Archiv für Dezember 2009

Über den Film „2012″

Die Menschheit, die einst bei Homer ein Schauobjekt für die Olympischen Götter war, ist es nun für sich selbst geworden. Ihre Selbstentfremdung hat jenen Grad erreicht, der sie ihre eigene Vernichtung als ästhetischen Genuß ersten Ranges erleben läßt. Walter Benjamin

Diese Sätze von Walter Benjamin zum „Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“ lesen sich wie eine Kritik an der „Mutter aller Katastrophenfilme“ in nuce. Was Walter Benjamin als Ästhetisierung der Politik begreift ist aber vielleicht nicht mehr aktuell. Es wäre interessant zu prüfen, ob nicht heute selbst die Ästhetisierung der Politik überholt wird. Die Politik im weitesten Sinne schleicht sich auf kaum beschreibbare Weise wieder in die Ästhetisierung ein. Allerdings nicht als eine Rücknahme der Ästhetisierung und Politisierung der Kunst, die Benjamin in der kommunistischen Antwort auf den Faschismus sah. Die Politisierung der Kunst gestaltet sich heute als eine problematische Belebung des ästhetischen Materials, durch eine Amalgamierung von Politik und Kunst, ohne dass ihre Trennung überwindet wird. Die Kunst reproduziert als solches Amalgam den Common Sense und bestätigt Stereotypen und Erwartungen. Sie ist blind für die innerästhetischen Konsequenzen, die sie – auch als Ästhetisierung der Politik – ziehen müsste. Vielleicht weil die Gesamtheit der Kunst nicht mehr die Gänze des Politischen durchdringen und verdecken kann. Weder Politik noch Kunst können in völlige Deckung gebracht werden, sie sind zueinander inäquivalent. Möglicherweise ist die Bedingung der Möglichkeit einer Ästhetisierung von Politik nicht mehr erfüllt, weil Kunst (und Politik) heute in einem Maße selbstreferentiell ist, dass ihr Anderes – die Politik – zwar mit der für es fremden Maßgabe des Ästhetischen überzogen werden kann. Darüber hinaus entwickelt die Kunst allerdings unmittelbar als Ästhetisierung der Politik Formen der Reflexivität, die nicht in Ästhetisierung der Politik aufgehen, sondern Innerästhetisch sind. Dieses in diesem Überschuss vielleicht subversive Potential wird wiederrum beschnitten; die Blindheit für die innerästhetische Konsequenz – nämlich ihre Reflexivität – wird durch die höchst difizile Entwicklung von Stereotypen, Klischees usw. verhindert. Allerdings glaube ich, dass nicht einfach die Reflexivität von Kunst durch Reglements eingedämmt wird. Vielmehr ist das, was heute im Kino zu sehen ist, eigentlich gar keine Kunst mehr, sondern ist gänzlich und irreversibel darin aufgegangen Herrschaftsinstrument und Verwaltungsmittel zu sein. Es wäre zu fragen, ob das, was mit einem traditionell Behafteten Schleier noch dem Bereich des Ästhetischen und der Kunst eingeordnet wird, eigentlich nicht mehr dort hineinpasst, sondern als neue Form von Herrschaft zu begreifen ist – jenseits von Kunst und vielleicht auch jenseits von Politik. Wenn das der Fall wäre, dann passt der Begriff der Kunst und Kunstkritik nicht mehr auf diese neue Erscheinung – die vielleicht nicht mal mehr ein Amalgam von Politik und Kunst ist, die sich in diesem Amalgam wechselseitig beschneiden, sondern in sich Kunst und Politik als eigenständige Formen vernichtet hat. Dann wäre auch die Kulturindustriethese durch die Geschichte überholt. Ihre Prämisse, nämlich der „objektiv den Produkten innwohnender Anspruch, ästhetische Gebilde und damit gestaltete Wahrheit zu sein“ (DDA, Vorrede), wäre überholt – und eben vielleicht nicht als billige Ausrede der Kulturindustrie, sondern als realer Vorgang. Was in „2012“ gezeigt wird, etwa die plumpe Apologie der Familie – eigentlich ist der Film nur eine Verkettung des Gängigen – , ist Ausdruck der Entwicklung von Herrschaft, die meines Dafürhaltens tatsächlich idealistisch aufgeladen wird, wenn ihr noch die kunstgebundene Kategorie der Kulturindustrie zugewiesen wird.
Wenn dem so wäre, dann wäre es sozusagen umso schlechter für die Wirklichkeit, dass die Kulturindustriekritik nicht mehr aktuell ist.