Archiv für September 2010

Die Früchte geistiger Arbeitsteilung zwischen Philosophie und Soziologie: Blödsinn

Ein Blognachbar, la vache qui rit, berichtet über philosophisches Wiedergängertum, die „Tiefenphänomenologie“ von José Sánchez de Murillo. La vache qui rit zitiert Wikipedia und ein von Murillo gegründetes Institut:

Die für ihn nun evidente Sicht, dass die gesamte Menschheitsgeschichte von der ober-flächigen Dimension gesteuert wird und dass Philosophie und Wissenschaft diese Seite als die wesentliche betrachten, ließ ihn seine philosophische Aufgabe erkennen: Phänomenologische Philosophie als wissenschaftliche Forschung muss ganz von vorne beginnen mit Blick auf die Realität, aber zugleich auch auf die Möglichkeiten des Menschen.

Ohne die Tiefe kann die Ober-Fläche nicht als solche verstanden werden. Deshalb versteht sich die Tiefenphänomenologie als Philosophische Grundwissenschaft (die „prima philosophia“ des technischen Zeitalters), welche an der Erforschung (Aufdeckung und Klärung) von Urphänomenen arbeitet, die – meist unbeachtet oder verdrängt – den geschichtlichen Verlauf ermöglichen und tragen.

Tiehl Schweiger weist darauf hin, dass Murillos Blödsinn noch einigen Sinn enthält, da er das Betriebsgeheimnis Heideggers Philosophie offenlegt.
An Murillo lässt sich außerdem exemplarisch ablesen, was passiert wenn PhilosophInnen kenntnislos über Dinge reden, die besser Gegenstand der Soziologie wären. Es ist teilweise krass, wie unverblümt und unreflektiert Philosophen in philosophischen Terminologien originäre Stammtischweisheiten zum „Zeitgeschehen“ (in diesem Wort ist das Stammtischpalaver mit Heidegger-Terminologie identisch) zum Besten geben – also wirklich obskursten Blödsinn, der meistens sonst aus Gründen des sozialdistinktiven Akademikerhabitus verschwiegen wird – und damit meine ich nicht jemanden wie Sloterdijk, der seine Karten ja noch ziemlich offen und „unphilosophisch“ auf den Tisch gelegt hat.
Bei Murillo kommt das dabei heraus:

Die beiden Gegensätze seiner bisherigen Welterfahrung – Armut, Ausbeutung, Verzweiflung und Krieg einerseits, Musik, Mystik, Phänomenologie, Maya-Kultur und deutsche Romantik andererseits – prallten in ihm hart aufeinander, und der Drang wuchs, die Bedingung dieser Zerrissenheit zu erforschen. So entstand die Grundunterscheidung: Tiefe und Ober-Fläche.

Philosophischer Quark – Soziales Elend

Dieser Blödsinn, der Blödsinn, der durch die Arbeitsteilung von Philosophie und Soziologie überhaupt entsteht, ist Ausdruck ihrer strukturellen Blindheit. Der Ideologische Charakter besteht darin, den offenbaren Blödsinn grade als höchstes Produkt des Sinnes zu verkaufen. Derartiges verweist darauf, dass Ideologietheorie einen materialistischen Begriff von Dummheit entwickeln müsste und der Quatsch, den Murillo entwirft, vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Arbeitsteilung zu bestimmen ist: in der Unwahren Gesellschaft wird das absolut Unwahre und Widersinnige zur Wahrheit. Die absolut krude „Grundunterscheidung“ von Murillo ist also mehr als ein individueller Fehler von Murillos „Tiefenphänomenologie“ und verweist auf ein internes Problem philosophischer Phänomenologie überhaupt: In dem Willen, als prima philosophia die Grundlage für moderne Wissenschaften zu bilden orientiert sie sich an den alltäglichen Gegebenheiten wie sie unmittelbar für den Mensch erscheinen. Bei Husserl ist diese Stoßrichtung zwar auch schon problematisch, aber durchaus noch von einer gewissen Empathie für die Dinge angeregt, die aus sich heraus und nicht erst im Bezug auf etwas Anderes, nämlich die Abstraktionen der Wissenschaft, ihre Bedeutung, ihre Evidenz freigeben sollen. Allerdings wird in der Phänomenologie Unmittelbarkeit mit Wahrheit verwechselt. Wenn bei Heidegger ein fetischhafter Kultus der Unmittelbarkeit herrscht, dann drückt sich darin der Drang aus, das Erste nicht als Philosophie, nicht aus dem Denken her zu bestimmen, sondern – genuin phänomenologisch – in der Welt selbst auszumachen. Es geht um die Realpräsenz der Dinge ohne den verstellenden Umweg über das reflektierende Bewusstsein. Da die Welt aber nach Heidegger in lethargischer Seinsvergessenheit verwest, kann nicht das nun phänomenal offenbar Gegebene, das Tatsächliche, bereits die wahrhaftige Realpräsenz beanspruchen, sondern es scheint wohl verschüttete Bedeutungen zu geben, die als Erste Phänomene, Urphänomene, majestätisch ihren Platz über den Pöbel welthafter Gegenstände zurückerobern sollen. Die Welt soll wieder im Doppelsinn „in Ordnung“ sein. Eine solche Intention verbindet sich hervorragend mit einem notwendig falschen Alltagsbewusstsein, das anzuklagen, aber nicht zu verstehen vermag, das eine rigidere Umsetzung der Ideen an sich in die scheinhafte wirkliche Welt verlangt. Dafür bedarf es hoheitlicher, erster Grundsätze. Sie dürfen aber keine Grundsätze in einem weiteren juristischen Sinne sein, keine Menschenrechte: dann wären sie Produkt des Geistes, an denen das Stigma des Sekundären und Abgeleiteten haftet. Die radikalisierte phänomenologische Absicht braucht hier daher erste Dinge, unverstellt durch den Nebel „rauchender Köpfe“. Dort wo das Denken am wenigsten denkt, scheint das Phänomen in seiner Reinheit bewahrt und von der zersetzenden Wirkung des „Kritikasters“ (Hitler), des reflektierenden Geistes, bewahrt. An diesem Punkt wird Philosophie zur reflexionslosen Affirmation des Scheinbarsten, dem primären Reflex des Menschen auf die ihn umgebende Welt. Er wird aber nicht als solcher Reflex gefasst, sondern als unverstellter Ausdruck der Sache verstanden. In dem Anknüpfen an die unmittelbare Evidenz des Alltags verliert die phänomenologische Deskription kritische Distanz.

Philosophisches Königs- und Führertum

Der Fehler liegt in der Konzeption einer ersten Philosophie selbst. In einer je schon konstituierten Welt kann das Denken nicht anfangen, sondern muss sich als kritische Reflexion der Wirklichkeit in der Gestalt des Fragments vollziehen. Wo die Grundlage praktisch immer schon gelegt ist, bleibt der Philosophie im Wunsch Erste zu sein, nur die Wahl zwischen Fragment oder Pseudo-Grundlage. Als Fragment, das noch nicht ganz erfasst ist, weil es nicht ganz erfasst werden kann – schließlich fehlen einige Teile –, bewahrt sich Philosophie Kritikfähigkeit. In der gesellschaftlichen Aktualisierung fragiler Herrschaftssysteme gibt es nur den erfolgreichsten Konkurrent, kein prinzipiell Erstes. Philosophie, will sie prima philosophia sein, muss schließlich in dieser Wirklichkeit willkürlich ein Prinzip auswählen, das – soll die Philosophie tatsächlich das Erste in der Totalität der Wirklichkeit sein – aus der gesellschaftlichen-gegenständlich-dinghaften und nicht terminologischen Wirklichkeit herausgenommen sein muss; andererseits wäre das Stigma des Geistes zu stark. Gegen diese Willkür der Auswahl muss sich die Philosophie hermetisch abdichten und das Besondere mit der Aura des Allgemeinen, das Fernliegende, das philosophisch als Grundsatz vielleicht sogar kontraintuitiv Erscheinende, mit Nähe ausstatten.
Als rein, echt, urig und primär gibt auch Murillo vorreflexive Empfindungen und Eindrücke aus, die er noch irgendwie mit dem Hauch reflexiver Aktivität zu einem offen abstrusen Zusammenhang zusammenstellt. Gegebenheiten, die sich seinem Zugang entziehen, weil das entsprechende soziologische Rüstzeug fehlt, und sich in der „Welterfahrung – Armut, Ausbeutung, Verzweiflung und Krieg“ – darbieten werden zu Philosophemen erster Güte, weil der Philosoph zu borniert ist, um sie reflexiv zu entschlüsseln und die dadurch entstehende Unverstandenheit des Sachverhaltes als mystische Tiefe und Ursprünglichkeit der Sache selbst vermeint. Die falsche Arbeitsteilung zwischen Soziologie und Philosophie verdichtet sich in Denkprojekten wie in dem von Murillo zu offenbarem Blödsinn.

Mit langer Hand aus dem Elfenbeinturm heraus eingreifend denken

In solchen Fällen ist Philosophie am weiterführendsten und wahrsten, wenn sie von einer Konfrontation mit der Welt – nicht als philosophische Terminologie, sondern als die soziale Wirklichkeit – absieht. Das Denken im Elfenbeinturm ist in einem Zustand wissenschaftlicher Arbeitsteilung und Deprivation des Geistes daher Garant und Chiffre von Wahrheit. Begibt sich Philosophie als isolierte in die Welt, verwechselt sie die Dinge, Sachverhalte, mit Begriffen und Terminologien und verfährt mit jenen wie mit diesen. Umgekehrt ist das in der Soziologie nicht anders: wo es philosophischer Terminologie bedürfte, sollen allzu oft irgendwelche Detailforschungen helfen. Dort, wie die Philosophie aus Sachgründen in die Soziologie hereinbricht und schon formal, als solcher Bruch mit der etablierten Arbeitsteilung, aber auch inhaltlich wesentlich kritisch ist, wehren sich liberale Positivisten und kritische Linke gleichermaßen stur und interessenlos am zur Frage Stehenden gegen den philosophischen Gedanken. Deutlich wird das oft am Ressentiment gegen Kritische Theorie und an der Verwechslung von Wahrheit mit Repression.