Archiv für November 2012

Herrschaft sagt: Dein Leib bleibe dir vom Leib!

Die klassenlose Klassengesellschaft ist auch eine geschlechtsneutrale Geschlechterherrschaft. Sie nutzt die Liberalisierung der Sexualität als Scharnier der Heterosexualisierung: Weil die Sinnlichkeit der Sexualität subversiv wäre, bleiben singuläre Körper Geschlechtskörper und Sexualität wird auf Pornographie reduziert. Sexualisierung wird deshalb repressiv, weil sie unter dem Vorzeichen von Heterosexualität steht und die Sexualität der Körper verkürzt: Der Körper mit seinen Säften und Ausdünstungen, seinem Schleim, den Haaren und Pickeln, seinem Schaum und seinem Staub, mit Rissen, Falten und Farben ist ein großes und gefährliches Rätsel. Man sieht eigentlich nichts, wenn man Körper sieht. Man bräuchte einen neuen Blick, um den Körper und seine Lüste und seine Unlüste zu sehen. Stattdessen unterdrückt man das Körperrätsel, indem man Geschlechtskörper in Erscheinung bringt. Sie drängen die Herausforderung des Körpers zurück, indem sie ihn in einem Blickregime seiner inhärenten Zweideutigkeit, seines Schwebens zwischen Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit, berauben. Der vereindeutigende Geschlechtskörper ist so formuliert, dass er per se darauf ausgerichtet ist, einem pornographischen Blick exponiert zu werden. Die Körper werden auf- und auseinander gerissen, um ihnen das sinnliche Flackern und Schillern auf ihrer Oberfläche auszutreiben. Mit der Abneigung gegen den Körper ist daher höchstwahrscheinlich auch eine Abneigung gegen das Oberflächliche verbunden. Der Gang in die Tiefe (des Körpers), die als Wesen vermeint wird, soll die Oberfläche zerstören, die das Rätsel des Körpers stellt. Die Unterdrückung der Körper durch die Geschlechtskörper ist daher zugleich ein Gang von Außen nach Innen. Die Bewegung dieser Herrschaft als ein Stoß ins Innere des Körpers wiederholt sich im heterosexuellen Sex. Das Aufreißen des körperlichen Rätsels zielt auf diejenige Eindeutigkeit, die Biologie und Medizin durch dasselbe Aufreißen in einer Kartographie der Eingeweide verzeichnen. Auf nichts Anderes zielt auch der Geschlechtsakt. Worum es dabei geht wird in der Pornographie am deutlichsten: Nämlich nicht um die Lust der Körper, sondern um eine Mechanik der Dinge. Der Körper wird zu einem skurrilen etwas, das man ineinanderschieben, aufeinanderlegen, dehnen, bespritzen, schlagen, werfen und reißen kann. Man experimentiert mit dem Körperding so, wie die Biologie mit ihren Objekten experimentiert. Der lebende Körper wird zu einem toten Ding. Wenn Geschlechtlichkeit auf Pornographie und diese auf das Experiment hin formuliert ist, so ist es der weibliche Körper auf den dinghaften Leichnam, mit dem der männliche Körper arbeiten kann: Heterosexualität ist Nekrophilie; mehr noch: Männliche Herrschaft meint im Grunde eine Art naturwisenschaftlich-technisches Foltern des Körpers, der schon tot ist.
Wahrscheinlich liegt es auch an der Kategorie der Sexualität überhaupt, dass die Befreiung der Sexualität in den Grenzen der Sexualität immer wieder auf die Beherrschung von Sexualität hinausläuft. Wahrscheinlich kann die Befreiung der Sexualität nur gelingen, wenn Sexualität aufgehoben oder entgrenzt wird. Mit den Verkürzungen des sexuellen Körpers, dem Geschlechtskörper, verbindet sich eine prüde Angst vor dem jemeinigen Körper und seinen Kräften der Subjektdestabilisierung; diese Angst gehorcht einem Verfügbarkeitszwang: Die Verdrängung der Körper mit ihren eigenen Ansprüchen, Bedürfnissen und Begierden ist der Klassengesellschaft und Kapitalherrschaft ebenso eigen, wie der Geschlechterherrschaft.

Hegel und Marx gegen linksmoralische Esoterik

A:

Doch ist nicht notwendig, daß diese Gesinnung so zur Verwirklichung fortgehe; sie kann mit ihrem negativen Standpunkt allerdings auch als ein Inneres bleiben, sich den Einrichtungen und Gesetzen fügen und es bei der Ergebung und dem Seufzen oder dem Verachten und Wünschen bewenden lassen. Es ist nicht die Kraft, sondern die Schwäche, welche in unseren Zeiten die Religiosität zu einer polemischen Art von Frömmigkeit gemacht hat, – sie hänge nun mit einem wahren Bedürfnis oder auch bloß mit nicht befriedigter Eitelkeit zusammen. Statt sein Meinen mit der Arbeit des Studiums zu bezwingen und sein Wollen der Zucht zu unterwerfen und es dadurch zum freien Gehorsam zu erheben, ist es das Wohlfeilste, auf die Erkenntnis objektiver Wahrheit Verzicht zu tun, ein Gefühl der Gedrücktheit und damit den Eigendünkel zu bewahren und an der Gottseligkeit bereits alle Erfordernis zu haben, um die Natur der Gesetze und der Staatseinrichtungen zu durchschauen, über sie abzusprechen und, wie sie beschaffen sein sollten und müßten, anzugeben, und zwar, weil solches aus einem frommen Herzen komme, auf eine unfehlbare und unantastbare Weise; denn dadurch, daß Absichten und Behauptungen die Religion zur Grundlage machen, könne man ihnen weder nach ihrer Seichtigkeit noch nach Ihrer Unrechtlichkeit etwas anhaben.

B:

Der Kommunismus ist für uns nicht ein Zustand, der hergestellt werden soll, ein Ideal, wonach die Wirklichkeit sich zu richten haben [wird]. Wir nennen Kommunismus die wirkliche Bewegung, welche den jetzigen Zustand aufhebt. Die Bedingungen dieser Bewegung ergeben sich aus der jetzt bestehenden Voraussetzung. Übrigens setzt die Masse von bloßen Arbeitern – massenhafte, von Kapital oder von irgendeiner bornierten Befriedigung abgeschnittne Arbeiterkraft – und darum auch der nicht mehr temporäre Verlust dieser Arbeit selbst als einer gesicherten Lebensquelle durch die Konkurrenz den Weltmarkt voraus. Das Proletariat kann also nur weltgeschichtlich existieren, wie der Kommunismus, seine Aktion, nur als „weltgeschichtliche“ Existenz überhaupt vorhanden sein kann; weltgeschichtliche Existenz der Individuen; d.h. Existenz der Individuen, die unmittelbar mit der Weltgeschichte verknüpft ist.

„Die wirklich metaphysische Frage hält länger an als die mythologisch-transzendenten Antworten der Herrenkirchen. Sie vergeht mit ihnen nicht, sondern lebt suo genere in den Abenteuern und Dunkelheiten der unverfälschten Immanenz, nämlich gerade an deren objektiv-realen Dunkelheiten.“ (Ernst Bloch)