Herrschaft sagt: Dein Leib bleibe dir vom Leib!

Die klassenlose Klassengesellschaft ist auch eine geschlechtsneutrale Geschlechterherrschaft. Sie nutzt die Liberalisierung der Sexualität als Scharnier der Heterosexualisierung: Weil die Sinnlichkeit der Sexualität subversiv wäre, bleiben singuläre Körper Geschlechtskörper und Sexualität wird auf Pornographie reduziert. Sexualisierung wird deshalb repressiv, weil sie unter dem Vorzeichen von Heterosexualität steht und die Sexualität der Körper verkürzt: Der Körper mit seinen Säften und Ausdünstungen, seinem Schleim, den Haaren und Pickeln, seinem Schaum und seinem Staub, mit Rissen, Falten und Farben ist ein großes und gefährliches Rätsel. Man sieht eigentlich nichts, wenn man Körper sieht. Man bräuchte einen neuen Blick, um den Körper und seine Lüste und seine Unlüste zu sehen. Stattdessen unterdrückt man das Körperrätsel, indem man Geschlechtskörper in Erscheinung bringt. Sie drängen die Herausforderung des Körpers zurück, indem sie ihn in einem Blickregime seiner inhärenten Zweideutigkeit, seines Schwebens zwischen Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit, berauben. Der vereindeutigende Geschlechtskörper ist so formuliert, dass er per se darauf ausgerichtet ist, einem pornographischen Blick exponiert zu werden. Die Körper werden auf- und auseinander gerissen, um ihnen das sinnliche Flackern und Schillern auf ihrer Oberfläche auszutreiben. Mit der Abneigung gegen den Körper ist daher höchstwahrscheinlich auch eine Abneigung gegen das Oberflächliche verbunden. Der Gang in die Tiefe (des Körpers), die als Wesen vermeint wird, soll die Oberfläche zerstören, die das Rätsel des Körpers stellt. Die Unterdrückung der Körper durch die Geschlechtskörper ist daher zugleich ein Gang von Außen nach Innen. Die Bewegung dieser Herrschaft als ein Stoß ins Innere des Körpers wiederholt sich im heterosexuellen Sex. Das Aufreißen des körperlichen Rätsels zielt auf diejenige Eindeutigkeit, die Biologie und Medizin durch dasselbe Aufreißen in einer Kartographie der Eingeweide verzeichnen. Auf nichts Anderes zielt auch der Geschlechtsakt. Worum es dabei geht wird in der Pornographie am deutlichsten: Nämlich nicht um die Lust der Körper, sondern um eine Mechanik der Dinge. Der Körper wird zu einem skurrilen etwas, das man ineinanderschieben, aufeinanderlegen, dehnen, bespritzen, schlagen, werfen und reißen kann. Man experimentiert mit dem Körperding so, wie die Biologie mit ihren Objekten experimentiert. Der lebende Körper wird zu einem toten Ding. Wenn Geschlechtlichkeit auf Pornographie und diese auf das Experiment hin formuliert ist, so ist es der weibliche Körper auf den dinghaften Leichnam, mit dem der männliche Körper arbeiten kann: Heterosexualität ist Nekrophilie; mehr noch: Männliche Herrschaft meint im Grunde eine Art naturwisenschaftlich-technisches Foltern des Körpers, der schon tot ist.
Wahrscheinlich liegt es auch an der Kategorie der Sexualität überhaupt, dass die Befreiung der Sexualität in den Grenzen der Sexualität immer wieder auf die Beherrschung von Sexualität hinausläuft. Wahrscheinlich kann die Befreiung der Sexualität nur gelingen, wenn Sexualität aufgehoben oder entgrenzt wird. Mit den Verkürzungen des sexuellen Körpers, dem Geschlechtskörper, verbindet sich eine prüde Angst vor dem jemeinigen Körper und seinen Kräften der Subjektdestabilisierung; diese Angst gehorcht einem Verfügbarkeitszwang: Die Verdrängung der Körper mit ihren eigenen Ansprüchen, Bedürfnissen und Begierden ist der Klassengesellschaft und Kapitalherrschaft ebenso eigen, wie der Geschlechterherrschaft.


3 Antworten auf “Herrschaft sagt: Dein Leib bleibe dir vom Leib!”


  1. Gravatar Icon 1 Kapauczek 30. November 2012 um 17:53 Uhr

    Ein beeindruckender Text, der es wunderbar erreicht, dem Dunkelsten einen Blick abzujagen, ohne es bloß anzustarren. Vielen Dank. Nur nebenbei: Man muss sich das nicht antun, doch auf youporn ist zu sehen, wie sich ein kleiner Produktionszweig von „fucking machines“ herausgebildet hat, der, ganz nach Ihrer Analyse, den erschreckenden Kern von Pornographie bildet. Die entsprechende Videos erinnern an QVC-Werbesendúngen für Küchengerät, Staubsauger u.ä.
    Außerdem (vllt zu willkürlich assoziiert): Ich meine, ihrem Gedanken folgend, verschiedene Phänomene ließen sich als Versuch verstehen, dem Körper nicht mit „neuem Blick“, sondern gewaltsam sein Rätsel zu entreißen, das „Flackern und Schillern“ sozusagen zu produzieren, ja beinahe möchte ich sagen wie Ornament: die misogynen Schläge gegen die Frau erzeugen blaue Flecken, Autoaggression Narben.
    Naja, wie gesagt: toller Eintrag.

  2. Gravatar Icon 2 schorsch 03. Dezember 2012 um 23:04 Uhr

    Ich freue mich sehr, dass Ihnen der Text so zugesagt hat, vielen Dank für die Rückmeldung! Die Idee, dass das „Flackern und Schillern“ bei dessen Verlust auf die leblos, grau gewordenen Körper gewaltsam projiziert wird, finde ich sehr treffend. Man müsste dann zwei Tendenzen in der Körperbeherrschung ausmachen. Einmal die, die Sie ja auch beschreiben, der Mechanisierung und Verdinglichung (eben im Sinne eines Zum-Ding-Werdens) des Leibes und parallel dazu der Versuch, diesen Dingleib zu ornamentalisieren. Ich glaube das lässt sich bei bei dem alten Beispiel der Frauenmode gut (und vielleicht etwas simplifiziert) studieren: Es geht nicht um Bewegungsfähigkeit, sondern um eine Staffage, bei der nicht interessiert, ob sie „leibgerecht“ ist. Das wäre also eine Art Musealisierung der toten Dinge, die der Leib sind. – Allerdings zielten ihre Beispiele ja noch auf eine unmittelbarere Leiblichkeit, ich finde sie auch ziemlich treffend. Vielleicht könnte man diese „sekundäre“ museale Ornamentalisierung so deuten, dass sich der tote Leib, die tote Haut, Kleidung etc. (als eine Art zweite Haut) als erste Haut, als ersten Leib, aneignen muss, weil er selbst gegen die Reduktion auf ein Ding nicht mehr ankommt – oder nur noch durch die weitere Verdinglichung des Leibes der Narben, die sich gegen diese Verdinglichung zugleich wehrt. In diesem Sinne gäbe es eine Nähe zwischen (bestimmter) Kleidung und Narbe. – Um das nochmal in dem Gedanken zu formulieren, dass der Körper der Frau zum Leichnam des Mannes wird: Er wird zusätzlich zu einer Mumie des Mannes, der er als Zierde Grabbeigaben anlegt. – Oder, nochmal einen Schritt weiter: Die Frau wird zum Werkstoff für den Mann, in den er wie in eine Steintafel Zeichen hineinritzt (Stichwort: misogyne Schläge).
    Und nochmal einen Schritt weiter: der weibliche Körper wird zu einer Art Leinwand, zur stummen Fläche, auf und gegen die der Mann seine Kunst wirft (Was wiederrum einige Assoziationen zur Pornographie als Ausdruck davon zulässt, etwa zum „cum shot“, der sozusagen als Fazit ans Ende des Films gesetzt wird). Oder am Beispiel der Bildhauerei: der weibliche Leib ist der Steinklotz oder, anders gesagt, die noch rohe, unbearbeitete Materie des Mannes. Der weibliche Körper wird zur Materie des männlichen Körpers. Wenn man diesen Satz so ernst nimmt, dann hieße das: der Mann ist in der Geschlechterhierarchie körperlos und er wird zum Körper, indem er sich den Körper der Frau aneignet („Frau als Materie des Mannes“), die dadurch ihren Körper verliert und auf das Nichts reduziert ist, also sogar noch weniger ist als tot. Durch den Gedanken, dass die Frau zum Leib des Mannes wird, könnte man die Verschränkung und Verdrehung beider Geschlechterkörper nochmal stärker beachten; und vor allem den im Text ja schon angesprochenen Gedanken unterstreichen, dass die Geschlechterkörper bei aller Pseudo-Körperlichkeit eigentlich immer schon körperfeindlich sind, weil ihr Ausgang der Nicht-Körper des Mannes und die Aneignung oder Vernichtung des weiblichen Körpers ist – aber das nur als letzte vage Vermutung.

  1. 1 Die Befreiung der Sexualität in der DDR « Schorsch’s online Journal Pingback am 12. Dezember 2013 um 2:08 Uhr
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