Archiv für Februar 2012

Ein schöner und guter Text auf dem Blog Dead Wall Reveries: „Ereignisse des Waldes“.

Gretchenfrage Israel – Über das linke Verfehlen der Israelfreundschaft

Ich bin kein radikaler Pazifist, ich glaube nicht daran, daß man überall auf Gewalt mit Gewaltlosigkeit zu antworten habe, ich kenne die Tragödie von Angesicht.
Martin Buber

Vor 70 Jahren war das jüdische Volk hilflos. Es hatte keine Möglichkeiten, weder politisch, noch militärisch oder diplomatisch, seine Verteidigung zu organisieren, und ein Drittel unseres Volkes wurde vernichtet. Der Unterschied zwischen 1942 und 2012 ist nicht, dass wir keine Feinde mehr haben, sondern dass wir jetzt die Fähigkeit besitzen, uns mit Entschlossenheit zu verteidigen.
Binyamin Netanyahu

Zwei Weisen, mit der „Gretchenfrage“ umzugehen: sozialistische Neutralität und antideutscher Prozionismus

In den linken Diskussionen gibt es verschiedene Antworten auf die „Gretchenfrage Israel“. Ihnen ist zumeist gemeinsam, dass sie den offensichtlichen Grundwiderspruch von Pro-Zionismus einerseits und Antistaatlichkeit andererseits teilen und auf verschiedene Weisen lösen wollen. Folglich spricht man sich also entweder gegen den Pro-Zionismus oder gegen eine radikale Antistaatlichkeit aus. Beides führt regelmäßig zu argumentativen Verrenkungen: die partielle Pro-Staatlichkeit wird mit eigenartigen geschichtsphilosophischen Spekulationen unterfüttert und die Neutralität gegenüber Israel mit einer schwächlichen Aufwärmung der Klassenidee. (Von den Kaspereien des Antizionismus, die manchmal gar nicht mehr zum Lachen sind, wird hier ganz geschwiegen, sie sind einfach zu absurd.) Bei allen Differenzierungen ist die linke, prozionistische Position „antideutsch“ und die linke Neutralität lässt sich grob einem bestimmen und sehr kleinen „sozialistischen oder kommunistischen“ Lager zurechnen. Beide verfehlen jedoch den Kern der „Gretchenfrage“ und sind daher für eine Israelsolidarität vom materialistischen Standpunkt keine Optionen.

Zunächst zum antideutschen Prozionismus: Man könnte von seinen Argumentationsparaden einige vorführen, aber man kennt sie ohnehin schon – jedesmal haben ihre Ergebnisse jedoch einen ziemlich kauzigen Charakter; besonders dann wenn Israel zum Vertreter der Menschheit verdreht wird und unverlangt die Aufgaben der verlorenen revolutionären Klasse zugeschrieben bekommt; regelmäßig verlieren sich diese Manöver in völlig unhaltbarem Theorie-Geschwärme. An ihnen fällt auf, dass sie bisweilen ein recht hohes theoretisches, philosophisches Niveau erreichen – das oftmals schon als Begründung ausreicht, wenn nur die richtigen Gedankenfiguren und -väter genannt werden. Das „Kauzige“ jedoch kommt daher, dass tagesaktuelle, realpolitische Fragestellungen – kurz: Probleme der Wirklichkeit – vorschnell mit philosophischen Fragestellungen und Problemen identifiziert werden. Gegen Philosophie ist nichts einzuwenden – aber Philosophie wird zu einer Ideologie wenn sie sich unmittelbar mit Wirklichkeit verwechselt. Philosophie und Wirklichkeit haben durchaus mehr miteinander zu tun, als die gängigen antiphilosophischen Polemiken meinen – allerdings gibt eine Differenz zwischen der Philosophie eigentümlichen Spekulation und dem nackten Faktum der Wirklichkeit, die eine komplizierte Vermittlung erforderlich macht. Diese wird in antideutschen Positionen oftmals auf groteske Weise übergangen. Kurzum: Das Wagnis der Israelsolidarität meinen sich Antideutsche erst dann erlauben zu können, wenn es mit dem geballten Terminologie- und Begründungsniveau Adornos abgesichert wird. (Der hier manchmal anzutreffende und nur schwer erträgliche Zusammenhang von intellektuellem Bandentum, Jargon, geistiger Lustlosigkeit und einem Desinteresse an Wirklichkeit sei nur erwähnt.)

Nun zur Gegenseite: der Antizionismus ist, wenn nicht antisemitisch, dann doch eine derart – gelinde gesagt – abwegige Position, dass auf ihn hier näher nicht eingegangen werden soll. Bleibt also eine Position, die Israel nicht im Besonderen, jedoch als Staat unter Staaten ablehnt und daher dem Staat im Besonderen neutral gegenübersteht. Sie tut das deshalb, weil sie ungebrochen an dem Ziel der staatenlosen Weltgesellschaft festhält. Diese Position ist meist von antisemitischen Untertönen frei und meint es mit der Emanzipation grundernst. Ihr stellenweise naiver Radikalismus zehrt allerdings von einer geschichtlich überholten Befreiungskraft der Geknechteten. Die Idee von der sie ausgeht, wurde spätestens durch den Nationalsozialismus und Auschwitz grauenvoll bloßgestellt. (Und später haben Einige wohl auch deshalb überlebt, weil sie lieber für einen jüdischen Staat und damit gegen diese Idee kämpften.) Theodor Bergmann hat die Sache in seinem Buch „Der 100-jährige Krieg um Israel“ eigentlich gut auf den Punkt gebracht:

Die alte Neutralität gegenüber dem Zionismus der internationalistischen Arbeiterbewegung ist historisch erledigt, weil wir die ‚jüdische Frage’ leider nicht sozialistisch zu lösen vermochten und weil der Zionismus sein Ziel erreicht hat, dem jüdischen Volk eine Heimat zu schaffen.

Wladimir Zeev Jabotinsky hatte das Versagen des Sozialismus für die Emanzipation der Juden schon vor dem 2. Weltkrieg und vor der massenhaften Judenvernichtung erkannt:

Es gibt keine Zukunft in der Diaspora. Alle Juden werden dort vernichtet werden. Die sogenannten neuen Kräfte, die sich weltweit erheben, werden das jüdische Volk nicht retten. Die einzige sichere Zuflucht ist Eretz Israel, und wenn wir unser Volk retten wollen, müssen sie jetzt auswandern! Wenn wir die Diaspora nicht liquidieren, wird sie uns liquidieren!

Anbetracht der bestürzenden Wahrheit dieser Aussagen fragt sich, warum diese „alte Neutralität“ von der Bergmann spricht, immer noch weit geteilt wird. Warum wird die reale Emanzipation der Juden ignoriert und stattessen immer noch auf eine Emanzipation durch Sozialismus/Kommunismus verpflichtet? Sicher liegt das in vielen Fällen an einem antisemitischen Grundbass linker Positionen, mich interessieren hier aber solche Standpunkte, die es eben mit dem Kommunismus ernst meinen und die völlig frei vom Antisemitismus sind. Mir geht es hier eher um die innere Logik einer kommunistischen Position, die nicht notwendigerweise antisemitisch sein muss; die nicht borniert ist, aber gegenüber dem zionistischen Projekt dennoch neutral bleibt.

Diese anachronistische Neutralität gegenüber Israel liegt wahrscheinlich an einem Streben nach innerer Kohärenz: Weil sie sich mit einem Prozionismus in unauflösbare Widersprüche verstricken würde – schließlich ist sie antikapitalistisch und antistaatlich – bleibt sie trotz Auschwitz bei der alten Neutralität. Das scheint zunächst theoretisch einleuchtend, vielleicht sogar vernünftiger als die skizzierte antideutsche Position.

Andererseits ist es einfach nicht plausibel, wenn die gesamte Vorgeschichte des Staates Israel im Theorie-Raster der Staatskritik anonymisiert wird und so getan wird, als sei die gelungene politische Emanzipation Israels und die misslungene menschliche Emanzipation des sozialistischen Projekts einfach nicht der Rede wert. Darin drückt sich eine schwerwiegende Ignoranz gegenüber der Geschichte des Antisemitismus und eine Ignoranz gegenüber realen Möglichkeiten aus, das Leiden aufzuheben: Was Sozialismus oder Kommunismus nicht vermochten, war Israel eben möglich. Das darf und kann eigentlich auch nicht übergangen werden, wenn man am Ende des menschlichen Leides interessiert ist.

Soweit ein kurze Skizze von antideutschem Prozionismus und sozialistischer Neutralität gegenüber Israel. Trotz ihres Gegensatzes teilen sie sich die zunächst durchaus begrüßenswerte Mühe um theoretische Kohärenz: Jeweils fundieren die Positionen ihr Urteil über Israel durch eine möglichst kohärente theoretische Grundposition.

Falsches Denken: Theorie als Verdrängung

Allerdings hadert dieses beiderseitige Kohärenzstreben mit dem unauflöslichen Widerspruch: Bei aller Bemühung kann es einfach keine Kohärenz zwischen Prozionismus und radikaler Staatskritik geben. Beide Positionen scheitern auf ihre Weise, weil sie dies nicht weit genug einsehen. Die sozialistische Position überspielt das Problem einfach, indem sie der jüdischen Geschichte und Gegenwart mit Ignoranz begegnet. Die antideutsche Seite macht dasselbe, allerdings durch den spiegelverkehrten Versuch, auf Teufel komm raus die Prostaatlichkeit des Prozionismus mit ihrer prinzipiellen Antistaatlichkeit zu vereinbaren. Der daraus bisweilen folgende schwärmerische Theorie-Eskapismus lässt sich als theoretisch verlängerte Verdrängung des Gegensatzes von Prozionismus und Antistaatlichkeit verstehen. Diese antideutsche Position treibt in ihrem Kohärenzzwang immer wieder die Blüte, Israel zum Wohltäter der Menschheit zu stilisieren. Das ist verfehlt, denn für Israel gilt, was für alle anderen Staaten eben auch gilt, wie sollte es auch anders sein. In genau diesem permanenten Gegenhinweis auf das Normalstaatliche verfehlt die andere Seite das Problem aber ebenfalls: Natürlich ist Israel auch irgendwie ein Staat unter Staaten; darum geht es aber doch eigentlich überhaupt nicht. Indem die sozialistische Position aber nur darauf abstellt, dass Israel als Staat gleichermaßen abzulehnen sei, wie alle anderen Staaten auch, überspringt sie die konkrete Frage durch ein abstraktes Verständnis von Kritik. Die innere Logik eines solchen Kritikverständnisses führt dazu, dass theoretische Kohärenz nur durch theoretische Blindheit erkauft werden kann: die Staatsgründung Israels als ein Stück realer Emanzipationsgeschichte, auch als Konsequenz des Scheiterns der großen Emanzipationsprojekte, kann theoretisch nur in den Kategorien alter Kritik gedacht werden und wird dadurch verkannt. (Vielleicht drückt sich darin auch ein Verdrängen des kommunistisch-sozialistischen Versagens aus.)

Während die sozialistische Position dieses schwer fassbare Spezifikum Israels, innerhalb von Herrschaft ein Stückchen Befreiung zu gewähren, also ignoriert und daher aus der Theoriebildung ausschließt, versucht die antideutsche Gegenposition es in die Theoriebildung zu integrieren. Die sozialistische Position ahnt das Ungewöhnliche am Staat Israel: weil es eben ungewöhnlich, theoretisch unhandlich ist, grenzt sie es daher aus der Theorie aus und verfehlt es so letztlich auch. Die zweite Position wertschätzt den Befreiungsversuch, indem sie beansprucht, ihn theoretisch zu reflektieren. Sie schlägt jedoch ebenfalls fehl, weil sie in ihrer theoretischen Überformung eben das Ungewöhnliche an diesem Emanzipationsversuch nicht zu fassen vermag.

Beide Positionen versuchen also die Spannung von Antistaatlichkeit und Prozionismus in einer kohärenten theoretischen Position zurückzunehmen. Obwohl die antideutsche Position stellenweise ein deutlicheres Bewusstsein der Problematik hat, überspringt sie diese durch die vorschnelle Engführung philosophischer Diskurse mit gesellschaftlicher Wirklichkeit, die sich eben auch als eine Form der Verdrängung des Problems deuten lässt. Auch in der Gegenposition wird durch das von Geschichte unbeeindruckte Staatskritikraster abstrakt und unmittelbar auf gesellschaftliche Wirklichkeit angewendet. Ein zumindest möglicher prozionistischer Impuls wird so vorweg in abstrakte Kritik neutralisiert – und das, obwohl Israel gerade einer materialistischen Position sympathisch sein müsste. Denn in der Staatsgründung Israels drückt sich ein Stückchen reale und praktische Freiheit von ehemals ständig Unterdrückten aus. In antideutscher Theorieüberformung verliert dieser Freiheitsakt seine Selbstevidenz und muss den empirischen Individuen wohl erst durch theoretische Filterung gestattet werden.

Materialistische Israelsolidarität und materialistisches Denken

Die ständigen Hinweise auf das Problem einer theoretisch-philosophischen Überformung sollen nicht missverstanden werden: Ohne das Schwergewicht eines spekulativ-theoretischen Überbaus kann selbstverständlich gar nicht gedacht werden. Dennoch zeigt sich an den skizzierten Positionen exemplarisch, wie dieses Gewicht die Dimensionen des Außergedanklichen erdrücken kann. Beide Positionen – insbesondere aber die sozialistische – kranken daran, dass sie das Verstehen von Wirklichkeit damit verwechseln, die Vielzahl ihrer Theoriemuster ungebrochen an der Wirklichkeit zu wiederholen. Die Mühe um Kohärenz der kapital- und staatskritischen Position führt dadurch paradoxerweise selbst zu einer verfahrenen Position dessen latenter Widerspruch zur Wirklichkeit durch den Kohärenzzwang überdeckt wird. Einmal drückt sich dieser Kohärenzzwang in einer als Radikalität missverstandenen abstrakten Überdimensionierung von Kapital- und Staatskritik aus, ein anderes Mal in adornophiler Großspekulation.

Die gleichsam vortheoretische Schlüssigkeit der Gründung und Verteidigung des Staates Israel entzieht sich immer ein Stück weit einer theoretischen Rechtfertigung oder Kritik. Zwischen menschlichem Handeln und seiner Theoretisierung liegt – das ist die conditio sine qua non des Materialismus – eine unzugängliche Differenz. In der Staatsgründung liegt also eine Logik oder Schlüssigkeit von Praxis, nicht von Theorie; eine Dringlichkeit die sich immer explizieren und plausibilisieren lässt, die aber nicht streng beweisbar sein kann. Es gibt in ihrer Plausibilisierung also einen Punkt, an dem man diese Dringlichkeit entweder sieht, oder nicht sieht. So unverständlich einer antideutschen Pro-Israelischen Position die Neutralität oder Zurückhaltung von sozialistischen Positionen daher immer auch bleibt, so unverständlich müsste ihr auch der eigene theoretische Rechtfertigungsaufwand sein: Manchmal hat man den Eindruck, dass sich in den großspurigen Manifesten und Erklärungen antideutscher Theorie-Zirkeln ein Mangel an Selbstverständlichkeit des Prozionismus ausdrückt; also eine ängstliche Rückversicherung beim jeweiligen Theorie-Über-Ich, ob einem der Zuspruch zum Judenstaat gestattet sei.

Obwohl folglich der Zuspruch zu Israel nur begrenzt zur Debatte stehen kann, soll er dem Denken nicht als pure Dezision verschlossen bleiben. Im Denken wird er aber wohl auf eine eigentümliche Weise in der Schwebe bleiben. Etwa dürfte eine kapital- und staatskritische Position vor den Kohärenzproblemen, die sie sich mit einem Zuspruch zu Israel einhandeln würde, nicht sofort zurückschrecken, sondern sie stehen lassen, um sich ihnen genauer zu widmen. Die Theorie müsste sich eine gewisse Ohnmacht eingestehen. Erst auf dieser Grundlage könnte eine gelungene, weil gegenstandsgemäße Rationalisierung einsetzen, die im Klischee radikaler Kritik nur vorgetäuscht wird. Wenn Inkohärenzen bleiben, ist das daher womöglich Ausdruck von theoretischer Reife und Rationalität und eben nicht – wie man zu meinen geneigt ist – von fadenscheinigem Irrationalismus. Denn diese Inkohärenz wiederrum drückt eine Offenheit des Denkens für das Vorgedankliche, für Praxis, für Freiheit, aus. Zwar soll dieses immer rationalisiert und eben bedacht werden. Aber Denken kann nur dann lebendig bleiben, also auf Wirklichkeit bezogen sein, wenn es sich irritieren lässt. Diese Irritationsfähigkeit bedeutet, dass eben auch eine Position, die Staatlichkeit ablehnt, aus einer humanen und freiheitlichen Evidenz der Praxis, der Staatsgründung, diesen Staat bejaht. Dann kann versucht werden diese eigene innere Spannung zu reflektieren. Allzuoft wird aber dieses Spannungsproblem vorgeblich und vorschnell durch einen kohärenzheuchelnden Radikalismus gelöst, der so überspannt ist, dass er letztlich gar nichts mehr meint. Er versinkt ohne Wirklichkeit in sich selbst. Das ist in der überdimensionierten Kapitalismus- und Staatskritik der sozialistischen Neutralität, die sich der Evidenz der Staatsgründung um eigener Kohärenz willen verschließt, ebenso der Fall, wie in der antideutschen Überhöhung von Philosophie zu Wirklichkeit.

Demgegenüber steht ein Denken, das sich seine materialistischen, gleichsam vorgedanklichen Impulse nicht verbietet, an sie aber dennoch einen Rationalisierungsanspruch heranträgt. Nur so kann das Votum der Empirie, ohne das kein Materialismus denkbar ist, ins Denken einfließen, nur so das Denken am menschlichen Leid ausgerichtet werden. Gelingt das nicht, wird Denken wirklichkeitsvergessen und verfällt in Religion. Linke (ob antideutsche oder sozialistische) Stellungsnahmen haben nicht umsonst den Charakter von Hirtenbriefen.