Die Philosophie verrät…

Wie lässt sich einer Selbstverneinung und Todessehnsucht entgegentreten, wenn nicht durch einen lustvollen Zuspruch zum guten Leben? Da es zwischen Leben und Tod kein Drittes gibt, ist das Leben offenbar die beste Antwort auf den Tod. Diese Antwort ist aber gegenwärtig in einen verstellten Schein seiner selbst verkehrt, der die Selbstverneinung vitalistisch wiederholt. Das Leben steht als Antwort auf den Tod also nicht frei.

Wenn also nicht nur der Tod, sondern auch das Leben den Tod meint, scheint die einzige Lösung darin zu bestehen, dass das Leben zum Grenzbegriff wird. Indem man über das Leben gar nicht spricht, verrät man es nicht an seine gegenwärtige Bedeutung, den Tod. Das „bunte Leben“ (ebd.) wird zur negativen Utopie.

Reine Verzweiflung könnte sich aber nicht durch diese Figur einer Stellvertretung des guten Lebens durch eine leere Utopie retten. Daher muss es im Negativen, im umfassenden Tod, der auch das Leben besetzt, das Positive, einen Rest an lebendigem Leben geben: Also den berühmten „Begriff von einer verschiedenen Farbe, deren versprengte Spur im negativen Ganzen nicht fehlt.“ (Adorno)

Bei Adorno gibt es nun die Tendenz diese Spur der anderen Farbe in der farblosen Grenzfigur einer insgeheim theologischen Utopie der Erlösung zu absorbieren. Diese Utopie ist zur Leiche erstarrt, weil der Mensch nicht zu dem Gott werden kann, der diese Erlösung bringen könnte. Der Begriff der Nichtidentität ist in dieser Tendenz insgeheim mit Gott identifiziert. In dieser Tendenz verliert sich das Residuum des Lebens in einer pervertierten Transzendenz, die über Gebühr säkularisiert wurde und sich so einer naiven Jenseitigkeit annähert, die Affinitäten zur Todessehnsucht hat: Das Leben wird dem Versprechen auf Erlösung geopfert. Diese Jenseitigkeit bietet daher ebensowenig einen Ausweg, wie eine naive Diesseitigkeit, die den Tod zum Leben umlügt und darüber die Spuren des lebendigen Lebens verdrängt.

Vielleicht besteht eine Lösung darin, dass Jenseitigkeit und Diesseitigkeit durcheinander gebrochen werden. Diese Möglichkeit löst gegen die theologische Tendenz die hermeneutisch-philosophische Tendenz in Adornos Philosophie ein, in der das Nichtidentische nicht mehr Gott sondern eher das Ding an sich meint. Sie versucht die Spuren des lebendigen Lebens als Transzendenz in der Immanenz, als Jenseitigkeit in der Diesseitigkeit zu entfalten und dadurch der Diesseitigkeit neue Spuren der Jenseitigkeit zu entlocken. Diese philosophische Tendenz verweigert sich der letzten Konsequenz des Materialismus. Sie gibt die radikale Reduktion von Jenseitigkeit auf Diesseitigkeit auf.

Indem eine Jenseitigkeit in Diesseitigkeit gebrochen wird, verändert sich nicht nur die Diesseitigkeit, sondern auch die Jenseitigkeit. Die Jenseitigkeit verliert sich an Diesseitigkeit, weil aber ihre konstitutive Grenze bestehen bleibt, bleibt auch jenseits von dieser Grenze eine Jenseitigkeit, die sich durch ihre Brechung im Diesseitigen verändert hat. Indem das zur Bestimmung gebrachte Bekannte mit der Alterität der Jenseitigkeit konfrontiert wird, erscheint es durch deren Zauber in einem Licht, dass neue Perspektiven eröffnet. Auch diese Perspektiven erstarren bald und erfordern daher eine neue Belebung durch die Transzendenz, die durch ihren Lichtwurf in Immanenz auch verändert ist. In dieser fortwährenden Belebungspraxis wird weder das noch ungelebte Leben an den Tod verraten, noch wird das lebendige Leben dem ungelebten Leben versprochen. Die Immanenz wird nicht von Transzendenz isoliert, aber die Transzendenz behält sich gegenüber der Immanenz Irreduzibilität.

Ich kenne keine bessere Gestalt einer produktiven Verkreuzung von Jenseitigkeit und Diesseitigkeit als die Philosophie.


2 Antworten auf “Die Philosophie verrät…”


  1. Gravatar Icon 1 Thiel S. 09. Dezember 2011 um 8:54 Uhr

    Ich sehe deinen Artikel nicht als Gegensatz zu meiner Äußerung, sondern eher als Gelegenheit meine eigene Position zu (er-)klären. Das platte Gegenteil des Todes wäre ja in der Tat das Un-Tote – doch das Leben ist qualitativ anderes, nicht die bloße körperlich/biologische Existenz, so notwendig diese sein mag, sondern die stetige Überschreitung derselben. Um die von dir (nicht zu Unrecht) gewählte theologisierende Sprechweise aufzugreifen: Gott und das Jenseits ist in allen menschlichen Aktivitäten als sinnstiftender Horizont anwesend (nur eben „Horizont“, gerade weil ein erreichen unmöglich ist). Nur in diesem Widerspruch lebt das Leben im emphatischen Sinn.

    Diesen (Sartreanischen) Aspekt meiner Überlegungen hätte ich vllt deutlicher kenntlich machen sollen. Die Parallele zu deiner ja dezidiert an Adorno angelehnten Perspektive finde ich sehr spannend. Das wollen ja leider viele „orthodoxe“ Adorno-Rezipienten nicht sehen.
    Ich bin auch überzeugt, dass die Philosophie nicht nur die einzige Wissenschaft ist, in der sich derart das Übersinnliche rational begreifen lässt. Oder vllt sogar eine Lebensform, die paradigmatisch der Realisierung der Idee des Nicht-Identischen dient.

    Das Nicht-Identische im Sinne eines Dings-an-sich findet bei Sartre ja auch seinen Platz in seiner von Heidegger entwendeten Idee einer unabschließbaren Unverfügbarkeit des Seins (die wiederum konstitutiv für die Freiheit ist). Heidegger konnte wohl nur der Versuchung nicht widerstehen, Sein und Da-Sein letztendlich im Tod doch ver-fügen zu wollen.

  2. Gravatar Icon 2 schorsch 09. Dezember 2011 um 21:42 Uhr

    Eine interessante Antwort! Ich hatte meinen Beitrag auch nicht dezidiert als Gegenposition verstanden, sondern eher als Versuch dieses Problem näher zu beschreiben. Wir scheinen da sehr ähnliche Intentionen zu haben!

    Lustig, dass du den Begriff der Lebensform verwendest; ich finde, dass genau die Philosophie eine Lebensform stiften kann, in der das Verhalten zum philosophischen Gegenstand ein Modell für das Verhalten zum Anderen sein kann. Das aber auch weiterzuverfolgen wäre sicherlich interessant. Deine Andeutungen zu Heidegger finde ich sehr spannend. Interessant, wie sich in deinem Kommentar der Bogen von Heidegger und Sartre nachvollziehen lässt, ich selber kenne beide zu wenig um dazu produktiv etwas beizutragen.

    FÜr mich ist es sehr spannend, wie das ganze bei Sartre gedacht ist, den ich gar nicht kenne; ich selber finde tatsächlich, dass das Konzept bei Adorno ein anderes ist als bei Sartre. Nur würde ich ihn in diese Richtung nicht stark machen, sondern anders interpretieren, was natürlich nur funktioniert, weil entsprechende Tendenzen bei ihm dazu sehr bereitliegen. Ich merke schon, dass ich mir mal Sartre ansehen muss. Deine Anmerkung, dass das Leben immer mehr ist als biologische Faktizität (und deswegen m.E. adäquat nicht naturwissenschaftlich, sondern nur philosophisch eingeholt – wenn überhaupt – werden kann), weil der Mensch im Horizont der Transzendenz steht, teile ich absolut. Ich finde dann, dass es eben an der Philosophie liegt, die Bedeutung dieses Horizontes für das Leben zu konkretisieren (natürlich ist das nur eine Weise der Konkretion), also die Brechung der Natur durch Transzendenz im Verschränkungspunkt der philosophischen Sache zu entfalten. Z.Z. kann ich mir keine a-philosophische Lebensform vorstellen, in der das ähnlich gelingen könnte, ich würde ungefähr die Richtung verstehen, dass sich das Philosophische ausweiten kann in andere Bereiche und Philosophie zugleich eine Denkform ist, die gesättigt ist mit Sinnlichkeit, „unbeschnittenen Erfahrungen“ etc., also nicht bloß Denken ist, zugleich die (a-philosophisch erscheinende) Sinnlichkeit in Alltagssituationen immer auch Denken ist.

    (Grad nicht so gut auf den Punkt gebracht, weil um mich herum ein wildes Stimmengewirr herrscht.)

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