Deutsche Schreckensbilder

In diesem Spiegel-Cover drückt sich kein spezifischer Zug des 21. Jahrhunderts aus, sondern die deutsche Kontinuität des Gleichen. Vorbild des „Spiegels“ ist nämlich die Lithografie des Antisemiten Paul A. Weber, mit dem Titel „Das Gerücht“:

Zwei Angstbilder, in denen mikrologisch verdichtet der Zustand der Gesellschaft ablesbar ist, die sich vor ähnlichen Ungeheuern fürchtet, wie die, die sie nicht mehr zu kennen vorgibt, die ihre Feindbilder nach den gleichen Reflexen aufbauen, organisiert durch die identisch gebliebene soziale Grundstruktur.

Der Spiegel ist eine alte Adresse, wenn es darum geht, das deutsche Volksempfinden auf einem Bild zu pointieren; und die Marschrichtung vorzugeben. Der Jargon des Volkes, dessen Meinungswahn, wird durch kulturindustrielle Techniken potenziert und produziert. Vor der Finanzkrise hatte das wohlige Schaudern über die Finanzjongleure, das die Schaudernden als Publikum dessen verewigt, was sie selbst erzeugt haben, noch seinen Reiz und konnte daher seine objektive Funktion erfüllen: gegen die Unkontrollierbarkeit der immerdynamischen Gesellschaft wurde dieselbe Gesellschaft angerufen, Identifikation mit dem Aggressor. Das Publikum merkt, dass es im Verhältnis zu dem, was sich auf der Bühne gesellschaftlicher Relevanz tut, selbst radikal fungibel ist. Daher ent-artet es das Schauspiel, als Schein/Abart/Perversion/… des vermeinten gesellschaftlichen Fundaments, als das es sich selber setzt. Diese Ideologiespiele dürfen nicht als das gesellschaftliche Akzidentielle verkannt werden. Obwohl ihre Träger eben dazu erniedrigt werden, bereitet sich in deren Ideologiespiel die Rekonstitution und ihre Möglichkeit für die Zeit nach der Krise vor: Die Einbildung, auf einen selbst käme es an, wirkt, wenn es um Lohnverzicht usw. geht, weil es dann negativ auf einen tatsächlich ankommt.
Das Schreckbild, das vorbereitend die Gemeinschaft für die Zeit formt – und für sie geformt wird –, in der es auf sie ankommt zielt also auf die immanente Einheit der Lohnabhängigen ab. Es verliert jedoch unmittelbar nach Anbruch dieser Zeit, also nach der Krise, seinen hysterischen Zauber. Dieser Zauber speiste sich nämlich aus dem, was nach der Krise eben eingetroffen ist. Als Projektionsfläche ist es daher nicht geeignet, weil es sich gegen die grenzenlose Verfügung der phantastischen Furcht durch die bloße Faktizität des Eingetroffenen sperrt.
Vielleicht ist mit diesen Überlegungen ein Moment der Erklärung berührt, warum der Spiegel nicht mehr mit der grenzüberschreitenden Konsumsucht Amerikas oder den Finanzzockereien des internationalen Managertums hausieren gehen kann: solche Bilder sind nicht mehr affektiv besetzt. In der Zeit in der es augenscheinlich um Selbstbehauptung geht – um die es immer, nur nicht immer augenscheinlich geht – ist das Bedürfnis nach einem Selbst, das sich überhaupt behaupten kann, stark. Nicht bloß, damit es mit genügend Kraft die Arbeit und den Hals der jeweiligen Feindbildträgerklasse packen kann. Der Rückzug ins Private ist in Zeiten der Krise vielleicht ausgeprägter. Dafür bedarf es auch ichlicher Identität. Die Funktion des Schreckbildes kann daher von Szenarien übernommen werden, in denen dieses bürgerliche Kleinod, das identitäre und identische Selbst, bedroht wird. Und so schreibt der „Spiegel“ über die Unersättlichen.