Archiv für Dezember 2013

Die Befreiung der Sexualität in der DDR

„Ein milder Glanz geht, eine stille Pracht
Unwiderstehlich aus von diesem Paar.
Die Liebe und die Sowjetmacht
Sind nur mitsammen darstellbar.“

Bezüglich der sexuellen Liberalisierung im Kapitalismus ließe sich die These vertreten, dass diese Liberalisierung einseitig verläuft. Es werden die biologischen, die mechanischen Aspekte der Sexualität sichtbar gemacht, aber diese Seite des bloßen Faktums ist für den Mensch eigentlich bedeutungslos und „leer“. Sexualität in diesem biologisch-mechanischen Sinne zu liberalisieren bedeutet daher zugleich auch, Sexualität zu marginalisieren – die Sexualität zu verdrängen, die reizvoll und sinnhaft aufgeladen ist, die mit einem tieferen Interesse verbunden ist. Verschlagwortet gesagt: Die Pornographisierung verdrängt das Erotische. Brüste und Penisse kann man gerne mal zeigen, aber über wirkliche Bedürfnisse, über das Wesen von Sexualität darf nicht gesprochen werden. (Der Aufklärungsunterricht wurde in der Schule bezeichnenderweise im Fach Biologie erledigt, dabei ist das viel mehr ein Thema für „Gemeinschaftskunde“, Geschichte, Philosophie. Über Samen und Eier hat man gesprochen, kein Wort aber über Homosexualität, Beziehungsformen usw.) Diese leere Befreiung der Sexualität stiftet keine wirkliche Befriedigung und muss deshalb um einer kurzfristigen Befriedigung willen immer weiter getrieben werden: größer, länger, härter, brutaler. Darin nähert sich diese Befreiung der Sexualität dem stupiden Expansionsdrang des Marktes an und in der Sexualität entstehen wie im Marktwettbewerb kompetitive Verhaltensmuster. Ein Ausdruck dieser verfehlten Befreiung ist z.B. auch die Sexualisierung von trivialen Alltagsgegenständen (Werbung etc.) bei gleichzeitiger sexueller Unmündigkeit dort, wo Sexualität für die Menschen eine wirkliche Bedeutung hat. Es gibt eine eigenartige Gleichzeitigkeit sexueller Offenheit und sexueller Verschlossenheit. Anhand einer sehenswerten Doku über den Sex in der DDR lässt sich diese These ziemlich gut aufrechterhalten. In der DDR waren auf Konsumartikeln keine Brüste zu sehen, dafür wurde im Vergleich zum Westen viel offener und häufiger über Sexualität gesprochen. Im Westen – das ist allgemein bekannt und in der Doku auch gezeigt – herrschte zunächst eine viel größere Prüderie. Die spätere sexuelle Liberalisierung des Westens, die man wie oben beschrieben, als einseitige Liberalisierung verstehen könnte, in der Sexualität in der Befreiung zugleich auch verdrängt wird, lässt sich damit auch als heimliche Fortführung der Prüderie verstehen. Das scheint zunächst kontraintuitiv, denn es gibt im Zuge der Liberalisierung einen fixierten Zwang auf das Sexuelle, eine einzige Zurschaustellung, einen gebannt-infantilen Blick auf das Tabu, koitale Reduktion, gerade weil die sinnhaft-bedeutsamen Seiten nicht befreit sind. In diesem Zwang wird, wie beschrieben, Sexualität aber gerade unterdrückt, obwohl er auf Befreiung abzielt: ein endloser und maßloser Zirkel, genau wie die Kapitalakkumulation. In beiden geht es eigentlich nicht um Lust. Auch die Hippiebewegung und Co. sind teilweise in dieser Form schlechter Unendlichkeit einseitiger Liberalisierung befangen. In der DDR hingegen, in der Frauen gesellschaftlich eine bessere Position hatten als im Westen, wurde viel früher ein prüdes Sexualverständnis abgeschafft und der sozialistische Staat organisierte gesellschaftliche Aufklärung (leider strikt heteronormativ). Unter dieser Voraussetzung konnte viel lockerer, freier, entspannter und gelassener mit Sexualität umgegangen werden, während der Westen zwanghaft auf Sexualität fixiert war, was Ausdruck einer extremen Verklemmtheit war. Kurzum: Die Liberalisierung der Sexualität in der DDR war gegenüber der im Westen nicht einseitig. Sexualität wurde nicht individualistisch verstanden, sondern als gesellschaftliche Angelegenheit, ohne damit den Individuen Intimität zu stehlen. Das ist eine wahre Vergesellschaftung oder Veröffentlichung der Sexualität, während im Westen Sexualität pseudo-veröffentlicht wird, weil sie im Kern als individuell-private Angelegenheit verstanden ist, die dann einfach den Augen eines Publikums feilgeboten wird.

Dokumentation: Liebte der Osten anders?

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