Archiv für Oktober 2013

Reflexionen zu Ästhetik und Metaphysik der Stalinallee

In der ästhetisch-metaphysischen Tiefe der Stalinallee kann man noch heute das ferne Ringen um eine befriedete Menschheit schallen hören. Deshalb ist sie bei aller Verfremdung aufregend und weckt und befähigt das humane Interesse der Interpretation auch über die Distanz ihrer gelegentlich abweisenden Selbstsicherheit hinweg. Anders wäre die Allee so kühl und langweilig wie die sterile Bedeutungslosigkeit vieler zeitgenössischer Großbauten, deren nichtssagende Opulenz ihre metaphysische Leere verdecken soll und deren Glasfassaden notdürftig kaschieren, dass in ihnen kein Fenster zu einer anderen Welt offen steht.

Die Stalinallee. Ein Bauwerk des realen Sozialismus

Pogrome und Alltagsrassismus: Deutsche Normalität

Das gesellschaftliche Klima von Rostock-Lichtenhagen war geprägt von „Das Boot ist voll“-Sprüchen. Und auch jetzt scheinen die alarmistischen Töne einiger Politiker die Waffe zu justieren, die dann andere abdrücken. Und das, obwohl angesichts der tödlichen Abschottung der EU-Außengrenzen und der Drittsaatenregelung kaum noch Flüchtlinge nach Deutschland kommen. Die Zahl der Asylanträge ist dementsprechend seit Jahren auf einem historischen Tiefstand. Von den Asyl-Anträgen, die hier überhaupt noch gestellt werden, werden dann wiederum ca. 84% abgelehnt. Es gibt nun seit einiger Zeit einen leichten Anstieg der Anträge, was angesichts der vielen Krisenherde, besonders Syrien, keine Überraschung ist. Und obwohl Deutschland nach wie vor wenig Flüchtlinge aufnimmt – Schweden nimmt etwa siebenmal so viele Flüchtlinge auf wie Deutschland – hat die Bundesregierung anlässlich der letzten Katastrophe vor Lampedusa schnell erklärt auch trotz der Syrien-Krise nicht mehr Flüchtlinge aufnehmen zu wollen; der deutsche Innenminister Friedrich nennt die steigenden Asylbewerberzahlen „alarmierend“ und sein Kollege Bosbach spricht von „Grenzen der Belastbarkeit“. Damit schaffen sie ein Klima in dem sich viele in ihren rassistischen Ressentiments bestätigt fühlen und zur Tat schreiten: In den vergangenen Monaten gab es an unzähligen Orten öffentlichen und rassistischen Protest gegen Asylbewerberheime (1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8), Berlin-Hellersdorf war da nur die medial prominente Spitze des Eisberges, die den Innenminister vor allem dazu veranlasste, sich um das Ansehen „unseres Vaterlandes“ zu sorgen und sich beim Mob anzubiedern, indem er davon salbaderte, „die Sorgen der Bevölkerung ernst zu nehmen“. Da überrascht es dann auch kaum, dass es allein in der vergangenen Woche Brandanschläge auf mindestens drei verschiedene Asylbewerberheime gab (1, 2, 3)! Ohne dem Irrtum zu verfallen, eine rassistische Grundstimmung sei einzelnen Politikern zurechenbar, so ist es doch zynisch, das gerade die, die mit ihren gewichten Äußerungen viel zu dieser Stimmung beitragen, das Problem dann regelmäßig und gebetsmühlenartig auf „rechtsextreme Rattenfänger“ und „rechte Demagogen“ marginalisieren, wie es Klaus Wowereit und Berlins Innensenator Henkel zu den rassistischen Protesten in Berlin-Hellersdorf taten. Das ist ein unheilvolles Ineinandergreifen von Ignoranz gegenüber den Fakten bei gleichzeitiger Scharfmacherei des Ressentiments einerseits und Verharmlosung des gesellschaftlichen Rassismus andererseits. Daraus, dass der NSU auch aufgrund eines latenten Rassismus so lange unentdeckt bleiben konnte, will man offenbar nichts lernen und macht weiter wie bisher. Diese Abwehr einer echten gesellschaftlichen Aufarbeitung hat in Deutschland Tradition.