Zeit und Gefühl

Das Schwere ist, daß der Mensch Gefühle nicht nur hat, sondern auch weiß, daß es Gefühle sind, und daß er diese Gefühle in ein Verhältnis setzt zur Vergangenheit, zu gewissen Dingen, die irgendwann vorgefallen sind. Sie sind ein Teil des Tages, aber doch lebensfähiger als ein Moment, weniger gebunden an die Zeit der Uhren. Man empfindet auch, wenn man an etwas denkt, das Jahre zurückliegt.

Aus: Arno Geiger, „Anna nicht vergessen“ (12 Kurzgeschichten)

Man möchte sagen: Nein, das Schwere ist, dass es sich eigentlich genau umgekehrt verhält. Der Mensch mag Gefühle haben, aber selten ist es so, dass er weiß, dass es Gefühle sind, seltener noch, was es für Gefühle sind. Er schafft es nicht, die Gefühle in einen Zusammenhang mit dem Denken zu setzen und ist ihnen so sehr ausgeliefert, dass er sie schon nicht mehr hat. Noch schwerer ist es, diese Gefühle in einen Zusammenhang mit Konkretem zu setzen – das gelingt kaum, um wenn es gelingt, dann weiß man nicht, woran es gelegen hat. Grade deswegen herrscht ein Kultus um das Gefühl überhaupt: weil es meistens bar jeder Bestimmtheit und Konkretion ist, wird es als Fetisch beschworen, damit es seine Geheimnisse offenbart. Darin wird aber nur die Herrschaft der Abstraktheit des Gefühls bestätigt und es wird daher tatsächlich so irrational, wie es dem Gefühl ideologisch nachgesagt wird. Das bedeutet auch, dass das Gefühl, ist es einmal nicht so leer und abstrakt, viel weniger lebensfähig ist, als ein Moment, denn es ist für die Erfahrung meist fast zufällig und singulär, eben nur gebunden an ganz spezifische Konstellationen und Situationen. Nachträglich kann sich aus der Vergangenheit einst leere Zeit plötzlich als aufgeladene Situation anmelden und gestern Erfülltes wirkt heute blass.
Man hat nicht Gefühle entlang einer Zeitlinie, die sich zu ihr analog als eigenständige Linearität vollziehen und als diese Linearität (oder auch als Situatives) stets bleibend wären. Vielmehr wird in der einzelnen, kleinen Situation, in der Monade, gefühlt und gelebt, weil die Menschen selber Monaden sind; und so fungibel wie die Menschen, ist auch das Auftauchen dieser Gefühlsmonaden für sie schicksalhaft. Gefühle können also nicht willkürlich aus der Erinnerung geholt werden, wie es Geiger wohl will.
Offenbar entspricht der leeren und homogenen Zeit eine amorphe Abstraktheit der Gefühlswelt, der erfüllten Zeit das bestimmte Gefühl, das überhaupt erst ein wahres Gefühl ist – nämlich nicht mehr bloßes Abstraktum, gleichsam Nichts, sondern das, was sich Allgemeinbegriffen entzieht, weil es mit der Einzigkeit des fühlenden Menschen zusammenschmilzt und sich darin erst wirklich dem Mensch und seinem Denken öffnet.