Perfide Poesie – Über Grass’ Gerede

Günter Grass hat ein Gedicht über Israel veröffentlicht. An diesem lässt sich nicht nur der Inhalt, sondern auch die Form des sekundären Antisemitismus studieren, denn es ist typisch. Weil es daher aber auch nicht sonderlich originell ist, sei hier auf eine nähere Analyse verzichtet. Das Gedicht ist interessant, weil es seinen simulierten Tabubruch genussvoll inszeniert und dadurch dessen Funktionsweise ein Stück weit offen legt. Auffällig ist etwa der kritisch verbrämte Stolz auf die eigene Hemmungslosigkeit, die ihren billigen Nervenkitzel zugleich gründlich in einem unausgesprochenen Konsens abgesichert hat. Ein solcher Tabubruch ist daher immer auf eine peinliche Weise selbstbezogen, auch wenn er mit aller Kraft etwas anderes suggeriert. Durch diese Selbstbezogenheit eignet er sich hervorragend, um ein narzisstisches Kollektiv zu adressieren. Indem der Tabubruch allerdings besorgte Selbstlosigkeit vortäuscht, relativiert er die Eigenanteile scheinbar und lässt das angesprochene Kollektiv somit vage genug, damit sich mehr Leute angesprochen fühlen.

Grass’ Sprache hat etwas Schlüpfriges. Das Gesagte sendet subtile Signale aus, die jenseits des Gesagten einen riesigen Kontext von Ungesagtem aufschließen. Auch wenn das Gesagte selbst noch nicht ausdrücklich antisemitisch ist, stellt es bewusst konfuse Assoziationsmöglichkeiten her. Sie sind nicht bloß willkürlich, sondern die Andeutungen spielen auf einen ganz bestimmten Resonanzboden gängiger Meinungen, halbbewusster Ressentiments und gesellschaftlich latenter Bilder an. Jedesmal, wenn diese zugegeben schwer fassbaren Dimensionen kenntlich gemacht und auf ihren Gehalt kritisiert werden, kann sich die Gegenseite durch den Mangel an Explikation herausreden. Diese Sprechweise arbeitet, wie Deniz Yücel einmal treffend zur Causa Gauck beobachtet hat, mit „Kopfkino“ und dem „Prinzip des schmierig-verklemmten dirty talks.“ Eine solche Rede ist daher denkfeindlich und zutiefst autoritär; denn ihr Betriebsgeheimnis lautet: das Argument wird heimlich gegen kollektiv schlummerndes Einverständnis eingetauscht. Der Jargon der Eigentlichkeit tarnt sich als Sprache der Humanität. So funktioniert heute auch der neue Antisemitismus. Er hat nahezu kein Problem damit, alles zu akzeptieren, was sich mühsam gegen den Antisemitismus durchgesetzt hat und schafft es dennoch, einen Weg zu finden, weiter möglich zu bleiben. Man darf nicht unterschätzen, dass sich der Antisemitismus durch nichts beirren lässt. Als man dachte, der Fälschungsbeweis würde den „Protokollen der Weisen von Zion“ endgültig den Garaus machen, hatten sie den bisher furchtbarsten Teil ihrer Karriere noch vor sich. Auch der neue Antisemitismus distanziert sich sogar recht glaubwürdig von den alten antisemitischen Klischees und passt sich selbst dem an, was ihm zunächst widerspricht. Über den Misskredit, in den er gekommen ist, aktualisiert er sich in den fortgeschritteneren Stand des gesellschaftlichen Bewusstseins hinein. Über diese Anpassungsfähigkeit verliert er seinen Kern aber nicht, auch wenn dieser nicht immer klar erkennbar ist. Sowie der Igel zum Hase, sagt der Antisemitismus „Ich bin schon da“ und macht geradewegs weiter.