10 kurze Thesen gegen Adorno

1. Adornos Philosophie will eine Verschränkung von Philosophie und dem Politischen sein.

2. Nicht diese Verschränkung von Politik und Philosophie ist zu kritisieren, sondern die Entschränkung von Philosophie und Politik in ihrem Grenzverlust, provoziert durch die Marginalisierung der Immanenz.

3. Durch den Grenzverlust von Philosophie und Politik, täuscht Adornos Philosophie eine wechselseitige Aufhebung von Politik und Philosophie vor, verfälscht in Wahrheit jedoch beide durcheinander.

4. Philosophie wird der zu interpretierenden Wirklichkeit beraubt und auf die interpretierte Wirklichkeit eines formalen Nichtidentischen verpflichtet: Philosophie wird trivialisiert.

5. Der politische Begriff der zu verändernden Wirklichkeit, sowie der politische Begriff einer veränderten Wirklichkeit werden verfälscht; Politik wird überlastet.

6. Die zu verändernde Wirklichkeit wird nämlich zu einer Hypothese falscher Totalität hochgestochen, der analog die veränderte Wirklichkeit als ein überspreiztes Ideal wahrer Totalität entgegengestellt wird.

7. Der Kommunismus ist so aber keine politische Möglichkeit mehr, sondern eine leere Utopie unendlicher Freiheit, die von ihren endlichen Bedingungen abstrahiert ist.

8. Dem ist mit Hegel zu erwidern: „Wer gegen das Endliche zu ekel ist, der kommt zu gar keiner Wirklichkeit, sondern er verbleibt im Abstrakten und verglimmt in sich selbst.“

9. So versteht sich auch Marx anti-utopische Volte, dass der Kommunismus kein abstraktes Ideal unendlicher Freiheit ist, sondern „die wirkliche Bewegung, welche den jetzigen Zustand aufhebt.“

10. „Die Bedingungen dieser Bewegung ergeben sich aus der jetzt bestehenden Voraussetzung.“


4 Antworten auf “10 kurze Thesen gegen Adorno”


  1. Gravatar Icon 1 alkohol 18. Februar 2014 um 17:17 Uhr

    Phi­lo­so­phie wird tri­via­li­siert.

    *kicher* Erinnert mich an die These, die ich mal vor ein paar Jahren von frischgebackenen Anti-Adorniten gehört habe: Adornos Theorie sei unterkomplex. Ich weiß nich, ich weiß nich…

    Und täte es der Philosophie nicht ganz gut, trivialisiert zu werden? Jedenfalls, wenn das hieße, dass das, was in dieser Disziplin herausgefunden wurde, popularisiert würde?

    Die zu ver­än­dern­de Wirk­lich­keit wird näm­lich zu einer Hy­po­the­se fal­scher To­ta­li­tät hoch­ge­sto­chen, der ana­log die ver­än­der­te Wirk­lich­keit als ein über­spreiz­tes Ideal wah­rer To­ta­li­tät ent­ge­gen­ge­stellt wird.

    Wenn man einen Gegenstand erkennen will und dabei auf einander ausschließende Eigenschaften stößt (z.B. antagonistische Interessen in der Wirtschaft, Zielkonflikte in der Politik), dann lässt dem Gegenstand gegenüber nur in Negation die Einheit des Bewusstsein aufrechterhalten.

    Der Kom­mu­nis­mus ist so aber keine po­li­ti­sche Mög­lich­keit mehr, son­dern eine leere Uto­pie un­end­li­cher Frei­heit, die von ihren end­li­chen Be­din­gun­gen ab­stra­hiert ist.

    So wie Adorno mit massig Alltags-Kleinklein ankommt kann man ihm eine Abstraktion von den endlichen Bedingungen eigentlich nich vorwerfen.

  2. Gravatar Icon 2 schorsch 20. Februar 2014 um 1:18 Uhr

    Aus Zeitgründen sehr arg, brutal fast, runtergebrochen meine Antwort:

    1. Also vielleicht war trivialisiert schlecht gewählt und „depotenziert“ hätte den Sachverhalten besser getroffen. Zu behaupten seine Philosophie sei unterkomplex, wäre in der Tat seltsam. Mir geht es aber darum, dass Philosophie entweder an den Einzeldingen nur die These des falschen Ganzen herunterbeten können soll oder Spuren der Transzendenz. Zwischen diesem Entweder-Oder scheint es nicht viel zu geben. Das finde ich zu wenig.

    2. Ich denke man kann mit Widersprüchen auch anders umgehen. Aber selbst wenn man diesen Weg einschlägt, dann folgt daraus noch nicht, dass aus ökonomischen Widersprüchen die totale Widersprüchlichkeit des Bestehenden extrapoliert werden kann, was Adorno aber macht. Nuancen haben immer nur dort Platz, wo das Licht der Transzendenz scheint: Alles ist schlecht, oder etwas verweist auf Anderes, das aber abwesend ist.

    3. Der Alltags-Kleinklein ist aber nie das, wovon die Negation ausgeht, das sie also auch in sich enthält, sondern immer das, was einseitig verneint werden soll.

  3. Gravatar Icon 3 Bea 22. April 2014 um 0:53 Uhr

    „Die Bedingungen dieser Bewegung ergeben sich aus der jetzt bestehenden Voraussetzung.“

    Diese zu antizipieren ist genau Adornos Beweggrund, der Kern seiner Philosophie, wenn man so will, um die sich bei ihm alles dreht.

    Aber deine Thesen bleiben mir schon alleine deshalb schleierhaft, da bereits die erste These für mich nichts von Adornos Philosophie zu greifen vermag.
    Um überhaupt sinnvoll über die folgenden Thesen sprechen zu können, wäre es vielleicht sinnvoll, eine kurze Erläuterung / Begründung der ersten zu liefern. Das würde mich zumindest interessieren.

  4. Gravatar Icon 4 schorsch 22. April 2014 um 8:28 Uhr

    Danke für dein Interesse; ich reiße die Dinge mal an. – Was mit der Verschränkung von Philosophie und dem Politischen gemeint ist, ist nicht, dass Philosophie zur Magd von Tagespolitik oder Tagespolitik zum Ideengeber für Philosophie wird. Es ist vielleicht eher eine Perspektivenverschränkung: Im Philosophieren dreht sich alles um die Perspektive einer radikalen Aufhebung des Bestehenden – dem was für mich eine Aufgabe von politischem Tun wäre. Und umgekehrt wird eben dieses politische Tun unmittelbar philosophisch reflektiert und kritisiert. Diese beiden Schwerpunkte werden zu einer kritischen Gesamthaltung integriert. – Was dabei rauskommt ist für mich aber ein abstrakter Moralismus, bei dem Philosophie auf Negativität verpflichtet ist, weil das politische Tun in Philosophie aufgesogen wurde und deshalb kein anderer Ort der Veränderung mehr offen ist. Damit wird das politische Tun verklärt und deshalb hat Adorno auch keinen wirklichen Begriff des Politischen; bei ihm ersetzt die Idee des Bruchs und der Utopie die konkrete Durchführung politischer Änderungen und der Revolution. Mit einem Mal sollen alle Spannungen und Widersprüche nicht mehr bestehen. Dabei ist vielmehr anzunehmen, dass diese Spannungen gerade in der Zeit der Revolution zunehmen und mit ihr nicht ganz verschwinden. (Das wäre dann aus adornoscher Perspektive eben nur eine „Perpetuierung des falschen Ganzen“; mag ja sein, aber wenn dadurch ein paar Menschen weniger hungern, ist das ein Unterschied ums Ganze; und zugegebenermaßen gibt es bei Adorno ja auch diese Utopie, „dass keiner mehr hungert“ (irgendwo in den MM)). – Aber wie das Politische wird auch die Philosophie in dieser Verschränkung verfehlt: Sie wird im Negativitätszwang darauf verpflichtet, die mannigfache und zu deutende Wirklichkeit letztlich immer wieder nur auf den abstrakten Term des Nichtidentischen abzubilden: Jedes konkrete Philosophieren in der Sache (das Adorno ja in der Tat stark macht), läuft letztlich doch immer wieder auf Dasselbe hinaus, die Omnipräsenz des falschen Ganzen und die Abwesenheit des Richtigen. – Das meine ich damit, dass die Verschränkung von Politik und Philosophie übersteigert ist und damit beide verfehlt.

    Adorno verewigt mit seiner Philosophie das „Atemholen“ der Philosophie, den Zustand nach der gescheiterten Revolution, „in der die Veränderung der Welt misslang“. Es ist sinnvoll darüber nachzudenken, was man tun soll, wenn man nichts tun kann. Es ist schlecht, wenn daraus ein erstarrtes Denksystem wird, das die gleichen Schemata ableiert und das Interesse an der politischen Wirklichkeit verliert, die ohne wirkliche Konfrontation als „versperrt“ usw. disqualifiziert wird. Es muss doch darum gehen, sich um diese politische Wirklichkeit zu bemühen, in der Praxis, aber auch und gerade im Denken. Dafür muss man die Spannung zwischen Korruption, Mimesis an den Feind usw. einerseits und dem, was man verwirklichen will andererseits immer wieder neu austragen, anstatt sie konservativ, im Sinne von konservieren, immer gegen die Wirklichkeit zu entscheiden. Adorno überhöht ein Ideal, ein Glücksversprechen, auf das er kindisch („Kindheitserinnerungen“) beharrt und damit Wirklichkeit allen Wert abspricht. An dem Hegel-Zitat hat mir gefallen, dass es die Bedeutung der Wirklichkeit betont. Ein verwirklichtes Ideal ist per definitionem kein reines Ideal mehr, aber vielleicht dennoch wertvoller.
    Noch ein Satz: Sicherlich sind solche Kritiken an komplexen Positionen immer unterkomplex und reduktiv. Es geht mir darum, eine Tendenz bei Adorno, die ich auch in der Rezeption durch die Linke immer wieder entdecke, zuzuspitzen. – Z.B. muss ich an diese dramatischen Selbstinszenierungen der Enthaltung und des Nichtmitmachens denken, die kaum mehr als peinliche Farce sind. Es geht doch gerade darum „mitzumachen“, sich nicht zu enthalten, sondern sich im Handgemenge einzumischen! – In Brechts „Maßnahme“ verleugnet Herr K. seine Kritik an der Gewalt, als er von der Gewalt gefragt wird, ob er sein Wort gegen sie erhoben hat, weil er länger leben muss als die Gewalt. Genau das ist die Spannung in der sich linke Politik immer bewegt und auf die sie sich – so tragisch und schlecht das sein mag – irgendwie einlassen muss.

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