Notiz zu Natur und Kultur

In der Natur wird real Unverfügbares erfahren. Über den Umweg solcher Erfahrung kann Kultur ihre obsessive Hybris und damit ihren Herrschaftscharakter verlieren. Indem Kultur sich ein Bewusstsein von Natur einschreibt, werden ihre inneren Festlegungen gelockert. In der Konfrontation mit dem schlechthin Fremden kann der Mensch seiner Selbstentfremdung gewahr werden, weil die Natur ihm die Frage nach sich selbst zurückwirft. Natur ist dabei allerdings kein leerer Resonanzraum. Es gehört zur Kultur, auch zu bestimmen, was Natur ist. Diese Bestimmung nimmt immer metaphysische Konzepte in Anspruch, weil die Unbestimmtheit der Natur dazu führt, dass sie sich einem dezidierten Blick verrätselt. Solche Bestimmungen erweitern Kultur in ihrem Selbstverständnis und sind Ausdruck ihrer Freiheit – allerdings nur dann, wenn sie Natur nicht abschließend feststellen. Denn durch eine solche Festlegung würde die Kultur das Fremde der Natur in das Eigene der kulturellen Bestimmung übersetzen, und der Natur so ihr Irritationspotential entziehen. Der Kampf gegen die Natur ist keine Selbstbehauptung der Kultur, sondern ihre Selbstvernichtung. Natur ist also nicht zweite Kultur, sondern aus einem Selbstinteresse der Kultur ergibt sich ein Interesse an Natur, das darum weiß, dass es sie nicht überformen darf. Natur verliert ihr Potential, wenn sie restlos machbar wird – und Kultur bringt sich um die Aufklärungserfahrung, die sie sich in Naturerfahrung geben kann, wenn sie auf Naturverfügung abzielt. Eine freie Kultur ist die, die eine beständige Befragung von Natur und Kultur ermöglicht, durch die ihre Herrschaftseffekte aufgelöst werden. Sie besteht nicht in einer Versöhnung mit der Natur, in der Natur um ihre Alterität gebracht würde, sondern in einem freien Spiel kultureller Selbstbestimmung, das ohne ein achtendes Interesse an Natur nicht zu leisten ist. Kultur wird nicht aufhören, zweite Natur zu sein, indem sie Natur zur zweiten Kultur macht. Einer freien Kultur dürfte nicht Natur, aber müsste ihre Grenze zu ihr verfügbar sein.