Über die Verbetriebswirtschaftlichung linker Kritik oder: Hamburg sucht die Super-Linken

Es ist im Prinzip keine neue Erscheinung und nicht der langen Rede wert: linke Politgruppen entpuppen sich bei näherem Hinsehen als Disziplinierungsagenturen und nützliche Zwischeninstitutionen auf dem Leidensweg zur Selbstverhärtung und -anpassung des bürgerlichen Individuums.
In so hohem Maße bizarr zeigt sich in dieser Hinsicht aber die Kommunistische Assoziation Hamburg (KAH), dass hier ein paar Worte über sie verloren werden sollen; denn besonders entlarvend ist ihr widerlich selbstgerechter Jargon, der sich fast in keiner Hinsicht vom unternehmerischen Vorbild unterscheidet und durch den sie sich betriebswirtschaftlicher Bewerbungsrationalität angleicht.
So ist die KAH ihrem Selbstverständnis zwar prinzipiell ein offener Zusammenschluss, aber das hindert sie nicht daran, ein elitäres Gehabe zu demonstrieren, dass zu einer linken Burschenschaft passen würde, wenn es sie denn gäbe. Die KAH schreibt:

Aber offen bedeutet eben nicht öffentlich. Die KAH ist keine Gruppe, in die jeder unverbindlich reinschauen und ab und zu mal mitmachen kann.

Also: Verpflichtung, Bindung, Disziplin! Ihrem Selbstverständnis hat die KAH sich nämlich mit Mühe in die edlen Sphären fundierter Kritik hinaufgeschwungen – und das soll die plebejische Masse nicht kaputt machen:

Die Mitglieder der KAH haben sich in den vergangenen Monaten nach langen Diskussionen ein Selbstverständnis erarbeitet; alle verfügen über ein solides Grundwissen über den historischen Materialismus und die Kritik der politischen Ökonomie. Hinter diesen Stand wollen wir nicht zurückfallen.

Wie über ein Besitztum „verfügen“ (sic!) die Mitglieder also über ein solides Grundwissen. Man könnte hier darüber spekulieren, inwiefern die Gruppe ihr „solides Grundwissen“ dem „soliden Handwerk“ ähnlich sieht, das die deutsche Arbeit ehrlich geschaffen hat und nun durch gruppenferne Elemente eine gefährliche Entwertung dieser Gemeinschaftstat ansteht. Unzweifelhaft ist aber die Transformation von Kritik in ein Gut, über das man eben „verfügen“ kann, das selbstgenügsam zum ideellen Wert wird, der sich wiederrum in tollen Texten oder Wissensbeständen der Gruppe verwerten lassen soll und so schließlich zur Kultur vergeistigt und mit völliger Ohnmacht geschlagen ist.
Wirklich ekelhaft wird es, wenn die Gruppe wie eine exklusive Geheimgesellschaft ihren Stand auf der Fortschrittstreppe – analog zum akkumulierten Wissensschatz – durch Menschen, die mit weniger Wissensreichtum ausgestattet sind, gefährdet sieht:

Hinter diesen [solides Grundwissen und so…] Stand wollen wir nicht zurückfallen. D.h. Leute, die an einer Mitarbeit interessiert sind, können zwar einsteigen, uns ist aber sehr wichtig, dass sie bestimmte Voraussetzungen erfüllen: Sie sollen unsere politische Agenda teilen, Erfahrungen in linken Organisationen oder Parteien vorweisen können, Das Kapital und möglichst noch andere MEW gelesen haben …

„Voraussetzungen erfüllen“, „Erfahrungen vorweisen können“; man könnte meinen das Arbeitsamt führe in radikalen Kreisen kleine Subunternehmen: Ganz offensiv beschreibt sich die KAH als Kontroll-, Prüf- und Selektionsinstanz von Wissen und Erfahrungen in einem Milieu, dessen Ideal einmal Spontaneität, (relative) Autonomie und Selbstorganisation war.
All das wird ersetzt durch spontane Kontrolle, autonomes Aussortieren und selbstorganisierte Bewerbungsverfahren, also Herrschaftsmechanismen von unten, die schon mal an die Verwaltungsapparate von oben gewöhnen. Das einzige, was die Gruppe hier wirklich vortrefflich leistet ist die schamlose Darstellung oft unterschwelliger Bildungs- und Wissenschauvinismen linker Kreise, in denen man um akzeptiert zu werden eben „Das Kapital und möglichst noch andere MEW gelesen haben“ muss.
Dieses ganze Elend kumuliert bei der KAH dann in der Aufforderung an InteressentInnen, ein kleines Bewerbungsschreiben zu verfassen:

Für alle, die von diesen Bedingungen nicht abgeschreckt sind [sprich: Für alle die also hart genug für die KAH sind und die vorselektive Abschreckung meistern konnten:] Wenn Ihr Euch in der KAH organisieren wollt, schreibt uns, wer Ihr seid, in welchen politischen Bereichen Ihr bisher tätig seid/wart, an welchen Themen und Projekten Ihr zurzeit arbeitet, warum Ihr Euch der KAH anschließen wollt und welche Erwartungen und Bedingungen Ihr an ein Mitwirken bei uns knüpft.

Alle, die diese Vorrunde des grotesken Polit-Castings bestanden haben werden dann zum Geheimtreff in Hamburg eingeweiht:

Wir werden uns bei allen melden, die sich ernsthaft interessiert zeigen, und Euch Ort und Zeit für ein Informationstreffen der KAH in Hamburg mitteilen.

Politsekte ick hör dir trapsen; es ist einfach lächerlich.
Jenseits der Polemik und abgesehen von der erheiternden unfreiwilligen Komik der pseudorevolutionären Speerspitze KAH gibt es aber eine doch recht ernste Ebene. Die realitätsgerechte Selbstformierung ist nicht nur ein Manko von diesem bescheuerten Linkskarrierismus der KAH. Vielmehr drückt sich in der Mimesis der Kritik ans Kritisierte ein machtvoller Inklusionsmechanismus der bürgerlichen Gesellschaft aus: Dem Spektakel der Wirklichkeit ist in der Kritik offenbar nur beizukommen durch eine ungebrochene Angleichung an eben diese Wirklichkeit.


8 Antworten auf “Über die Verbetriebswirtschaftlichung linker Kritik oder: Hamburg sucht die Super-Linken”


  1. Gravatar Icon 1 crull 31. Januar 2010 um 20:57 Uhr

    Was ist das denn für eine komische Kritik? Zwar ist deren Selbstverständnis tatsächlich etwas eigenartig, aber mehr als Überschätzung ihrer Attraktivität für geschulte Marxisten ist ihnen kaum vorzuwerfen. Wer sich wie die organisiert hat, will seine Assoziation eben nicht aufgeweicht wissen durch irgendwelche Leute, die z.B. aus Distinktionsgründen ihrer Gruppe beitreten wollen oder andere sachfremde Motivation hat. Da sind sie zudem angenehm ehrlich, gewisse Kenntnis der kommunistischen Klassiker vorauszusetzen, statt verlogen auf Bauernfang zu gehen. Du dagegen konfrontierst sie mit deinen Idealen von „Spontaneität, (relative) Autonomie und Selbstorganisation“, ohne nach den Zwecken der KAH zu fragen und ob deine Ideale mit diesen überhaupt vereinbar bzw. diesen förderlich wären. Und die beiden letzten Zitate wirken wenigstens auf mich so, als stünde da die Befürchtung der Infiltration durch Spitzel im Raum, der vorgebeugt werden soll. Finde das meinetwegen übertrieben, aber „ein machtvoller Inklusionsmechanismus der bürgerlichen Gesellschaft“ schwingt da nicht mit, das denkst allein du dir da rein.

    Über Sinn und Zweck der KAH ist damit noch gar nichts gesagt, aber deine Kritik taugt einfach nichts.

  2. Gravatar Icon 2 schorsch 31. Januar 2010 um 21:16 Uhr

    Deine Kritik an meiner ist aber wenigstens genauso komisch: jetzt wirfst du mir vor, dass ich nichts über die Zwecke der KAH aussage, wo es mir aber doch grade um die Art und Weise, also das Mittel, geht, mit der die KAH ihre Zwecke erreichen will; und das Mittel ist eben eine straffe Kaderorganisation, die sich anscheinend eben so rigoroser und exkludierender Mechanismen bedient, wie irgendwelche Unternehmen bei der Bewerbung. Und da ist es doch wirklich fraglich, ob dabei etwas Emanzipatorisches rauskommen kann. Die Angst vor Spitzeln ist ja okay – ich habe das ja auch absichtlich polemisch überspitzt, aber die angenehme Ehrlichkeit, die du ihnen nachsagst, klingt für mich einfach elitär. Es ist vor allem die Sprache die ich so symptomatisch fand; da geht es doch wirklich gar nicht mehr um Kritik oder ums Argument, sondern darum halt irgendwie eine hochtheoretische Gruppe zu werden – ich will ja gar nichts dagegen sagen, sich viel und lange mit Texten auseinanderzusetzen usw. aber bei denen wird das zum Selbstzweck, der sich auch irgendwie wieder ums Ziel bringt, indem davon Leute ausgeschlossen werden.

  3. Gravatar Icon 3 crull 31. Januar 2010 um 21:54 Uhr

    Anscheinend wollen sie ihre (personellen) Möglichkeiten nicht dafür nutzen, Leute agitatorisch anzuwerben und auf ihre theoretisches level zu bringen. Daher erwarten sie Vorbildung, um vom erreichten Stand weiter zu kommen. Das finde ich nicht elitär, das ist dann eine organisatorische Sache, die dem Zweck entspricht. Und daß man beispielsweise nicht mit dem K3 anfängt, wenn man K1 und K2 nicht kennt, liegt doch in der Natur der Sache begründet. Genau das sagen die, etwas schroff zwar, aber einen Fehler erkenne ich darin nicht (vorausgesetzt man will das erreichen, was die wollen). Und wenn man das hier liest, klingt das nicht nach einer hochtheoretischen Gruppe als Selbstzweck, sondern mehr nach dem Verschweigen der eigenen Schwierigkeiten, agitatorisch effektiv auftreten zu können. Kein Wunder natürlich nach erst ca. 6 Monaten Existenz. Seltsam kommt mir allerdings auch da deren Hang zur Selbstüberschätzung vor, der da wieder mitschwingt.

    Jetzt wieder zu deiner Antwort:

    „jetzt wirfst du mir vor, dass ich nichts über die Zwecke der KAH aussage, wo es mir aber doch grade um die Art und Weise, also das Mittel, geht, mit der die KAH ihre Zwecke erreichen will; und das Mittel ist eben eine straffe Kaderorganisation, die sich anscheinend eben so rigoroser und exkludierender Mechanismen bedient, wie irgendwelche Unternehmen bei der Bewerbung. Und da ist es doch wirklich fraglich, ob dabei etwas Emanzipatorisches rauskommen kann.“

    Mir ist überhaupt nicht klar, wie du von Kaderorganisation auf Unternehmen kommst. Das Gemeinsame, das du benennst, ist schlußendlich nur: Organisation. Aber wieso sollte man denn jemandem Organisation vorwerfen? Verstehe ich nicht. Wenn dir nicht paßt, was die KAH sich so denkt oder was die vorhat, dann kritisiere doch das. Aber denen Ähnlichkeit mit Firmen vorzuwerfen ist… „grotesk“, weil du weder etwas Inhaltliches gegen Unternehmen noch gegen Kaderorganisation vorbringst.

  4. Gravatar Icon 4 Entdinglichung 01. Februar 2010 um 12:25 Uhr

    Superlinke … so hat in den 1970ern der KB (bzw. seine Vorläufer) immer die KPD/ML genannt

  5. Gravatar Icon 5 schorsch 01. Februar 2010 um 17:15 Uhr

    Die KAH zeigt eben, dass sich die Geschichte auch immer als Farce wiederholt. ;)

    Eigentlich sollte der Titel eher eine Abwandlung des Namens vom Casting-Vorbild der KAH sein, die „Super-‘linken‘“ waren mir bisher kein Begriff.

  6. Gravatar Icon 6 Entdinglichung 01. Februar 2010 um 17:43 Uhr

    btw.: wenn ich so eine halb-klandestine KaderInnen-Org aufbauen wollen würde, dann würde ich nicht über den Jahrmarkt der Eitelkeiten namens Internet nach Mitgliedern werben sondern da anders – vorsichtiger – vorgehen … aber dass hat die KAH wohl gerade nicht bedacht, ebensowenig dass die Abkürzung KAH in den 1980ern von einer Faschoorganisation verwendet wurde und dass viele, die schon vor rund 20 Jahren aktiv waren bei diesem Akronym sofort an letztere denken

  7. Gravatar Icon 7 Blurp 02. Februar 2010 um 14:16 Uhr

    „Für alle, die von diesen Bedingungen nicht abgeschreckt sind: Wenn Ihr Euch in der KAH organisieren wollt, schreibt uns, wer Ihr seid, in welchen politischen Bereichen Ihr bisher tätig seid/wart, an welchen Themen und Projekten Ihr zurzeit arbeitet, warum Ihr Euch der KAH anschließen wollt und welche Erwartungen und Bedingungen Ihr an ein Mitwirken bei uns knüpft.“

    Am besten noch handschriftlich? Also das hört sich nach Arbeitserleichterung für VS oder BKA an. Welcher halbwegs vernünftige Linke würde freiwillig Fremden ein schriftliches Dokument über die eigene „Verfassungsfeindlichkeit“ abliefern? Gefährlich wäre das nicht nur, wenn die KAH eine reine Briefkastenfirma des VS wäre. Der VS braucht nur die Emails zu lesen und den Briefkasten zu kontrollieren.

  8. Gravatar Icon 8 schorsch 08. Februar 2010 um 19:02 Uhr

    @ Entdinglichung und Blurp: ihr habt, Recht Angst und Vorsicht bezüglich Verfassungsschutz hat die KAH echt nicht – das kann daher auch nicht Grund für ihre komischen Einstellungshürden sein.

    @Crull: deine Ignoranz bzgl. der Form ist m.E. nach grundfalsch. Ausführlicher die nächsten Tage/Wochen.

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