Mit „Marx“ hinter Marx zurückfallen // Vorbemerkungen zur linken Diskurspraxis // negative Anthropologie

Die/der BlogerIn „Umwerfend“ postet ein Marx-Zitat, an dem angeblich deutlich werden soll, dass sich die Logik des Kapitalismus aus der subjektiven Zwecksetzung der KapitalistInnen, aus Geld mehr Geld zu machen, verstehen ließe. Natürlich wird dieses Marx-Zitat als Beweismittel gegen eine bestimmte Fraktion der Linken benutzt.

Linke Diskurspraxis

Mir ist dieser Hintergrundstreit reichlich egal, ich möchte mit ihm dezidiert nichts zu tun haben. Die Linke krankt nämlich prinzipiell daran, dass sich der Streit um eine Sache stets langsam aber sicher in Identitätskonflikte transformiert. Darin wird eine legitime und sachgemäße Setzung eines Erkenntnisinteresses zu sehr zu einer Claimbeschränkung der theoretischen Bewegungsgrundlage. Anstatt das Denken in den Bahnen um das Gravitationszentrum des Gegenstandes herum zu bewegen, wird Identität zum Zentrum der theoretischen Anstrengung und die Gegenstände verkrampfen zur dezentralen Akzidenz. Das schlägt sich dann auch auf kurz oder lang im Denken nieder. Im vorliegenden Fall werden dann offensichtliche Ambivalenzen oder sehr weitreichende Probleme im „Kapital“ entweder auf mögliche Identitätsbausteine reduziert oder gar nicht mehr gesehen.
Das Folgende ist also eine Bemühung um redliche Lektüre, wer’s gerne dramatisch mag: Sorge um Wahrheit – also Subversion in einem Diskussionsumfeld, in dem diese Sorge längst durch eine andere ersetzt wurde (um Identität, Anerkennung usw.), die sich mit der gesellschaftliche Tendenz kompatibel gemacht hat. Das Phänomenspektrum dieser Kompatibilität reicht weit, Bildungschauvinismen sind in ihr ebenso enthalten wie Antiintellektualismus. Jeweils hat sich die Linke jedoch aus eigener Kraft zu einer bloßen Variation dessen gemacht, was das Bestehende so fortbestehend lässt, wie es ist und sichert damit den affirmativen Variationsreichtum. Der Gedanke, der sich innerlinken Tendenzen, die gesellschaftliche sind, verweigert oder sie wenigstens reflektiert, zeigt sich daher an der Fähigkeit zur Sachlichkeit. Es sollte daher um Denkoffenheit innerhalb einer reflektierten Insistenz auf ein gutes Leben gehen. Nun zur Sache selbst.

Mit „Marx“ hinter Marx zurück

Die von „umwerfend“ zitierte Stelle im Kapital ist meines Erachtens ziemlich wichtig für eine Kapitalismuskritik, die den Kapitalismus als spezifische Metastruktur des Handelns deutet. Natürlich funktioniert der Kapitalismus nicht apersonal. Das Marx-Zitat deutet durchaus eine Dialektik von Struktur und Akteur an (verbietet also einseitige Auflösungsvorschläge), leider ohne sie zu vertiefen. Auch im vorliegenden Beitrag wird die Vertiefung nicht geleistet, nur angedeutet. Es ist jedoch symptomatisch, dass ein Gespür für diese Tiefenmöglichkeiten der Rezeption von „umwerfend“ (stellvertretend für viele andere) fehlt und der marxsche Text als Hilfe für eine oberflächliche Alibilektüre benutzt wird. Klar ist jedoch, dass der Text keinen Anlass bietet, Marx zu einem akteurstheoretischen Soziologen zu degradieren. Das soll nun gezeigt werden:

Die Zirkulation des Geldes als Kapital ist dagegen Selbstzweck, denn die Verwertung des Werts existiert nur innerhalb dieser stets erneuerten Bewegung. Die Bewegung des Kapitals ist daher maßlos. (MEW 23, 168)

Hier geht es Marx offenbar um die Eigenlogik des Kapitals. In den vorhergehenden Abschnitten beschreibt Marx ja die Logik des Tausches, also worauf es bei einem Tauschakt je ankommt und welche Rolle das Geld in ihm spielt. Ausgehend davon kommt er jetzt auf das Geld als Kapital zu sprechen und stellt fest, das hier der Logik der Sache nach nicht für einen Gebrauchswert getauscht wird, sondern sich Geld als Kapital, also Geld in der Weise des „kapitalseins“, nur denken lässt, wenn die Bewegung des Geldes sich selbst zum Zweck hat. Das bedeutet, dass kein Gebrauchswert dieser Bewegung einen nächsthöheren Zweck setzt, in der die Geldbewegung dann je ein Ende findet. Weil dieser Gebrauchswert als Grenzsetzung der Geldbewegung wegfällt, gibt es kein Moment mehr, durch das der Geldbewegung etwas Verschiedenes als Schranke gegeben werden könnte. Ein Maßstab ist von dem, was an ihm gemessen werden soll, immer verschieden. Dieses Verschiedene fehlt nun in der reinen Geldbewegung, es gibt daher kein Maß mehr, die Geldbewegung wird maßlos und ist erst als solche Kapital. Die radikale Maßlosigkeit ist daher dem Kapital selbst eingeschrieben, die ihm inhärente Bedingung der Existenz von Geld als Kapital. Solche radikale Maßlosigkeit kann durch menschliche Akteure jedoch niemals vollständig erreicht werden. Die menschliche Person kommt daher nur als Stellvertreter einer von ihr unabhängigen Bewegung in Frage.
Erst im nächsten Schritt kommt Marx auf die Akteure zu sprechen. Bereits die Einführung dieser Akteure, die einst Geldbesitzer, nun in dieser Geldbewegung als Kapitalisten bezeichnet werden, sollte stutzig machen:

Als bewußter Träger dieser Bewegung wird der Geldbesitzer Kapitalist. (MEW 23, ebd.)

Die vorher erläuterte selbstreferentielle Bewegung des Geldes braucht also einen „Träger“, auf dessen Rücken sie sich gemäß der spezifisch maßlosen Struktur austragen kann (an dieser Stelle sei an die Dialektik von Akteur und Struktur verwiesen). Nun ist der Kapitalist „bewußter Träger dieser Bewegung“. All die folgenden Schilderungen über den „absolute[n] Bereicherungstrieb, diese leidenschaftliche Jagd auf den Wert“ (169), die von „umwerfend“ als Beschreibung der primären Zwecksetzung als Basis der Kapitalakkumulation missverstanden werden, sind nur die ins Subjekt transformierte und bewußte Gestalt der Bewegung des Geldes als Kapital, eher sekundär als primär. Der Geldbesitzer wird tatsächlich Stellvertreter für das Geld als Kapital – und darin ist ein Wesenszug der marxschen Kritik, die Menschen werden zu Anhängseln ihres eigenen, jedoch verselbstständigten und entfremdeten Tuns, mitgedacht.
Wäre es anders gemeint, dann stünde Marx Theorie auf erbärmlich wackeligen Füßen (und all jene hätten Recht, die in der individuellen Selbstbeschränkung, im Gewinnverzicht, einen graduell besseren Kapitalismus vermeinen). Marx’ Charakterisierung – wenn sie als eine vorrangig des Kapitalisten verstanden wird – wäre erstens schlicht nicht zutreffend. Die meisten KapitalistInnen sind sich doch im Klaren darüber, dass „Geld an sich“ nicht glücklich macht. Ihnen schwebt – vielleicht ein fernes – aber dennoch ein Ziel im Reich der Gebrauchswerte vor Augen und damit ist ihre Bewegung eben nicht maßlos, sondern kennt ein Maß, das zu ihrer geschäftstüchtigen Bewegung hinzutritt. Marx Kapitalismustheorie bräuchte zweitens daher stets pathologische Individuen, die den Blick für die Gebrauchswerte verloren haben und tatsächlich so bescheuert sind, ihr wirtschaftliches Engagement aus einem unergründlichen Fetisch für Reichtum als Selbstzweck zu begründen. Man merkt, wie schnell man hier bei einer Kritik ist, die den Kapitalismus personifiziert. Dies ist kein moralischer Fehlschlag der Analyse. Wenn sie tatsächlich davon ausgeht, die subjektive Zwecksetzung sei ursächlich für die Geldbewegung, dann bleibt schlicht nichts anderes übrig, als die Grenzenlosigkeit der Akkumulation, die Bestimmung des Kapitals als maßlos, aus der grenzenlosen Gier von Menschen abzuleiten. Zudem kann diese Kritik im übrigen ganz einfach zerstört werden, indem gezeigt wird, dass es keine Menschen gibt, die in ihrem Tun tatsächlich zu radikaler Maßlosigkeit fähig sind. Ich denke, dass dieser Hinweis zutreffend ist und die paar Menschen, die es geben mag, denen es wirklich um abstrakten Reichtum geht – ich bin mir da nichtmal sicher, ob das real, konkret, möglich ist – fallen gesellschaftlich nicht ins Gewicht (die falsche Analyse kann sich hier nur behaupten, indem sie eben zum (antisemitischen) Wahn wird und die Bedeutung dieser Menschen völlig überhöht oder die Existenz dieser Menschen überhaupt halluziniert).

Negative Anthropologie

An dieser Stelle eine Bemerkung: wahrscheinlich ist die Maßlosigkeit, die konstitutiv für das Kapital ist, durch keinen einzigen Mensch vollständig zu leisten. Diese Maßlosigkeit des Kapitals bedeutete, dass der Mensch als Mensch wesentlich aufhört zu existieren, indem er eben all das an sich abstreift, was als seine nichtabstrakte Leiblichkeit zur Abstraktion des Geldes als Kapital nunmal von außen hinzutritt. In diesem Hinzutretenden des Menschen liegt genau die Funktion des Maßes, die der Gebrauchswert dem Geld als Tauschmittel gibt. Darin liegt die Grenze der Kapitalakkumulation, die sie gewaltsam ausdehnt. Das Kapital in Aktion.Jedoch braucht die Maßlosigkeit des Kapitals auch diese hinzutretenden Träger, die jedoch leider mit der Unfähigkeit zur radikalen Maßlosigkeit ausgestattet sind (hier stellt sich ein interessantes Verhältnis von Identität und Nichtidentität auf: das Kapital braucht sein Anderes, die Dialektik der Aufklärung, die sich immer in der Spannung von Immanenz und Transzendenz bewegt lässt sich daher als Bewegung zum Kapitalverhältnis hin denken). Der Mensch befindet sich daher in ständiger Anpassung an die Anforderungen der Maßlosigkeit des Kapitals, kann diesen jedoch nie vollends gerecht werden, was einmal den Fortbestand der menschlichen Trägerschaft und damit des Kapitals selbst erlaubt, zum anderen aber auch eine ständige Ersetzung der nur begrenzt kapitalkompatiblen Träger erfordert – eine Gratwanderung. Wenn Marx noch in den „ökonomisch-philosophischen Manuskripten“ davon schreibt, dass das Tierische das Menschliche und das Menschliche das Tierische wird (vgl. ebd., Die entfremdete Arbeit, 515), dann klingt dieser Topos hier, in der Kapitalwerdung des Menschen (Annäherung des Menschen ans Maßlose des Kapitals) und Menschwerdung des Kapitals (Bedarf der Trägerschaft, des Menschen als Kapitalbedingung), deutlich nach.Im Kapitalverhältnis reflektiert sich die Menschheitsgeschichte in nuce, monadisch blitzt die Geschichte in ihm auf und schreit nach Aufhebung. Die Kunst/Kulturindustrie macht all dies halb-bewußt, sie ist der Tigersprung in der Arena der Herrschenden (siehe Benjamin), hier am Beispiel der Beatles. Zu Fragen wäre hier, ob nicht auch im „Kapital“ noch Reste einer (negativen) Anthropologie nachschwingen. Das ist m.M. sicherlich der Fall – und auch nicht problematisch, sondern Ermöglichung der Kritik – , denn die Kritik des „Kapitals“ ist nur denkbar vor dem Hintergrund des kategorischen Imperativs, „alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen“, also bloß ein erbärmliches Wesen, jedoch kein Mensch im emphatischen Sinne mehr ist (MEW 1, 385). Die utopische und im Gegebenen nur negative Idee, wie der Mensch sein sollte, ist hier deutlich präsent.
Freilich ist der Kapitalismus keine akteurslose Struktur, ohne Anfang und ohne Ende, sie ist natürlich von Menschen gemacht und sicherlich auch, indem sie sich Zwecke gesetzt haben. Marx beschreibt in der zitierten Textstelle jedoch die Geltung des Kapitalismus, nachrangig seine Genesis. In dem zitierten Text widmet sich Marx der faktischen Funktionsweise des Kapitalismus. Die Frage nach den Akteuren taucht hier auf, indem analysiert wird, welche Rolle sie in einer je schon geltenden sozialen Grundstruktur spielen: Marx erkennt sie als bloße Träger, nicht Stifter. Die Frage, welche Rolle die Akteure in der Genesis gespielt haben (die Frage, worauf die Rede von den individuellen Zwecken als Entstehungsbedingung des Kapitals hinaus will), wird auf einer ganz anderen Ebene zu beantworten sein und spielt hier erstmal keine Rolle – und womöglich läuft die Überbetonung ihrer Aktivität auf eine Verharmlosung eines Zustandes hinaus, in der die Menschen nur noch Getriebene ihrer selbst sind.


10 Antworten auf “Mit „Marx“ hinter Marx zurückfallen // Vorbemerkungen zur linken Diskurspraxis // negative Anthropologie”


  1. Gravatar Icon 1 umwerfend, was sonst? 15. Februar 2011 um 0:35 Uhr

    nein, es geht mir nicht um die genesis. aber nimm’s doch so einfach: die österreichische erbin fiona swarovski könnte einfach milliarden verprassen. macht sie nicht. na denn. zwingt sie jemand dazu, kapitalistin zu sein? nein. ich muss eben, sollte ich kapitalistin werden wollen, kapitalistin sein wollen.

    und nein, ich denke nicht, dass die welt ohne fiona besser ist. und selbstverständlich kann man nicht auf gewinn verzichten, wenn man mit im „spiel“ ist, denn es sind ja noch viele andere mit im „spiel“.
    das zitat mit dem subjektiven zweck haste übrigens weggelassen. ich hab nichts weggelassen und wie du auf die idee kommst, allerlei zu wissen über meine deutung des zitierten, würde mich auch interessieren – so viel steht in den wenigen kommentaren dann ja auch nicht drin.

  2. Gravatar Icon 2 schorsch 15. Februar 2011 um 1:46 Uhr

    Wegen später Stunde nur kurz: die Zwecke werden ja in einer immer schon konstituierten ökonomischen Struktur verfolgt, die Erbin ist für die Abstraktionsebene der marxschen Kritik einfach nicht interessant. Was sie subjektiv meint, denkt und fühlt, warum sie ihr Geld Geld sein lässt ist erstmal egal – es sei denn, man vertritt einen moralischen Standpunkt. Ansonsten steht, was mir noch als Entgegnung noch einfiele, im Text.

    Stimmt, die Stelle mit dem subjektiven Zweck ist etwas unterbetont, sachlich aber implizit angesprochen. Ich denke du meinst diese Stelle mit dem subjektiven Zweck (oder?):

    „Der ob jek ti ve In halt jener Zir ku la­ti on – die Ver wer tung des Werts – ist sein sub jek ti ver Zweck, und nur so weit wach sen de An eig nung des abs trak ten Reich tums das al lein trei ben de Motiv
    sei ner Ope ra tio nen, funk tio niert er als Ka pi ta list oder per so ni fi zier tes, mit Wil len und Be wußt sein be gab tes Ka pi tal.“

    Das meint doch genau, was ich im Text angesprochen habe: subjektiv kann der Zweck nur werden, weil es ihn als objektiven schon gibt; nicht bildet sich der objektive aus der großen Zahl der subjektiven Zwecke. Oder: „All die folgenden Schilderungen [also auch die Stelle über den subjektiven Zweck] über den „absolute[n] Bereicherungstrieb, diese leidenschaftliche Jagd auf den Wert“ (169) […] sind nur die ins Subjekt transformierte und bewußte Gestalt der Bewegung des Geldes als Kapital, eher sekundär als primär.“ (aus meinem Text oben)

    Es geht mir ja auch nicht darum, was du subjektiv da rein deutest. Aber mit deiner Deutung vertrittst du eine Lesart, die objektiv (oder: gemäß ihrer inneren Logik) dann eben doch das Angesprochene da hineindeutet.

  3. Gravatar Icon 3 T. Schweiger 15. Februar 2011 um 3:07 Uhr

    Ich würde die Situation so beschreiben, dass, sobald die Erbin anfängt, ihr Geld nicht mehr zu verprassen, sondern sinnvoll anzulegen, sie ihr Handeln unter die Kapitalslogik subsumieren muss – es muss sie interessieren, dass ihre Rendite möglichst hoch ist – unabhängig davon, wofür das Geld angelegt wird. In genau dem Maße, indem sie diesen Imperativ des Kapitalismus subjektiv nachvollzieht wird sie Kapitalistin.

    Ich finde deine Interpretationen zu der Stelle recht treffend, schorsch. Ich glaube, dass umwerfend einfach falsche Vorstellungen darüber hat, was es heißt „personalisierte Kapitalismuskritik“ bzw. „strukturellen Antisemitismus“ (tatsächlich ein schwieriger Begriff – ich kenne mind. 3 unterschiedliche Verständnisse davon) zu kritisieren. Dabei ist es ja klar dass der Kapitalist, sofern er als Kapitalist agiert, auch ein Interesse daran haben muss, was mit seinem Geld geschieht und dieses nicht nur als Mittel, Gebrauchswerte zu erwerben, behandeln darf. Das ist halt wieder mal diese Pappkameradenkritik. Schön wäre mal ein Nachweis, dass überhaupt irgendjemand von Belang die absurde Position vertritt, Kapitalisten hätten kein subjektives Interesse an der Kapitalakkumulation.

  4. Gravatar Icon 4 T. Schweiger 15. Februar 2011 um 3:22 Uhr

    Gut fand ich den Punkt, dass eben auch der Kapitalist sich selbst entfremden muss, dass auch hier die menschliche Leiblichkeit (hier nicht biologisch zu nehmen, sondern eher als Begriff für das „Nicht-Identische“ am Menschen) nichts als Störfaktor der kap. Entwicklung ist. Das universale Mittel – Geld – schlägt um in den universalen Zweck. Kein Wunder, dass die Leute die über viel Kapital verfügen heutzutage Leute dafür beschäftigen, die ihnen diese Selbstunterwerfung abnehmen – eben die Manager.

    Erwähnenswert finde ich in diesem Zusammenhang auch, wie sich der „rationale Umgang mit Geld“ (gemäß der Kapitalslogik) ideologisch niederschlägt – nicht nur in der Projektion der subjektiven Zwecksetzung auf „den Juden“, sondern auch in die Dichotomie von männlichem/rationalen/weißen und weiblichem/irrationalem/unzivilisierten Umgang mit Geld. Und natürlich in der Moral – im Grunde soll ja jeder gemäß der Kapitalslogik agieren, selbst wenn er eigtl kein Kapitalist ist.

  5. Gravatar Icon 5 umwerfend, was sonst? 15. Februar 2011 um 11:45 Uhr

    Ich würde die Situation so beschreiben, dass, sobald die Erbin anfängt, ihr Geld nicht mehr zu verprassen, sondern sinnvoll anzulegen, sie ihr Handeln unter die Kapitalslogik subsumieren muss – es muss sie interessieren, dass ihre Rendite möglichst hoch ist – unabhängig davon, wofür das Geld angelegt wird.

    und wo soll ich was anderes behauptet haben? allerdings wird sie kapitalistin, indem sie sich dafür entscheidet – und dann gilt selbstverständlich das zitierte. bei mir war nie die rede davon, dass kapitalisten als kapitalisten auf eine möglichst hohe rendite verzichten könnten (oder gar sollten).

    mir geht es um folgendes: dass es einen unterschied gibt zwischen den proleten und der erbin. der prolet hat keine wahl, die erbin schon. die erbin kann verprassen oder aber kapitalistin werden. wenn sie kapitalistin wird, dann steht sie unter entsprechenden systemzwängen. mir geht es darum, dass mit der oft zu hörenden phrase, alle seien gleichermaßen systemzwängen unterworfen, ausgeblendet wird, dass es nen unterschied macht, ob man kapitalist ist oder prolet.

    und selbstverständlich kann ich personalisierte kapkritik kritisieren. denn mein problem mit dem kap fängt beim einfachen warentausch der einfachen warenbesitzer an. man braucht noch nicht mal kapitalisten und lohnarbeit, um begreifen zu können, dass privateigentum, warenproduktion, tausch was abzuschaffendes ist. ihr hantiert doch hier einfach mit unterstellungen: „Ich glaube, dass umwerfend“ – ja, dann glaub‘ halt, aber tu nicht so, als hätte das was mit mir zu tun.

    ps: struktureller antisemitismus ist ein quatschbegriff. entweder handelt es sich um personalisierte, also falsche kap“kritik“ – solchen leuten, die gar nicht antisemitisch sind, antisemitismus um die ohren zu hauen, bringt null, zumal es dann ja auch einfach nicht zutreffend ist; oder aber es handelt sich um antisemiten – dann kann man auf das „strukturell“ verzichten.

  6. Gravatar Icon 6 schorsch 15. Februar 2011 um 15:05 Uhr

    „allerdings wird sie kapitalistin, indem sie sich dafür entscheidet – und dann gilt selbstverständlich das zitierte“

    Nur: auf diese Entscheidung kommt es nicht an.

    „die erbin kann verprassen oder aber kapitalistin werden. wenn sie kapitalistin wird, dann steht sie unter entsprechenden systemzwängen. mir geht es darum, dass mit der oft zu hörenden phrase, alle seien gleichermaßen systemzwängen unterworfen, ausgeblendet wird, dass es nen unterschied macht, ob man kapitalist ist oder prolet.“

    Hier gehen aber doch zwei Dinge durcheinander: Die Erbin als Erbin, die ihr Geld verprasst, also – einfach mal angenommen, es wäre so – sich grade einer Subsumtion unters Kapitalverhältnis entzieht, oder, ob sie sich dem Verhältnis unterordnet, also Kapitalistin wird. Den strukturellen handlungsgenerierenden Zwängen ist sie prinzipiell dann ebenso unterworfen, wie der Prolet, die Proletin. Die Differenz, die in dem Beispiel auftaucht, ist grade die zwischen Erbin und Kapitalistin: als Erbin steht die genannte Dame ja grade außerhalb des ökonomischen Zwangs. Die Differenz besteht – immer unterstellt, man könnte zwischen ökonomisch und außerökonomisch so schematisch trennen – zwischen dem Ökonomischen und Nichtökonomischen oder zwischen Kapital und Nicht-Kapital. Klar: wer soviel Subsistenzmittel hat kann kleine Subsphären schaffen und jenseits des Kapitals vor sich hin leben (eine andere Frage wäre, wie diese Sphären sich zum Kapitalverhältnis verhalten und letztlich nicht auch wieder in es eingefasst werden). Nur in diesem Fall geht es eben nicht mehr primär um den kapitalistischen Reproduktionsprozess. Die Möglichkeit der Erin speist sich aus außerökonomischen Bedingungen.

    Außerökonomisch soll hier heißen: nicht primär im Kapitalverhältnis. Natürlich sind alle Lebensformen kapitalistisch vermittelt, jedoch ist es glaube ich zunächst mal zutreffend zwischen verschiedenen ökonomischen Formen im Kapitalismus zu differenzieren – wobei ich auch denke, dass all diese Formen in eine Totalität eingefasst sind. Die Sklavenarbeit ist primär keine kapitalistische Erwerbsarbeit, jedoch durch den Kapitalismus vermittelt und daher auch als Moment vom kapitalistischen „Idealtyp“ der Produktion zu betrachten.

    Ich denke auch, dass es innerhalb des Kapitalverhältnisses durchaus eine Differenz zwischen Kapitalist und Arbeiter geben kann. Was ist jedoch diese Differenz? Ich finde, dass sie moralisch betrachtet eine ist, die sich über gesteigerte Verfügungsgewalt über GW und freie Zeit definieren ließe. Wird „der Kapitalismus“ jedoch „total“, wird das Menschliche wirklich durch das Kapital ersetzt, dann müsste diese Differenz verschwinden. Und ich verstehe auch tatsächlich nicht, was der Hinweis darauf, dass es Leute gibt, die durch das System hindurch gewisse Lebensvorteile haben, gewonnen ist.
    Es gibt Analysesituationen, da ist dieser Hinweis aufs Interesse für eine fundamentale Analyse des Kapitalismus sinnvoll, etwa wenn es um Staatsinteressen geht. Da gibt es durchaus Akteure, deren Interessen nicht im Vorhinein – wie im einzelnen Kapitalverhältnis – feststehen. Allerdings sind auch diese Interessen radikal durch das kapitalistische System vermittelt. Da drückt sich der Zwang des Objektiven umso stärker aus, indem er sich bloß noch subjektiv artikuliert.

    „man braucht noch nicht mal kapitalisten und lohnarbeit, um begreifen zu können, dass privateigentum, warenproduktion, tausch was abzuschaffendes ist.“ Ich glaube hier macht Marx nicht wirklich eine Trennung auf, oder? Kein Kapital ohne Warentausch und kein Warentausch ohne Kapital – natürlich gibt es bestimmte Vorformen, aber nur, weil auf sie der Kapitalismus folgte.

    Dein Einwänden zum strukturellen Antisemitismus stimme ich weitgehend zu, der Begriff ist tatsächlich etwas unglücklich. Was der Begriff m.E. sagen will, ist, dass es nicht plötzlich Antisemitismus gibt, sondern in den verborgenen Schichten des bürgerlichen Bewusstseins nach Genesismöglichkeiten für den Antisemitismus gesucht werden soll. Das ermöglicht erst ein radikales Verständnis von Antisemitismus als immanenter Bestandteil der bürgerlichen Ordnung. Diese Latenz des Antisemitismus versucht eben die Rede vom strukturellen Antisemitismus zu betonen. Auch die Denkstrukturen spielen sich „hinter dem Rücken“ der Akteure ab und ob jemand „eindeutig“ AntisemitIn ist oder nicht, also sich so beschreibt (oder anhand von irgendwelchen Klassifizierungsmerkmalen so beschreibbar ist) oder nicht, ist nur bedingt relevant.

  7. Gravatar Icon 7 schorsch 15. Februar 2011 um 15:13 Uhr

    Thiel: ja, keine Einwände – die Rede von Leiblichkeit, das sagst du ja auch selbst – ist natürlich nicht biologisch gemeint, eher in einem philosophischen Sinn zu verstehen. Ich denke, dass sich hier auch einiges über das Mensch-Naturverhältnis sagen ließe. Mir war diese Stelle doch sehr wichtig, weil es bei Marx doch eine bestimmte Vorstellung davon gibt, wie der Mensch sein sollte (und in den Frühschriften: wie er ist – natürlich ist dieses „ist“ ein verschleiertes „sollte“.) Ich glaube, dass das Naturverständnis in der „Dialektik der Aufklärung“ in eine ähnliche Richtung gelesen werden kann. Die Betonung war mir deshalb wichtig, weil sich hier ersten vorzüglich die Verschränkung des „Kapitals“ und der „Dialektik der Aufklärung“ zeigen lässt, die ja viele immer leugnen und das „Kapital“ gegen die „DdA“ ausspielen wollen. Ich halte die „DdA“ bzw. Adorno/Horkheimer einfach für die konsequenteren Marxisten, sie haben das Kapital und seine Implikationen, die Marx noch nicht benennt, einfach weitergedacht.
    Die Betonung war mir weiterhin wichtig, weil ja z.B. auch der DdA ein essentialistisches Naturverständnis vorgeworfen wird. Diese Richtung, die das tut, und von mir wirklich geschätzt wird, macht es sich jedoch zu einfach, wenn sie den Naturbegriff einfach durchstreicht. Ich glaube man muss ihn philosophisch reflektieren, überhaupt erstmal einen reflektierten Naturbegriff bekommen – natürlich wird das ein Grenzbegriff sein. Aber diese Tatsache bereits gegen den Naturbegriff zu wenden, ist doch zu billig und letztlich ein Schuss ins eigene Knie, glaube ich.

  8. Gravatar Icon 8 umwerfend, was sonst? 15. Februar 2011 um 16:04 Uhr

    oder, ob sie sich dem Verhältnis unterordnet, also Kapitalistin wird. Den strukturellen handlungsgenerierenden Zwängen ist sie prinzipiell dann ebenso unterworfen, wie der Prolet, die Proletin.

    ja, WENN sie sich „unterordnet“ (weil sie aus geld mehr geld machen will – warum sonst?!), dann gelten entsprechende systemzwänge. alle anderen kapitalisten „ordnen“ sich auch „unter“ – na, vielleicht ist es ja auch so, dass sich alle miteinander die zwänge gegenseitig aufherrschen?

    zwischen dem Ökonomischen und Nichtökonomischen oder zwischen Kapital und Nicht-Kapital

    zwischen geld und kapital – darum geht es im kapitel ja auch.

    ich kann mich nur wiederholen: mir geht es schlicht darum, der rede davon, dass kapitalisten auch so arme von den systemzwängen gebeutelte wären, die ja auch gar nicht anders können, wie proleten, entgegenzuhalten: die systemzwänge, die in der konkurrenz unter kapitalisten gelten, gelten eben nur, wenn man kapitalist ist. aber wer bitteschön zwingt einen zum kapitalisten-dasein? man muss eben schon kapitalist sein wollen. dann verfolgt man nen zweck. die leute, die sich diesen zweck setzen, sind die bewussten träger der bewegung. na klar: wenn man dann bestimmte rausgreift und sich, wie sich das manche vorstellen, „eliminiert“, setzen sich andere hin.

    Ich glaube hier macht Marx nicht wirklich eine Trennung auf, oder? Kein Kapital ohne Warentausch und kein Warentausch ohne Kapital – natürlich gibt es bestimmte Vorformen, aber nur, weil auf sie der Kapitalismus folgte.

    ich argumentiere nicht historisch. ich sage nur: bereits auf den ersten seiten des kapitals sind genügend gründe für eine ernstzunehmende kapitalismus-gegnerschaft zu finden.

    „struktureller antisemitismus“: manche, gar nicht wenige, die sich in personalisierter kapitalismus kritik üben, hangeln sich dann zum antisemitismus durch. stimmt. nur: solange sie das nicht tun, ist der antisemitismusvorwurf nicht passend und sinnlos (oder will man den leuten mit „du bist schon fast ein antisemit!“ begegnen?); wenn sie den übergang machen, kann man sich das strukturell sparen. aber auch dann wird ein „du hast was gegen juden!“ nichts nützen, denn die wissen das ja bereits. und finden das auch nicht schlimm, sondern gerade richtig. dann sagen sie höchstens: „ja, stimmt, so isses und das ist gut so!“
    „struktureller antisemitismus“ ist einfach wirklich ein dummer begriff.
    und spätestens wenn der hetzer sinn vom ifo daherkommt und mit der strukturellen-antisemitismus-keule schwingt, krieg ich nen kropf. klar war und ist die kritik an „gierigen managern“ falsch – aber sie ist eben nicht zwangsläufig antisemitisch.

  9. Gravatar Icon 9 Moneymaker 09. April 2011 um 10:48 Uhr

    aber sie ist eben nicht zwangsläufig -fürwahr- sondern genau das: strukturell antisemitisch.
    Der strukturelle antisemitismus ist erstmal eine nähere bestimmung der personalisierten kapitalismuskritik, beide gehen aber nicht ineinander auf. ich kann erkennen dass sich antisemitismus und personalisierende Kapitalismuskritik momente strukturell teilen und daher davon sprechen dass eine kapitalismuskritik strukturell antisemitisch ist, wie der antisemitismus momente der personalisierten kapitalismuskritik enthält.

    ob und wie ich den begriff jetzt weitgehend losgelöst von der analyseebene trenne und als politischen kampfbegriff anwende hat mit der analyse erstmal nix zu tun. Hier sehe ich auch probleme, da die saubere kritik ebenso vernachlässigt wurde als der antisemitismusbegriff entschärft wurde. Gleichzeitig sehe ich die richtigkeit immer wieder bestätigt wenn der gefühlsdeutsche Kapitalismuskritiker oder die Presse vom Bonzen nur allzuschnell das lüsternde, mimetische hervorhebt und ihn als das fremde böse gegen ‚uns‘ stellt. das findet man sicher nicht in elaborierten marxdiskussionszirkeln, dafür immer wieder auf dem marktplatz und im Bierstüble. Daher möchte ich diese parallelität nicht nur historisch, sondern auch alltagspolitisch beibehalten. Personalisiete Kapitalismuskritik hat nicht nur analysiebar parallelen zum antisemitismus sondern auch akut politische.

    last but not least finde ich schorschs argumentation um die marxstelle dass tierische würde das menschliche vice verso etwas unklar. lese iche s richtig dass du darauf hinauswillst dass der mensch nicht in der menschlichen produktiven tätigkeit menschlich/selbstbestimmt (frei und bewusst) handelt, sondern bloß noch im vollzug des bloßen stoffwechsels/tierischen.
    dass er also nicht sein ‚anthropologisches‘ potential zur bewussten freien tätigkeit entfaltet, wo er auch nach gesetzen der schönheit formieren kann, sondern all sein potential bloß entfremdet äussert? meinst du ‚negative anthropologie‘ im sinne einer das potentielle bloß ex negativo enthaltenden anthropologie? da wären ein paar undichtere sätze ganz nett gewesen ;)

  10. Gravatar Icon 10 schorsch 09. April 2011 um 14:56 Uhr

    Hey Money,

    ja, ganz genau. Etwas in diese Richtung meinte ich, ich habs tatsächlich eher angedeutet als ausgeführt. Der zitierte Marxtext ist da an dieser Stelle in der Argumentation interessanterweise recht dunkel, aber ich denke genau das meint Marx – und ich glaube vielleicht sogar, dass eine Kritik auf die „“anthropologischen“" Implikationen die Marx da macht, um ihrer Möglichkeit willen nicht verzichten kann. Natürlich darf man die nicht platt, als positive Anthropologie eben, lesen und man müsste das nochmal etwas genauer herausarbeiten, damit keine bösen Fallstricke entstehen. Aber du hast ja anscheinend zu dem Thema auch einiges gemacht? :)

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