Gretchenfrage Israel – Über das linke Verfehlen der Israelfreundschaft

Ich bin kein radikaler Pazifist, ich glaube nicht daran, daß man überall auf Gewalt mit Gewaltlosigkeit zu antworten habe, ich kenne die Tragödie von Angesicht.
Martin Buber

Vor 70 Jahren war das jüdische Volk hilflos. Es hatte keine Möglichkeiten, weder politisch, noch militärisch oder diplomatisch, seine Verteidigung zu organisieren, und ein Drittel unseres Volkes wurde vernichtet. Der Unterschied zwischen 1942 und 2012 ist nicht, dass wir keine Feinde mehr haben, sondern dass wir jetzt die Fähigkeit besitzen, uns mit Entschlossenheit zu verteidigen.
Binyamin Netanyahu

Zwei Weisen, mit der „Gretchenfrage“ umzugehen: sozialistische Neutralität und antideutscher Prozionismus

In den linken Diskussionen gibt es verschiedene Antworten auf die „Gretchenfrage Israel“. Ihnen ist zumeist gemeinsam, dass sie den offensichtlichen Grundwiderspruch von Pro-Zionismus einerseits und Antistaatlichkeit andererseits teilen und auf verschiedene Weisen lösen wollen. Folglich spricht man sich also entweder gegen den Pro-Zionismus oder gegen eine radikale Antistaatlichkeit aus. Beides führt regelmäßig zu argumentativen Verrenkungen: die partielle Pro-Staatlichkeit wird mit eigenartigen geschichtsphilosophischen Spekulationen unterfüttert und die Neutralität gegenüber Israel mit einer schwächlichen Aufwärmung der Klassenidee. (Von den Kaspereien des Antizionismus, die manchmal gar nicht mehr zum Lachen sind, wird hier ganz geschwiegen, sie sind einfach zu absurd.) Bei allen Differenzierungen ist die linke, prozionistische Position „antideutsch“ und die linke Neutralität lässt sich grob einem bestimmen und sehr kleinen „sozialistischen oder kommunistischen“ Lager zurechnen. Beide verfehlen jedoch den Kern der „Gretchenfrage“ und sind daher für eine Israelsolidarität vom materialistischen Standpunkt keine Optionen.

Zunächst zum antideutschen Prozionismus: Man könnte von seinen Argumentationsparaden einige vorführen, aber man kennt sie ohnehin schon – jedesmal haben ihre Ergebnisse jedoch einen ziemlich kauzigen Charakter; besonders dann wenn Israel zum Vertreter der Menschheit verdreht wird und unverlangt die Aufgaben der verlorenen revolutionären Klasse zugeschrieben bekommt; regelmäßig verlieren sich diese Manöver in völlig unhaltbarem Theorie-Geschwärme. An ihnen fällt auf, dass sie bisweilen ein recht hohes theoretisches, philosophisches Niveau erreichen – das oftmals schon als Begründung ausreicht, wenn nur die richtigen Gedankenfiguren und -väter genannt werden. Das „Kauzige“ jedoch kommt daher, dass tagesaktuelle, realpolitische Fragestellungen – kurz: Probleme der Wirklichkeit – vorschnell mit philosophischen Fragestellungen und Problemen identifiziert werden. Gegen Philosophie ist nichts einzuwenden – aber Philosophie wird zu einer Ideologie wenn sie sich unmittelbar mit Wirklichkeit verwechselt. Philosophie und Wirklichkeit haben durchaus mehr miteinander zu tun, als die gängigen antiphilosophischen Polemiken meinen – allerdings gibt eine Differenz zwischen der Philosophie eigentümlichen Spekulation und dem nackten Faktum der Wirklichkeit, die eine komplizierte Vermittlung erforderlich macht. Diese wird in antideutschen Positionen oftmals auf groteske Weise übergangen. Kurzum: Das Wagnis der Israelsolidarität meinen sich Antideutsche erst dann erlauben zu können, wenn es mit dem geballten Terminologie- und Begründungsniveau Adornos abgesichert wird. (Der hier manchmal anzutreffende und nur schwer erträgliche Zusammenhang von intellektuellem Bandentum, Jargon, geistiger Lustlosigkeit und einem Desinteresse an Wirklichkeit sei nur erwähnt.)

Nun zur Gegenseite: der Antizionismus ist, wenn nicht antisemitisch, dann doch eine derart – gelinde gesagt – abwegige Position, dass auf ihn hier näher nicht eingegangen werden soll. Bleibt also eine Position, die Israel nicht im Besonderen, jedoch als Staat unter Staaten ablehnt und daher dem Staat im Besonderen neutral gegenübersteht. Sie tut das deshalb, weil sie ungebrochen an dem Ziel der staatenlosen Weltgesellschaft festhält. Diese Position ist meist von antisemitischen Untertönen frei und meint es mit der Emanzipation grundernst. Ihr stellenweise naiver Radikalismus zehrt allerdings von einer geschichtlich überholten Befreiungskraft der Geknechteten. Die Idee von der sie ausgeht, wurde spätestens durch den Nationalsozialismus und Auschwitz grauenvoll bloßgestellt. (Und später haben Einige wohl auch deshalb überlebt, weil sie lieber für einen jüdischen Staat und damit gegen diese Idee kämpften.) Theodor Bergmann hat die Sache in seinem Buch „Der 100-jährige Krieg um Israel“ eigentlich gut auf den Punkt gebracht:

Die alte Neutralität gegenüber dem Zionismus der internationalistischen Arbeiterbewegung ist historisch erledigt, weil wir die ‚jüdische Frage’ leider nicht sozialistisch zu lösen vermochten und weil der Zionismus sein Ziel erreicht hat, dem jüdischen Volk eine Heimat zu schaffen.

Wladimir Zeev Jabotinsky hatte das Versagen des Sozialismus für die Emanzipation der Juden schon vor dem 2. Weltkrieg und vor der massenhaften Judenvernichtung erkannt:

Es gibt keine Zukunft in der Diaspora. Alle Juden werden dort vernichtet werden. Die sogenannten neuen Kräfte, die sich weltweit erheben, werden das jüdische Volk nicht retten. Die einzige sichere Zuflucht ist Eretz Israel, und wenn wir unser Volk retten wollen, müssen sie jetzt auswandern! Wenn wir die Diaspora nicht liquidieren, wird sie uns liquidieren!

Anbetracht der bestürzenden Wahrheit dieser Aussagen fragt sich, warum diese „alte Neutralität“ von der Bergmann spricht, immer noch weit geteilt wird. Warum wird die reale Emanzipation der Juden ignoriert und stattessen immer noch auf eine Emanzipation durch Sozialismus/Kommunismus verpflichtet? Sicher liegt das in vielen Fällen an einem antisemitischen Grundbass linker Positionen, mich interessieren hier aber solche Standpunkte, die es eben mit dem Kommunismus ernst meinen und die völlig frei vom Antisemitismus sind. Mir geht es hier eher um die innere Logik einer kommunistischen Position, die nicht notwendigerweise antisemitisch sein muss; die nicht borniert ist, aber gegenüber dem zionistischen Projekt dennoch neutral bleibt.

Diese anachronistische Neutralität gegenüber Israel liegt wahrscheinlich an einem Streben nach innerer Kohärenz: Weil sie sich mit einem Prozionismus in unauflösbare Widersprüche verstricken würde – schließlich ist sie antikapitalistisch und antistaatlich – bleibt sie trotz Auschwitz bei der alten Neutralität. Das scheint zunächst theoretisch einleuchtend, vielleicht sogar vernünftiger als die skizzierte antideutsche Position.

Andererseits ist es einfach nicht plausibel, wenn die gesamte Vorgeschichte des Staates Israel im Theorie-Raster der Staatskritik anonymisiert wird und so getan wird, als sei die gelungene politische Emanzipation Israels und die misslungene menschliche Emanzipation des sozialistischen Projekts einfach nicht der Rede wert. Darin drückt sich eine schwerwiegende Ignoranz gegenüber der Geschichte des Antisemitismus und eine Ignoranz gegenüber realen Möglichkeiten aus, das Leiden aufzuheben: Was Sozialismus oder Kommunismus nicht vermochten, war Israel eben möglich. Das darf und kann eigentlich auch nicht übergangen werden, wenn man am Ende des menschlichen Leides interessiert ist.

Soweit ein kurze Skizze von antideutschem Prozionismus und sozialistischer Neutralität gegenüber Israel. Trotz ihres Gegensatzes teilen sie sich die zunächst durchaus begrüßenswerte Mühe um theoretische Kohärenz: Jeweils fundieren die Positionen ihr Urteil über Israel durch eine möglichst kohärente theoretische Grundposition.

Falsches Denken: Theorie als Verdrängung

Allerdings hadert dieses beiderseitige Kohärenzstreben mit dem unauflöslichen Widerspruch: Bei aller Bemühung kann es einfach keine Kohärenz zwischen Prozionismus und radikaler Staatskritik geben. Beide Positionen scheitern auf ihre Weise, weil sie dies nicht weit genug einsehen. Die sozialistische Position überspielt das Problem einfach, indem sie der jüdischen Geschichte und Gegenwart mit Ignoranz begegnet. Die antideutsche Seite macht dasselbe, allerdings durch den spiegelverkehrten Versuch, auf Teufel komm raus die Prostaatlichkeit des Prozionismus mit ihrer prinzipiellen Antistaatlichkeit zu vereinbaren. Der daraus bisweilen folgende schwärmerische Theorie-Eskapismus lässt sich als theoretisch verlängerte Verdrängung des Gegensatzes von Prozionismus und Antistaatlichkeit verstehen. Diese antideutsche Position treibt in ihrem Kohärenzzwang immer wieder die Blüte, Israel zum Wohltäter der Menschheit zu stilisieren. Das ist verfehlt, denn für Israel gilt, was für alle anderen Staaten eben auch gilt, wie sollte es auch anders sein. In genau diesem permanenten Gegenhinweis auf das Normalstaatliche verfehlt die andere Seite das Problem aber ebenfalls: Natürlich ist Israel auch irgendwie ein Staat unter Staaten; darum geht es aber doch eigentlich überhaupt nicht. Indem die sozialistische Position aber nur darauf abstellt, dass Israel als Staat gleichermaßen abzulehnen sei, wie alle anderen Staaten auch, überspringt sie die konkrete Frage durch ein abstraktes Verständnis von Kritik. Die innere Logik eines solchen Kritikverständnisses führt dazu, dass theoretische Kohärenz nur durch theoretische Blindheit erkauft werden kann: die Staatsgründung Israels als ein Stück realer Emanzipationsgeschichte, auch als Konsequenz des Scheiterns der großen Emanzipationsprojekte, kann theoretisch nur in den Kategorien alter Kritik gedacht werden und wird dadurch verkannt. (Vielleicht drückt sich darin auch ein Verdrängen des kommunistisch-sozialistischen Versagens aus.)

Während die sozialistische Position dieses schwer fassbare Spezifikum Israels, innerhalb von Herrschaft ein Stückchen Befreiung zu gewähren, also ignoriert und daher aus der Theoriebildung ausschließt, versucht die antideutsche Gegenposition es in die Theoriebildung zu integrieren. Die sozialistische Position ahnt das Ungewöhnliche am Staat Israel: weil es eben ungewöhnlich, theoretisch unhandlich ist, grenzt sie es daher aus der Theorie aus und verfehlt es so letztlich auch. Die zweite Position wertschätzt den Befreiungsversuch, indem sie beansprucht, ihn theoretisch zu reflektieren. Sie schlägt jedoch ebenfalls fehl, weil sie in ihrer theoretischen Überformung eben das Ungewöhnliche an diesem Emanzipationsversuch nicht zu fassen vermag.

Beide Positionen versuchen also die Spannung von Antistaatlichkeit und Prozionismus in einer kohärenten theoretischen Position zurückzunehmen. Obwohl die antideutsche Position stellenweise ein deutlicheres Bewusstsein der Problematik hat, überspringt sie diese durch die vorschnelle Engführung philosophischer Diskurse mit gesellschaftlicher Wirklichkeit, die sich eben auch als eine Form der Verdrängung des Problems deuten lässt. Auch in der Gegenposition wird durch das von Geschichte unbeeindruckte Staatskritikraster abstrakt und unmittelbar auf gesellschaftliche Wirklichkeit angewendet. Ein zumindest möglicher prozionistischer Impuls wird so vorweg in abstrakte Kritik neutralisiert – und das, obwohl Israel gerade einer materialistischen Position sympathisch sein müsste. Denn in der Staatsgründung Israels drückt sich ein Stückchen reale und praktische Freiheit von ehemals ständig Unterdrückten aus. In antideutscher Theorieüberformung verliert dieser Freiheitsakt seine Selbstevidenz und muss den empirischen Individuen wohl erst durch theoretische Filterung gestattet werden.

Materialistische Israelsolidarität und materialistisches Denken

Die ständigen Hinweise auf das Problem einer theoretisch-philosophischen Überformung sollen nicht missverstanden werden: Ohne das Schwergewicht eines spekulativ-theoretischen Überbaus kann selbstverständlich gar nicht gedacht werden. Dennoch zeigt sich an den skizzierten Positionen exemplarisch, wie dieses Gewicht die Dimensionen des Außergedanklichen erdrücken kann. Beide Positionen – insbesondere aber die sozialistische – kranken daran, dass sie das Verstehen von Wirklichkeit damit verwechseln, die Vielzahl ihrer Theoriemuster ungebrochen an der Wirklichkeit zu wiederholen. Die Mühe um Kohärenz der kapital- und staatskritischen Position führt dadurch paradoxerweise selbst zu einer verfahrenen Position dessen latenter Widerspruch zur Wirklichkeit durch den Kohärenzzwang überdeckt wird. Einmal drückt sich dieser Kohärenzzwang in einer als Radikalität missverstandenen abstrakten Überdimensionierung von Kapital- und Staatskritik aus, ein anderes Mal in adornophiler Großspekulation.

Die gleichsam vortheoretische Schlüssigkeit der Gründung und Verteidigung des Staates Israel entzieht sich immer ein Stück weit einer theoretischen Rechtfertigung oder Kritik. Zwischen menschlichem Handeln und seiner Theoretisierung liegt – das ist die conditio sine qua non des Materialismus – eine unzugängliche Differenz. In der Staatsgründung liegt also eine Logik oder Schlüssigkeit von Praxis, nicht von Theorie; eine Dringlichkeit die sich immer explizieren und plausibilisieren lässt, die aber nicht streng beweisbar sein kann. Es gibt in ihrer Plausibilisierung also einen Punkt, an dem man diese Dringlichkeit entweder sieht, oder nicht sieht. So unverständlich einer antideutschen Pro-Israelischen Position die Neutralität oder Zurückhaltung von sozialistischen Positionen daher immer auch bleibt, so unverständlich müsste ihr auch der eigene theoretische Rechtfertigungsaufwand sein: Manchmal hat man den Eindruck, dass sich in den großspurigen Manifesten und Erklärungen antideutscher Theorie-Zirkeln ein Mangel an Selbstverständlichkeit des Prozionismus ausdrückt; also eine ängstliche Rückversicherung beim jeweiligen Theorie-Über-Ich, ob einem der Zuspruch zum Judenstaat gestattet sei.

Obwohl folglich der Zuspruch zu Israel nur begrenzt zur Debatte stehen kann, soll er dem Denken nicht als pure Dezision verschlossen bleiben. Im Denken wird er aber wohl auf eine eigentümliche Weise in der Schwebe bleiben. Etwa dürfte eine kapital- und staatskritische Position vor den Kohärenzproblemen, die sie sich mit einem Zuspruch zu Israel einhandeln würde, nicht sofort zurückschrecken, sondern sie stehen lassen, um sich ihnen genauer zu widmen. Die Theorie müsste sich eine gewisse Ohnmacht eingestehen. Erst auf dieser Grundlage könnte eine gelungene, weil gegenstandsgemäße Rationalisierung einsetzen, die im Klischee radikaler Kritik nur vorgetäuscht wird. Wenn Inkohärenzen bleiben, ist das daher womöglich Ausdruck von theoretischer Reife und Rationalität und eben nicht – wie man zu meinen geneigt ist – von fadenscheinigem Irrationalismus. Denn diese Inkohärenz wiederrum drückt eine Offenheit des Denkens für das Vorgedankliche, für Praxis, für Freiheit, aus. Zwar soll dieses immer rationalisiert und eben bedacht werden. Aber Denken kann nur dann lebendig bleiben, also auf Wirklichkeit bezogen sein, wenn es sich irritieren lässt. Diese Irritationsfähigkeit bedeutet, dass eben auch eine Position, die Staatlichkeit ablehnt, aus einer humanen und freiheitlichen Evidenz der Praxis, der Staatsgründung, diesen Staat bejaht. Dann kann versucht werden diese eigene innere Spannung zu reflektieren. Allzuoft wird aber dieses Spannungsproblem vorgeblich und vorschnell durch einen kohärenzheuchelnden Radikalismus gelöst, der so überspannt ist, dass er letztlich gar nichts mehr meint. Er versinkt ohne Wirklichkeit in sich selbst. Das ist in der überdimensionierten Kapitalismus- und Staatskritik der sozialistischen Neutralität, die sich der Evidenz der Staatsgründung um eigener Kohärenz willen verschließt, ebenso der Fall, wie in der antideutschen Überhöhung von Philosophie zu Wirklichkeit.

Demgegenüber steht ein Denken, das sich seine materialistischen, gleichsam vorgedanklichen Impulse nicht verbietet, an sie aber dennoch einen Rationalisierungsanspruch heranträgt. Nur so kann das Votum der Empirie, ohne das kein Materialismus denkbar ist, ins Denken einfließen, nur so das Denken am menschlichen Leid ausgerichtet werden. Gelingt das nicht, wird Denken wirklichkeitsvergessen und verfällt in Religion. Linke (ob antideutsche oder sozialistische) Stellungsnahmen haben nicht umsonst den Charakter von Hirtenbriefen.


15 Antworten auf “Gretchenfrage Israel – Über das linke Verfehlen der Israelfreundschaft”


  1. Gravatar Icon 1 rhizom 21. Februar 2012 um 7:44 Uhr

    Wow, ich find’s erstaunlich, wie man die Palästinenser_innen aus seinen Überlegungen so ausklammern kann, wie du das tust. Deren Interessen spielen, obwohl es ungesagt um den Konflikt zwischen dem israelischen Staat und den staatenlosen Palästinenser_innen geht, bei dir einfach keine Rolle. Okkupation? Gibt es nicht. Nie gehört! Denn wenn man damit anfinge, müsste man sich erstmal Aufschluss darüber geben, womit man eigentlich solidarisch sein will.

    „Israelsolidarität“, das ist zunächst so nichtssagend, wie Dänemarksolidarität oder Brasiliensolidarität es wäre. Vermutlich verstehst du darunter die Solidarität mit der bedrohten oder, sagen wir besser, in Frage gestellten Existenz Israels als souveränem Staat. Aber was wäre, wenn Israel sich durch seine Siedlungspolitik am Ende selbst am allermeisten bedrohte? Ich meine, wie soll das denn auf Dauer funktionieren, wenn man die palästinensichen Gebiete in das eigene Territorium einschließen, die Bevölkerung, die dort lebt, aber ausschließen will? Sicher, das geht schon mal 50 Jahre gut. Aber für immer?

    Das sind keine Fragen, die man einfach wegwischen kann, indem man den Antizionismus als „absurd“ abtut, ohne sich anzuschauen, was eigentlich sein Problem mit dem Zionismus ist. Es geht ihm darum, welcher Platz in einem sich selbst als jüdisch definierenden Staat für jene Hälfte der Bevölkerung vorgesehen ist, die qua ethnoreligiöser Selbstdefinition vom Staatsvolk ausgeschlossen ist. Antizionismus – das kann Antisemitismus in disguise sein und ist es oft auch. Aber wie gehst du mit jenem Teil der israelischen Linken um, der sich selbst als postzionistisch definiert, weil er keinen Bock hat, in etwas zu leben, das sogar Israels Verteidigungsminister Ehud Barak drohend als die Gefahr eines künftigen „Apartheidsstaats“ im Nahen Osten bezeichnet?

    Kurz gesagt, Israelsolidarität, das kann vernünftigerweise auch bedeuten: gegen die Okkupation zu kämpfen und gegen die Pläne der israelischen Rechten, an einem Großisrael unter Einschluss von „Judäa und Samaria“, d.h. der Westbank (und Gaza), zu arbeiten. Dann aber fällt „Israelsolidarität“ plötzlich mit „Israelkritik“ zusammen. Funny turn, isn‘t it?

  2. Gravatar Icon 2 batman 22. Februar 2012 um 13:30 Uhr

    Rhizom, stell dich doch nicht dumm. Wie kann denn intellektuelle Solidarität ohne Kritik auskommen?
    Außerdem bezeichnet „Palästinenser“ doch eh nur Bewohner der ehemaligen britischen Kolonie, fallen die Israelis ja auch drunter. Funny turn?
    Wie bedroht Israel sich denn durch seine Siedlungspolitik? Indem jüdische Soldaten illegale Siedlungen räumen z.B.? Funny turn?
    Das einzige, was hier irgendwen bedroht, ist die Blut-und-Boden-Ideologie gegen die „Okkupation“.
    Und dass jetzt, wo es den großen imperialistischen, raumfordernden Staat Israel gibt, nur noch ganz wenig Platz für Christen und Muslime auf der ganzen Welt ist, das ist wirklich ein großes Problem. Wo sollen die denn jetzt hin! Kein Platz mehr auf der Welt, seit die Juden da sind!

  3. Gravatar Icon 3 rhizom 22. Februar 2012 um 15:11 Uhr

    Außerdem bezeichnet „Palästinenser“ doch eh nur Bewohner der ehemaligen britischen Kolonie, fallen die Israelis ja auch drunter. Funny turn?

    Jepp, du sagst es! Da die israelische Rechte die Zwei-Staaten-Lösung nicht will und darauf insistiert, die besetzten Gebiete zu schlucken, wird nach dem Ende der Dekolonisierung genau das wieder der Zustand sein: ein Palästina, das vielleicht auch Israel heißt, aber jedenfalls unter Einschluss beider jetzt als getrennte „Völker“ betrachteten palästinensischen Bevölkerungsteile: Juden und Araber. If that’s not dialectics!

    Oder wartest du, wie die israelische Rechte, auf eine neue Gelegenheit zu Massaker und Vertreibung, da ja anderswo „auf der Welt“ für Christen und Muslime noch genügend „Platz“ ist? Totally unfunny turn! Sorry, dass ich mit einer solchen „Volk ohne Raum“-Ideologie, die prospektiv auf Mord und Totschlag gerichtet ist, nicht solidarisch sein kann. Aber schön, dass wir mal geklärt haben, was „Israelsolidarität“ vor dem Hintergrund der Siedlungspolitik eigentlich bedeutet!

  4. Gravatar Icon 4 Pk 22. Februar 2012 um 15:34 Uhr

    „Was Sozialismus oder Kommunismus nicht vermochten, war Israel eben möglich.“ Was denn? Das „Spezifikum Israels, innerhalb von Herrschaft ein Stückchen Befreiung zu gewähren?“ „Ein Stück realer Emanzipationsgeschichte“? Das ist doch nichts als „antideutsche Überhöhung von Philosophie zu Wirklichkeit“. Das Geschwätz von der Einmaligkeit Israels lebt nur von die Wirklichkeit verdrängenden leeren theoretischen Floskeln. Den USA, der Bonner Republik und vielen anderen Staaten ist es letztlich deutlich besser gelungen, ihre jüdischen Bewohner vor antisemitischer Gewalt zu schützen, als Israel. Dass man für Menschen, die von reaktionärer Gewalt bedroht sind oder diese gar bereits erleben, Partei ergreift, ist selbstverständlich. Dass man aber die „Israelsolidarität“ zum apriori des eigenen Denken erklärt, ist da aber noch ein mächtiger Schritt. Mit gleichem Recht könnte man mit Verweis auf den Völkermord durch das zerfallende Osamnische Reich Armenien-solidarisch sein. Der dazu nötige gedankliche Sprung ist nicht viel größer. Oder wie wär’s mit etwas Solidarität für das bolivarische Bolivien, wo sich die Ureinwohner des ganzen amerikanischen Kontinents endlich einen Schutzraum schaffen?

    Das Gegenargument, das ich da kommen sehe ist der Verweis auf die Singularität der Shoah. Dass diese einmalig ist stimmt natürlich, aber dann erkläre mir mal einer, wieso diese „minderen“ Gräuel nicht auch die Konsequenz der Solidarität mit einem Staat nach sich ziehen.

    „Außerdem bezeichnet „Palästinenser“ doch eh nur Bewohner der ehemaligen britischen Kolonie, fallen die Israelis ja auch drunter“ Das ist so dumm, dass es weh tut. Das Wort Palästinenser bezeichnet jene, die nicht in das ethno-religiöse zionistische Raster passen, das Israel definiert.

    „Und dass jetzt, wo es den großen imperialistischen, raumfordernden Staat Israel gibt, nur noch ganz wenig Platz für Christen und Muslime auf der ganzen Welt ist, das ist wirklich ein großes Problem. Wo sollen die denn jetzt hin! Kein Platz mehr auf der Welt, seit die Juden da sind!“ Ja! Die können doch nach Madagaskar!

    „Das einzige, was hier irgendwen bedroht, ist die Blut-und-Boden-Ideologie gegen die „Okkupation“.“ Klar, wer gegen die Besetzung ist schon ein halber Nazi. So viel Dummheit habe ich auch von den antisemitschsten Antizionisten schon lange nicht mehr gehört.

  5. Gravatar Icon 5 schorsch 23. Februar 2012 um 20:44 Uhr

    Erster Teil einer aus Zeitgründen eilig hingeworfenen Antwort:

    Ich bin mir nicht sicher, ob ich die Palästinenser „ausklammere“. Mir scheint es eher, dass ich die Thematisierung des Verhältnisses zu Israel nicht reflexartig mit den Palästinensern verquicke, was ideologischerweise sonst eben passiert, sodass man zu meinen geneigt ist, diese Themen hängen tatsächlich unentwirrbar miteinander zusammen. Ich meine damit natürlich nicht, dass es gar keinen Zusammenhang gäbe. Aber ich sehe tatsächlich nicht ein, an welchem Punkt die obigen Überlegungen zu Israel etwas mit den Palästinensern zu tun hätten. Ich kann auch der Geschwindigkeit, mit der du von Zionismus zu „Okkupation“ und Antizionismus kommst, nicht folgen. Da gibt es einige Zwischenstationen und keineswegs diese schnurgerade Linie, die du zeichnest.

    Zum Punkt „ethnoreligiöser Selbstdefinition“. Also so pauschal wie du das hier hinwirfst, ist es natürlich nicht, aber ich will mich nicht durch irgendwelche Verweise auf Integration etc. pp. billig rausreden, darum geht es hier ja nur zweitrangig, sondern auf das Problem eingehen. Ich finde es erstmal nachvollziehbar, dass eine Gruppe, die durch Antisemiten wesentlich als Gruppe produziert wurde, ihr Dasein irgendwann nicht länger als wehrloses Opfer der Weltgeschichte fristen will, d.h. an einem sicheren Ort interessiert ist, wo sie nicht dem (potentiellen) Zugriff der Antisemiten ausgesetzt sein muss. Folglich ist diese Gruppe an einem jüdischen Staat interessiert. Es gab keinen Staat, in dem Juden nicht in der Minderheit wären, oder dem Selbstverständnis dieses Staates marginalisiert. Aus der historischen Erfahrung die Konsequenz zu ziehen, dass man also einen eigenen Staat braucht, um den Angriffen im Zweifel durch bloße Souveränität begegnen zu können, finde ich verständlich und berechtigt. Hier fangen natürlich die Probleme an. Was bedeutet ein „eigener Staat“, wenn die durch den Antisemitismus homogenisierte Gruppe in sich durchaus heterogen ist? Zudem sollen ja nicht nur die durch den Staat geschützt werden, die aktual durch Antisemitismus bedroht sind, sondern es potentiell sein könnten. Man muss also irgendwie positiv bestimmen, wer Jude ist und also vom Antisemitismus bedroht sein könnte. Hier geht man über die Negatividentität hinaus und schafft sich eine positive. Es wurde ja lange versucht ohne diese Identität auszukommen, man hat sich ins deutschliberale bis -konservative Bürgertum assimiliert, bei den Sozialisten mitgemacht etc. pp. – im Zweifel war man als Jude dennoch der ewige Außenseiter und die Emanzipation, die man sich durch Assimilation erhofft hat vor Auschwitz (und auch dem alltäglichen Antisemitismus) nicht gerettet. Von einem Identitätsmerkmal gerade abzusehen, das man von anderen permanent aufgeprägt bekommt, war im Zweifel tödlich. Dazu gibt es ein schönes Zitat von Amos Oz: „Das Konzept von Zivilisationen, die über ihren Territorien Fahnen flattern lassen, kommt mir archaisch und mörderisch vor. In der Hinsicht haben wir Juden jahrtausendelang vorgeführt, was ich gerne als die nächste Phase der Geschichte sähe: eine Zivilisation ohne territoriale Grenzen, beziehungsweise zweihundert Zivilisationen ohne einen einzigen Nationalstaat. Aber als Jude kann ich mir solche Illusionen nicht mehr leisten. Ich habe zwei Jahrtausende ein Beispiel gegeben, doch niemand folgte.“

    Diese positive Bestimmung ist erforderlich aber eben auch das Problem. Wenn man einfach alle „Palästinenser“, die (womöglich auch mit judenfeindlichen Absichten) nach Israel wollen, aufnimmt, dann wird man einfach möglicherweise wieder als Gruppe nicht die Mehrheit in einem Staat sein, Israel hätte also seinen Sinn verloren. Es hat schon etwas ekelhaftes so über dieses Thema zu reden, weil das sehr an biologistische Mehrheitsideologien erinnert. Aber das Problem ist keins des Zionismus oder Israels, sondern von Staatlichkeit. Ihre Logik wird in Israel – dem Exempel schlechthin – scheinbar künstlich realisiert, die sich bei anderen Nationen gleichsam natürlich vollzogen hat und in deren Falle nur deswegen nicht besonderer Kritik ausgesetzt ist.

    Möglicherweise ist Israel partiell rassistisch (ob das sich tatsächlich so verhält, ist eine andere Diskussion), aber nicht als Israel, sondern als Staat. Natürlich ist Israel aber eben nicht anders als ein Staat zu haben. Ich sehe nicht, warum es in der Vielzahl von Staaten die es gibt nicht einen jüdischen Staat geben soll – alle Probleme die sich daraus auch mit ergeben sind erstmal eigene, hängen nicht mit dieser prinzipiellen Frage zusammen.

    Bei diesen Diskussionen schimmert immer wieder schnell das alte antisemitische Klischee durch, dass die Juden ja ohnehin nur unter sich bleiben wollen würden, formuliert mit einer eigenartigen Ambivalenz zwischen Begehren dieser Gruppe bzw. einem Begehren auf Zugehörigkeit und der damit vermeintlich verbundenen Position und ihrer Verachtung.

    Ansonsten: Ihr schreibt alle von „Israelsolidarität“. Die wird in dem Text aber kein einziges Mal erwähnt. Ich lehne diesen Begriff eigentlich ab. Es ist einfach quatsch, zu meinen man könne mit jemandem oder etwas solidarisch sein, das diese Solidarität schlicht nicht nötig hat. Man kann sich aber durchaus freuen, dass es Israel gibt. Und man kann antizionistisch-antisemitischen Ressentiments oder auch einer unberührten Neutralität entgegentreten – das nur, warum diese Überlegungen dennoch nicht überflüssig sind.
    Weil ich aber diese Solidaritätsidee ablehne, kommt für mich auch die Folgerung nicht infrage: Kritik aus Solidarität. Die – ich belasse es einmal dabei – freudige Bejahung des zionistischen Projekts liegt auch erstmal auf einer anderen Ebene als die konkreten politischen Maßnahmen.

  6. Gravatar Icon 6 bigmouth 23. Februar 2012 um 21:00 Uhr

    “ das alte antisemitische Klischee durch, dass die Juden ja ohnehin nur unter sich bleiben wollen würden,“

    BULLSHIT!

    welches alte klischee soll das bitte sein? belege das! im gegenteil ist es doch die angst vorm vebrorgenen juden, die bestimmend ist für den antisemitismus. warum haben die christen denn die juden ins gehtto verbannt?

  7. Gravatar Icon 7 notwendig 23. Februar 2012 um 22:24 Uhr

    „Man kann sich aber durchaus freuen, dass es Israel gibt.“

    Und warum sollte man das? Man kann sich auch über Weltkriege freuen, wenn man Nationalist ist. Staatsgewalten sind bei gesunden Menschen kein Grund zur Freude, da muss man schon das Stiefellecker-Syndrom haben.

  8. Gravatar Icon 8 schorsch 24. Februar 2012 um 0:43 Uhr

    @ Bigmouth: Ich verstehe deine Aufregung nicht ganz: Die Angst vor dem verborgenen Juden trifft sich doch mit der von mir angesprochenen hervorragend: „Die bleiben unter sich und kochen ihr Süppchen, das wir dann auslöffeln dürfen.“ Der Antisemitismus ist ja durch eine Vielzahl von auch widersprüchlichen Bildern und Ängsten geprägt, deshalb hat man einerseits Angst vor dem verborgenen Juden, den man als Antisemit zugleich aber überall zu erkennen meint und sich damit eben vor einer allgegenwärtigen aber für einen selbst eben unzugänglichen Macht fürchtet.

    @ notwendig: Warum?! Das führe ich doch aus: ein Stück realer Freiheit in der Geschichte von einer Gruppe die aufgehört hat, ewiges Opfer zu sein, weil sie sich nun wehren kann.

  9. Gravatar Icon 9 bigmouth 24. Februar 2012 um 17:37 Uhr

    wie gesagt: belege doch mal, dass das im antisemitismus als klischee jemals ne rolle gespielt hat

  10. Gravatar Icon 10 hobbiemaoist 27. Februar 2012 um 23:35 Uhr

    @bigmouth, wenn du dich mal mit der Geschichte des Antisemitismus auseinandersetzten würdest ist das nicht zu übersehen. Schon Anfang des 19 Jahrhunderts warf man Juden vor einen Staat im Staate bilden zu wollen. Das Leben in religiösen Gemeinschaften die sich aufgrund von antijüdischen Auschreitungen von der Mehrheitsgesellschaft abschotteten wurde als Beispiel für diese Aussage verwendet. Und zu dieser Zeit gab es den modernen Antisemitismus mit seinen rassistischen Zuweisungen nur in den Ansätzen.

  11. Gravatar Icon 11 bigmouth 28. Februar 2012 um 9:57 Uhr

    aber „ein staat im staat“ ist doch eben auch eine bedrohung von innen!

  12. Gravatar Icon 12 Pk 05. März 2012 um 14:56 Uhr

    Naja, was Israelsolidarität angeht, heißt ein ganzer Abschnitt in deinem ursprünglichen Text „Materialistische Israelsolidarität und materialistisches Denken“ (und der Begriff wird noch an zwei weiteren Stellen verwendet). Wenn ich den Text nicht komplett falsch verstanden habe, trittst du für eine solche „materialistische Israelsolidarität“ auch ein. Beim nochmal Durchlesen dieses Abschnitts sind bei mir noch ein paar Unklarheiten aufgekommen:

    „Die gleichsam vortheoretische Schlüssigkeit der Gründung und Verteidigung des Staates Israel entzieht sich immer ein Stück weit einer theoretischen Rechtfertigung oder Kritik. Zwischen menschlichem Handeln und seiner Theoretisierung liegt – das ist die conditio sine qua non des Materialismus – eine unzugängliche Differenz. In der Staatsgründung liegt also eine Logik oder Schlüssigkeit von Praxis, nicht von Theorie; eine Dringlichkeit die sich immer explizieren und plausibilisieren lässt, die aber nicht streng beweisbar sein kann. Es gibt in ihrer Plausibilisierung also einen Punkt, an dem man diese Dringlichkeit entweder sieht, oder nicht sieht. “ Was soll das genau heißen? Reale Geschehnisse sind selbstverständlich immer vortheoretisch. Was ist da an Israel besonders? Wenn man diese Dringlichkeit entweder sieht oder nicht sieht, dann drängt sich doch die Frage auf, warum sie wer sieht oder nicht sieht.

    Mir ist die Wichtigkeit der Frage, ob es jetzt ein antisemitisches Klischee gibt, nach dem die Juden immer nur unter sich bleiben, nicht ganz klar. Welche Diskussionen in dem Absatz, in dem du das erstmals erwähnst, gemeint sind, ist mir auch nicht ganz klar. Gerade Antideutsche verweisen gerne darauf, dass im bösen Deutschland das Abstammungsprinzip, was die Nationalität angeht, gilt, während die liberalen Nationen ein Recht des Bodens haben. In dem Sinne gehört Israel klar zu den „reaktionären Nationen“. Die Einbürgerung in Israel ist fast unmöglich und auch dann nur in Verbindung mit der Konversion zum orthodoxen oder ultra-orthodoxen Judentum. Zudem sind die arabischen Israelis keinesfalls als vollwertige Teile der Nation anerkannt – ideologisch schon gar nicht, aber auch juristisch nicht in jeder Hinsicht. Die Unterscheidung, ob jetzt Israel „als Staat“ oder „als Israel“ rassistisch ist, erschließt sich mir nicht. In dieser Diskussion ist das Argument doch gerade, dass Israel als Staat – und anders ist es, wie du selbst feststellst, nicht zu haben – abgeschafft gehört.

  13. Gravatar Icon 13 NARODNIK 20. März 2012 um 18:10 Uhr

    Der größte Quatsch, den ich seit langem gelesen habe:

    „Möglicherweise ist Israel partiell rassistisch (ob das sich tatsächlich so verhält, ist eine andere Diskussion), aber nicht als Israel, sondern als Staat.“

  14. Gravatar Icon 14 Blöder Arbeiter 15. April 2012 um 13:42 Uhr

    „Möglicherweise ist Israel partiell rassistisch (ob das sich tatsächlich so verhält, ist eine andere Diskussion), aber nicht als Israel, sondern als Staat.“
    „Aber ich sehe tatsächlich nicht ein, an welchem Punkt die obigen Überlegungen zu Israel etwas mit den Palästinensern zu tun hätten.“

    Wow, das ist mal ne echte interlektuelle Verenkung, die du ja den „Antideutschen“ und den „Sozialisten/Kommunisten“ zuschreibst.

    Du erkennst die Möglichkeit, dass es rassistisch sein könnte Straßen zu bauen die nur Israelis jüdischen Glaubens benutzen dürfen. Aber eine Beschreibung der Zustände im Westjordanland würde dir bestimmt als antisemitisch erscheinen.

    Außerdem ist das für dich noch nicht abschließend geklärt, ob Israel patiell rassistisch ist und es ist dir auch scheiß egal,
    weil Israel irgendwie auf der Meta-Ebene ganz toll ist.

    Israel ist ein Staat der der für einen Teil seiner Bürger einen Standard an bürgerlichen Rechtsstaatsnormen geschaffen hat. Was dem Staat den allgemeinen Ruf eingebracht hat „Die einzige Demokratie im Nahen Osten zu sein.

    Abgesehen davon das dieser „Demokratische Staat“ eine Fülle von religiösen und militärischen Gesetzen hat die du in jedem anderen Staat auf heftigste kritisieren würdest, ist in Israel kein einziger Widerspruch aufgehoben, der Linke in anderen Staaten bewegt.
    Alle Widersprüche und Anachronismen die der marxistisch geprägte Materialismus nachweist, sind in Israel am wirken.
    Da lob ich mir „die Antideutschen“, die leugnen das wenigstens radikal oder sie legen marxistische Denkmuster ganz beiseite und gehen den Weg, den schon ein Großteil der „68″ bestritten, sie trennen sich konsequent von allen emanzipatorischen Inhalten.
    Du dagegen bist ganz von deinen Gefühlen geleitet und hast Angst etwas zu durchdenken. Die Palästinenser brauchst du nicht wenn du über Israel redest, obs da rassistisch zu geht ist dir egal und zu guter letzt trennst du Israel und den Staat.
    Das ist echt eine religiöse Meta-Ebene. Israel ist gut, Staat ist böse. Am lustigsten dabei ist das du am Ende genau bei den Antideutschen landest mit dem was du als Aussage triffst, ihre Argumentation aber ablehnst.
    Um alles abzurunden versuchst du das Ganze als materialistisch zu verkaufen.

  15. Gravatar Icon 15 Dead Wall Reveries 24. Mai 2012 um 20:22 Uhr

    „Andererseits ist es einfach nicht plausibel, wenn die gesamte Vorgeschichte des Staates Israel im Theorie-Raster der Staatskritik anonymisiert wird […]“
    „Das ist verfehlt, denn für Israel gilt, was für alle anderen Staaten eben auch gilt, wie sollte es auch anders sein.“

    Die beiden Zitate im selben Text scheinen mir – so ohne Erläuterung ihrer Gegensätzlichkeit – einen Widerspruch auszumachen. Und der ist nicht zufällig: es ist eben keine eindeutig entscheidbare Frage, inwiefern Israel ein (kapitalistischer) Staat ist, der aus dem Klassenkampf nicht herausgehalten werden kann, oder nun doch ein Ausnahmestaat, dem man seine Produktionsweise verzeiht, weil er eben ein jüdischer ist. So sehr die erste Position zur Indifferenz gegenüber dem Antisemitismus neigen muss, so sehr muss die zweite zum Philosemitismus und zur Staatsapologetik tendieren.

    Es sind unterschiedliche theoretische Ebenen: Ökonomiekritik und Ideologiekritik – und darum würde ich meinen, KANN man tatsächlich BEIDE Positionen einnehmen:

    Israel ist politökonomisch als staatliches Instrument des Kapitals nicht weniger angreifbar als andere Staaten und theoretisch damit ebenso einer sozialistischen Überwindung würdig und fähig.
    Es ist aber zugleich als kapitalistischer Staat – und zwar NUR als kapitalistischer und prosperierender Staat! – ein antiideologisches Bollwerk.

    Damit ist man allerdings noch nicht am Ende: Denn als kapitalistischer Staat ist Israels Volkswirtschaft auch ebenso gefährdet wie die seiner ökonomischen ‚Bruderstaaten‘. (Die Umstände, in denen diese Gefährdung besteht, ist leider den meisten jugendlichen Antideutschen ziemlich unbekannt, weil sie sich von der Ökonomie längst vollkommen auf Adorno verlegt haben.) Was nichts anderes bedeutet als dass die Produktionsweise, auf der dieses Bollwerk beruht, es aushöhlt und zum Einsturz zu bringen fähig ist. Der Zionismus ist damit unter den Vorzeichen des Kapitalismus selbst wiederum eine provisorische und nicht kohärente Position.

    Mit dieser Erkenntnis lässt sich womöglich doch wieder eine gewisse Kohärenz gewinnen…

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