Archiv für Oktober 2012

Kunst : Politik

Zum Anlass der Verleihung des Nobel- und Friedenspreises an die beiden chinesischen Schriftsteller Mo Yan und Liao Yiwu verkündet „Die Zeit“, dass es „eine Aufgabe von Künstlern und Schriftstellern“ sei, „von einer anderen Gesellschaft zu träumen“. Die Aufgabe von sozialistischer Politik ist es aber, diese andere Gesellschaft zu verwirklichen. Dabei hat sie mit Grenzen zu tun, die im Traum nicht vorkommen. Der wolkig weiße Traum kann den Schmutz der Politik immer angreifen ohne sich selbst schmutzig machen zu müssen. Er sieht vor lauter schmutzigen Schlammmassen nicht, dass aus diesem Schlamm die Ziegel der Zukunft gebrannt werden. Und die schmutzblinden Augen der Wirklichkeit sehen nicht, dass im Traum schon ein Luftschloss errichtet ist. Beide sind blind füreinander.
Politik, wenn es nur geht, ignoriert die Kunst also, oder hofiert sie, wenn sie mit deren weißen Wolken des Traumes den eigenen Schmutz der Wirklichkeit bemänteln kann – oder, wenn sie diese nutzen kann, um den Schmutz der Wirklichkeit der Politik des Feindes bloßzustellen. Dann verleiht die bürgerliche Politik Nobel- und Friedenspreise. Vom Sozialismus kann diese preisversehrte Kunst dann nicht mehr ignoriert, sondern muss – als Sprachrohr der Konterrevolution – unterdrückt werden.
Das Verhältnis von Kunst und Politik ist ohne Maß und ohne feste Ordnung, weil sich beide nicht aufeinander einstellen können. Politik und Kunst haben nichts miteinander zu schaffen. Nur vor dem Hintergrund eines viel größeren Missverständnisses können sie einander verstehen. Und erst im Missverständnis bekommen beide eine Ahnung, dass sie nie einander verstehen werden. An ihrem Zentrum stehen beide an den Endpunkten ihres Unverständnisses an denen sie allerdings auch an ihrem Unverständnis von sich selbst angelangt sind. Kunst und Politik, wenn sie in einem Zirkelgang auf ihr Zentrum gegangen sind, verheddern, verdrehen und verzerren in ihrer Innwendungs- und Wälzungsbewegung alles, was um ihr Zentrum herum liegt. Nur in der Verzerrung von Kunst und Politik zeigt sich also ihr Kern und man sieht, dass das Herz der Kunst in der Politik und das Herz der Politik in der Kunst schlägt.

Zizek: Was tun (mit Lenin)?

Nachtrag zum 3. Oktober von Oscar, Erich, Christoph und Ronald M.

Am 9. November 1989 hat in Deutschland die Konterrevolution gesiegt. Ich weiß nicht, ob das alles noch rational zu erklären ist. Sie sind allesamt verrückt geworden. Sie haben sich mit dem Feind in Unterhandlungen einlassen und ihre Erstgeburt für eine Bettelsuppe verkauft. Sie kamen als Freunde und wurden zur Wurst. Dabei kann doch jeder Deutsche wissen, wie es zur Mauer kam und warum dort geschossen wurde. Aber der Westen hat, und das ist ein so alter Trick, die Moral eingeführt, um über Politik nicht reden zu müssen, weil die Toten der Marktwirtschaft alle rechtens ihr Leben verloren.