Die ägyptische Protestbewegung braucht endlich Waffen!

Bundesaußenminister Guido Westerwelle in den Tagesthemen: „Die Rede von Präsident Mubarak hat keine befriedende Wirkung gehabt.“ Die Demonstranten würden wahrscheinlich enttäuscht reagieren, weil ihre Wunsch nach mehr Demokratie nicht erfüllt worden sei. „Der demokratische Wandel muss jetzt beginnen“, sagte Westerwelle. „Das wichtigste ist, das keine Gewalt angewendet wird.“

Über den Vorrang der Gewaltfreiheit sind sich die verschiedenen Demokraten des Westens in ihren mantrartigen Mahnrufen einig. Sie sind es, weil die Gewaltfreiheit garantiert, dass die Lage in Ägypten stabil und damit im Rahmen des westlichen Interesses bleibt. Die Freiheit von Gewalt war zu Beginn der Revolte in Ägypten noch eine Stärke der Protestierenden. In ihr hat sich gezeigt, dass sich spontan eine gewaltfreie Zusammenkunft verschiedener Individuen bilden kann, die nicht durch übersteigerten Hass auf ein Anderes zusammengehalten werden muss. In solchem Mangel an Feindbildern drückt sich ein aufgeklärtes Selbstverhältnis aus: Reflexivität. Sie gestattet der Vereinigung Autonomie und innere Transparenz. Erst die Klarheit über sich selbst ermöglicht dem Kollektiv den Gegensatz von Gruppe und Individuum – und damit die Gestalt des Kollektivs, also sich selbst, – aufzuheben. Marxisten haben diese Utopie einmal mit dem Titel „Klasse für sich“ versehen.
Die Fähigkeit zur Gewaltfreiheit ist daher wesentliches Charakteristikum eines freien Umsturzes, der perspektivisch das Ende der Gewalt als Schmiermittel aller sozialer Beziehungen eröffnet. Derzeit macht es aber den Anschein, dass der Protestbewegung in Ägypten diese prinzipielle Fähigkeit der Gewaltfreiheit zur zweiten Natur geworden ist und sie damit aufgehört hat dieser Fähigkeiten autonom mächtig zu sein. (Vielleicht zeigt sich darin, dass die Bewegung doch nicht so frei war. Wäre sie wirklich frei gewesen, hätte sich ihre Fähigkeit, die Potentialität, nicht ungesteuert zur endlosen Aktualität verhärten lassen.) Doch die Appelle des Westens auf Gewaltverzicht wollen genau dies, dass die Protestbewegung ohnmächtig zur gewaltfreien Masse regrediert. Etwas besseres kann nämlich dem Anhängsel westlicher Interessen, der ägyptischen Autokratie, nicht passieren. Der sozioökonomische Kontext der Proteste wird verschleiert, die Protestierenden lassen sich aushalten. Mögen sie doch demonstrieren, auf lange Sicht passiert nichts, die Protestierenden richten sich in der Passivität ihres Protestes ein – und müssen zwangsläufig irgendwann zur Aktivität alltäglicher Lebenssicherung übergehen, die sich im Rahmen der gegebenen Machtverhältnisse abspielen wird. Der Tahrir-Platz wird zu einem großen Freiluftgefängnis. Die Gewaltlosigkeit des Protests wird so zu seiner radikalen Ohnmacht. Die einzige Option der ägyptischen Protestbewegung liegt daher in der Gewalt.
Darin ist die Tragik jeder radikalen Revolte auf den Punkt gebracht: als Antizipation der freien Gesellschaft besteht zwischen ihr und der unfreien Gesellschaft, in der sie stattfindet, völlige Inäquivalenz. Im Verhältnis zum geltenden gesellschaftlichen Prinzip der Gewalt ist ihr Protest eine bloße Privation: Gewalt-losigkeit: Der Protest bleibt in der Praxis unterlegen – und die Möglichkeit seiner Überlegenheit errichtete nur neue Machtverhältnisse. Vielleicht kann eine dialektische Tat aus diesem Paradox befreien: Gewalt, die in ihrem Vollzug die eigene Kritik enthält, Gewalt, die sich der Gewalt verweigert. Während die Gewaltfreiheit der herrschenden Gesellschaft latent Gewalt bedeutet, muss die Gewalt der Revolution latente Gewaltfreiheit sein.

P.S.: Da die Existenz eines Regimes nicht an die Amtsinhaberschaft einzelner Personen geknüpft ist, ändert der Rücktritt Mubaraks an diesen Reflexionen freilich gar nichts, eher verschärft er sie. Denn die Weichen werden jetzt, in der Zeit nach dem Rücktritt, gestellt.


1 Antwort auf “Die ägyptische Protestbewegung braucht endlich Waffen!”


  1. Gravatar Icon 1 Stetsky 12. Februar 2011 um 14:54 Uhr

    „Die Gewaltlosigkeit des Protests wird so zu seiner radikalen Ohnmacht. Die einzige Option der ägyptischen Protestbewegung liegt daher in der Gewalt.“

    Hm, die Darstellung in den meisten deutschen Medien, wonach es sich in Ägypten um einen gewaltlosen Protest handelt, kann ich nur als entweder interessierte Desinformation oder als seltsamen Realitätsverlust vielleicht aufgrund ansteckender Situationsdummheit erklären. Der Protest war von Anfang an gewaltsam. Dennoch hat nicht die Gewalt den Sturz herbeigeführt – obwohl Gewalt sowas natürlich kann.

    Ob beim Abtritt Mubaraks die bürgerliche Protestbewegung auf den Straßen tatsächlich ausschlaggebend war, möchte ich allerdings stark bezweifeln. Tatsächlich hatte doch ein Massenstreik die Industrie des Landes lahmgelegt und obwohl es über ihn (sowie nebenbei über die einsetzenden Angriffe von Beduinen auf das Militär, ein kurioses Parallelgeschehen) kaum Informationen gibt, denke ich, dass die Konsequenzen eines verlängerten Streiks weitaus gravierender gewesen wären, als eine Straßenschlacht, gerade in militärischer Hinsicht

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