Archiv für September 2013

„Sieg für deutsche Politik: TV-Duell weltweit Trend Nummer 1“

In demokratischen Gesellschaften ist die Meinungsfreiheit stets durch das politische Interesse ihrer Bürger bedroht. Nach wie vor hält die fixe Hoffnung, bei der Politik gäbe es Inhalte zu diskutieren, viele unterhaltungsverdrossene Bürger vom Konsum inhaltsfreier Polit-Entertainment-Formate ab. Mit der Verkehrung des Amüsements ins Argument setzen diese Bürger jedoch ihren Mangel politischer Urteilskraft aufs Spiel und gefährden dadurch den Kitt moderner Gesellschaften. Gerade in Wahlkampfzeiten ist das gefährlich. Dank einer beherzten demokratischen Allianz des öffentlich-rechtlichen und des Privatfernsehens konnte mit einem TV-Duell auch in der heißen Wahlkampfphase der Aufklärungsgefahr breitenwirksam entgegengetreten werden. Damit auch im Anschluss des Duells der Wahlkampf von politischen Mündigkeitsphantastereien frei bleiben kann, gab es zudem eine kleine Talk-Nachzerstreuung in Jauchs Tempodrom. Gegen den plump-unterhaltungsfeindlichen Polit-Eskapismus vieler Bürger, gelang es Jauch, das bequeme TV-Publikum aus ihren Scheinwelten sachlicher Auseinandersetzung wieder auf das Kerngeschäft von Politik zu besinnen, nämlich auf Theater, Krieg und Sport. Einige Zitate der Höhepunkte des Abends:

Ein guter Einstieg gelang mit der Frage, ob Merkel und Steinbrück „höflich miteinander umgegangen“ sind. Im Anschluss fragte man sich, „wie authentisch wir sie erlebt haben“, ob sie „natürlich“ und „sie selber“ waren. Es ging um „menschliche Attitüden“. Steinbrück etwa, hat knifflige Situationen „gut aufgelöst“ und „er war sehr witzig“. „Hat Angela Merkel die Teflon-Strategie heute Abend angewandt?“ Im Mittelpunkt stand der „gewisse Stil“ der Diskutanten, ihre minutiöse Performance und das theatralische Geschick, um Charakterstudien also und festzustellen, wie jeder „auf seine Art“ den „Zweikampf“ meisterte.

Für all das sind freilich „Trainingsprogramme“ nötig, um die entsprechende „Leistung“ aufzubringen. Denn nur so kann man „in den Ring steigen“ und „klare Kante“ zeigen. Der Kombattant Steinbrück hat zwar „scharfe Attacken geritten“, hatte in kampfentscheidenden Situationen aber eine „Beißhemmung“. Man stritt, ob sein „verhaltener Angriff die bessere Verteidigung war“, denn in all dem „bunten Reigen“ griff Merkel listig auf „japanische Kampfkunst“ zurück. Jedenfalls war das „Duell“ „wie ein Aufschlag beim Tennis“ und „jetzt beginnen die Returns“: „das Rennen bleibt offen“. Nachdem im „Erwartungsmanagement“ „Kopfnoten“ und „Zeugnis“ vergeben waren, drohte kurz das Diskursniveau zu verflachen. Freilich darf es immer Raum für „lustige Oberflächlichkeiten“ geben und wir wissen, dass es „nicht nur um Inhalte, sondern auch um Äußeres geht“. Aber so weit, dass dem überflüssig kosmetischen Ritual der Sachdiskussion das Feld überlassen wurde, kam es dann zum Glück doch nicht. Jauch: „Wir beenden jetzt die Diskussion, denn die Nahtstelle ist, dass wir uns um das Duell kümmern.“ Recht hat er; und schnell ist der erfahrene Analyst und Ex-Fußballstar Paul Breitner zur Stelle, der weiß, wie man Spieler einordnen muss: War vielleicht Merkels „Verteidigung doch der bessere Angriff“? Man hätte sich noch stundenlang in Erörterungen und Fachsimpeleien ergehen können. Aber letzten Endes stand fest, dass es bei dem spaßigen Spektakel konsequenterweise nur einen Sieger gab: „Raab gewinnt TV-Duell“ (Bild).