Archiv für Januar 2011

Brutale Menschenverachtung im Focus

Diesen über das Maß der widerwärtigen Normalität abstoßenden Artikel im Focus von Michael Klonovsky antifeministisch zu nennen, wäre eine enorme Verharmlosung. Der Text ist so ekelhaft brutal, dass mir wirklich die Worte fehlen. Der Vorteil von dem offenen Hass des Textes ist, dass er die zentralen „Argumente“ aka Ressentiments der sexistisch-antifeministischen Bewegung in verdichteter Form ausformuliert. Normalerweise müssen die Triebfedern dieser Bewegung unter einer tiefen Schicht strategischer Differenzierungen erst freigelegt werden, hier liegen sie bereits relativ offen dar.

P.S.: Michael Klonovsky schreibt auch unter dem ins Unendliche anmaßenden Titel „Minima Moralia“ schlecht kopierte Aphorismen, nein: Stammtischweisheiten, verpackt im Jargon des Feuilletonintellektualismus. Er lässt sich auch über High Heels aus und befindet:

Doch nicht im angeblich hilflosen Gestöckel, welches dem Unterwerfungstrieb des Mannes entgegenkomme, liegt der tiefe Sinn der holden Treter, sondern in der Umwandlung des Gehens ins Schreiten. Nahezu jede Frau, die in High Heels schlüpft, empfängt prompt den Segen der Grazien. Folge uns, sprechen diese Schuhe, wir erzählen dir alle Mysterien der Schönheit und der Lust. Das ist ein bisschen spezielle Gymnastik allemal wert.

Dieses abermals unglaubliche Brutalität ist eigentlich ein Befehl: Das Tragen von High Heels hat Frauen gefälligst Ausgleichsgymnastik oder eben physische Schmerzen wert zu sein, damit Männer ihnen gestatten, schön zu sein. Noch selbst diese Schönheit ist Ideologie, denn schön findet der Mann nur die Erniedrigung der Frau.

Eins, zwei, viele Solanas für alle Michael Klonovskys!

Der Traum vom Weihnachtsmann

Auf der Straße werde ich von einem Fernsehsender für Kinder nach meiner Meinung über den Weihnachtsmann gefragt. Meine spontane Antwort: Einerseits bietet der Weihnachtsmann das Versprechen von einer Gesellschaft jenseits des Tauschs. Andererseits schenkt er nur den braven Kindern etwas, in ihm lebt also die Kälte des Äquivalenzprinzips fort. Kichernd wachte ich auf.

Deutsche Schreckensbilder

In diesem Spiegel-Cover drückt sich kein spezifischer Zug des 21. Jahrhunderts aus, sondern die deutsche Kontinuität des Gleichen. Vorbild des „Spiegels“ ist nämlich die Lithografie des Antisemiten Paul A. Weber, mit dem Titel „Das Gerücht“:

Zwei Angstbilder, in denen mikrologisch verdichtet der Zustand der Gesellschaft ablesbar ist, die sich vor ähnlichen Ungeheuern fürchtet, wie die, die sie nicht mehr zu kennen vorgibt, die ihre Feindbilder nach den gleichen Reflexen aufbauen, organisiert durch die identisch gebliebene soziale Grundstruktur.
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Der männliche Witz

Es gibt Witze, die in ihren Vollzug eine Tarnung einbauen. Getarnt wird ihre sexistische Brutalität, die als Möglichkeit immer schon die äußerte Gewalt gegen Frauen, Schwule, … latent enthält. Dieses Schreckensmoment im scheinbar Amüsanten ist die wesentliche Funktion von solchen Witzen, weil es durch seine unsichtbare Präsenz die Komplizenschaft der Männerbande schweißt. Ihr Lachen kennt – anders als im sexistischen Normalzustand – kein Außen, nichts anderes mehr, sondern konstituiert im gemeinsamen Ritual das Prinzip der eigenen Identität, Einigkeit. Diese Einigkeit ist die machtvolle Selbstbezogenheit der bloßen Gewalt. In solchen sozialen Ausnahmezuständen, die für einen kurzen Moment aufblitzen wie das Messer in der Tasche des Mörders, wird die Herrschaft der Normalität fundiert. Während sich der plötzlich greifbar nahe Männerhaufen in brutale Blindheit hineinlacht oder sich verschwörerisch zugrinst, schweigen die anderen. Sie scheinen oftmals zu ahnen, wer und was eigentlich gemeint ist.

In diesen Momenten verdichtet sich der sexistische Normalzustand dieser Gesellschaft schockartig zu einer ekelhaften Fratze männlicher Herrschaft. Momenthaft zeigt sich, was hinter dem Beharren „Frauen/Männer sind halt nunmal…“ in Wahrheit steckt: nämlich der Triumph des blinden Gewaltakts, der sich an der eigenen Potenz zur Unterdrückung berauscht und so zu identitärer Selbstfundierung gelangt; also ein unerbittlich vollzogener Herrschaftsanspruch.

Dieser taucht nicht selten völlig unerwartet auf und offenbart sich wirksam an Knotenpunkten des sozialen Lebens, die zunächst nicht im Verdacht standen. So sagt etwa ein Werbetext auf einem Pizzakarton:

„So lecker machst Du Deinen Hunger fertig!
Hast du etwas Großes vor und willst groß belohnt werden, dann bist Du bei Big Pizza genau richtig! Die Big Pizza von Wagner schafft einfach jeden Hunger! Hier sieht und schmeckt Man(n) noch den „Großen“ Unterschied!
Big Pizza. So lecker machst Du Deinen Hunger fertig!“

Und einige Zentimeter darunter:

„Manchmal zählt eben doch die Größe. Big Games, Big Fun, Big Sports … der neue Internetauftritt von Big Pizza hat alles, was Männer wollen – und zwar in Big.“

Solche Texte haben nicht nur Symbolcharakter – die vielen Facetten, etwa Männlichkeit als Expansion, Erbeutung, Kampf – und sei es einer gegen den Hunger –, sowie die sexualisierte Sprache, sollen hier nur angedeutet werden. Vielmehr entfalten sie ihre Wirkung schrecklich über solchen Symbolcharakter hinaus als Drohung, die unmittelbar als erinnernde Angst wirkt.
Der vorgeblich amüsante Werbetext verschleiert sich, grade weil er so wenig subtil daherkommt: „ist doch alles nur billiger Spaß!“ wird zu seiner Ausrede. Er tarnt den Konnex zu seiner gesellschaftlich relevanten Dimension und wird so als einer gesehen, der von sozialen Dimensionen völlig befreit ist. Wer auf sie kritisch insistiert, zieht die Missgunst der Amüsierten auf sich: „ach, du übertreibst doch jetzt völlig, so ist das doch gar nicht gemeint!“
Die fehlende Raffinesse, die offensichtliche Dummheit der Anspielungen und Wortspiele – die kaum mehr spielerisch, gar nicht doppeldeutig sind – wirken jedoch doppelt: einmal als Tarnung, aber auch als genau die Unverholenheit dessen, was sie eben sagen. Darin reflektieren sie exakt die Doppelfunktion des männlichen Witzes: In ihm soll, ohne Widerstand der Unterdrückten, der männliche Herrschaftsbereich möglichst unverblümt und mühelos markiert werden; selbst und grade im Witz dürfen daher die, gegen die sich die Herrschaft richtet, nicht ernst genommen werden. Die Tarnung, mit der der Witz sich versieht, darf also andererseits auch wieder nicht gelten, denn sie könnte die Furcht der Männer markieren. Je besser dem Männerhaufen die Erfüllung von dieser paradoxen Anforderung gelingt, desto amüsanter empfindet er den Witz. Dieses Amüsieren, das nur Freude über gelungene Herrschaftssicherung ausdrückt, findet sich bei einem bestimmten Typus des erwachsenen Mannes nicht mehr. Er ist „seriös“, „erwachsen“ und versteht dieses „pubertäre und kindische Verhalten“ nicht mehr, in dem die ersten männlichen Versuche der Unterdrückung erprobt werden. Darin wirkt vielleicht nur die Verdrängung der Freude über erfolgreich zementierte Herrschaft. Er muss sich diese Freude verbieten, weil zu große Freude über die eigene Machtsicherung, Gelächter über den Witz, nur die vorgängige Angst vor dem Machtverlust ausdrückt und damit die eigene Macht gefährdet. Viele Männer finden keinen Gefallen mehr an bestimmten Formen des männlichen Witzes, nicht aus Verdrängung, sondern weil sie sich an die Macht des Männlichen schon längst gewöhnt haben und sie in jeder Pore des Alltags bestätigt bekommen. Den Witz haben sie nicht mehr nötig.