Eine Verfilmung der „Kritik der reinen Vernunft“

Verfilmungen philosophischer Großwerke gibt es kaum. Alexander Kluge hat sich an „Das Kapital“ gewagt; kaum dürfte der Film jedoch Marx’ opus magnum ersetzen. Das liegt an der radikalen Differenz der Medien, von Text und Film. Beide Formen scheinen a priori mit einem inhaltlichen Möglichkeitshorizont verschlungen zu sein: bestimmte Bildkonstellationen lassen sich filmisch adäquat, in Worten jedoch nur peripher einholen. Umgekehrt verweigern sich diskursive Konstellationen einer Verbildlichung. Die Verbildlichung ist bereits durch die bloße Form lediglich Interpretation und zwar auf einer inhaltsaversiven Ebene: mehr als Analogie ist von der Verfilmung nicht zu erwarten. Es gibt also eine Grenze zwischen Sinnlichkeit und Verstand, die einer Übersetzung geistiger Gehalte in hör- und sehbares Material im Weg steht. Die Transformation ist daher immer Verlust.
Umso überraschender ist es, dass eine äußert gelungene Verfilmung der „Kritik der reinen Vernunft“ von Immanuel Kant bisher unbeachtet geblieben ist. Diese Verfilmung leistet, was selbst vielen Interpretationen in Textgestalt nur selten gelingt: sie stellt die Metadimension der „Kritik der reinen Vernunft“, das Verhältnis von Transzendenz/Nichtidentität und Immanenz/Identität, dar. Überdies interpretiert sie den Zusammenstoß von Identität und Nichtidentität – im Geiste der „Dialektik der Aufklärung“ – als Ereignis blinder Gewalt, die das Sehen jedoch erst möglich macht. Bereits das Filmplakat veranschaulicht in nuce den Erkenntnisprozess als Gewaltakt: die reine Anschauung und der reine Verstand, die reine Vernunft, sind zugleich – und vielleicht sogar in ihrem Wesen – reine Gewalt.

Im vorderen Bildteil wird versucht die Ankunft des Dings an sich anzuzeigen. Freilich kann dieser Grenzbegriff der „Kritik der reinen Vernunft“ nicht abgebildet werden. Dessen Grenze reflektiert das Bildmedium durch die Integration des mit dem Bildmedium nur sehr begrenzt kommensurablen Textes: „Das DING aus einer anderen Welt“. Bei Kant ist der Terminus vom Ding an sich ein notwendiger Grenzgang. Er muss unbestimmt bleiben, weil er das Unsagbare zu sagen versucht, aber dennoch, statt dem Nichts, ein Etwas benennen will. Vor diesem Problem steht auch das andere Medium, das Bild. Es steht ebenfalls vor dem Problem, das Unzeigbare zeigbar zu machen, ohne es zu zeigen. Alles, was dem Maßstab des Bildes, dem Sichzeigenden, entspricht würde also als Dingdeixis fehlschlagen müssen. Die einzige Möglichkeit besteht darin, das Zeigen zu verweigern, ohne eine Bestimmtheit – das Ding an sich – durch das Nichts, radikale Unbestimmtheit, zu ersetzen. Dies leistet das prekäre Ineinander von Schrift und Bild. Zwar ist der Text sichtbar und fügt sich begrenzt auch ins Bildmedium ein, bleibt darin jedoch Fremdkörper.

Im Hintergrund ist eine anthropomorphistische Interpretation der „zwei Stämme der menschlichen Erkenntnis“ (KrV, B 29), von Verstand und Sinnlichkeit, zu sehen. Die Sinnlichkeit, Anschauung, interessanterweise als männliches Vermögen aufgefasst, wartet mit dem Messer auf den Zusammenstoß mit dem Ding, um es sofort nach allen Regeln der Kunst – nämlich Raum und Zeit – in verstandesgerechte Stücke zu zerhacken. Allerdings steht die reine Anschauung nicht allein im Kampf. Ohne das Zusammenspiel von Verstand und Vernunft kann keine Erkenntnis vollzogen werden. Obwohl zwar die reine Anschauung unmittelbar in Konfrontation mit dem Ding steht, und den Verstandesfunktionen analytisch vorgeordnet wird, ist Erkenntnis doch als Gleichzeitigkeit beider Vermögen zu verstehen. Deswegen starrt auch die Vernunft – auf dem Filmplakat als Frau personifiziert – in Dingrichtung, um das zerstückelte Ding, die deformierte Materie, sogleich in Kategorien einzufassen. Zugleich scheint sie der Anschauung Anweisungen auf die Tat einzuflüstern.
Interessant ist die Gleichzeitigkeit von Angst und wilder Entschlossenheit, die aus den Augen von Verstand und Sinnlichkeit spricht. In diesem Blick wird das Naturverhältnis, das sich in Kants „Kritik der reinen Vernunft“ reflektiert, auf den Punkt gebracht. Indem Erkenntnis als Herrschaftsverhältnis dergestalt gedeutet wird, ist zugleich die Labilität von dieser Herrschaft – und nebenbei die Dialektik von Herr und Knecht – angesprochen. Anders als bei Kant, wird Erkenntnis so als ständiges Wagnis aufgefasst, als Kampf, dessen Ausgang nicht bereits im Vorhinein feststeht. Die Utopie einer Versöhnung mag hier antizipiert sein.

Die „Kritik der reinen Vernunft“ arbeitet sich an der schwierigen Verhältnisbestimmung von Verstand und Sinnlichkeit ab. Bereits das Filmplakat zur Verfilmung der KrV zeigt nicht nur eine gelungene Metapher für diesen kantischen Justierungsversuch, sondern bietet zugleich eine souveräne Deutung im Lichte der Gegnerschaft von Mensch und Natur. Darin leistet es zugleich eine interessante Interpretation des menschlichen Erkenntnisapparates gemäß vergeschlechtlichter Dimensionen und bietet dadurch einen Ansatz für eine feministische Metakritik der „Kritik der reinen Vernunft“.