„Sie haben sich hier zwei Stunden selbst befriedigt!“

Narodnik hat ein Video aufgestöbert und auf seinem Blog verlinkt, in welchem Krahl einige bissige Worte gegen Mitscherlich schleudert, der von wütenden Studenten umringt ist, die ebenfalls auf ihn einreden. Mitscherlich habe – das betont Krahl deutlich – zwei Stunden einen Vortrag gehalten und damit einen Verrat – woran geht in dem Off-Kommentar leider unter – geübt. Auf die Erwiderung Mitscherlichs, Krahl sei ein demagogischer Zerstörer, antwortet dieser, Mitscherlich habe einen „liberalen Resonanzboden gehabt“, also die Chance sich den Massen verstehbar zu machen. Dies sei Mitscherlich – so der Vorwurf Krahls – nicht gelungen und daher müsse er sich jetzt über harte Worte, die ihn als Verräter denunzieren, also implizit als Außenseiter und Volks- oder Bewegungsfremdling geißeln, nicht wundern.
Schon diese Bemerkung Krahls zeigt, dass nach seinem Verständnis sich der Intellektuelle der Wut der Massen oder der ihres Anführers, also Krahl selbst, in Schuldeinsicht zu unterwerfen habe, weil er sein vermeintliches Telos, die Massenaufklärung oder Massenbegeisterung, also Propaganda, nicht erreicht habe.
Sicherlich gibt es einen äußert schmalen Grat, der über sinnvolle Verständlichkeit und Propaganda entscheidet. Angenommen es ginge Krahl und den aufgebrachten Studenten einfach um die Mitteilung, dass der Vortrag höchstens für Mitscherlich, aber sonst für niemanden, Erkenntnis gestiftet habe, weil keine anwesende Person seinen Ausführungen folgen konnte; dann hätte ironische Polemik oder offene Langeweile genügt. Die feindselige Massenentrüstung kann aber allein durch solches Interesse an zugänglicher Gedankenartikulation nicht erklärt werden. Offenbar ist die aufgebrachte Feindschaft durch ein weiteres Bedürfnis motiviert.
Entsprechend kritisiert Krahl in der Folge des Videos Mitscherlichs viel zu lange und akademische Rede, die von der Bevölkerung nicht verstanden werde. Anstelle einer nutzbringenden Arbeit, die die Gemeinschaft nicht unterläuft, sondern sich ihr andient und sie stärkt, wagt es Mitscherlich auf der Abstraktheit seiner Gedankenwelt, also ihrer Wahrheit, zu beharren. Dafür schlägt ihm die Ablehnung in vervefördernder Sportpalaststimme entgegen: er betreibe Selbstbefriedigung.
In dem scheinbar menschennahen Verständlichkeitsappell von Krahl steckt zweierlei: zumindest die Möglichkeit elitärer Massenverachtung und ein antiintellektuelles Ressentiment. Dadurch, dass von Mitscherlich Verständlichkeit gefordert wird, wird die Trennung von Kopf- und Handarbeit verewigt. Die Intellektuellen – zuständig für Philosophie, Wissenschaft, Kopfarbeit – haben ihre Denkprodukte als Konsumgüter dem Volk produktiv zur Verfügung zu stellen. Im Austausch erhalten sie schließlich die Konsumprodukte der Handarbeiter. Diese Handarbeiter sind – in der Fesselung an die Verrichtung der Plackerei – auf Verständlichkeit angewiesen, weil sie immer Handarbeiter bleiben werden. Vor diesem Hintergrund sind die Intellektuellen darauf verpflichtet, ihre Gedanken in verwertbare Schemata zu pressen, die mit nichts brechen, keine Irritationen erzeugen, sondern sich in den normierten Gedankenwegen zuhause fühlen. In solcher Zugänglichkeit wird das Faktische in seiner Macht nochmals bestätigt, da die Gedanken als mit dem Gegebenen identifizierte präformiert werden müssen, um als kulturindustrielle Waren massentauglich zu werden.
Die Intellektuellen müssen so reden, dass sie vom Volk verstanden werden, also garantieren, dass ihre Arbeit für die Massen „fruchtbar“ wird und damit die Legitimation für weitere „Synergieeffekte“ der Teilung Kopf- und Handarbeit erbringen. Tut die oder der Intellektuelle das nicht, droht die Gewalt der Worte. In diesem Falle lautet der Vorwurf an Mitscherlich: er betreibe Selbstbefriedigung. Damit wird Krahl nicht nur das „Glück der Erkenntnis“ (Adorno/Horkheimer) meinen, das sich Mitscherlich in seinem Vortrag gönnt, sondern er spielt mit der deutlich sexuellen Konnotation des Wortes. Der Lustgewinn des Intellektuellen wird ihm versagt, betätigt er sich nicht produktiv für die Volksgemeinschaft. Anstatt seine Worte verständlich ins Volk zu reichen, sein Ejakulat gemäß einer vorgestellten Natürlichkeit der Zeugung zuzuführen, wagt es Mitscherlich – und diese Vorstellung steckt in dem antiintellektualistischen Gerede von Selbstbefriedigung – sich als intellektueller Volksfremdling von der Gemeinschaft zu entfernen und im kleinen Kämmerchen sein vermeintlich perverses Denken als Herumgewichse zu praktizieren. Das ist der sexistische und homophobe Hintergrund des Vergleichs von Denken und Masturbation: das Produkt wird nur geduldet, wenn es sich produktiv fortpflanzt, sich der Körper als Element der Selbsterhaltung des Volkes durchstreicht, sich Glück und Lust versagend verbissen gegen diejenigen hetzt, die die sich eigensinnig Glück und Lust gönnen.


9 Antworten auf “„Sie haben sich hier zwei Stunden selbst befriedigt!“”


  1. Gravatar Icon 1 crull 09. Juli 2009 um 9:51 Uhr

    Bei dir geht durcheinander, was nur durcheinander gehen kann. Wenn mir heute etwas Zeit bleibt, äußere ich mich gerne noch ausführlich.

  2. Gravatar Icon 2 narodnik 09. Juli 2009 um 15:58 Uhr

    Es ist hier inhaltlich wenig zu klären. Weder Mitscherlich noch Krahl sind mit ihren vollen Redebeiträgen zu sehen. Der Film zeigt nur diesen einen Ausschnitt um mal wieder die böhse Studentenbewegung zu illustrieren.

    Wer das Auftreten von Hans-Jürgen Krahl als Antiintellektualismus begreift, der hat nicht begriffen, dass es ihm als Wortführer der antiautoritären Fraktion des SDS um den Zusammenhang von Aufklärung und Aktion ging, wenn er hier Mitscherlich kritisiert. Aufklärung steht aber für die transparente Vermittlung in der öffentlichen Rede.

    Und noch eines: die Aufhebung der Trennung von geistiger und körperlicher Arbeit geht garnicht ohne die Zurücknahme dieser Trennung durch die Bewegung der wissenschaftlichen Intelligenz (wie das bei Krahl heißt).

    Der Rest deines Beitrags ist nicht besser als die Hetze über die Studentenbewegung, von wegen sie hätte ja das Erbe der SA angetreten. Hier hat wohl mal wieder die Kulturindustrie zugeschlagen mit einem wunderbaren Film der nur aus Ausschnitten besteht die ein Bild bestätigen sollen: die Studenten waren nur auf Krawall aus.

  3. Gravatar Icon 3 schorsch 09. Juli 2009 um 16:50 Uhr

    Du hast recht, ein inhaltlicher Bezug auf die Redebeiträge ist nicht möglich. Vielleicht hat Mitscherlich ja tatsächlich blödes Zeug erzählt und der Beitrag von Krahl steckte voller Wahrheiten.
    Grade davon abstrahiere ich in dem Text ja willentlich, weil es mir gar nicht um die Inhalte der Vorträge geht, sondern um die Weise, wie ein Teil der StudentInnen auf eine Person reagiert, die in einem akademischen Stil spricht. Besonders geht es mir um die doch brutale Reaktion von Krahl und den StudentInnen. Ich wiederhole mich da: selbst wenn es um die vielleicht berechtigte Kritik an einem Akademismus gehen würde, der die Trennung von Kunst und Wissenschaft, von Kopf- und Handarbeit hypostasieren könnte, dann wäre der Vortrag von Mitscherlich ja eine gute Gelegenheit für Krahl und die Anwesenden, diese Kritik zu äußern oder laut zu Gähnen, weil man nichts verstanden hat. Aber grade so reagiert ja fast keiner der anwesenden Personen, zumindest niemand der näher Anwesenden. Das und die Eigenheit der Reaktionsweise erscheinen mir erklärungsbedürftig.
    Es mag sein, dass es Krahl um den Zusammenhang von Aufklärung und Aktion geht. Eine solche Aktion ist aber brutal und falsch. Eine Kritik am Intellektuellen – dessen Position ja tatsächlich progressiv gesellschaftskritisch kritisiert werden kann – die Kritik an gesellschaftlichen Verhältnissen und gesellschaftlichen Personen zu einem autoritären Zurechtweisen von Einzelnen macht, ist doch einfach blöd. Vielleicht hätte Krahl einen falschen Akademismus adäquat kritisieren können, vielleicht war das sogar seine Absicht. Die Wortwahl von ihm und sein Auftreten in diesem Video zeugt aber noch von mehr; um die Kritik von diesem Überschuss geht es mir.
    Sicherlich, den habe ich etwas polemisch überspitzt kritisiert, aber ich denke das deutliche Ressentiment verweist auf ein problematisches ideologisches Feld, das vielleicht gar nicht mal Krahls persönliches Denken betrifft, sondern Charakterstrukturen, die gesellschaftlich herangebildet werden.
    Daher geht es mir nicht um die blöde Kontinuitätsbehauptung von SA und postfaschistischer Studentenschaft, sondern um die Frage nach autoritären Denkweisen und Handlungsmustern, die sich auch in den Personen festsetzen, die meinen von ihnen frei zu sein. Mir geht es auch nicht darum zu behaupten, dass die Studenten nur auf Krawall aus wären. Wäre Krahl und wären die erbosten Studenten in dem Video nur auf Krawall aus, dann wäre mir das vielleicht noch egal. Problematisch ist es ja, weil sie grade nicht nur auf Krawall, sondern vielmehr auf Sitte und Ordnung aus sind.
    Letztlich ist es dann auch tendenziell egal, ob nun Krahl oder Person X von „intellektueller Selbstbefriedigung“ redet. Das ist ja eine gängige Ausdrucksweise, hinter der sich meines Erachtens eine Ebene versteckt, die wirklich sehr bedenkenswert ist.
    P.S.: was du zur Trennung von geistiger und körperlicher Arbeit sagst, würde ich eher bezweifeln. Aber das ist eine andere, größere Fragestellung.

  4. Gravatar Icon 4 narodnik 09. Juli 2009 um 17:10 Uhr

    In den Fernseharchiven dürfte es noch allerhand Material geben zu den spektakulären Auseinandersetzungen bei den Podien um 1968 herum.

    Ad rem: Mitscherlich hatte immer diesen pädagogischen Blick auf die Studentenbewegung im Sinne eines „berechtigten Protestes“. Das dürfte er dann immer wieder psychoanalytisch garniert haben, von wegen die müssten ja erstmal „Reife“ erlangen mit ihrem Protest. Es ist hier eigentlich genau die gleiche Situation wie in der damaligen Auseinandersetzung mit Habermas beispielsweise. Auch der Satz mit dem „liberalen Resonanzboden“ verweist darauf, dass Mitscherlich über vieles geredet hat, sicherlich aber nicht zur gebotenen Aktion gegen die Notstandsgesetze.

    Das was du hier „brutal“ nennst in der Redeweise von Krahl würde ich eher die Produktion von plebejischer Gegenöffentlichkeit nennen. Krahl und die Antiautoritären waren nämlich überall die Ersten, die von Adorno bis zum Frankfurter Bürgermeister das direkte Streitgespräch gesucht haben.

    Dei weitere Filmdokumente zu H.J.-Krahl gibt es hier:

    http://www.hr-online.de/website/specials/68er/index.jsp?key=standard_document_34139516&jmpage=1&type=v&rubrik=35006&jm=2&mediakey=specials/standard/20080425_springerdemo_brundert (Krahl ruft den Bürgermeister zurück)

    http://www.hr-online.de/website/specials/68er/index.jsp?rubrik=35018&key=standard_document_34197348&mediakey=specials/standard/20080425_gewerkschaften_notstandsges&type=v (Die Römerbergrede)

    http://video.google.de/videoplay?docid=-7326886227219661606 (Krahl spricht hier ab Minute 14)

  5. Gravatar Icon 5 schorsch 09. Juli 2009 um 17:26 Uhr

    Danke für die Links! Die werde ich mir mal ansehen.

  6. Gravatar Icon 6 Moneymaker 19. Juli 2009 um 23:50 Uhr

    lustiger zufall. gerade über narodniks video egstoßen und so auf dein blog gestolpert.
    nette kritik. du triffst gedanken die mir auch kamen, aber liest stellenweise doch etwas viel hinein.
    zu inhaltlichem bin ich gerade etwas zu träge, aber thx für den schnieken text und das mit der trennung von kopf und handarbeit wäre wirklich mal ein paar gedanken und gute tastaturarbeit wert. narodnik geht da -so mein vager eindruck- in die richtigere richtung.

    -lg, money

  7. Gravatar Icon 7 Lukasc 10. März 2011 um 5:13 Uhr

    Wie lange hat der Autor für den Text gebraucht – zwei Stunden?

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  2. 2 Krahl versus Mitscherlich « SUBVERSOR Pingback am 26. Juli 2009 um 15:22 Uhr
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