Archiv für September 2009

Militarismus von Links

Über die realitätstüchtige Brutalität von Henryk M. Broder, „Junger Welt“ und insbesondere der „Bahamas“.

In der aktuellen Bahamas stellt ein Thomas Becker einige Gedanken über das „Piratenproblem“ an. Die Unmöglichkeit der „Lösung“ des „Piratenproblems“ sei bei der derzeitigen fehlender militärischen Härte derjenigen aussichtslos, für die Piraterie ein zu bekämpfendes Problem darstellt. Eben jener Autor schreibt in der Bahamas Nr. 57 über die „Koalition der Unwilligen“ in Afghanistan und stellt militärstrategischen Überlegungen vor, die er sicherlich noch als ideologiekritische Reflexion verkaufen würde. In aller Armut an Hintergrundinformationen wird die Bedeutung us-amerikanischer „Provincial Reconstruction Teams“ als nutzloser Ballast verworfen und die Politik der Regierung Obama als „Kuschelkurs am Hindukusch“ diffamiert. Die Intensität der Arbeit solcher Aufbauhilfen ist natürlich lächerlich gering. Allein schon deshalb ist ihr relativer Nutzen für den Frieden eher klein. Zudem führen sie aber schon ihre vorgebliche Aufgabe, die Bedürfnisbefriedigung von Zivilisten, als Ideologie mit, der Becker anscheinend aufsitzt: der Aufbau, der tatsächlich in größerem Maße forciert wird, dient nämlich in erster Linie der militärischen Infrastruktur.

Um das Ziel seiner Überlegungen, der Beweis einer Notwendigkeit eines Militärschlages, noch weiter zu plausibilisieren führt Becker ein Charakteristikum ein, das die Taliban ebenso wie die nationalsozialistische Ideologie beschreibe. Becker entdeckt dies in einem „Nimubs der Unbesiegbarkeit“. Er schreibt: „Von dem Wahn der Weltherrschaft motiviert und beseelt von einer Ideologie der Siegesgewissheit durch gottgegebene Überlegenheit, fallen militärischer Erfolg und ideologische Stärke zusammen.“ Becker denkt offenbar tatsächlich, er hätte damit die Verwandtschaft des Jihad mit der nationalsozialistischen Ideologie adäquat bezeichnet; auch wenn man vielmehr meinen könnte, der Autor habe eigentlich eher den Geist der US-amerikanischen Außenpolitik – polemisch vielleicht etwa überspitzt aber doch treffend – beschrieben.
Jede Diplomatie, die natürlich im Zeichen westlicher Interessen steht, erhält angesichts der Brutalität und Grausamkeit des Krieges in Afghanistan mehr Recht, als ihr an sich gebührt. Doch durch die Krude Identifikation der islamischen Idee des Jihad mit einer bestimmten kriegerischen Formulierung des Jihad, die wiederrum mit der nationalsozialistischen Ideologie gleichgesetzt wird, erscheint dem Autor alles Verhandeln und Reden als ein westlicher Schwächeanfall und Ausdruck einer „Lust am Einknicken“, die Broder unheilvoll als Menetekel beschwört. Der damit verbundenen Propaganda der Härte und Intoleranz, die sich realistisch, aufgeklärt, sogar noch freiheitlich gibt, erscheint der Geist des Pazifismus nur noch als sinnloses Geplapper, das – so suggeriert diese gefährliche Ideologie – besser früh als spät ausgebrannt gehöre, wenn der Westen nicht in die Hand des jeweiligen Feindbildes geraten will. Es ist erschreckend, wie sich solche Mahnung der Selbsterhaltung ans eigene Kollektiv gegen aufklärerische Friedensideale richtet. Die Bestialität und Härte, die sie dem Feindbild zuschreibt, um sich in Abgrenzung dazu zu konstituieren, nimmt eine solche Mahnung schließlich selber an und merkt das nicht mehr einmal. In solcher Verähnlichung werden alle vermeintlichen Unterschiede zwischen einem als fremd identifizierten Aggressor und der als eigenen vorgestellte „Kultursphäre“ irrational. Der behauptete Universalismus verkommt zu einer exklusiven Partikularität, welche nur noch die Identität eines Kollektivs und dessen Abgrenzungsbedürfnisse halbwegs rationalisieren soll: so sagt Broder einmal, wenn Mädchen in Riad mit einem Augenschlitz herumlaufen habe er damit kein Problem, aber hier wolle er das nicht sehen (Broder bei Radio Bremen).

Diese Ideologie, die sich kritisch und ungemütlich gibt, hat sich eigentlich völlig realitätsgerecht zurechtgemacht. Sie unterfüttert den „War on Terror“ mit einer Ideologie, die zu der von Sittenwächtern und Bürgerwehlern passt, die das Andere ausgrenzt, weil es mit dem Allgemeinen nicht identisch ist. Diese Übernahme der Grausamkeit der Realität drückt sich auch in dem brutalen Jargon des Bahamas-Autors aus, dem offenbar das Vermögen abhanden gekommen ist, über die eigene Unerbittlichkeit zu erschrecken. So schreibt er abfällig über einen „europäischen Versöhnungsjargon“, der sich in der Halluzination des Autors in Gestalt Barack Obamas des amerikanischen Geistes bemächtigt hätte. Es ist dabei überhaupt nicht problematisch, dass der Autor Europa denunziert, sondern dass sich Europa für ihn durch pazifistische Versöhnungsumtriebe auszeichne. Erstens widerspricht das völlig der europäischen Wirklichkeit, zweitens bedeutet damit seine Kritik an dem, was für ihn Europa darstellt, die Schmähung der Utopie des Friedens.
Folgerichtig fürchtet er auf US-amerikanischer Seite, dass sich die „Unwilligen (sic!) ihrer Überzeugung bestärkt fühlen, dass der Krieg falsch ist und so schnell wie möglich beendet werden muss“. Weiterhin gibt er über die Wirkung des „Kuschelkurses“ zu bedenken: „Die stärkste Wirkung wird man vielleicht bei den Jihadisten beobachten können, die sich darin bestätigt fühlen können, dass ihr Gegner keinen Durchhaltewillen hat.“ In solcher Formulierung gleicht er sich dann wirklich vollends der Ideologie der Brutalität und Härte an, der Skrupel als Schwäche erscheint.

In dem jargonhaften Texttypus, in dem der Autor von polit-ökonomischen Interessen, die einen wirklichen Friedensprozess behindern, gar nichts wissen will, sondern lieber devot irgendwelche Militärs zitiert, um ihren realpolitischen Gestus der Härte zu imitieren und in der islamistischen Ideologie Nationalsozialismus zu erkennen meint, erscheint dem Autor alles verweichlicht, was nicht unerbittliche Kriegsführung fordert. Eine solche Verstrickung in realpolitische Konstellationen, die nicht mehr zu einem negatorischen „Weder-Noch“ fähig ist, findet sich auch beim Erzfeind der Bahamas. In einer ähnlich dümmlichen Parteinahme für irgendwelche Akteure auf dem Interessensparkett internationaler Staatenkonkurrenz sprachen Redner auf einer Palästina-Solidaritätsveranstaltung in Berlin im Januar dieses Jahres, die von der Jungen Welt wohlwollend zitiert wurden. Eine linke Bewegung solle etwa laut Domenico Losurdo (angeblich Philosoph) „auch Ländern wie China und Rußland“ internationale Solidarität zollen, weil diese „dem ‚wahnwitzigen Plan Washingtons‘ Widerstand leisten, die US-Herrschaft weltweit durchzusetzen“ (Losurdo). Weiterhin hieße „Antiimperialismus und Gegenwehr“ heute, „alles zu unterstützen, was die USA und die NATO schwächt“ (Sara Flounders vom International Action Center in New York).
Das ist das gleiche reaktionäre Politikgeschwafel, zu dem auch Bahamas Autoren fähig sind, nur dass sich die beiden Antagonisten – Bahamas und Junge Welt –für je ein anderes Souverän entschieden haben. Sowas kommt wohl dabei heraus, wenn sich ein linkes und kritisches Verständnis von der eigenen Ohnmacht und der Macht der anderen dumm machen lässt.

Einen völlig unkritischen Bericht über die Palästina-Solidaritätsveranstaltung findet sich hier: „Recht auf Widerstand“. Dort lassen sich auch die antisemitischen Ausfälle der zitierten Rednerin nachlesen, die von dem Publikum beklatscht wurden.

Der Text von Thomas Becker über „Die Koalition der Unwilligen“ findet sich in der Bahamas Nr. 57.

In eigener Sache

In eigener Sache: Ich suche eine Quelle. Irgendwo schreibt Adorno ungefähr, die Marxsche Wertformanalyse sei das Wichtigste oder Wertvollste, was kritische Gesellschaftstheorie habe. Meiner Erinnerung zufolge, findet sich das Zitat in Helmut Reichelt: „Neue Marx-Lektüre. Zur Kritik sozialwissenschaftlicher Logik.“ Dort finde ich es allerdings nicht mehr. Wer kann mir weiterhelfen und mir das genaue Zitat und die Quelle verraten?

Fürs Poesiealbum der Revolutionärin und des Revolutionärs

„Nur wer das Neueste als Gleiches erkennt, dient dem, was verschieden wäre.“ Theodor W. Adorno

Ruhm und Ehre

Deutsches Heldentum: letzten Dienstag ist in Berlin das Ehrenmal der Bundeswehr eingeweiht worden.

Bullshit

Für die ideologiekritische Konferenz grenzte sich die Bahamas mit ihrem ideologiekritischen Geltungsanspruch von ihrer antideutschen Genesis ab. An bestimmen Formen des antideutschen Proamerikanismus kritisiert sie daher, dass er „zwischen dem, was die amerikanische Gesellschaft in Rudimenten noch verspricht und jenen durchaus orientalischen Zügen (sic!), die auch dort um sich greifen, nicht mehr unterscheiden (willl)“ (Justus Wertmüller: Ideologiekritisch und sonst nichts.
Drei notwendige Vorankündigungen zur Konferenz.)