Archiv für Januar 2010

Über die Verbetriebswirtschaftlichung linker Kritik oder: Hamburg sucht die Super-Linken

Es ist im Prinzip keine neue Erscheinung und nicht der langen Rede wert: linke Politgruppen entpuppen sich bei näherem Hinsehen als Disziplinierungsagenturen und nützliche Zwischeninstitutionen auf dem Leidensweg zur Selbstverhärtung und -anpassung des bürgerlichen Individuums.
In so hohem Maße bizarr zeigt sich in dieser Hinsicht aber die Kommunistische Assoziation Hamburg (KAH), dass hier ein paar Worte über sie verloren werden sollen; denn besonders entlarvend ist ihr widerlich selbstgerechter Jargon, der sich fast in keiner Hinsicht vom unternehmerischen Vorbild unterscheidet und durch den sie sich betriebswirtschaftlicher Bewerbungsrationalität angleicht.
So ist die KAH ihrem Selbstverständnis zwar prinzipiell ein offener Zusammenschluss, aber das hindert sie nicht daran, ein elitäres Gehabe zu demonstrieren, dass zu einer linken Burschenschaft passen würde, wenn es sie denn gäbe. Die KAH schreibt:

Aber offen bedeutet eben nicht öffentlich. Die KAH ist keine Gruppe, in die jeder unverbindlich reinschauen und ab und zu mal mitmachen kann.

Also: Verpflichtung, Bindung, Disziplin! Ihrem Selbstverständnis hat die KAH sich nämlich mit Mühe in die edlen Sphären fundierter Kritik hinaufgeschwungen – und das soll die plebejische Masse nicht kaputt machen:

Die Mitglieder der KAH haben sich in den vergangenen Monaten nach langen Diskussionen ein Selbstverständnis erarbeitet; alle verfügen über ein solides Grundwissen über den historischen Materialismus und die Kritik der politischen Ökonomie. Hinter diesen Stand wollen wir nicht zurückfallen.

Wie über ein Besitztum „verfügen“ (sic!) die Mitglieder also über ein solides Grundwissen. Man könnte hier darüber spekulieren, inwiefern die Gruppe ihr „solides Grundwissen“ dem „soliden Handwerk“ ähnlich sieht, das die deutsche Arbeit ehrlich geschaffen hat und nun durch gruppenferne Elemente eine gefährliche Entwertung dieser Gemeinschaftstat ansteht. Unzweifelhaft ist aber die Transformation von Kritik in ein Gut, über das man eben „verfügen“ kann, das selbstgenügsam zum ideellen Wert wird, der sich wiederrum in tollen Texten oder Wissensbeständen der Gruppe verwerten lassen soll und so schließlich zur Kultur vergeistigt und mit völliger Ohnmacht geschlagen ist.
Wirklich ekelhaft wird es, wenn die Gruppe wie eine exklusive Geheimgesellschaft ihren Stand auf der Fortschrittstreppe – analog zum akkumulierten Wissensschatz – durch Menschen, die mit weniger Wissensreichtum ausgestattet sind, gefährdet sieht:

Hinter diesen [solides Grundwissen und so…] Stand wollen wir nicht zurückfallen. D.h. Leute, die an einer Mitarbeit interessiert sind, können zwar einsteigen, uns ist aber sehr wichtig, dass sie bestimmte Voraussetzungen erfüllen: Sie sollen unsere politische Agenda teilen, Erfahrungen in linken Organisationen oder Parteien vorweisen können, Das Kapital und möglichst noch andere MEW gelesen haben …

„Voraussetzungen erfüllen“, „Erfahrungen vorweisen können“; man könnte meinen das Arbeitsamt führe in radikalen Kreisen kleine Subunternehmen: Ganz offensiv beschreibt sich die KAH als Kontroll-, Prüf- und Selektionsinstanz von Wissen und Erfahrungen in einem Milieu, dessen Ideal einmal Spontaneität, (relative) Autonomie und Selbstorganisation war.
All das wird ersetzt durch spontane Kontrolle, autonomes Aussortieren und selbstorganisierte Bewerbungsverfahren, also Herrschaftsmechanismen von unten, die schon mal an die Verwaltungsapparate von oben gewöhnen. Das einzige, was die Gruppe hier wirklich vortrefflich leistet ist die schamlose Darstellung oft unterschwelliger Bildungs- und Wissenschauvinismen linker Kreise, in denen man um akzeptiert zu werden eben „Das Kapital und möglichst noch andere MEW gelesen haben“ muss.
Dieses ganze Elend kumuliert bei der KAH dann in der Aufforderung an InteressentInnen, ein kleines Bewerbungsschreiben zu verfassen:

Für alle, die von diesen Bedingungen nicht abgeschreckt sind [sprich: Für alle die also hart genug für die KAH sind und die vorselektive Abschreckung meistern konnten:] Wenn Ihr Euch in der KAH organisieren wollt, schreibt uns, wer Ihr seid, in welchen politischen Bereichen Ihr bisher tätig seid/wart, an welchen Themen und Projekten Ihr zurzeit arbeitet, warum Ihr Euch der KAH anschließen wollt und welche Erwartungen und Bedingungen Ihr an ein Mitwirken bei uns knüpft.

Alle, die diese Vorrunde des grotesken Polit-Castings bestanden haben werden dann zum Geheimtreff in Hamburg eingeweiht:

Wir werden uns bei allen melden, die sich ernsthaft interessiert zeigen, und Euch Ort und Zeit für ein Informationstreffen der KAH in Hamburg mitteilen.

Politsekte ick hör dir trapsen; es ist einfach lächerlich.
Jenseits der Polemik und abgesehen von der erheiternden unfreiwilligen Komik der pseudorevolutionären Speerspitze KAH gibt es aber eine doch recht ernste Ebene. Die realitätsgerechte Selbstformierung ist nicht nur ein Manko von diesem bescheuerten Linkskarrierismus der KAH. Vielmehr drückt sich in der Mimesis der Kritik ans Kritisierte ein machtvoller Inklusionsmechanismus der bürgerlichen Gesellschaft aus: Dem Spektakel der Wirklichkeit ist in der Kritik offenbar nur beizukommen durch eine ungebrochene Angleichung an eben diese Wirklichkeit.