Über Philosophie

Mit dem letzten Text auf meinem Blog habe ich offenbar etwas Belustigung hervorgerufen, was wohl an dem etwas rätselhaften Texthintergrund lag. Ich selber sehe in dem letzten Text eher einen – sicherlich gewagten und fragwürdigen – Versuch, anstelle einer abschließenden Begründung und Klärung. Einige Überlegungen, die mich motiviert haben, einen solchen Text zu schreiben.
Mit der Beschränkung auf das Offenbare ist nichts geschafft. Das Faktum steht nicht alleine objektiv im Raum, sondern ist in einer bestimmten Weise dem erkennenden Subjekt vermittelt. Diese Vermittlung ist kein bloß mechanisch ablaufender Prozess bewusstseinspsychologisch zu entdeckender Strukturen, sondern verläuft vor dem Hintergrund eines gesellschaftlichen Konstitutionszusammenhanges. Die Klärung von diesem Zusammenhang ist das Ziel kritischer Theorie und nach wie vor meisterhaft durch Karl Marx im Kapital durchgeführt. Der Objektivitätsanspruch zumindest der Geisteswissenschaften ist eine Ideologie, weil sie ihre Untersuchungen in einer immer schon konstituierten Welt durchführen, die als Fundament der Untersuchungen unbefragt im Hintergrund aktiv ist und durch die vorgeblich reine Sprache der Fakten vernebelt wird.
Der wissenschaftliche Glaube an Objektivitäten die direkt aus den Fakten heraus sprechen würden, führt zu Idealisierungen der Faktenwelt. Diese Idealisierungen und Verallgemeinerungen, die den Objektivitätsanspruch der Wissenschaft legitimieren, sind aber gedanklich vermittelt: der Gedanke an bestimmte Parallelitäten, Widersprüche, Übereinstimmungen – auch von Fakten – lässt sich nicht ins Letzte rechtfertigen. Wäre er von Anfang bis Ende vollends erklär- oder rückführbar, böte er keine Erkenntnis, dann wäre er wirklich ein Herumspielen mit dem Identischen. So stark sich Wissenschaft auch darum bemüht, universale Selbstbegründungen zu liefern, bestimmte aporetische Grundkonstellationen werden nie ausgemerzt. Dem entspricht der Denkverlauf: das Denken ist kein laufender Rechenapparat, sondern ein unsicheres Tasten, Schätzen und Ausprobieren, Philosophie. In der Wissenschaft wird diese philosophische konzentrische Weite des Gedankens ausradiert und in ein System trügerischer Genauigkeit gepresst. Die Präzision der philosophischen Gedanken hingegen wird durch Ungenauigkeit geschärft, weil sie nicht auf eng definierten Raum zu einem Einzelnen begrenzt werden, sondern im Einzelgegenstand den Bezug aufs Ganze verdeutlichen. Die Einbettung von Phänomen in einen gesellschaftlichen Konstitutionszusammenhang kann so erst das Erkennen einer gesellschaftlichen Totalität ermöglichen. So kristallisiert jeder Gegenstand die Beziehung zu anderen Gegenständen, seine Zeitlichkeit, Ambivalenzen und Umschlagstendenzen an. Dadurch ist auch das praktische Veralten noch realer Begriffe offen gehalten. Der Wahrheit wird auf diese Weise ein „Zeitkern“ (Adorno/Horkheimer) zugesprochen und so die Praxis als Freiheit der Veränderung und Verwirklichung beschädigter Wahrheit erkannt.

In diesem Sinne ist der letzte Text in diesem Blog zu verstehen. Im unmittelbaren Anknüpfen an die Gänge der Assoziation und Überlegung unterlässt er die nachholende Rationalisierung der Wissenschaft bewusst und hofft so Erkenntnisbereiche freizulegen. Ein solcher Text ist daher immer auch ein Experiment und ich sehe selber ein, dass einiges gewagt, ersponnen und maniriert erscheinen mag; etwa die Analogien des Kindes. Das ist aber der Versuch, die vielfältigen Dimensionen und Einbettungen des tätigen Denkens nicht als irrationales Beiwerk abzuschneiden, sondern als mögliche Gedankenzentren zu fokussieren. Daher hält sich auch diese Kind- und Schloss-Analogie durch: nicht weil ich im Nachhinein den Gedanken suggestiv als Bild unmittelbarer dem Leser aufdrängen will, sondern weil ich in diesem Bild gedacht habe.
Es ist doch so, dass der gängige wissenschaftliche Diskurs bestimmte Gedankendisziplinierungen abverlangt, also nur bestimmte Formen und Figuren des Denkens zulässt. Ich habe den Eindruck, dass aber diese Figuren in diesem Diskursstil (der sich zusätzlich in der Selbstzuschreibung, Wesensform des Denkens selbst zu sein, verschleiert) auf einem Boden beruhen, der unthematisch immer im Hintergrund bleibt, aber im veröffentlichten und diskurskonformen Produkt durchgestrichen ist, nämlich eben dem philosophischen Boden des Spekulativen, Ungefähren, Übertriebenen usw. Sicherlich muss sich ein Resultat nicht auf seine Genese verpflichten, aber ich habe den Eindruck, dass in dem Weg des genuinen, intuitiven, verschieden vermittelten Gedankens hin zu einer wissenschaftlich akzeptierten Form einiges verloren geht; die Erkenntnis einer gesellschaftlichen Totalität als allwaltender und damit alles berührender Gesamtzusammenhang zerstört wird.
Der unten stehende Text ist daher – in Worten der akzeptierten Wissenschaft – vielleicht soetwas wie eine These, die aber zugleich mehr ist als eine bloße Behauptung, die dann noch gefüllt werden müsse. Es lassen sich ja Zusammenhänge erkennen, die nach Maßstab des Diskurses als Argument aufgefasst werden könnten. Das möchte ich ja auch gar nicht verurteilen; ich will ja keine irrationalistische Esoterik vorführen. Vielleicht ist der Text ein – möglicherweise naiver – Versuch, den gängigen Formen des Denkens kritisch hinterherzufragen, um mögliche Beschränkungen einzusehen; den unthematischen Boden der Gedanken nicht im Gedankenresultat wegzubrechen, sondern auszuprobieren, ob in Begriffen, die sich in Begriffszusammenhängen ergänzen und widersprechen, in dieser klaren Unklarheit, Erkenntnis liegen könnte. Mir erscheint es sinnvoller mal den ein oder anderen unsicheren aber doch schlüssigen Pfad des Gedankens zu wagen, anstatt im reduktionistischen Begründungszwang in Reihe und Glied zu marschieren und sich gewisse Überlegungen auszureden.


48 Antworten auf “Über Philosophie”


  1. Gravatar Icon 1 bigmouth 25. Juli 2009 um 19:11 Uhr

    hömma, was du hier beschreibst, ist nicht „philosophie“, sondern lediglich eine strömung derselben, und eine, die sich besonders dadurch auszeichnet, unklar und verquast zu sein. das ist KEIN merkmal besonderer güte!

  2. Gravatar Icon 2 schorsch 25. Juli 2009 um 19:23 Uhr

    Nunja, du hast einerseits natürlich recht, andererseits nicht. Natürlich beschreibe ich bestimmte Formen philosophischen Denkens, wenn du willst eine Strömung, eine Schule, das ist klar. Aber wenn es darum geht Gedanken zu denunzieren, die sich in der Widergabe des Gegebenen totlaufen, den gängigen Standarts dessen, was gemeinhin als Wissenschaft gilt, widerstreben, dann ist „Philosophie“ ein gängiges Schimpfwort um eben kritische Theorie als metaphysischen irrationalen Quark darzustellen; da tuen sich der GSP und neopositivistische Auffassungen von „Philosophie als Wissenschaft“ nicht viel. Deshalb habe ich den Titel einfach mal allgemeiner gehalten; es ist ja nicht so, dass er falsch wäre, sondern nur das der Text vielleicht nicht hält was der Titel verspricht; kein großes Übel.

  3. Gravatar Icon 3 Ubik 25. Juli 2009 um 20:07 Uhr

    Ach das war ernst gemeint? Dann tut mir das leid, ich wollte nicht höhnisch rüberkommen.

  4. Gravatar Icon 4 lysis 26. Juli 2009 um 0:08 Uhr

    Schorsch, Sozialwissenschaft ist keine Faktensammlung, aber Fakten sind ein notwendiges Moment, an denen sich Theorien als wahr oder falsch ausweisen. Dass Fakten natürlich auch irgendwie erhoben werden müssen und dass die Erhebungssituation (sei es das Labor in den Naturwissenschaften, das Interview in der Soziologie oder die Überlieferung in der Geschichtswissenschaft) nicht zu trennen ist vom erhebenden Subjekt, ist eine Binsenweisheit, die noch lange nicht dafür spricht, auf so etwas wie kontrollierte Empirie zu verzichten.

    Das Prinzip kontrollierter Empirie (was Adorno als „reglementierte Erfahrung“ denunziert) bedeutet übrigens genau dies: ein kritisches Verhältnis zu den „Fakten“ zu unterhalten, in der Geschichtswissenschaft etwa: kritische Quellenforschung zu betreiben; nicht alles blind zu glauben, was man in einem historischen Schriftstück liest, sondern die Interessen seiner Produzenten mit in den Blick zu nehmen, d.h. seine sozialen „Konstitutionsbedingungen“ im Auge zu behalten. Was daran positivistisch ist – keine Ahnung!

    Auch Marx hat übrigens nichts anderes getan. Er hat sich eben nicht, wie ein Philosoph à la Adorno, in sein stilles Kämmerchen eingeschlossen, sondern ist in die Archive des Britischen Museums gegangen, hat Untersuchungsberichte gelesen und sogar Statistiken gewälzt. Der Wissenschaftsskeptizismus der Kritischen Theorie war ihm fremd. Vielmehr hat er sein eigenes Forschungsprojekt selbst stolz als „wissenschaftlichen Sozialismus“ bezeichnet und seinen Vorgängern, wie etwas Ricardo, vorgeworfen, dem Ideal der Wissenschaft an ihrem Gegenstand nicht gerecht zu werden, sondern in ideologischen Denkformen gefangen zu bleiben.

    Generell kann man sagen, dass Marx, anders als die Kritische Theorie, nicht für sich in Anspruch genommen hat, gegenüber dem Ideal bürgerlicher Einheitswissenschaft einen völlig eigenen methodischen Standpunkt einzunehmen, der mit dem, was traditionelle Wissenschaftler betrieben, überhaupt nichts zu tun hätte. Vielmehr sah er sich selbst als eine Art Darwin auf dem Gebiet der Politischen Ökonomie, der eine bestimmte (ideologische) Erkenntnisschwelle durchschreitet und damit eine Wissenschaft gleichsam neu begründet.

    Freilich eine Wissenschaft, deren Erkenntnisinteresse nicht die Naturbeherrschung, sondern die soziale Emanzipaton ist. Aber dieses alternative Erkenntnisinteresse enthebt eben keineswegs von den gängigen Grundprinzipien der Wissenschaft wie: logische Widerspruchsfreiheit, intersubjektive Nachvollziehbarkeit und faktische Überprüfbarkeit, sondern sieht sich gerade bemüßigt, den Verstoß gegen diese Prinzipien in der bürgerlichen Wissenschaft zu beweisen.

    Siehe hierzu: Ingo Elbe, „Marxismus-Mystizismus oder: die Verwandlung der Marxschen Theorie in deutsche Ideologie“, wo das alles noch mal sehr schön dargelegt wird!

  5. Gravatar Icon 5 bigmouth 26. Juli 2009 um 1:04 Uhr

    ja. marx vertritt KEINE standpunkttheorie, auch wenn dieser irrglauben schrecklich populär geworden ist im 20. jhdt.schorsch, lies‘ dir mal eifnach nru die einleitung zum „kapital“ durch und frage dich, ob marx für adorno nicht eigentlich auch ein pöhser positivist hätte sein müssen

  6. Gravatar Icon 6 lysis 26. Juli 2009 um 1:51 Uhr

    Es ist doch so, dass der gängige wissenschaftliche Diskurs bestimmte Gedankendisziplinierungen abverlangt, also nur bestimmte Formen und Figuren des Denkens zulässt.

    Das stimmt doch so gar nicht. Die Kriterien der Wissenschaftstheorie unterscheiden zwischen Wissenschaft und Nicht-Wissenschaft, aber sie versuchen nicht, letztere auszumerzen, sondern schreiben ihr nur eine andere Existenzweise zu; eine andere Beziehung zur Wahrheit. Sonst müsste man ja alle Dichtung und alle Romane beschlagnahmen, weil sie nicht „wissenschaftlich“ sind!

    Im Übrigen erwartet niemand von der Kontinentalphilosphie, dass sie wissenschaftstheoretische Kriterien erfüllt. Auch das tastende, subjektive Denken hat einen anerkannten Raum an den Universitäten, der von niemandem ernstlich in Frage gestellt wird. Gerade durch den Poststrukturalismus haben sich die Toleranzräume für Wissenschaft, die als literarische Praxis betrieben wird, beträchtlich erweitert, was der Kritischen Theorie sehr zugute kommt.

    Das Problem an Adorno ist also nicht, dass er eine andere Form von Denken betrieb, sondern dass er einen Generalangriff auf die analytische Philosophie- und Wissenschaftstradition gestartet hat, um für sein literarisch-mystizistisches Denken eine Art Monopolanspruch auf Wahrheit zu reklamieren. Und das sollte man im Interesse der Vernunft lieber zurückweisen. (Sonst liest man bald nur noch solche schlechten Werke wie die von Gerhard Scheit!)

    Im Grunde war die Kritische Theorie, zumindest in der Version Adornos, Teil einer Neuauflage der Rationalismuskritik der deutschen Romantik, die spätestens in der Kaiserzeit und der Weimarer Republik zu einem allgemeinen „Unbehagen in der wissenschaftlichen Vernunft“ und einer verbreiteten Sehnsucht nach irrationalen Messiasgestalten führte (davon legt die Dialektik der Aufklärung auf ihre Weise nicht weniger Zeugnis ab als Husserls Die Krisis der europäischen Wissenschaften, Webers Wissenschaft als Beruf oder Heideggers Sein und Zeit).

    Gegen diese Tendenzen ist in England und den USA die analytische Philosophie aufgestanden und prompt zum Hauptfeindbild Adornos erkoren worden, so als wäre sie es gewesen (und nicht der Obskurantismus und Irrationalismus der deutschen Philosphie), der das kulturelle Klima schuf, in dem eine derart schwachsinnige Ideologie wie der Nationalsozialismus gedeihen konnte.

    Übrigens ist es ganz interessant, Horkheimers Kritik der instrumentellen Vernunft, die von Adorno als „undialektisch“ kritisiert wurde, als eine nachträgliche Revision von Thesen der Dialektik der Aufklärung zu lesen, und zwar dergestalt, dass sie nicht mehr die ganze abendländische Vernunft, sondern nur noch deren spätbürgerliche Halbierung im Rahmen einer formalisierten Bürokratie und kapitalistischen Privatökonomie kritisierte, in der die gesellschaftlichen Zwecke selbst nicht mehr zur Wahl stehen.

    Es ist sicher kein Zufall, dass Horkheimer sich einer Neuauflage der Dialektik der Aufklärung mit aller Kraft entgegenstemmte – was von Adorno so nicht bekannt ist, hielt dieser doch bis zuletzt an seiner mystizistischen Fundamentalkritik des von der analytischen Philosophie verkörperten wissenschaftlich-rationalen Denkens fest. (Alles nachzulesen bei Rolf Wiggershaus.)

  7. Gravatar Icon 7 bigmouth 26. Juli 2009 um 2:12 Uhr

    man sollte vielleicht hinzufügen, dass die analytische philosophie vor mitte der 30er europäische, zwangsimmigrierte bzw ermordete wurzeln hatte – wiener kreis halt. lustigerweise, wie ich erst seit kurzer zeit weiß, gab es da auch interessante verbindungen zu karl korsch, und bertolt brecht hat im amerikanischen exil wohl mit reichenbach zeit verbracht, der seinen galilei korrektur las

    ich denke auch, dass die thesen über den zusammenhang zwischen diesen denkformen und dem ns, die in der dda immer wieder aufblitzen, schlecht bis gar nicht belegt sind

  8. Gravatar Icon 8 lysis 26. Juli 2009 um 2:40 Uhr

    zwischen foucault und analytischer philosophie scheint es ja auch eine form des kokettierens zu geben. nicht nur dass er sich einmal als „fröhlichen positivisten“ bezeichnete; sein begriff der wahrheitsspiele scheint auch eine direkte adaption von wittgenstein zu sein, dessen ganzes spätwerk sich um den begriff der sog. sprachspiele gruppiert. (überhaupt gibt es in der analytischen philosophie längst tendenzen, sich fragen der sog. kontintentalphilosphie zu öffnen, die vormals einfach als sprachlicher unsinn abgetan worden wären.)

  9. Gravatar Icon 9 nope 26. Juli 2009 um 11:02 Uhr

    Zumindest was die Neuauflage der „Dda“ anbelangt wurden in dieser Dokumentation rein pragmatische Zweifel angeführt, wonach die bestehende Ordnung nicht durch die alten Schriften der KT sozusagen als „Katalysator“ der studentischen Proteste fungieren sollten:

    http://www.youtube.com/watch?v=zalkhqtCxF8&feature=related

    Allerdings lese ich im letzten Absatz von Schorsch‘ Text eher noch heraus, was ja nur tatsächliches Faktum ist und die sich wohl am besten auf das alte gefühlte Dilemma von „Faktizität und Geltung“ zurückführen lässt: Wie kann ich als Philosoph mich noch in einem Meer der instrumentellen (meint hier: auf Kapitalverwertung setzend) Vernunft, meine Theorie postulieren, um nicht sofort als Obskurant oder aber Ewiggestriger verschrien und damit letztlich ignoriert zu werden. Diese Dilemma, an dem schon Kant laborierte und der das in seinem Werk „Streit der Fakultäten“ so anschaulich formuliert und den ich mit einer Fußnote bei Bourdieu mal zitieren will:

    „In diesem Text, von den Kommentatoren gemeinhin verschmäht (die ob seiner scheinbaren Trivialität sich sogar gefragt haben, ob er nicht vielleicht ein Produkt von Altersschwachsinn sei), trennt Kant zunächst zwischen den „zünftigen“ (der Universität angehörigen), den „zunftfreien Gehelehrten“ und den „Literaten“ („Geschäftsleute oder Werkkundige der Gelehrsamkeit“), d.h. „Geistliche, Justizbeamte und Ärzte“, die ein an der Universität erworbenens Wissen feilbieten, schließlich noch deren Kunden, das „Volk…welches Ideoten besteht“. Er konstruiert in der Folge einen Gegensatz zwischen den weltlich dominanten „obern“ Fakultäten, juristische, medizinische, theologische, und der weltlich dominierten, aber geistige dominanten „untern“ Fakultät, nämlich der philosophischen, die über keine weltliche Macht verfügt, gleichwohl „vom Befehle der Regierung unabhängig“ ist, die vollkommen selbständig, nur ihren eigenen Gesetzen, den Regeln der Vernunft folgt, und dadurch legitimiert ist, in aller Freiheit ihr kritisches Geschäft auszuüben.“

    (I. Kant, Der Streit der Fakultäten zit. nach P. Bourdieu, Die feinen Unterschiede, Suhrkamp: Ffm., 1982, S. 769, Fn. 20)

    Bourdieu benutzt das als Material zur Darstellung des Kantischen Insistierens auf einer jenseits aller Realitäten gelösten Fakultät, die sich einerseits über alles erhaben zeigt und sozusagen „geistige riot acts“ anzünden könne, andererseits aber apologetische Schriften produziere wie „Kritik der Urteilskraft“, bei der Kant das Geschmacksurteil anthropologisch konstruiert (hieran zieht sich Bourdieu fest). Etwas später verweist er übrigens auch auf das gegenwärtige Dilemma der Philosophie, wenn er fragt: „Was heißt es philosophisch zu sprechen?“, womit er fragen will, was ein Individuum erworben haben muss, um an philosophischen Diskurs teilnehmen zu können, eben genau die „sozialen Konstitutionsbedingungen“ von den oben bereits die Rede war.

  10. Gravatar Icon 10 lysis 26. Juli 2009 um 13:22 Uhr

    Ich sehe nicht, wo dunkle (schwer verständliche) Autoren aus der Universität ausgegrenzt werden, ist Dunkelheit doch eines der wichtigsten Erkennungsmale fast der gesamten Kontinental­philosophie. Im Vergleich zu Derrida, Deleuze und vielen Dutzend anderen Autoren – deutschen ebenso wie französischen – bereitet Adorno übrigens unterdurchschnittlich wenig Schwierigkeiten. Die Diskriminierung aufgrund des eigenen undurchdringlichen Sprach­gestus, die da lautstark bejammert wird, halte ich für schlicht an den Haaren herbeigezogen. Für philosophische Laien unverstehbar zu bleiben, ist quasi zum Erfolgsrezept geworden, wie man am raschen Aufstieg Judith Butlers zur international gefeierten Pop-Ikone des Feminismus sehen kann.

    Die Frage, die man sich mit Bourdieu stellen sollte, ist daher wohl nicht so sehr, wie die Wissenschaft schwer verständliche Philosophen ausgrenzt, sondern wie die schwer verständliche Sprache der Kontintentalphilosophie dazu geeignet ist, den „lesenden Arbeiter“ draußen zu halten und sich nur noch demjenigen zu vermitteln, der die nötigen Bildungspatente erworben hat.

  11. Gravatar Icon 11 bigmouth 26. Juli 2009 um 13:43 Uhr

    interessant ist, dass butler adorno gerne als kronzeugen anführt, um unverständliches schreiben zu rechtfertigen: http://linguafranca.mirror.theinfo.org/9912/writing.html

  12. Gravatar Icon 12 nope 26. Juli 2009 um 15:25 Uhr

    @ lysis

    Genau das ist ja der entscheidende Punkt. Meine Ausführung war auch etwas zu kurz geraten: wenn Bourdieu nach den Auschlußmechanismen fragt, greift er nur Foucaults Diskursanalyse auf, um sie soziologisch zu verorten.
    Noch etwas: die Frage, wessen es bedarf um philosophisch argumentieren zu können führt weiter zu der Frage, inwiefern sich eine Wissenschaft selbst konstituiert, also bspw. auf welchem Kanon an Texten sie fußt und aus welchen historischen Gründen sie das tut, damit aber zugleich ein Feld absteckt, dessen Hermetik von den darin befindlichen Wissenschaftlern nicht als sozial konstruiertes, sondern als logisch-evolutionäres gedeutet wird (z.B. die Maßgabe, dass Subjektphilosophie im Mittelalter den Rekurs auf Platon und Aristoteles fährt, als wäre es eine Selbstverständlichkeit und nicht zuletzt dem Schisma der römischen Kirche und den Neukonstituierung der Vernunft im Mittelalter geschuldet; von dort verläuft dann der philosophische Diskurs immer unter Rückgriff auf vorhandene Theoretiker, um deren Aussagen zu spezifizieren, gleich einem Zirkel. Das hat natürlich noch nichts mit Wissenschaftstheorie zu tun. Die Historisierung passiert ja erst mit Etablierung der Soziologie als eigener Wissenschaft.

    P.S.: Es gibt diesen sehr guten thematischen AUfsatz: „Nietzsche, die Genealogie, die Historie“ von Foucault, in dem er das Arbeitsumfeld des Wissenschaftshistorikers ausbreitet. Der Aufsatz ist neu abgedruckt in dem frisch erschienen Suhrkamp-Band zu Foucaults „Methode“: http://www.amazon.de/Geometrie-Verfahrens-Schriften-zur-Methode/dp/3518295349/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1248617735&sr=8-1

    Insofern ist die wechselseitige (und nie passierte) Austausch zwischen Bourdieu und Foucault das Instrument um die tatsächlich aus heutiger Sicht interessante Frage an die Philosophie stellen zu können: „Was heißt es philosophisch zu argumentieren?“ einerseits und „Was ist die gesellschaftliche Relevanz philosophischer Argumentation?“.

    Es ist ja gerade Bourdieus Anliegen, das bloße GEschmacksurteil konsequent zu historisieren und zu politisieren. Deswegen ist seine Kant-Kritik m.E. sehr wesentlich und das oben zitierte Beispiel aus „Der Streit der Fakultäten“ nur als Belegmaterial für das gefühlte Dilemma des Philosophen.

    Die Frage nach der Ausgrenzung aus dem universitären Diskurs macht sich ja ohnehin und folgerichtig an der Theorie fest, weswegen Leute wie Bourdieu und Foucault ja stets Außenseiter waren und wie Foucault nicht einmal das Recht zur Abnahme von Promotionen hatten, wenn ich das richtig gelesen hab. Es ist doch grad dieser Instrumentalismus, wonach kritische Theorie ausgegrenzt ist, sobald sie grundlegende Ordnungsprinzipien infrage stellt (mal davon abgesehen, dass B. etliche Forschungsprojekte unter staatlicher (damals sozialistischer) Ägide betreiben konnte). Nicht in der einfachen agententheoretischen Sicht, wonach nur Ideologie „erforscht“ und „gelehrt“ würde, sondern an der falschen Herangehensweise der Wissenschaft an und für sich, die bspw. auf „Wertfreiheit“ setzt und politische Auseinandersetzungen nicht sehen will bzw. in andere Felder verschiebt. Oder anders: wie verhalten sich Wissenschaftspluralismus und verfassungsmäßige Grundordnung zueinander und wie wird darin selbst ein Apriori festgeschrieben, dass bestimmte Aussagen quasi-automatisch verneint, disqualifiziert?

  13. Gravatar Icon 13 nope 26. Juli 2009 um 15:43 Uhr

    P.P.S.: Woran macht ihr das unverständliche Schreiben bei Butler fest? Als ich das erste Mal versucht habe „GEnder trouble“ zu lesen, funktionierte das nicht, was aber m.E. an den angeführten Theorien lag, die ich schlicht nicht kannte (kenne). Nachdem ich mich mit Foucault vertraut gemacht habe, ging das wesentlich besser. Neuere Texte kenne ich nicht, aber würde ich gern die Frage stellen, ob die wissenschaftliche Sprache als Instrument oder als Jargon dienen soll?

    Vielleicht noch ein Zitat zum Thema Jargon, dass Bourdieu gleichermaßen kritisch umtrieb (er hat eine Kritik an der „politischen Ontologie Martin Heideggers“ verfasst):

    – Weshalb verwenden Sie einen besonderen und besonders schwierigen Jargon, der Ihre Ausführungen für den Laien häufig unverständlich macht? Liegt darin nicht ein Widerspruch: einerseits das Monopol, das sich die Wissenschaftler zuschreiben, anzuprangern, andererseits es in dem Diskurs, der dies anprangert, wieder aufzurichten?

    P.B. Häufig genügt es, der Umgangssprache ihren Lauf zu lassen, sich dem sprachlichen laisser-faire zu überlassen, um, ohne es zu wissen, eine bestimmte Sozialphilosophie zu akzeptieren, Wörterbücher strotzen von politischer Mythologie (ich denke etwa an eine Vielzahl von Adjektivpaaren wie brillant-ernsthaft, oben-unten, selten-gewöhnlich usw.) Die Freunde des »gesunden Menschenverstandes«, die sich in der Sprache wie Fische im Wasser bewegen und die in diesem Bereich wie anderswo auch die objektiven Strukturen auf ihrer Seite haben, können sich (bis auf die Euphemismen) glasklar ausdrücken und gegen den Jargon wettern. […] Die sprachlichen Automatismen zu zerschlagen heißt nicht, künstlich eine dinstinguierte Differenz zu schaffen, die den Laien auf Distanz hält; es heißt, mit der Sozialphilosophie zu brechen, die dem spontanen, unreflektieren Diskurs eingeschrieben ist.

    [Pierre Bourdieu: Soziologische Fragen, Suhrkamp: Frankfurt/Main, 1993, S. 36]

    ISt die Grundprämisse Butlers nicht relativ banal bzw. einsichtig: die binäre Geschlechterlogik ist Resultat kultureller Deutungspraktik, die gleichsam naturalsiert in jede theoretische Debatte als Apriori mit einfließt? Und erst im Anschluss daran zu fragen wäre: Ja, diese Logik ist falsch, aber wie wenden wir das hegemoniekritisch (und auch kapitalismuskritisch) an, wenn es uns nicht nur darum geht, „Identitäten zu dekonstruieren“, was doch nur eine Umkehrung im selben Muster wäre? Und weil Lysis weiter oben davon berichtete, dass dank des Poststrukturalismus Philosophie als solche einen neuen Anlauf nehmen konnte, möchte ich gleich weiter fragen, wie sich das auch in Bezug auf die Gender/queer studies anwenden lässt. Mir liegt ein (und soweit ich das sehe auch der einzige) thematische Band über Queer studies vor, der zu weiten Teilen Diskursanalyse anhand belletristischer Literatut durchführt, dabei aber auf Literatur des Mittelalters und der frühen Neuzeit. Hier würde ich ebenso die Frage anschließen: „Warum der Rekurs auf Vergangenes? Wo liegt dort die heutige Relevanz? Oder ist das vielmehr dem Dilemma entsprungen, dass man in vordemokratischen Epochen bessere Kritik betreiben kann, was ein durch und durch unwissenschaftlicher Ausgangspunkt wäre. Sicher, in „Die Vertreibung aus dem Serail“ ist der Rekurs ja der AUsgangspunkt der Kritik, insoweit die Historie als das genaue GEgenteil dessen vorgestellt, in dessen Namen die Gegenwart ständig verklärt wird, als etwas Ewiges, quasi transhistorisches, obwohl es ein Import der Kolonialisierung durch den Westen war. Übrigens hat hier Zizek ja auch in diesem Marxismus-Vortrag die Benjamin-These referiert, wonach jeder Faschismus (also auch Islamfaschismus?) das Resultat einer gescheiterten Revolution sei. Am Beispiel Afghanistans leuchtet mir nur seine REvolutionsvorstellung nicht ein: als wäre das stalinistische Regime in Kabul eine grundständige und emazipative Revolte gewesen. Dennoch könnte man vor diesem Hintergrund die homophoben Auslassungen im Nahen Osten als kulturelle Regression, als falsche REaktion auf die vom Westen vorgegebne Konvergenz lesen.

    Das Buch: http://www.amazon.de/Queer-denken-Gegen-Ordnung-Sexualit%C3%A4t/dp/3518122487/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1248619028&sr=8-1

  14. Gravatar Icon 14 lysis 26. Juli 2009 um 19:33 Uhr

    @nope: Die Queer Studies blenden, im Unterschied zu den alten Gay & Lesbian Studies, Historie in der Regel aus, was an der Foucault-Kritik Butlers liegt. Sie wirft Foucault vor, einen „Zustand vor dem Gesetz“ zu imaginieren, den es niemals gegeben habe. Wenn die „heterosexuelle Matrix“ aber ewig ist, so wie es nach Levi-Strauss das Inzesttabu war, und nur ihre historisch generierte Oberflächenstruktur variiert, macht es wenig Sinn, sich in die Vergangenheit zu begeben. Queer-Theoretiker_innen, die trotzdem geschichtlich arbeiten, sind Leute, die das Schicksal quasi nur zufällig in die historischen Abteilungen des Betriebs verschlagen hat. Aber sie gehen mit vergangenen Texten nicht grundsätzlich anders um als mit solchen der Gegenwart.

    Für Foucaults Anliegen dagegen macht es Sinn, vor allem und zuerst historisch zu arbeiten, weil es ihm um eine „Geschichte der Gegenwart“ im Sinne einer Anamnese geht: die Gegenwart ist nicht notwendig so, sie hätte auch ganz anders werden können, wenn nur die Weichen zu einem bestimmten Zeitpunkt anders gestellt worden wären. Die Befassung mit der Vergangenheit entkleidet die Gegenwart ihres ontologischen Charakters: es ist nicht einfach so, es ist so geworden, und es war einmal völlig verschieden, woraus folgt, dass wir auch die Zukunft in unseren Händen halten („we can radically remake the future“). Die Gegenwart enthüllt ihre Kontingenz (die Möglichkeit ihres Andersseins) nur im Horizont der Geschichte:

    Jede Rekonstruktion der Geschichte erfolgt aus dem Kontext der gegenwärtigen Gesellschaft. Daher setzt eine Erzählung der Geschichte, noch mehr eine Rekonstruktion des logischen Fortgangs der Geschichte, die Erkenntnis der Gegenwart voraus: Die Theorie der Gesellschaft ist die Bedingung der Philosophie der Geschichte. […] Indes kann die gesellschaftliche Gegenwart nur begriffen werden, wenn es gelingt, sie immanent zu transzendieren: wenn an der Gegenwart ihre Geschichte erkannt werden kann, wenn an der Gegenwart analog die Potentiale einer vernünftigen Zukunft demonstriert werden können. Eine Erkenntnis, die sich allein auf dem Boden des Gegenwärtigen bewegte, wäre in diesem gefangen; es entzöge sich dem Begreifen.

    Aus: Gerhard Stapelfeldt, Der Merkantilismus : Die Genese der Weltgesellschaft vom 16. bis zum 18. Jahrhundert. Freiburg i. Br., 2001. 9.

    Das ist, kurz gesagt, der Grund, warum Foucault sich mit Geschichte befasst und die Queer Studies sich in die Gegenwart einschließen: weil letztere gar keine Kritik an den grundsätzlichen Koordinaten des Bestehenden mehr haben, sondern Ansatzpunkte für politische Veränderungen nur innerhalb des Bestehenden sehen – d.h. innerhalb der Matrix des Gegebenen. Das eine nennt sich Genealogie, das andere Dekonstruktivismus, und es ist, entgegen der Gerüchte unserer Anti-Pomo-Agitatoren, welche alles Französische sowieso für ein und dasselbe halten, ein extrem konträres Programm.

    PS: Foucault hatte es übrigens auch nie nötig, so verquast zu schreiben wie Butler und Derrida.

  15. Gravatar Icon 15 lysis 26. Juli 2009 um 20:02 Uhr

    PPS: Adorno würde ich ebenfalls unter „Dekonstruktivismus“ einordnen – als einen historischen Vorläufer. Die Negative Dialektik ist ein im Kern schon dekonstruktivistisches Programm (oder nimmt es zumindest vorweg). Eine Zeit vor dem begrifflichen Denken hat es nämlich ebenfalls nicht gegeben. Und wenn man diesen Ursprungsmythos fallen lässt (Magie, Schamanismus, Tralala), dann ist man schneller bei Derrida, als vielen Adorniten lieb ist. Vielleicht reagieren sie ja deshalb so genervt und aggressiv auf die „Postmoderne“, weil sie im Grunde längst wissen, wie nah sie ihr sind?

  16. Gravatar Icon 16 nope 26. Juli 2009 um 21:52 Uhr

    D‘accord, vielleicht ist meine Herangehensweise auch etwas naiver oder zumindest einfacher. Die Abgrenzungen der Theoretiker, dort wo sie berechtigt und Auftakt von Kritik sind, soll schon vorgenommen werden (allein schon aus Gründen der Argumentation), dennoch will ich gern Foucaults Ratschlag befolgen, wonach man seine Theorie als „Werkzeug“ benutzen soll. Vielleicht ist es ein logischer Fehler an Butlers „Dekonstruktion“ der Geschlechterlogik festzuhalten, wenn, ja wenn sie eben nur ein leerer Platzhalter für etwas anderes, etwas Drittes, aber mittlerweile ausgeschlossenes wäre (bspw. dem Rekurs auf eine Kritik der politischen Ökonomie, was man ja bei ihr vergeblich suchen wird). Nur kann man hier nicht die Dinge, die Einsichten miteinander verbinden? Also bspw. das Durchbrechen der heteronormativen Dichotomie als Bestandteil einer Hegemoniekritik aufsetzen? Darüber bin ich mir noch nicht im Klaren. Deine Ausführungen zu Foucault unterschreibe ich.

    Hier ist ein weiterer Dissenz zwischen Zizek und Foucault. Zizek wirft den Postcolonial studies und im weiteren Sinne dem Dekonstruktivismus vor, gerade durch Historisierung, Subjektivität zu entleeren. Ich weiß nicht, welchen grundlegenden Begriffsapparat Zizek intern favorisiert. Seine Äußerungen zur Moderne sind zumindest ambivalent: so würde er jederzeit zusammen mit Liberalen gegen Rassismus eintreten, will aber anhand des liberalen „common-sense“ ihn selbst transzendieren, worin mir eine Antinomie zu liegen scheint. Entweder teilt er wesentliche Auffassung des politischen Liberalismus (als radikaler Kapitalismuskritiker will er ja verstanden werden), dann kann aber dessen Prämissen nicht in einem ersten Schritt goutieren, um den Liberalen dann bloß vorzuwerfen, sie würden das Ideal blamieren. In seinem neuen Buch „Auf verlorenem Posten“ http://www.amazon.de/Auf-verlorenem-Posten-Slavoj-Zizek/dp/3518125621/ref=sr_1_2?ie=UTF8&s=books&qid=1248641064&sr=8-2 – stellt er dies auch mehrfach klar. Was in dem von dir verlinkten Video rüberkam, scheint mir eine Vereinfachung, die aber dennoch essentiell ist: die guten liberalen Werte gegen ihre schlechten Exegeten verteidigen, ist Affirmation und letztlich pleonastisch, man kommt dann nicht mehr aus dem auch institutionellen Zirkel heraus. Jenen Zirkel, den er ja insgeheim verlassen, zerschmettern will.
    Vielleicht können wir uns aber nochmal zum Begriff der Moderne verständigen: wenn Zizek sagt, dass es gerade jene Moderne auch gegen Erscheinungen des religiösen Fundamentalismus (westlich wie östlich) zu verteidigen gilt, meint er doch zunächst nur die Moderne unter dem Telos der Aufklärung und des Humanismus. Ich weiß, dass aber genau hier auch die Kritik Foucaults ansetzt (zumindest wenn ich an „Die Ordnung der Dinge“, „Überwachen und Strafen“ und „Der Wille zum Wissen“ denke. Wie können wir nun einerseits gegen kulturelle Regression (impliziert für mich noch keine schlechte Gegenwart!) und für Fortschritt sowie gleichberechtigte Teilhabe aller eintreten, sodass nicht hinterrücks wieder ein Disziplinarregime etabliert wird? Zizek tritt dort entschieden für die Demokratietheorie im ANschluss an Rousseau für einen „Anteil der Anteilslosen“ ein.

    Entschuldigt, wenn dieser Post nur noch – auf den ersten Blick! – wenig mit dem Ausgangstext zu tun hat. Tatsächlich sehe ich diese Fragen aber eng miteinander verwoben. Es geht immer um den Geltungsbereich von verschiedenen Theorien unter der Maßgabe soziale Tatbestände zu entmysthifizieren und das gesellschaftliche Leben zu vereinfachen.

  17. Gravatar Icon 17 subversor 26. Juli 2009 um 21:54 Uhr

    Die Aufsätze in DdA, »Traditionelle und kritische Theorie«, sowie auch im Band »Kritik der instrumentellen Vernunft« sind doch erst einmal nicht zu trennen von der Kritik der politischen Ökonomie. Überhaupt wird Empirie in der KT nicht herausgestrichen, sondern wie bei Marx steht sie im Zusammenhang mit dem, was Kritik eigentlich ausmacht: die Differenz von Wesen und Erscheinung (bei der Warenanalyse z.B.). Insofern finden sich bei Adorno und Horkheimer sowohl soziologische Studien als auch theoretische Abstrakta, die die gesellschaftliche Totalität darzustellen versuchen.

    Die ganze Positivismuskritik gehört doch zu den richtigeren Sachen, die ein Adorno und ein Horkheimer zu Werke gebracht haben. Die Faktenhuberei der social sciences reduziert Erkenntnis auf Verifikation und Falsifikation – will aber nichts mehr wissen von den gegenständlichen Wahrheiten als etwas gesellschaftlich Produziertes (Konstitutionszusammenhang).

    Und genau das sagt Adorno hier sehr deutlich:

    »A dialectical theory of society concerns itself with structural laws, which condition the facts, in which it manifests itself and from which it is modified. By structural laws we mean tendencies, which more or less stringently follow the historical constitution of the total system. The Marxist models for this were the law of value, the law of accumulation, the law of economic crisis. Dialectical theory did not intend to turn structures into ordered schematas, which could be applied to sociological findings as completely […]« [Th. W. Adorno in: Late Capitalism or Industrial Society?]

  18. Gravatar Icon 18 lysis 26. Juli 2009 um 22:08 Uhr

    Diese angebliche „Faktenhuberei“ in den Sozialwissenschaften ist doch ein Pappkamerad. Die meisten soziologischen Großtheorien – man denke nur an Parsons oder schlimmer: Luhmann – zeichnen sich dadurch aus, dass sie mindestens genauso spekulativ sind wie Herr Adorno.

    Was hab ich mich beispielsweise über die Empirievergessenheit und die saloppe Argumentation geärgert, als ich zuletzt Dirk Baeckers „Studien zur nächsten Gesellschaft“ gelesen habe. Baecker ist ein Luhmann-Schüler und soziologischer Mainstream.

    Das Problem sind in der Regel nicht zu viele, sondern viel zu wenige „Fakten“ – wobei „Fakten“ ja auch schon ein total polemischer Begriff für alle möglichen Arten der Empirie ist.

    Was will man eigentlich ohne Empirie erkennen? Begriffe ohne Anschauungen sind leer – oder sie erschöpfen sich in der Beschreibung intelligibler Vorstellungswelten, von denen man nicht weiß, ob sie etwas mit der Realität zu tun haben.

    Die Bahamas-Wahnwelt ist dafür ein gutes Beispiel, und man wundert sich überhaupt nicht darüber, dass es sich bei ihnen um Adorno-Epigonen handelt, die von ihrem Großmeister vor allem die Furcht einflößende Empirieverachtung übernommen haben.

  19. Gravatar Icon 19 nope 26. Juli 2009 um 22:19 Uhr

    Oder um mit anderen Worten fortzuführen: wenn wir den liberalen BEgriff der Moderne zurückweisen (müssen), impliziert das ja auch, dass wir im streng Marxschen Sinne eine neue Gegenwart konstituieren, deren normativer Grundzug aber dennoch politischen Auffassungen anhängen, die selbst ihre diskursive Einschärfung innerhalb der Koordinaten der Aufklärungsphilosophie und ihrer Fortschreibung unter Ansehnung der schlechten bürgerlichen Gesellschaft erfahren hat. Was aber wäre dann „schlimm“? Sicher wäre dies zirkulär, aber sofortige Gegenfrage: Kann man bezüglich der „Begründung“ politischer Aktion überhaupt auf eine logische Proposition setzen? Das wäre doch absurd und genau daran blamiert sich jede Sozialwissenschaft, die beständig auf „Wertfreiheit“ rekurriert. Am konkreten Beispiel: radikale Kapitalismuskritik fußt auf einer Antizipation eines irgendwie gearteten „guten Lebens“, einer gewissen Ethik und darin sehe ich keinen Widerspruch und erst recht kein Problem. IM Gegenteil wäre es m.E. heuchlerisch das zu leugnen und beständig auf einer „logischen Ableitung“ für radikale Praxis zu insistieren getreu dem Motto: der Kapitalismus ist immanent zum ENde verurteilt, da er an seinen hehren Zielen zugrunde geht o.ä.
    Hier setzt Zizek an, wenn er die post-moderne „Post-Politik“ kritisiert (Fukuyama, Huntington, Standarliberale etc.), die beständige gesellschaftliche Antagonismen leugnen. Kurzum, wenn wir von „Moderne“ sprechen, heißt das einerseits um eine spezifische Moderne (kapitalistisches Ausbeutungsregime unter demokratischer Repräsentation, faschistischer Autokratie und nationalsozialistischem Terrorismus etc.) zu wissen, und zugleich den Wunsch nach etwas Neuem zu haben, das selbst nur seine Konstitutionsbedingungen in einem Dritten haben kann, das wir uns als Positives vorstellen. Und dessen Zustandekommen (von mir aus die Gedankenbildung) fußt auf Argumenten und Wissenserwerb innerhalb der Koordinaten, die wir erfahren. Das soll nicht solipsistisch sein, sondern begründen, warum es notwendig ist, eine normative Untermauerung seiner Theorie zu liefern.

  20. Gravatar Icon 20 nope 26. Juli 2009 um 22:35 Uhr

    Hier würde ich sofort zustimmen, dass die Theorie Luhmans tatsächlich mehr wie eine Sozialphilosophie erscheint, die ihre Begriffsleere gerade als Instrument versteht, sie politisch anwendbar, nutzbar zu machen, um bspw. Gesellschaft nicht als Ensemble historischer Prozesse und gegenwärtiger Interessensgegensätze zu analysieren, sondern als billige Apparatur, die unter „sozialphysikalischen“ Gesetzen gesteuert werden könnte. Indem dort keine politische Stellung bezogen wird, verweist sie insgeheim allen politischen Dissenz in ein vorpolitisches Feld ähnlich den Vertragstheoretiker des Naturzustandes (konstitutiv für den Liberalismus).

    Das vielleicht auch das langweilige an Texten der KT: die Grundprämisse kennt man schnell und sie verärgert sogar, wenn unreflektiert über gewonnene Erkenntnisse anderer Disziplinen hinweggegangen wird, gerade so, als säßen überall verblendete Roboter am Werk. Tatsächlich hat die Technik- und Fortschrittskritik (erreicht sie nicht in der Kontemplation ihren Höhepunkt?) viel regressivere Anknüpfungspunkte an idealisierte Vorzustände des Kapitalismus (bspw. der gute Feudalismus mit seinen sozialen Banden). Bourdieu weist Adornos Musiktheorie bspw. als vollkommen ungenügend und selbst befangen im Sinne der Kantschen Urteilskraft zurück: sie fuße apriori auf einem Geschmacksurteil, das soziale Bedingungen des Hörens und Wertschätzen von Kunst und Kulturgut verblendet und mysthifiziert: „die Arroganz des THeoretikers, der der sich weigert, in der Küche der Empirie seine Hände zu beschmutzen, und der zu sehr mit allen seinen Fasern an den Werten und Gewinnen der hohen Kultur hängt, um sie zum wissenschaftlichen Subjekt zu machen“ (Bourdieu: Die feinen Unterschiede, Suhrkamp: Ffm.,1982, S. 798)

  21. Gravatar Icon 21 lysis 26. Juli 2009 um 23:19 Uhr

    @subversor:

    Überhaupt wird Empirie in der KT nicht herausgestrichen, sondern wie bei Marx steht sie im Zusammenhang mit dem, was Kritik eigentlich ausmacht: die Differenz von Wesen und Erscheinung (bei der Warenanalyse z.B.).

    oh bitte, abgesehen von dem antiquierten jargon („Wesen und Erscheinung“) ist das nichts anderes, als was jede wissenschaft betreibt. marx schreibt denn auch:

    „alle Wissenschaft wäre überflüssig, wenn die Erscheinungsform und das Wesen der Dinge unmittelbar zusammenfielen“ (MEW 25, 825).

    wohlgemerkt: nicht seine wissenschaft, nicht kritische wissenschaft, sondern alle wissenschaft!

    jede wissenschaftlerin sucht hinter den phänomenen das innere band, das sie erkärt. das tut die marxsche kritik der politischen ökonomie genauso wie die darwinsche evolutionstheorie oder die einsteinsche relativitätstheorie. keine von diesen wissenschaften ist „fakten­huberei“ im sinne des polemischen zerrbilds, das adorno von ihnen zeichnet, wenngleich alle diese wissenschaften von fakten ausgehen und sich an ihnen bewähren.

    und es ist einfach nur grotesk, für die marxsche theorie eine art „sonderwissenschaftszone“ errichten zu wollen, weil das auf nichs anderes als eine selbstmarginalisierung hinausläuft und das ein­geständnis ist, sie sei mit richtiger wissenschaft nicht konkurrenz­fähig!

  22. Gravatar Icon 22 lysis 26. Juli 2009 um 23:57 Uhr

    kurz: marx gehört nicht auf die sonderschule!

  23. Gravatar Icon 23 Pent C. Klarke 27. Juli 2009 um 0:46 Uhr

    Mir fällt auf, daß in dieser Diskussion bisher die Schriften Lyotard’s noch gar nicht erwähnt wurden, was ich hiermit nachholen möchte.
    Zum ganzen Themenkomplex ‚Marx‘ finde ich es fast am wichtigsten, dabei im Kopf zu behalten, daß Marx in der politischen Theorie der Durchschnittsdeutschen immer als verantwortlich für die Revolte gegen den Kapitalismus und die Entstehung des kommunistischen Ostblocks gehalten wird, so wie sie auch immer noch das „Charisma“ ihres einstigen Führers glauben. Daher ist in NRW inzwischen schon die politische Polizei an den Schulen stationiert, um einen künftigen „Marx“ im Keim zu ersticken, damit nur ja kein zweiter Ostblock daraus wird.
    Schwachsinn? Aber sicher. Ich selber bin lächerlicher Weise von einem SPD-Bürgermeister in seiner verqueren Denke wegen eines Flugblatts zu einer Hausbesetzung einmal zu einem „zweiten Marx“ und damit persona non grata erklärt worden. Ich mag mir gar nicht ausmalen auf welcher Art Liste ich durch diesen Schwachkopf gelandet bin. Ich selber finde den Vergleich zwar lächerlich, aber geistige Formate wie Adorno, Horkheimer, Marcuse etc. wird es wohl in Zukunft in Deutschland nicht mehr geben.

  24. Gravatar Icon 24 lysis 27. Juli 2009 um 2:32 Uhr

    @nope:

    Das soll nicht solipsistisch sein, sondern begründen, warum es notwendig ist, eine normative Untermauerung seiner Theorie zu liefern.

    Das hab ich nie ganz verstanden. Eine normative Fundierung kritischer Theorie („kritisch“ kleingeschrieben, also nicht als Selbstbezeichnung der Frankfurter Schule misszuverstehen!) ist in meinen Augen so überflüssig wie einen Kropf. „Weh spricht: Vergeh!“ – mehr muss man dazu nicht wissen.

    Man kann Webers Postulat der Werturteilsfreiheit von Wissenschaft nur begreifen, wenn man weiß, dass Weber Werte für irrationale Setzungen eines Heilands oder Propheten hält, die sodann eine methodisch-rationale Lebensführung der Gläubigen generieren. Nur deshalb kann für Weber Wissenschaft nichts mit Werturteilen zu tun haben – weil Werte selber etwas vollständig Arationales, „aus der religiösen Prophetie Quillendes“ seien. Als Beispiel führt er die christliche „Ethik der Würdelosigkeit“ an:

    Welcher Mensch wird sich vermessen, die Ethik der Bergpredigt, etwa den Satz: »Widerstehe nicht dem Übel« oder das Bild von der einen und der anderen Backe, »wissenschaftlich widerlegen« zu wollen? Und doch ist klar: es ist, innerweltlich angesehen, eine Ethik der Würdelosigkeit, die hier gepredigt wird: man hat zu wählen zwischen der religiösen Würde, die diese Ethik bringt, und der Manneswürde, die etwas ganz anderes predigt: »Widerstehe dem Übel, – sonst bist du für seine Übergewalt mitverantwortlich.« Je nach der letzten Stellungnahme ist für den Einzelnen das eine der Teufel und das andere der Gott, und der Einzelne hat sich zu entscheiden, welches für ihn der Gott und welches der Teufel ist.

    Bereits Marcuse hat darauf aufmerksam gemacht, das normative Urteile wie: „ein gutes Leben ist besser als ein schlechtes Leben“ überhaupt nichts Irrationales, sondern etwas unmittelbar Einsichtiges sind, weshalb die künstliche Trennung zwischen Seins- und Sollensfragen, zwischen Gesellschaftstheorie und Gesellschaftskritik in keiner Weise angemessen ist. Sie zerreißt die Vernunft, um es in den Begriffen von Horkheimer zu sagen: in eine subjektive (auf die Wahl der Mittel bezogene) und eine objektive (auf die Zwecke gerichtete) Form der Rationalität, um Wissenschaft zu einem schließlich an sich selbst unvernünftigen, weil heteronomen und von ihren eigenen Zwecken entfremdeten Instrument herrschender Interessen zu machen.

    Das ist ein Punkt, an dem ich Horkheimer übrigens wirklich gut finde, während Adorno dieses Argument, das Horkheimer in Eclipse of Reason entwickelte, irgendwie für „undialektisch“ befand. Er wollte stattdessen eine Rationalitätskritik, die aufs Ganze geht, etwa: eine Kritik am „Zurüstenden“ und „Abschneidenden“ jedweden identifizierenden Denkens, das eine Sache in theoretischen Begriffen fixiert. Und das halte ich, pardon, für reinen Mystizismus, der als solcher zwar seine literarisch-philosophische Berechtigung hat, aber bitte nicht auf die positiven Wissenschaften übergreifen möge!

    (Übrigens erinnert mich diese ganze Debatte über analytische vs. kontinentale Philosophie stark an die bedeutsame, bis ins spät­mittelalterliche Europa wirkende Auseinandersetzung zwischen den rationalistischen Philosophen des islamischen Westens und den gnostischen Mystikern des islamischen Ostens im 12. Jahrhundert u. Z., die Mohammed Abed Al-Jabri in seinem Werk „Kritik der arabi­schen Vernunft“ [Naqd al-ʿaql al-ʿarabī] beschreibt. Aber das ist nur so meine Assoziation…)

  25. Gravatar Icon 25 Pent C. Klarke 27. Juli 2009 um 3:59 Uhr

    Nur ein paar Einwürfe @ lysis:
    - Normative Begründung – heißt das nicht die Forderung, daß eine „Kritische Theorie“ begründen können soll, wie Kritik möglich ist? Wurde nicht über den Nachweis einer Tautologie in der angeblichen Begründung dessen die ganze kritische Theorie letztlich erfolgreich entsorgt?

    - Zu Weber: Wie kann Weber dieser Auffassung sein und zugleich die protestantischen Ethik zur Voraussetzung der Entwicklung des rationalen kapitalistischen Wirtschaftens erklären?

    - Zu Adorno/Horkheimer: Adorno finde ich auch manchmal schwer verquast, aber gerade was diese Analyse und Kritik der Zweck-Mittel-Relation angeht, hat mir Adorno, mit seiner ziemlich grundsätzlichen Kritik des Instrumentalismus mehr zugesagt als Horkheimer. Ich suche seit Monaten nach einer bestimmten Stelle, in der er diese Kritik anhand der sprachlichen Mittel der Propaganda durchgeführt hat, kann sie aber leider nicht wiederfinden. Jedenfalls bestreitet er dort gerade diese, wie Du sagst, von Horkheimer behauptete Trennung und weist daraufhin, daß sich das eine nicht ohne das andere denken läßt, der zweck den Mitteln schon inhärent ist. Dabei ging es, glaube ich, nicht um Identitätsfragen sondern um ganz praktische z.B. ob sich die Mittel der bürgerlichen Propaganda (Bild-Zeitung) nicht auch für das Vorantreiben emanzipativer Inhalte benutzen ließen, was Adorno eindeutig bestreitet. Vielleicht war es aber auch Marcuse?

  26. Gravatar Icon 26 lysis 27. Juli 2009 um 5:09 Uhr

    Normative Begründung – heißt das nicht die Forderung, daß eine „Kritische Theorie“ begründen können soll, wie Kritik möglich ist? Wurde nicht über den Nachweis einer Tautologie in der angeblichen Begründung dessen die ganze kritische Theorie letztlich erfolgreich entsorgt?

    Naja, das ist die Schliche von Habermas, der dann eine sprachliche Transzendentalpragmatik als normatives Begründungsschema in die „Kritische Theorie“ einführt. Er wollte sie damit aber nicht entsorgen, sondern ihr bloß ein neues Fundament geben. Nur versteh ich beim besten Willen nicht, warum man das Allervernünftigste: die Ab­schaffung von Leid und die Ermöglichung eines guten Lebens, als normatives Ziel erst umständlich begründen soll. Schreibt nicht Adorno an einer Stelle, eine solche Begründung sei barbarisch? Andererseits hat er ja selber mit dem ganzen moralphilosophischen Quatsch angefangen.

    Zu Weber: Wie kann Weber dieser Auffassung sein und zugleich die protestantischen Ethik zur Voraussetzung der Entwicklung des rationalen kapitalistischen Wirtschaftens erklären?

    Weber ist der Ansicht, dass zwar die Werte irrational und nur prophetisch gestiftet seien (im Falle des Protestantismus etwa die Ethik einer innerweltlichen Askese), dass aber die methodische Lebensführung, die sich daraus ergibt, rational strukturiert, d.h. in sich stringent durchgeführt ist. „Entspringen die Regeln auch nicht aus rationaler Überlegung, so entspringt doch aus ihnen Rationalität“, heißt es bei Horkheimer und Adorno in (impliziter) Paraphrase von Max Webers Religionssoziologie. Ein Beispiel dafür wäre die Auseinandersetzung der jüdischen Rechtsgelehrten mit der Thora, wie sie im Talmud vorliegt. Zwar sind nicht die religiösen Gesetze selbst rational, aber ihre Interpretation und nachfolgende Systematisierung. Max Weber spricht deshalb auch vom „großartige[n] Rationalismus der ethisch-methodischen Lebensführung, der aus jeder religiösen Prophetie quillt“, und das obwohl er die Fähigkeit zum „Opfer des Intellekts“ für das „entscheidende Merkmal des positiv religiösen Menschen“ hält.

  27. Gravatar Icon 27 lysis 27. Juli 2009 um 5:50 Uhr

    Ich suche seit Monaten nach einer bestimmten Stelle, in der er diese Kritik anhand der sprachlichen Mittel der Propaganda durchgeführt hat, kann sie aber leider nicht wiederfinden.

    Das ist das Fragment „Propaganda“ hinten in der Dialektik der Aufklärung. Das lässt sich nicht so einfach Adorno zuordnen und gegen Horkheimer ausspielen. Das Buch ist ja schließlich von beiden!

    Außerdem sind Propaganda und Wissenschaft wirklich zwei grundverschiedene Dinge.

  28. Gravatar Icon 28 Pent C. KLarke 27. Juli 2009 um 5:59 Uhr

    Ah ja, danke. Werde gleich mal reinschauen, wenn ich von hier weg bin.

  29. Gravatar Icon 29 schorsch 27. Juli 2009 um 8:44 Uhr

    Ich habe derzeit viel zu tun, aber grade die Diskussion um die „Fakten-Frage“ finde ich spannend. Da werde ich die Tage mal was zu schreiben.

  30. Gravatar Icon 30 bigmouth 27. Juli 2009 um 10:10 Uhr

    @Pent: ja, weil marx, adorno & horkheimer hatten es ja sooooooooooooooo einfach in deutschland, keien zensur, keien verfolgung….

  31. Gravatar Icon 31 nope 27. Juli 2009 um 10:31 Uhr

    @lysis Okay, die Forderung nach einer normativen Untermauerung ist ja gerade das Zirkuläre. Was ich meinte war mehr der heuchlerische Gebrauch von „Vernunft“ (hier nur als Floskel vorgestellt), wonach sich eben die Theorie als selbstevident erweist und es eben keiner (politischen) Stellungnahme bedarf.

    Worauf ich hinaus will ist auch weniger, dass man klar darlegen sollte: „Bevor ich an die Arbeit gehe, halte ich fest, dass ich diese und jene politische Stellung vertrete. Ist das nicht das Dilemma, in das sich Habermas begibt, wenn er von „Erkenntnis und Interesse“ spricht? Kritische Gesellschaftstheorie könne nur unter normativer Untermauerung stattfinden, weil die „positivistischen Wissenschaften“ sich dieser klaren Stellungnahme verweigern würden?
    Vielleicht ergibt sich der Zirkel aber nur scheinbar: nicht vorab gebe ich mein „Analyseraster“ preis und provoziere somit tautologische Einsichten, sondern im Anschluss an meine Analysen muss eine politische Konsequenz gewusst werden. Hier brechen m.E. die „positiven“ Sozialwissenschaften ab oder lenken es in eben in die oben benannten vorpolitischen Felder bzw. verklären diese reaktionär: Und gerade weil sie das tun, sind diese Wissenschaften in ihrem Fortschreiten ideologisch und hegemonial.
    Marx hatte doch ebenso kein Herbarium vor Augen, wenn er an die konkrete wissenschaftliche Arbeit ging. Die Lektüre der politischen Ökonomen als Belegmaterial für eine falsche und verkehrte, teils interssesngeleitet Begründung, Setzung und Deutung von polit-ökonomischer Organisation des Lebens am Beispiel des „idealen Durchschnitts“, konkreter im englischen Kapitalismus.
    Man gelangt dort m.E. in einen unendlichen Regress, wenn man auf diese Sozialphysik insistiert, also mit einfachen Wechselwirkungen und Operatoren hantieren könne, um gesellschaftliche Antagonismen bspw. als fehlgeleitete Kommunikationsprozesse, als Einbrüche der „idealen Sprechsituation“ etc. zu deuten. Hier sehe ich auch den Anschluss an Foucault, der sich ja selbst relativ bedeckt hält, was die Begründung seiner Arbeit angeht, was natürlich ein falscher methodischer Apriorismus wäre (wie gesagt unwissenschaftlich, da tautologisch).

    Kurzum: die Anbindung der Erkenntnisgewinnung an die Kritik der Gegenwart (eine Kritik der politischen Vernunft) fehlt m.E. in der Theoriebildung und ist doch gerade das Movens, bspw. die (Marxsche) Arbeitswertlehre komplett zu negieren. „Wertfreiheit“ habe ich bislang auch nur als Metapher benutzt, da ich Weber (und auch den programmatischen Aufsatz „Wissenschaft als Beruf“) noch nicht gelesen habe.

  32. Gravatar Icon 32 nope 27. Juli 2009 um 10:38 Uhr

    Und wie ich weiter oben ausführte ist es ja konstitutives Merkmal der Sozialwissenschaft, soziale Erscheinungen und Tatbestände zu entmystifizieren („Entdinglichung“) und zu einer rationalen Organisation des Lebens zu gelangen.

    Das ist aber eine Grundprämisse, dich ich bspw. durch die Lektüre des Marxschen Kapitals erst erwerbe und daher keine (anthropoligische) Konstante, die jedermann unmittelbar einleuchtet. Viel eher neigt der politische common sense doch zu einer billigen Herrenmoral, wonach sich Phänomene nur als Abweichungen vom an und für sich guten Status quo darstellen würden. Und gerade weil diese primitive Einsicht so essentiell ist, muss sie in der Theorie als Fazit auftauchen. Als Fazit, dass somit auch meine Theorie begründet (retrospektiv, also wenn es um die praktische Verwertung der Erkenntnis geht, der „gesellschaftlichen Vermittlung“, wie es so schön blöd heißt).

  33. Gravatar Icon 33 bigmouth 27. Juli 2009 um 10:41 Uhr

    Nur versteh ich beim besten Willen nicht, warum man das Allervernünftigste: die Ab­schaffung von Leid und die Ermöglichung eines guten Lebens, als normatives Ziel erst umständlich begründen soll.

    für einen selbst ist das auch fast notwendig einsichtig (es gibt ja auch leute, die im leiden irgendwas tolles erblicken). nur bei dritten… es ist zb möglich, dass das leid anderer mir ein schöneres leben ermöglicht. oder das sie mir egal sind, und mir das anstrengung abverlangt

    der witz ist natürlich, dass moralphilosophie solche menschen eh nicht überzeugen kann, auch wenn kant etwa sich das anders gedacht hat

  34. Gravatar Icon 34 nope 27. Juli 2009 um 11:45 Uhr

    Naja, Leiden wird gefühlt und auch statistisch ermittelt, wie die regierungsmäßige Anordnung von Untersuchungen der eigenen Gesellschaft alljährlich darlegen (man denke nur an diesen billigen Armutsbericht). Der Zynismus der Wissenschaftler besteht dort, alle Erscheinungen eben nur als „soziale“ Fakten zu behandeln und sich völlig immun ggü. einer notwendigen Kritik zu zeigen. Aber nicht, weil sie lediglich Marionetten der Herrschaft wären (was zum Teil durch Lobbyisten, Interssensverbände etc. viel unverblümter und einer Klassengesellschaft angemessen passiert), sondern das Fazit, dass sich für Marx nach der Analyse des Kapitalismus ergibt (z.B. die Produktionsweise ruft strukturelle/immanente Krisen hervor, Krisen sind kein Exzess etc.), erkennt ein Makroökonom so nicht, da er einen ganzen auf Wertfreiheit setzenden Apparat voranstellt und alle Erscheinungen nur unter der Maßgabe der Funktion des Systems deutet („Der in kapitalistischen Denkformen befangene Leser“, wie es in einer frühen Passage in MEW 23 heißt, verkennt einfach den Irrwitz am bspw. Warenfetisch, konkreter: macht ihn durch die Verdinglichung der Tauschpraxis zu eben diesem Fetisch, verkennt die Differenz von tauschwert und Gebrauchswert, naturalisiert/enthistorisiert den Tauschwert usw.).

  35. Gravatar Icon 35 lysis 27. Juli 2009 um 22:22 Uhr

    Webers Postulat der Werturteilsfreiheit war, das sollte man nicht ganz vergessen, gegen die konservativen „Kathedersozialisten“ gerichtet, die die soziale Frage durch die wissenschaftliche Generierung „neuer Werte“ für die Industriegesellschaft lösen wollten. Marxisten (bzw. Sozialdemokraten) auf dem Lehrstuhl hat es wegen der einschlägigen Berufsverbote damals gar nicht gegeben. Das war nichts, wogegen er sich abzugrenzen brauchte.

  36. Gravatar Icon 36 nope 27. Juli 2009 um 22:45 Uhr

    Ja, das ist sicher richtig, aber wollte ich die Frage eigentlich weniger auf Weber beziehen und ihn eher metaphorisch gegen all jene liberale Kritik an einer immanenten Wissenschaftstheorie gesellschaftskritischer Provenienz wenden.

    Frage: können wir das Zizek-Moderne-Dilemma noch einmal andernorts eingehender diskutieren? Ich finde dort selbst keine Lösung (zumindest nach derzeitigem Kenntnis- und Lektürestand). „Die Tücke des Subjekts“ weist doch diesen Abschnitt aus: „Gibt es einen fortschrittlichen Eurozentrismus?“, den ich bislang noch nicht gelesen habe, aber von wo aus ich den Rekurs auf die Kritik an der Moderne westlicher Provenienz mit einer Kritik an der liberalen Post-Politik konvergieren wollen würde. Es fällt doch alles in eins. Alle Ausführungen einschließlich der Frage, welchen Geltungsbereich heute noch Philosophie hat oder beanspruchen kann, wenn ich neben mir zugleich ein Buch mit dem Titel „Der medizinische Blick in die Zukunft. Gesellschaftliche Implikationen prädiktiver Gentests http://www.amazon.de/medizinische-Blick-Zukunft-Gesellschaftliche-Implikationen/dp/359338776X/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1248730674&sr=8-1

    Ich mag es nicht, wenn Debatten aufgrund angeblicher „Fachfremdheit“ dadurch abgewürgt werden (das beziehe ich nicht auf hier), stattdessen müssen die Dinge zusammengedacht und artikuliert werden.

    Noch ein Zitat von Chantal Mouffe, die gegen die liberale Ideologie der Post-Politik festhält:

    Begriffe wie »parteilose Demokratie«, »good governance«, »globale Zivilgesellschaft«, »kosmopolitische Souveränität«, »absolute Demokratie« – um nur einige wenige der heute modischen Begriffe zu zitieren – sind ausnahmslos Bestandteile einer antipolitischen Vision, die sich weigert, die für das Politische konstitutive antagonistische Dimension anzuerkennen. Sie zielen auf die Schaffung einer Welt jenseits von »links und rechts«, »jenseits von Hegemonie«, »jenseits von Souveränität« und »jenseits von Antagonismus.« Mit dieser Sehnsucht wird jedoch völlig verkannt, worum es in demokratischer Politik geht und welche Dynamik bei der Konstituierung politischer Identitäten zu bewältigen ist, und sie trägt, wie wir sehen werden, zur Verschärfung des antagonistischen Potentials einer Gesellschaft bei.

    [Chantal Mouffe: Über das Politische. Wider die kosmopolitische Illusion, Suhrkamp: Frankfurt/Main, 2007, S. 8]

  37. Gravatar Icon 37 nope 27. Juli 2009 um 23:30 Uhr

    Als zusätzliche Informationsquelle will ich auf diesen Vortrag verweisen.

    Slavoj Žižek – Environment, Identity and Multiculturalism:

    http://www.youtube.com/watch?v=pGhanvV8LjE&feature=PlayList&p=F81255ADDE959AD8&index=0&playnext=1&playnext_from=PL

    Und generell: http://mariborchan.wordpress.com/

    Mit dem wunderbaren Interview im schweizerischen Fernsehen „Sternstunde Philosophie“

    http://www.youtube.com/watch?v=QmxsMF54syo&feature=PlayList&p=24700BC239E36014&index=0&playnext=1

  38. Gravatar Icon 38 Pent C. Klarke 28. Juli 2009 um 0:27 Uhr

    @bigmouth 27. Juli 2009 um 10:10 Uhr:
    „@Pent: ja, weil marx, adorno & horkheimer hatten es ja sooooooooooooooo einfach in deutschland, keien zensur, keien verfolgung….“

    Jaja, so bekommt das Leiden denn doch wieder seinen – und sei es auch noch so schäbigen – Sinn.

  39. Gravatar Icon 39 Pent C. Klarke 28. Juli 2009 um 4:21 Uhr

    „Der Wahrheit wird auf diese Weise ein „Zeitkern“ (Adorno/Horkheimer) zugesprochen“

    So wie Du es sagst, klingt es, als gebe es diese Wahrheit ans sich, und nur ihr „Kern“ ändere sich. Ich habe den Gedanken dagegen so verstanden, daß der Begriff oder Gedanke von „Wahrheit“ selbst ein historischer sein soll. Und mittlerweile wird ja auch nicht mehr so viel Aufhebens davon gemacht.

  40. Gravatar Icon 40 Pent C. Klarke 28. Juli 2009 um 4:32 Uhr

    Bei der emphatischen „Wahrheit“ ging es ja vor allem um so Fragen, ob die Erde nun der Mittelpunkt des Kosmos sei und die täglich sichtbare Sonne sich über das Firmament bewegt, wie die unfehlbare Kirche behauptete, oder ob es „tatsächlich“ die Erde ist, die sich bewegt, wie die Ketzer behaupteten. Was angezweifelt wurde, war ja nur vordergründig die Wahrheit des Sachverhalts und im Wesentlichen die Wahrheit des Machtanspruchs der Kirche, jedenfalls sah diese selber es so.

  41. Gravatar Icon 41 schorsch 28. Juli 2009 um 20:43 Uhr

    @ Klarke: „Ich habe den Gedanken dagegen so verstanden, daß der Begriff oder Gedanke von „Wahrheit“ selbst ein historischer sein soll.“ Ja, das habe ich genauso verstanden und meinte, dass Wahrheit sich sozusagen um einen historischen Kern anordnet und mit Vergehen dieses Kernes selber obsolet wird; nicht, dass es eine Warhheitskonstante gäbe, deren tieferer Inhalt immer nur etwas changieren würde. Daher schreibe ich ja auch von der praktischen Veraltung wahrer Begriffe, das gegen einen Wahrheitsrelativismus ebenso steht, wie gegen eine Hypostase von Wahrheit.

  42. Gravatar Icon 42 Pent C. Klarke 29. Juli 2009 um 0:46 Uhr

    @schorsch
    Danke für’s Klarstellen, das hatte ich begriffsstutzige Nuß dem Text so nicht entnehmen können.
    @bigmouth, noch mal
    Was ich damit, worauf Du anspielst, ausdrücken wollte, ist meine Befürchtung, daß der deutsche Staat – seine bürokratischen Apparate – im denkbar schlechtesten Sinne seine „Lehren aus dem Nationalsozialismus“ gezogen haben könnte.

  43. Gravatar Icon 43 Pent C. Klarke 29. Juli 2009 um 1:28 Uhr

    Das mit dem „veraltet“ usw. finde ich übrigens ziemlich sophistisch, was aber wiederum nichts bedeuten muß. Auf die Schiene sind ja auch schon andere gekommen. Es wäre vielleicht mal ganz gut, wenn Du ein Beispiel für so einen „veralteten“ wahren Begriff nennen würdest.

  44. Gravatar Icon 44 Pent C. Klarke 29. Juli 2009 um 1:31 Uhr

    Ergänzend:
    Worauf ich hinauswollte, ist der Streit um die „Wahrheit“ an sich eben als ein Moment des Endes einer geschichtlichen Periode und des Beginns einer anderen.

  45. Gravatar Icon 45 Pent C. Klarke 29. Juli 2009 um 2:09 Uhr

    Kurz und gut: So wie’s geklungen hat, hab ich es genau richtig verstanden. Und mit Deiner ganzen verfickten akademischen Technik schaffst Du es grad mal, mich ne halbe Stunde aufzuhalten, also diskutier demnächst mal mit Deinesgleichen weiter, keinen Bock mehr, Arschloch.

  46. Gravatar Icon 46 Pent C. Klarke 29. Juli 2009 um 2:15 Uhr

    „Arschloch“ nehm‘ ich zurück, dafür: Du Nebelwerfer.

  47. Gravatar Icon 47 bigmouth 29. Juli 2009 um 9:03 Uhr

    marx hatte mit viele höheren hürden zu kämpfen, du nulpe. das wollte ich sagen

  48. Gravatar Icon 48 schorsch 29. Juli 2009 um 10:04 Uhr

    @ Klarke: war dein Verbalangriff einschließlich den Inhalten jetzt gegen bigmouth oder mich gerichtet? Wenn er gegen mich gerichtet sein sollte hätte ich einige Einwände, aber ich warte erstmal ab.

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