Der männliche Witz

Es gibt Witze, die in ihren Vollzug eine Tarnung einbauen. Getarnt wird ihre sexistische Brutalität, die als Möglichkeit immer schon die äußerte Gewalt gegen Frauen, Schwule, … latent enthält. Dieses Schreckensmoment im scheinbar Amüsanten ist die wesentliche Funktion von solchen Witzen, weil es durch seine unsichtbare Präsenz die Komplizenschaft der Männerbande schweißt. Ihr Lachen kennt – anders als im sexistischen Normalzustand – kein Außen, nichts anderes mehr, sondern konstituiert im gemeinsamen Ritual das Prinzip der eigenen Identität, Einigkeit. Diese Einigkeit ist die machtvolle Selbstbezogenheit der bloßen Gewalt. In solchen sozialen Ausnahmezuständen, die für einen kurzen Moment aufblitzen wie das Messer in der Tasche des Mörders, wird die Herrschaft der Normalität fundiert. Während sich der plötzlich greifbar nahe Männerhaufen in brutale Blindheit hineinlacht oder sich verschwörerisch zugrinst, schweigen die anderen. Sie scheinen oftmals zu ahnen, wer und was eigentlich gemeint ist.

In diesen Momenten verdichtet sich der sexistische Normalzustand dieser Gesellschaft schockartig zu einer ekelhaften Fratze männlicher Herrschaft. Momenthaft zeigt sich, was hinter dem Beharren „Frauen/Männer sind halt nunmal…“ in Wahrheit steckt: nämlich der Triumph des blinden Gewaltakts, der sich an der eigenen Potenz zur Unterdrückung berauscht und so zu identitärer Selbstfundierung gelangt; also ein unerbittlich vollzogener Herrschaftsanspruch.

Dieser taucht nicht selten völlig unerwartet auf und offenbart sich wirksam an Knotenpunkten des sozialen Lebens, die zunächst nicht im Verdacht standen. So sagt etwa ein Werbetext auf einem Pizzakarton:

„So lecker machst Du Deinen Hunger fertig!
Hast du etwas Großes vor und willst groß belohnt werden, dann bist Du bei Big Pizza genau richtig! Die Big Pizza von Wagner schafft einfach jeden Hunger! Hier sieht und schmeckt Man(n) noch den „Großen“ Unterschied!
Big Pizza. So lecker machst Du Deinen Hunger fertig!“

Und einige Zentimeter darunter:

„Manchmal zählt eben doch die Größe. Big Games, Big Fun, Big Sports … der neue Internetauftritt von Big Pizza hat alles, was Männer wollen – und zwar in Big.“

Solche Texte haben nicht nur Symbolcharakter – die vielen Facetten, etwa Männlichkeit als Expansion, Erbeutung, Kampf – und sei es einer gegen den Hunger –, sowie die sexualisierte Sprache, sollen hier nur angedeutet werden. Vielmehr entfalten sie ihre Wirkung schrecklich über solchen Symbolcharakter hinaus als Drohung, die unmittelbar als erinnernde Angst wirkt.
Der vorgeblich amüsante Werbetext verschleiert sich, grade weil er so wenig subtil daherkommt: „ist doch alles nur billiger Spaß!“ wird zu seiner Ausrede. Er tarnt den Konnex zu seiner gesellschaftlich relevanten Dimension und wird so als einer gesehen, der von sozialen Dimensionen völlig befreit ist. Wer auf sie kritisch insistiert, zieht die Missgunst der Amüsierten auf sich: „ach, du übertreibst doch jetzt völlig, so ist das doch gar nicht gemeint!“
Die fehlende Raffinesse, die offensichtliche Dummheit der Anspielungen und Wortspiele – die kaum mehr spielerisch, gar nicht doppeldeutig sind – wirken jedoch doppelt: einmal als Tarnung, aber auch als genau die Unverholenheit dessen, was sie eben sagen. Darin reflektieren sie exakt die Doppelfunktion des männlichen Witzes: In ihm soll, ohne Widerstand der Unterdrückten, der männliche Herrschaftsbereich möglichst unverblümt und mühelos markiert werden; selbst und grade im Witz dürfen daher die, gegen die sich die Herrschaft richtet, nicht ernst genommen werden. Die Tarnung, mit der der Witz sich versieht, darf also andererseits auch wieder nicht gelten, denn sie könnte die Furcht der Männer markieren. Je besser dem Männerhaufen die Erfüllung von dieser paradoxen Anforderung gelingt, desto amüsanter empfindet er den Witz. Dieses Amüsieren, das nur Freude über gelungene Herrschaftssicherung ausdrückt, findet sich bei einem bestimmten Typus des erwachsenen Mannes nicht mehr. Er ist „seriös“, „erwachsen“ und versteht dieses „pubertäre und kindische Verhalten“ nicht mehr, in dem die ersten männlichen Versuche der Unterdrückung erprobt werden. Darin wirkt vielleicht nur die Verdrängung der Freude über erfolgreich zementierte Herrschaft. Er muss sich diese Freude verbieten, weil zu große Freude über die eigene Machtsicherung, Gelächter über den Witz, nur die vorgängige Angst vor dem Machtverlust ausdrückt und damit die eigene Macht gefährdet. Viele Männer finden keinen Gefallen mehr an bestimmten Formen des männlichen Witzes, nicht aus Verdrängung, sondern weil sie sich an die Macht des Männlichen schon längst gewöhnt haben und sie in jeder Pore des Alltags bestätigt bekommen. Den Witz haben sie nicht mehr nötig.


2 Antworten auf “Der männliche Witz”


  1. Gravatar Icon 1 Friederike 17. Januar 2011 um 16:27 Uhr

    Wirklich Nett! Gefaellt mir sehr! Wo ist denn der Facebook-Like-Button?

  2. Gravatar Icon 2 schorsch 10. Mai 2011 um 18:50 Uhr

    Nachtrag:

    Ich bin grade durch Zufall auf ein Freud-Zitat gestoßen, das sehr pointiert ein Teil dessen sagt, was ich oben zu beschreiben versuche:

    „Hier wird endlich greifbar, was der Witz im Dienste seiner Tendenz leistet. Er ermöglicht die Befriedigung eines Triebes (des lüsternen und feindseligen) gegen ein im Wege stehendes Hindernis, er umgeht dieses Hindernis und schöpft somit Lust aus einer durch das Hindernis unzugänglich gewordenen Lustquelle.“ (Freud, Der Witz und seine Beziehung zum Unbewußten)

    Genial auf den Punkt gebracht!

Die Kommentarfunktion wurde für diesen Beitrag deaktiviert.