Ein Erwachsener in Kinderschuhen

Die kulturindustrielle Schematisierung des Gedankens, die erfahrungsleere formale Annäherung des Wortes an das Symbol bei gleichzeitiger Trennung von Wort und Bild, macht Kunst zu Ästhetizismus. Der Erfolg der Aufklärung, der in ihren Zerfall mündet, ist durch Wordle und dessen Gebrauch treffend symbolisiert.

Die Aufklärung – verstanden als historischer Gesamtzug der Menschheit – war zum großen Teil die analytische Zerlegung der Welt in Teilbereiche, die durchleuchtet und durchdrungen werden, um den Dingen ihre Geister und ihre Geheimnisse auszutreiben. Das paranoide Denken entspringt der Angst die den Mensch vor selbstgefährdender Hybris schützt. Diese Angst richtete den Menschen von seiner Gefühlswelt auf seine äußere Umgebung, in der er Dämonen, Bewegungen, Geräusche vermutete. Die Aufklärung gleicht in diesem Sinne dem Kind: Obwohl es bereits klüger ist und ahnt, dass seine Angstbilder Phantasmen sind, schaut es ängstlich unter das Bett, in den Schrank und hinter die Tür: Es will sicher gehen. Es will seine Regungen der Einbildungskraft durch die scheinbare Offensichtlichkeit beruhigen, dass keine Monster im Zimmer sind. Das Kind redet sich selbst gut zu, weil es es eigentlich besser weiß und erkennt, dass keine Monster im Raum sind. Trotzdem bleibt der skeptische Zweifel, dass es doch anders sein könnte. Diese Paranoia wird durch einen positivistischen Falsifikationsprozess immer weiter beschnitten und auf das Faktum gerichtet, hält sich aber in seiner Eigentümlichkeit durch. Wenn sich der Erwachsene versichern will, wirklich die Tür abgeschlossen zu haben und den Türgriff prüft, selbst wenn dem Gedächtnis das entscheidende Datum noch eingeschrieben ist, dann ist das Schloss der Tür der rationalisierte und aufs Faktische verwiesene Geist der Kindheit. Diese Angst ist ein unendlicher Regress. Er setzt sich in den verschiedensten Gestalten fort, und macht dem Mensch zum Sklaven seiner Phantasie, denn der letzte Zweifel kann nie besiegt werden. Zwar ist die Möglichkeit, dass die Sachverhalten nun doch anders liegen im Moment der Selbstgabe der Dinge ausgeschlossen: wenn das Kind in den Schrank schaut oder der Erwachsene das Schloss prüft. Vor und nach der Präsenz der Dinge ist das Faktische allerdings nur noch in Erinnerung oder Erwartung gegeben und überlässt dem Zweifel das Feld. Der Geist des Kindes entzieht sich dessen prüfendem Blick und scheint doch da zu sein. Diese Angst kennt ein Ende in der Selbstversicherung, dass die Dinge so sind, wie man sie ahnt. Dieses Ende ist aber nur ein neuer Anfang des Angstzweifels: aus der Angst gibt es kein Entkommen.

Die Aufklärung durchdringt die Welt der materiellen und geistigen Fakten, um ihren Gespensterglauben der Phantasterei zu überführen. Diese Phantasterei ist mit Wissenschaft als Philosophie verbunden, denn kein Gedanke gibt sich im System. Gedacht wird in Brüchen, Einfällen und Vermutungen, also im Einklang mit dem Vagen der Phantasie. Dass die Geister nicht in der Außenwelt lauern, sondern ein subjektives Reaktionsgebilde auf objektive Dispositionen sind, würde deutlich, wenn sich das Denken der eigenen Zufälligkeit und Uneinsichtigkeit bewusst wäre. Damit wäre die Empirie als Bewährungsinstitution der Gedanken entwertet, die Gedanken verlören ihren festen Halt an der Außenwelt. Daher verschleiert der Gedanke die Uneinsichtigkeit seiner Genese in der nachholenden Systematisierung und Selbstdisziplin. Alles muss auseinander hervorgehen, der Gedanke sich in eine geistige Welt des Allverknüpften einpassen, der die Totalität der materiellen Welt geistig rationalisiert: „Dieses System des universalen Apriori ist also auch zu bezeichnen als systematische Entfaltung des universalen Logos alles erdenklichen Seins.“ (Husserl). Die Aufklärung als systematische Durchleuchtung der Welt, die sie analytisch zergliedert, um festzustellen, dass in den Dingen keine außerirdische Substanz lauert, wendet dieses Prinzip auf sich selbst an. Sie differenziert sich in verschiedene Glieder, die entworren und in deutliche Bereiche mit klaren Verhältnissen zueinander gesetzt werden: Natur dort, Gesellschaft hier. Diese neue glasklare Ordnung scheint keiner Reflexion mehr zu bedürfen. Es scheint, als seinen die trügerischen Verwirrungen unbedachter Eigenheiten der Dinge deutlich geworden und durch die Entwirrung ihre Gefahr gebannt. Durch die „Ausgestaltung von Expertenkulturen und ihre theoretische Eigendynamik“ (Habermas) sei es möglich so die Dinge der Welt eingehender Untersuchung zu unterwerfen und Verirrungen aufzudecken.
Toter Text
Die Tabellarisierung der Welt als Rettung vor falschen Identifizierungen des eigentlich Getrennten. Gleichzeitigkeit oder ihr Pedant, das zeitlich nichtmal als Begriff existiert, das „Weder-Noch“ hat in einem solchen System eindeutiger Zuweisung keinen Platz. In seiner List hat das System für solche Fälle allerdings wohl einen Platz. Es wäre kein System, wenn es nicht alles aufsaugen könnte, es hätte selber Brüche und Leerstellen, es wäre kein System mehr. Für Gedankenformationen die in der Ratio des Systems fehl am Platze sind bietet das System die Lösung eines endverwertenden Restmülls. Dorthin kommt alles, was nirgends reinpasst und dadurch doch wieder reinpasst. Das Nichtidentische wird so doppelt identifiziert: Das System prüft den Gedanken im ersten Schritt auf Kompatibilität. Ist er Unpassend steht sein Platz schon fest und er wird im zweiten Schritt dorthin verwiesen: In den Restmüll, in die Irrenanstalt, in die Kunst; immer in etwas hinein, niemals aus etwas und sich selbst heraus. Es darf keine Entfaltung des Unpassenden geben, dies könnte das System gefährden und sorgsam gezogene Grenzen überschreiten. Deshalb wird das Andere nur in Etwas hinein gesteckt, gefaltet, verkleinert, eingesperrt. Hat das Kind noch sich selbst im überschaubaren Raum eingesperrt, gegen die Drohung des Monster abgeschottet, ihm aber so den Raum draußen überlassen, wird das Monster jetzt in diesen Raum eingesperrt, der erwachsene Gedanke übernimmt die Welt draußen. Der Gedanke ist immer dort, wo sein Anderes nicht ist. Dieses Ausweichen des Gedankens steht für seine ursprüngliche Angst und verleiht im etwas Partikulares und Irrationales, das er aber immer nur im Anderen sieht. Der Gedanke und das Andere, entsprungen aus absoluter Trennung voneinander nähren sich so wieder an. Der Gedanke, der auch sich immer wieder prüft und diszipliniert verliert dadurch selber etwas. Der Gedanke, der einst noch das Andere, das Nichtidentische klein hielt, ist plötzlich dasjenige was sich klein macht um groß gegen das Andere zu bleiben, dadurch aber das Andere groß macht. Dadurch bringt sich allerdings weder das System in Gefahr, noch löst sich dadurch die ursprüngliche Angst des Gedankens auf. Vielmehr wird das Nichtidentische für die Einflüsse des Identischen, Rationalen und Systematischen geöffnet: in den Sondermüll fallen mal Dinge, die selbst nach dem Maßstab des Systems noch funktionstüchtig sind. Daraus schlägt das System doppelten Profit: das Funktionssystem kann damit prahlen, dass es so modern, so schnelllebig, so rational ist, dass es sich scheinbar selbst überholt und noch funktionierende Dinge wegwerfen kann; die giftigen Gase des Restabfalls hingegen werden durch das systemmäßig noch Brauchbare gleich dem klaren Trinkwasser verdünnt und entschärft.

Alles Funktioniert, alles lässt sich einteilen, rationalisieren, analysieren und synthetisieren, aber das Verständnis bleibt auf der Strecke. Die Angst regiert, der kindliche Zustand wird der einer ganzen Gesellschaft. Der prüfende, skeptisch-kritische Blick, der die Geister verjagen sollte, erzeugt die Starrheit des Alls. Alle Texte und Gedanken sind im Ästhetizismus des Symbolen- und Zahlenspiels gestorben, ihnen wird kaum mehr in starren Denkmälern gedacht, Kunst ist ein unaufhörlicher Betrieb, dessen Dynamik der bewegungslosen Bewegung, der Starrheit gleicht. So nährt sich die Welt dem Zustand an, in dem die Angst nicht regiert: dem starren Moment, indem die Dinge präsent sind: der Schrank ohne Geist und die Tür fest verschlossen. Dieses Fernhalten von Angst ist keine Befreiung von ihr, sondern die absolute Kapitulation im Bann ihrer Logik. Die Starrheit der in diesem Bann gefangenen Menschheit entspricht der festen Identität, die das bürgerliche Subjekt bis aufs Messer gegen alle Gefahren verteidigt. Die Gewissheit im Moment der Selbstgabe der Dinge korreliert mit der Selbstgewissheit des ego cogito. Die Subjekte einer Gesellschaft mit dem versteinerten Blick auf das scheinbar Wirkliche, sind sich ihrer Selbsthabe als Wirkliche nur sicher wenn ihr Selbst durch die Formalismen des Systems, das Offenbarkeit und Wirklichkeit auszudrücken scheint, artikuliert werden kann; andernfalls müssten sie ihr Selbst als Irrationales Phantasma beschneiden. Eine Gesellschaft in diesem Zustand ist das Kind, das nichts mehr macht, als auf den Schrank zu schauen und der Erwachsene, der nur noch das Schloss prüft um auszuschließen, dass er es abgeschlossen hat. Niemand lebt mehr. Der Gedanke wird sein Anderes: wie irre schaut er prüfend – erstarrt und gebannt – in den Schrank, auf die Tür. Kunst und Wissenschaft näheren sich aneinander an, aber nicht als wechselseitiger Entfaltung, sondern in gegenseitiger Beengung: „Die Trennung von Zeichen und Bild ist unabwendbar. Wird sie jedoch ahnungslos selbstzufrieden nochmals hypostasiert, so treibt jedes der beiden isolierten Prinzipien zur Zerstörung der Wahrheit hin.“ (Adorno/Horkheimer).


7 Antworten auf “Ein Erwachsener in Kinderschuhen”


  1. Gravatar Icon 1 lysis 25. Juli 2009 um 13:58 Uhr

    sorry, aber da weiß ich wieder, warum ich mich in den letzten 10 jahren vom adorniten zum „fröhlichen positivisten“ (foucault) gewandelt habe. ;)

  2. Gravatar Icon 2 Tioum 25. Juli 2009 um 17:49 Uhr

    Vom Regen in die Traufe.

  3. Gravatar Icon 3 schorsch 25. Juli 2009 um 18:19 Uhr

    Ich glaube ein paar sinnvolle Gedanken wird man dem Text nicht absprechen können, gegen sachliche Kritik hab ich nichts.

    @ lysis: Wieso?

    @Tioum: von der Sonne in den Regen… ;-)

    Nein, quatsch, ich will das ja gar nicht verabsolutieren. Im neuen Text auf diesem Blog erläutere ich den Hintergrund für diesen Text.Vielleicht lässt sich damit besser die Grundspannung die hier vorliegt diskutieren.

  4. Gravatar Icon 4 lysis 26. Juli 2009 um 4:36 Uhr

    schorsch, ich wollte dich um gottes willen nicht persönlich angreifen. abgesehen von meiner zunehmenden distanz gegenüber der kritischen theorie (die viel, aber nicht ausschließlich mit deren adaption durch antideutsche obskurantisten zu tun hat) war es bestensfalls die für mich nicht ganz nachvollziehbare verbindung zwischen meinem unschuldigen gebrauch von wordle und deinen schwierigen philosophischen überlegungen, die mich zum schmunzeln gebracht hat. da wollte ich kurz schauen, was du an mir und wordle auszusetzen hast, und seh mich völlig unerwartet mit einem text konfrontiert, auf den man sich erst mal einlassen können muss, um seinen punkt zu verstehen!

    und eigentlich, das sag ich ehrlich, möchte ich mich auf adornos philosophie auch gar nicht mehr einlassen. du solltest mein exemplar der dialektik der aufklärung sehen: es ist voller anstreichungen, zerlesen und zerfleddert, die seiten fallen schon heraus. ich hab das buch mindestens dreimal gelesen. und ich hab offen gestanden nicht die muße für einen vierten durchgang, zumal aus meiner sicht heute, im zeitalter neuer religionskriege, etwas gänzlich anderes ansteht als die kritik am vermeintlichen schrecken einer „vollends aufgeklärten welt“ – z.b. die verteidigung der wissenschaftlichen aufklärung und einer ihrer wichtigsten gestalten, der darwinschen evolutionstheorie, gegen das fundamentale christentum.

    und dass aus der adornoschen empirismuskritik in deutschland die unverschämte lügenpraxis rassistischer märchenerzähler_innen wie wertmüller, kunstreich und wilting geworden ist, die sich die zu ihrer theorie passende „erfahrung“ gleich selber ausdenken, bestärkt mich nun schon seit längerem in meiner annahme, dass an der positivismuskritik der kritischen theorie, die in wirklichkeit nichts als ein amoklauf gegen das prinzip überprüfbarer wahrheit selbst ist, etwas grundlegend faul sein muss.

  5. Gravatar Icon 5 schorsch 27. Oktober 2009 um 0:24 Uhr

    Ich leß hier grad nochmal so drüber: @ lysis: Wenn du Kritische Theorie an ein paar Blöden mißt, dann kannst du doch eigentlich gar nichts mehr lesen.

    „ich hab das buch mindestens dreimal gelesen. und ich hab offen gestanden nicht die muße für einen vierten durchgang, zumal aus meiner sicht heute, im zeitalter neuer religionskriege, etwas gänzlich anderes ansteht als die kritik am vermeintlichen schrecken einer „vollends aufgeklärten welt“ – z.b. die verteidigung der wissenschaftlichen aufklärung und einer ihrer wichtigsten gestalten, der darwinschen evolutionstheorie, gegen das fundamentale christentum.“

    Aber genau das ist doch der Punkt: es ist doch grade die Hypostase von der ganzen Scheisse, wenn du die Seite der Wissenschaft gegen Religion hälst. Es gibt – und da gibt es in der DDA viele gute Stellen zu ;-) – ja einen eminenten Zusammenhang des aufgeklärten Denkens und der religiösen Reaktion, gegen die du die AUfklärung verteidigen willst. Ich meine also, dass eine Position, die in Fundamentalismus bloß Wiederkehr gleich einem Anachronismus sehen will, nicht nur ein Erklärungsdefizit solcher Renaissance aufweist, sondern deren innerste Bewegung verkennt.

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