Archiv für Juni 2010

Word! Erkenntnisse mit einem Softwareprogramm: über Fremdwörter und die Dialektik der Aufklärung

Im Word-Programm von Microsoft gibt es eine Anzeigemöglichkeit für Synonyme: ein Rechtsklick auf das gewünschte Wort erlaubt es nachzusehen, ob die Software entsprechende Synonyme bereithält. Da sich die Software verwerten soll, ist sie auf den Ausdruckshorizontes eines Kollektivs abgestimmt – ihr sind nicht nur die Schemata des Gängigen eingeprägt, sondern sie ist immer auch Stifterin dessen, wovon die Apologeten des Bestehenden meinen, es hätte sich spontan aus den Massen enthoben: Das Programm und dessen Anzeigefunktion für Synonyme gibt also immer auch vor und legt fest. Bei einigen Wörtern – insbesondere bei Fremdwörtern – bietet das Programm aber keine Vorschläge für Synonyme, das Anzeigefeld für Synonyme bleibt leer, dem Fremdwort fehlt es dann an Bezügen zu anderen, bekannten Wörtern.

Fremdwörter

Es zeigt sich daran der Sinn für die Verwendung von Fremdwörtern. Der Mangel an Synonymen zeigt, dass das Fremdwort es ermöglicht einen Sachverhalt dort adäquat zu be-greifen, wo andere Begriffe fehlschlagen und an der Oberfläche des Gegenstandes abgleiten. Der Mangel anderer, eben synonymer, Begriffe zeigt zudem, dass das Phänomen noch nicht von einem Bataillon an Wörtern um- und belagert ist, das fähig wäre, den Gehalt des Phänomens durch unerbittliche Befeuerung mit Synonymen (die ihre Existenz auf Identität und Nichtidentität mit dem entsprechenden Wort bauen) herauszupressen. In einer solchen Umlagerung des Dinges mit verschiedenen Wörtern steht die erkenntnisstiftende Dialektik von Ding und Begriff in der Variation, der Mannigfaltigkeit des Waffen- und Belagerungsarsenal, still. Im Gebrauch vom Fremdwort ist hingegen nicht der Gegenstand von Begriffen, sondern der Begriff vom Gegenstand umlagert. Das adäquat gebrauchte Fremdwort „passt exakt“, der Wortgebrauch ist unanfechtbar berechtigt, absolut. Diese Absolutheit gleicht aber nicht der absoluten, da von allen Bedingungen losgelösten, Herrschaft, sondern eher einer Selbstzurücknahme, einer Einsamkeit, die von allen Beziehungen zu Bekanntem – also zur Sphäre des Begriffes und der Sprache – losgelöst ist. Das Fremdwort steht einsam in der Gegend der Dinge. In dem exakten „Passen“ des Fremdwortes macht sich das Fehlen anderer Begriffe und dadurch die Reichhaltigkeit des Gegenstandes, der Dinge bemerkbar. Die Exaktheit des Fremdwortes besteht darin, nicht exakt zu sein und Sensibilität für den Reichtum der Sachen zu wecken, der nicht sofort durch das Wort unterdrückt und übertrumpft wird.
Die Fremdwörter haben den Vorzug vorweg schon „fremd“ zu sein, der Immanenz des gegebenen Sprachkreises enthoben zu sein. Das Fremdwort ist frei von einem jargonhaften Beziehungsreichtum zu allem und jedem, in dem die Suche nach dem richtigen Ausdruck durch die Übereinkunft des Kollektivs ersetzt ist und in dem die Fremdheit des Dinges durch das Allbekannte unterdrückt wird. Es fällt daher leichter die Fremdwörter der Transzendenz, der Fremdheit der Dinge gegenüber der Immanenz der Begriffe aufzuschließen, da sie den Hauch des Fremden immer schon mitbringen. Das ist auch der Grund für die ideologische Abwehr der Fremdwörter durch die Ideologie des Kollektivs: nichts Fremdes soll die Mauern der Identität erschüttern, der einmal erworbene Wissensbesitzstand soll gewahrt werden. Das Fremdwort nicht als integriertes Ausdruckmittel aus dem Arsenal der Vergegenständlichungen des Bildungsbürgertums, sondern als Fremdwort ist daher wesentlich kritisch.
Am Gebrauch des Fremdwortes ließe sich der richtige Gebrauch eines jeden Wortes lernen: jeder Begriff müsste mit einem Sensorium für die Nichtidentität der Dinge ausgestattet sein, ein Gespür für die Einzigkeit haben, die dem Fremdwort immer schon eingelegt sind – paradoxerweise dank der Integrationsabwehr durchs Kollektiv. Für ein Gefühl für die Alterität der Dinge müssten die bekannten und mit Kollektivität getränkten Wörter und Begriffe wie eine Wanderin ausziehen und fremd werden, um reichhaltiger zurückzukehren. Nach dieser Rückkehr sind sie dem Kollektiv ebenso enthoben wie die Fremdwörter, sie sind selber welche. Damit überschreitet ihr Gebrauch immer die Grenzen des Bekannten. Sie erhalten ihre Kraft daher, dass sie wesentlich gegen lokale und nationale Identitäten gerichtet sind, indem sie solche fixen Identitäten der Unwahrheit und Immergleichheit, der starren Erkenntnislosigkeit überführen. Sie sind also kosmopolitisch und erst in solcher Gestalt nährten sich die Begriffe einer menschenwürdigen Sprache an.

Dialektik der Aufklärung

Zurück zu Word und der Synonyme-Funktion – also dahin, wo sich am deutlichsten die Dialektik der Aufklärung, also die Selbstausbrennung der Vernunft, die Zurücknahme von Vernunft durch Vernunft, die Zerstörung des ehemals Progressiven zeigt: Die Suche nach Synonymen spuckt für den Begriff „Freiheit“ zunächst „Anarchie“ und dann tatsächlich „Verantwortungslosigkeit“ (sic!) und „Autarkie“ (sic!) aus. In ihrer Regression ist die Vernunft – das ist die hoffnungsvolle Pointe von Adorno und Horkheimer und Bedingung der Möglichkeit des Kommunismus – wenigstens noch ehrlich: Word zeigt treffend den gesellschaftlichen Bedeutungsanspruch des einst utopischen Wortes und die Assoziationsweite, die „Freiheit“ heute weckt. Freiheit ist unter der bürgerlichen Gesellschaft, da sie als Kampfruf gegen die Herrschaft des Adels ihren Dienst getan hat, zur Bedrohung der Herrschaft der Bourgeoise geworden und daher zum anarchischen Schreckensbild allgemeiner Zerstörung gemacht worden; zu etwas, sofern es den Beherrschten gestattet würde, nach allgemeiner Ideologie nur zur „Verantwortungslosigkeit“ führen könne. Allenfalls das angebliche Synonym „Autarkie“, die rechte und im Ganzen konformistische Utopie von souveräner Behauptung in der Weltkonkurrenz, wird von der Herrschaft noch geduldet.

So ließe sich mikrologisch der Gebrauch von Software als Beispiel für die Unterminierung utopischer Bedeutungspotenz durch die Technik in der Hand der herrschenden Klasse lesen.

Ihr wollt ja lieber dichten!

Die Gültigkeit der treffenden Kritik von Marx Freund am Konformismus der Arbeitertümelei, des Arbeitsfetischismus und seinen ideologischen Implikationen (Religion, Ehe, Privatheit, Fortschritt usw.) macht den rasenden Stillstand der bürgerlichen Gesellschaft evident:

Georg Weerth

Arbeite

Du Mann im schlechten blauen Kittel,
Arbeite! Schaffe Salz und Brot!
Arbeite! Arbeit ist ein Mittel,
Probat für Pestilenz und Not.

Arbeite! Rühre deine Arme!
Arbeite sechzehn Stunden so!
Arbeite! Nachts ja lacht das warme,
Das Lager dir von faulem Stroh.

Arbeite! Hast ja straffe Sehnen.
Arbeite! Denk, mit schwangerem Leib
Harrt in der Hütte dein mit Tränen
Ein schönes leichenbleiches Weib.

Arbeite! Gleich der Stirn der Rinder
Ist ja die deine breit und dick.
Arbeite! Deine nackten Kinder,
Die küssen dich, kehrst du zurück.

Arbeite bis die Adern klopfen!
Arbeite bis die Rippe kracht!
Arbeite bis die Schläfen tropfen -
Du bist zur Arbeit ja gemacht!

Arbeite bis die Sinne schwinden!
Arbeite bis die Kraft versiegt!
Arbeite! – Wirst ja Ruhe finden,
Wenn dein Gebein im Grabe liegt.

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