des gesellschaftlichen Rassismus andererseits. Daraus, dass der NSU auch aufgrund eines latenten Rassismus so lange unentdeckt bleiben konnte, will man offenbar nichts lernen und macht weiter wie bisher. Diese Abwehr einer echten gesellschaftlichen Aufarbeitung hat in Deutschland Tradition.

„Sieg für deutsche Politik: TV-Duell weltweit Trend Nummer 1“

In demokratischen Gesellschaften ist die Meinungsfreiheit stets durch das politische Interesse ihrer Bürger bedroht. Nach wie vor hält die fixe Hoffnung, bei der Politik gäbe es Inhalte zu diskutieren, viele unterhaltungsverdrossene Bürger vom Konsum inhaltsfreier Polit-Entertainment-Formate ab. Mit der Verkehrung des Amüsements ins Argument setzen diese Bürger jedoch ihren Mangel politischer Urteilskraft aufs Spiel und gefährden dadurch den Kitt moderner Gesellschaften. Gerade in Wahlkampfzeiten ist das gefährlich. Dank einer beherzten demokratischen Allianz des öffentlich-rechtlichen und des Privatfernsehens konnte mit einem TV-Duell auch in der heißen Wahlkampfphase der Aufklärungsgefahr breitenwirksam entgegengetreten werden. Damit auch im Anschluss des Duells der Wahlkampf von politischen Mündigkeitsphantastereien frei bleiben kann, gab es zudem eine kleine Talk-Nachzerstreuung in Jauchs Tempodrom. Gegen den plump-unterhaltungsfeindlichen Polit-Eskapismus vieler Bürger, gelang es Jauch, das bequeme TV-Publikum aus ihren Scheinwelten sachlicher Auseinandersetzung wieder auf das Kerngeschäft von Politik zu besinnen, nämlich auf Theater, Krieg und Sport. Einige Zitate der Höhepunkte des Abends:

Ein guter Einstieg gelang mit der Frage, ob Merkel und Steinbrück „höflich miteinander umgegangen“ sind. Im Anschluss fragte man sich, „wie authentisch wir sie erlebt haben“, ob sie „natürlich“ und „sie selber“ waren. Es ging um „menschliche Attitüden“. Steinbrück etwa, hat knifflige Situationen „gut aufgelöst“ und „er war sehr witzig“. „Hat Angela Merkel die Teflon-Strategie heute Abend angewandt?“ Im Mittelpunkt stand der „gewisse Stil“ der Diskutanten, ihre minutiöse Performance und das theatralische Geschick, um Charakterstudien also und festzustellen, wie jeder „auf seine Art“ den „Zweikampf“ meisterte.

Für all das sind freilich „Trainingsprogramme“ nötig, um die entsprechende „Leistung“ aufzubringen. Denn nur so kann man „in den Ring steigen“ und „klare Kante“ zeigen. Der Kombattant Steinbrück hat zwar „scharfe Attacken geritten“, hatte in kampfentscheidenden Situationen aber eine „Beißhemmung“. Man stritt, ob sein „verhaltener Angriff die bessere Verteidigung war“, denn in all dem „bunten Reigen“ griff Merkel listig auf „japanische Kampfkunst“ zurück. Jedenfalls war das „Duell“ „wie ein Aufschlag beim Tennis“ und „jetzt beginnen die Returns“: „das Rennen bleibt offen“. Nachdem im „Erwartungsmanagement“ „Kopfnoten“ und „Zeugnis“ vergeben waren, drohte kurz das Diskursniveau zu verflachen. Freilich darf es immer Raum für „lustige Oberflächlichkeiten“ geben und wir wissen, dass es „nicht nur um Inhalte, sondern auch um Äußeres geht“. Aber so weit, dass dem überflüssig kosmetischen Ritual der Sachdiskussion das Feld überlassen wurde, kam es dann zum Glück doch nicht. Jauch: „Wir beenden jetzt die Diskussion, denn die Nahtstelle ist, dass wir uns um das Duell kümmern.“ Recht hat er; und schnell ist der erfahrene Analyst und Ex-Fußballstar Paul Breitner zur Stelle, der weiß, wie man Spieler einordnen muss: War vielleicht Merkels „Verteidigung doch der bessere Angriff“? Man hätte sich noch stundenlang in Erörterungen und Fachsimpeleien ergehen können. Aber letzten Endes stand fest, dass es bei dem spaßigen Spektakel konsequenterweise nur einen Sieger gab: „Raab gewinnt TV-Duell“ (Bild).

„My name’s Alien.“

Eine Filmempfehlung: Harmony Korines’ „Spring Breakers“! Der Film zeigt Solidarität mit einem Freiheitsverlangen, auch da noch, wo es unter den gegebenen Bedingungen, konsequent zu Ende gedacht, als nihilistischer Hedonismus zu roher Herrschaft über Menschen führt. Laut, überbunt, repetetiv, voll empathischer Verkünstlichung, feiert er die orgiastischen Explosionen in der Blase popkultureller Plastikbilderwelten als das überschäumende Leben des Glücks und nimmt gleichzeitig dessen Abgrund wahr, der ebenso dunkel ist, wie der ständige Tod im alltäglichen Grau. Das graue und das bunte Leben sind identisch und zugleich doch verschieden. Dieses Paradox liefert der Film weder an eine pseudokritische und niederträchtige Denunziation solcher Glücksversuche aus, noch an ihr naives Fürwahrhalten. Er wirft einen Blick auf die Dinge, der jenseits von Negation und Affirmation liegt. Er unternimmt das Wagnis, die Dinge ernst zu nehmen, indem er ihnen ihren von Widersprüchen gesättigten und daher gefahrvollen Lauf lässt, der so permanent changiert und pendelt und damit alle Zugänge irritiert und abstraft, die sich ihm billig abgesichert jenseits des Widerspruchs annähern wollen. Ohne jedes Bedürfnis, Widersprüche aufzulösen, schwebt er, durch sie angetrieben und sie ständig fortschreibend, luftig und dröhnend zugleich über die Leinwand, frei von einem Tieferen, das ihm Halt geben soll. In seiner Schwebe entzieht sich der Film dem konventionellen Verständnis von Inhalt und Verstehen. Der Film umspielt sich selbst mit einer Peripherie, die nicht verstanden werden kann und die keinen Inhalt hat. Nur Filme, denen dieses Kunststück gelingt, verdienen es, Filme genannt zu werden.

Der ideelle Gesamtburschenschafter nimmt Stellung

Nach dem Video soll hier noch ein fiktiver Teilnehmer des Balls zu Wort kommen, der die Äußerungen im Video zu einem Gesamtstatement kompiliert (und leicht ergänzt):

Wir nennen uns zwar freiheitliche Akademiker aber mit unserer Halbverblödung und unserem Zwangscharakter können die meisten hier leider nur technische Chemie studieren, weil bei der Chore…Choreo…ähm… Uraufführung! Weltaufführung! Weltherrschaft! Blitzkrieg! Tradition! Aufrecht! Stolz! Ja, ich bin seit 1933 regelmäßiger Besucher dieses Balls auf der Hofburg und bin jedes Mal nach 20 Minuten sternhagelvoll. Umso schader (sic!) ist es, dass ich den Mob draußen nicht wie damals niederschießen lassen darf. Das Gesindel hat die Demokratie ja seit 1945 mit Füßen getreten und jetzt darf ich nicht mehr ran ans Gewehr. Das richtet sich aber bald von selbst (grins). Wenn Sie verstehen was ich meine. Warten Sie nur ab. Die Eröffnung war nur der Anfang.

Eine Stimme ertönt: „Dame einhängen beim Herrn und vor und zurück.“

Da sehen’s doch! Sehen Sie die Welt mit der Bierflasche in der Hand da draußen und sehen Sie die Herrenmenschen hier drinnen, da haben Sie den Kontrast! Draußen würden uns die Frauen einfach sitzen lassen. Hier hängen sie sich bei den Leistungsträgern ein. Sie tragen uns den Arsch nach, den sie sehenswert und nett finden, obwohl er hässlich und fett ist, sie halten unsere dümmlich-frühverfetteten und durch Bier aufgedunsenen Milchgesichter für stilvoll und die Hand, die uns gerne einmal ausrutscht, für gut erzogen. Ich bin schon sehr zufrieden, das muss ich echt sagen. Dieser Ball ist auch ein Zeichen dafür, dass wir uns von der modernen Welt draußen vor der Tür nicht abschrecken lassen. Wir bleiben im Vorgestern und wir werden weiter dafür kämpfen, dass die Vertreter aus Wirtschaft, Politik, Bildung hier in Österreich für uns unteilbar sind: Die gehören uns und nicht den unanständigen Leuten auf der Straße, die eigentlich nichts zur Weiterentwicklung unseres Reichtums beitragen! Immerhin reicht es noch für diesen schönen Ball. Ich war mit Freude schon als junger Student ein brutales und selbstgerechtes Arschloch – genauso wie Opa, der hatte ja noch ganz andere Organisationskomitees als wir. Die Leute hier im Saal fühlen eine große Verbundenheit zu seiner Tradition: Sie haben es ja schon gesehen, eben wurde Wiener Blut gesungen und nun werden zwei alte Kameraden von mir den Abend weiterhin mit ihren Liedern begleiten.

Gesang setzt ein: „Tausend kleine Engel singen, man muss den Pöbel ins Lager bringen.“ Applaus ertönt.

Henri Matisse – Landschaft bei Collioure

Der Strich ist der Leib der Natur. Die Farbe verdrängt das Unsichtbare des Bildes. Die Unendlichkeit des Striches exponiert die Unabschließbarkeit der Leinwand.