Archiv für Juli 2009

Über Philosophie

Mit dem letzten Text auf meinem Blog habe ich offenbar etwas Belustigung hervorgerufen, was wohl an dem etwas rätselhaften Texthintergrund lag. Ich selber sehe in dem letzten Text eher einen – sicherlich gewagten und fragwürdigen – Versuch, anstelle einer abschließenden Begründung und Klärung. Einige Überlegungen, die mich motiviert haben, einen solchen Text zu schreiben.
Mit der Beschränkung auf das Offenbare ist nichts geschafft. Das Faktum steht nicht alleine objektiv im Raum, sondern ist in einer bestimmten Weise dem erkennenden Subjekt vermittelt. Diese Vermittlung ist kein bloß mechanisch ablaufender Prozess bewusstseinspsychologisch zu entdeckender Strukturen, sondern verläuft vor dem Hintergrund eines gesellschaftlichen Konstitutionszusammenhanges. Die Klärung von diesem Zusammenhang ist das Ziel kritischer Theorie und nach wie vor meisterhaft durch Karl Marx im Kapital durchgeführt. Der Objektivitätsanspruch zumindest der Geisteswissenschaften ist eine Ideologie, weil sie ihre Untersuchungen in einer immer schon konstituierten Welt durchführen, die als Fundament der Untersuchungen unbefragt im Hintergrund aktiv ist und durch die vorgeblich reine Sprache der Fakten vernebelt wird.
Der wissenschaftliche Glaube an Objektivitäten die direkt aus den Fakten heraus sprechen würden, führt zu Idealisierungen der Faktenwelt. Diese Idealisierungen und Verallgemeinerungen, die den Objektivitätsanspruch der Wissenschaft legitimieren, sind aber gedanklich vermittelt: der Gedanke an bestimmte Parallelitäten, Widersprüche, Übereinstimmungen – auch von Fakten – lässt sich nicht ins Letzte rechtfertigen. Wäre er von Anfang bis Ende vollends erklär- oder rückführbar, böte er keine Erkenntnis, dann wäre er wirklich ein Herumspielen mit dem Identischen. So stark sich Wissenschaft auch darum bemüht, universale Selbstbegründungen zu liefern, bestimmte aporetische Grundkonstellationen werden nie ausgemerzt. Dem entspricht der Denkverlauf: das Denken ist kein laufender Rechenapparat, sondern ein unsicheres Tasten, Schätzen und Ausprobieren, Philosophie. In der Wissenschaft wird diese philosophische konzentrische Weite des Gedankens ausradiert und in ein System trügerischer Genauigkeit gepresst. Die Präzision der philosophischen Gedanken hingegen wird durch Ungenauigkeit geschärft, weil sie nicht auf eng definierten Raum zu einem Einzelnen begrenzt werden, sondern im Einzelgegenstand den Bezug aufs Ganze verdeutlichen. Die Einbettung von Phänomen in einen gesellschaftlichen Konstitutionszusammenhang kann so erst das Erkennen einer gesellschaftlichen Totalität ermöglichen. So kristallisiert jeder Gegenstand die Beziehung zu anderen Gegenständen, seine Zeitlichkeit, Ambivalenzen und Umschlagstendenzen an. Dadurch ist auch das praktische Veralten noch realer Begriffe offen gehalten. Der Wahrheit wird auf diese Weise ein „Zeitkern“ (Adorno/Horkheimer) zugesprochen und so die Praxis als Freiheit der Veränderung und Verwirklichung beschädigter Wahrheit erkannt.

In diesem Sinne ist der letzte Text in diesem Blog zu verstehen. Im unmittelbaren Anknüpfen an die Gänge der Assoziation und Überlegung unterlässt er die nachholende Rationalisierung der Wissenschaft bewusst und hofft so Erkenntnisbereiche freizulegen. Ein solcher Text ist daher immer auch ein Experiment und ich sehe selber ein, dass einiges gewagt, ersponnen und maniriert erscheinen mag; etwa die Analogien des Kindes. Das ist aber der Versuch, die vielfältigen Dimensionen und Einbettungen des tätigen Denkens nicht als irrationales Beiwerk abzuschneiden, sondern als mögliche Gedankenzentren zu fokussieren. Daher hält sich auch diese Kind- und Schloss-Analogie durch: nicht weil ich im Nachhinein den Gedanken suggestiv als Bild unmittelbarer dem Leser aufdrängen will, sondern weil ich in diesem Bild gedacht habe.
Es ist doch so, dass der gängige wissenschaftliche Diskurs bestimmte Gedankendisziplinierungen abverlangt, also nur bestimmte Formen und Figuren des Denkens zulässt. Ich habe den Eindruck, dass aber diese Figuren in diesem Diskursstil (der sich zusätzlich in der Selbstzuschreibung, Wesensform des Denkens selbst zu sein, verschleiert) auf einem Boden beruhen, der unthematisch immer im Hintergrund bleibt, aber im veröffentlichten und diskurskonformen Produkt durchgestrichen ist, nämlich eben dem philosophischen Boden des Spekulativen, Ungefähren, Übertriebenen usw. Sicherlich muss sich ein Resultat nicht auf seine Genese verpflichten, aber ich habe den Eindruck, dass in dem Weg des genuinen, intuitiven, verschieden vermittelten Gedankens hin zu einer wissenschaftlich akzeptierten Form einiges verloren geht; die Erkenntnis einer gesellschaftlichen Totalität als allwaltender und damit alles berührender Gesamtzusammenhang zerstört wird.
Der unten stehende Text ist daher – in Worten der akzeptierten Wissenschaft – vielleicht soetwas wie eine These, die aber zugleich mehr ist als eine bloße Behauptung, die dann noch gefüllt werden müsse. Es lassen sich ja Zusammenhänge erkennen, die nach Maßstab des Diskurses als Argument aufgefasst werden könnten. Das möchte ich ja auch gar nicht verurteilen; ich will ja keine irrationalistische Esoterik vorführen. Vielleicht ist der Text ein – möglicherweise naiver – Versuch, den gängigen Formen des Denkens kritisch hinterherzufragen, um mögliche Beschränkungen einzusehen; den unthematischen Boden der Gedanken nicht im Gedankenresultat wegzubrechen, sondern auszuprobieren, ob in Begriffen, die sich in Begriffszusammenhängen ergänzen und widersprechen, in dieser klaren Unklarheit, Erkenntnis liegen könnte. Mir erscheint es sinnvoller mal den ein oder anderen unsicheren aber doch schlüssigen Pfad des Gedankens zu wagen, anstatt im reduktionistischen Begründungszwang in Reihe und Glied zu marschieren und sich gewisse Überlegungen auszureden.

Ein Erwachsener in Kinderschuhen

Die kulturindustrielle Schematisierung des Gedankens, die erfahrungsleere formale Annäherung des Wortes an das Symbol bei gleichzeitiger Trennung von Wort und Bild, macht Kunst zu Ästhetizismus. Der Erfolg der Aufklärung, der in ihren Zerfall mündet, ist durch Wordle und dessen Gebrauch treffend symbolisiert.

Die Aufklärung – verstanden als historischer Gesamtzug der Menschheit – war zum großen Teil die analytische Zerlegung der Welt in Teilbereiche, die durchleuchtet und durchdrungen werden, um den Dingen ihre Geister und ihre Geheimnisse auszutreiben. Das paranoide Denken entspringt der Angst die den Mensch vor selbstgefährdender Hybris schützt. Diese Angst richtete den Menschen von seiner Gefühlswelt auf seine äußere Umgebung, in der er Dämonen, Bewegungen, Geräusche vermutete. Die Aufklärung gleicht in diesem Sinne dem Kind: Obwohl es bereits klüger ist und ahnt, dass seine Angstbilder Phantasmen sind, schaut es ängstlich unter das Bett, in den Schrank und hinter die Tür: Es will sicher gehen. Es will seine Regungen der Einbildungskraft durch die scheinbare Offensichtlichkeit beruhigen, dass keine Monster im Zimmer sind. Das Kind redet sich selbst gut zu, weil es es eigentlich besser weiß und erkennt, dass keine Monster im Raum sind. Trotzdem bleibt der skeptische Zweifel, dass es doch anders sein könnte. Diese Paranoia wird durch einen positivistischen Falsifikationsprozess immer weiter beschnitten und auf das Faktum gerichtet, hält sich aber in seiner Eigentümlichkeit durch. Wenn sich der Erwachsene versichern will, wirklich die Tür abgeschlossen zu haben und den Türgriff prüft, selbst wenn dem Gedächtnis das entscheidende Datum noch eingeschrieben ist, dann ist das Schloss der Tür der rationalisierte und aufs Faktische verwiesene Geist der Kindheit. Diese Angst ist ein unendlicher Regress. Er setzt sich in den verschiedensten Gestalten fort, und macht dem Mensch zum Sklaven seiner Phantasie, denn der letzte Zweifel kann nie besiegt werden. Zwar ist die Möglichkeit, dass die Sachverhalten nun doch anders liegen im Moment der Selbstgabe der Dinge ausgeschlossen: wenn das Kind in den Schrank schaut oder der Erwachsene das Schloss prüft. Vor und nach der Präsenz der Dinge ist das Faktische allerdings nur noch in Erinnerung oder Erwartung gegeben und überlässt dem Zweifel das Feld. Der Geist des Kindes entzieht sich dessen prüfendem Blick und scheint doch da zu sein. Diese Angst kennt ein Ende in der Selbstversicherung, dass die Dinge so sind, wie man sie ahnt. Dieses Ende ist aber nur ein neuer Anfang des Angstzweifels: aus der Angst gibt es kein Entkommen.

Die Aufklärung durchdringt die Welt der materiellen und geistigen Fakten, um ihren Gespensterglauben der Phantasterei zu überführen. Diese Phantasterei ist mit Wissenschaft als Philosophie verbunden, denn kein Gedanke gibt sich im System. Gedacht wird in Brüchen, Einfällen und Vermutungen, also im Einklang mit dem Vagen der Phantasie. Dass die Geister nicht in der Außenwelt lauern, sondern ein subjektives Reaktionsgebilde auf objektive Dispositionen sind, würde deutlich, wenn sich das Denken der eigenen Zufälligkeit und Uneinsichtigkeit bewusst wäre. Damit wäre die Empirie als Bewährungsinstitution der Gedanken entwertet, die Gedanken verlören ihren festen Halt an der Außenwelt. Daher verschleiert der Gedanke die Uneinsichtigkeit seiner Genese in der nachholenden Systematisierung und Selbstdisziplin. Alles muss auseinander hervorgehen, der Gedanke sich in eine geistige Welt des Allverknüpften einpassen, der die Totalität der materiellen Welt geistig rationalisiert: „Dieses System des universalen Apriori ist also auch zu bezeichnen als systematische Entfaltung des universalen Logos alles erdenklichen Seins.“ (Husserl). Die Aufklärung als systematische Durchleuchtung der Welt, die sie analytisch zergliedert, um festzustellen, dass in den Dingen keine außerirdische Substanz lauert, wendet dieses Prinzip auf sich selbst an. Sie differenziert sich in verschiedene Glieder, die entworren und in deutliche Bereiche mit klaren Verhältnissen zueinander gesetzt werden: Natur dort, Gesellschaft hier. Diese neue glasklare Ordnung scheint keiner Reflexion mehr zu bedürfen. Es scheint, als seinen die trügerischen Verwirrungen unbedachter Eigenheiten der Dinge deutlich geworden und durch die Entwirrung ihre Gefahr gebannt. Durch die „Ausgestaltung von Expertenkulturen und ihre theoretische Eigendynamik“ (Habermas) sei es möglich so die Dinge der Welt eingehender Untersuchung zu unterwerfen und Verirrungen aufzudecken.
Toter Text
Die Tabellarisierung der Welt als Rettung vor falschen Identifizierungen des eigentlich Getrennten. Gleichzeitigkeit oder ihr Pedant, das zeitlich nichtmal als Begriff existiert, das „Weder-Noch“ hat in einem solchen System eindeutiger Zuweisung keinen Platz. In seiner List hat das System für solche Fälle allerdings wohl einen Platz. Es wäre kein System, wenn es nicht alles aufsaugen könnte, es hätte selber Brüche und Leerstellen, es wäre kein System mehr. Für Gedankenformationen die in der Ratio des Systems fehl am Platze sind bietet das System die Lösung eines endverwertenden Restmülls. Dorthin kommt alles, was nirgends reinpasst und dadurch doch wieder reinpasst. Das Nichtidentische wird so doppelt identifiziert: Das System prüft den Gedanken im ersten Schritt auf Kompatibilität. Ist er Unpassend steht sein Platz schon fest und er wird im zweiten Schritt dorthin verwiesen: In den Restmüll, in die Irrenanstalt, in die Kunst; immer in etwas hinein, niemals aus etwas und sich selbst heraus. Es darf keine Entfaltung des Unpassenden geben, dies könnte das System gefährden und sorgsam gezogene Grenzen überschreiten. Deshalb wird das Andere nur in Etwas hinein gesteckt, gefaltet, verkleinert, eingesperrt. Hat das Kind noch sich selbst im überschaubaren Raum eingesperrt, gegen die Drohung des Monster abgeschottet, ihm aber so den Raum draußen überlassen, wird das Monster jetzt in diesen Raum eingesperrt, der erwachsene Gedanke übernimmt die Welt draußen. Der Gedanke ist immer dort, wo sein Anderes nicht ist. Dieses Ausweichen des Gedankens steht für seine ursprüngliche Angst und verleiht im etwas Partikulares und Irrationales, das er aber immer nur im Anderen sieht. Der Gedanke und das Andere, entsprungen aus absoluter Trennung voneinander nähren sich so wieder an. Der Gedanke, der auch sich immer wieder prüft und diszipliniert verliert dadurch selber etwas. Der Gedanke, der einst noch das Andere, das Nichtidentische klein hielt, ist plötzlich dasjenige was sich klein macht um groß gegen das Andere zu bleiben, dadurch aber das Andere groß macht. Dadurch bringt sich allerdings weder das System in Gefahr, noch löst sich dadurch die ursprüngliche Angst des Gedankens auf. Vielmehr wird das Nichtidentische für die Einflüsse des Identischen, Rationalen und Systematischen geöffnet: in den Sondermüll fallen mal Dinge, die selbst nach dem Maßstab des Systems noch funktionstüchtig sind. Daraus schlägt das System doppelten Profit: das Funktionssystem kann damit prahlen, dass es so modern, so schnelllebig, so rational ist, dass es sich scheinbar selbst überholt und noch funktionierende Dinge wegwerfen kann; die giftigen Gase des Restabfalls hingegen werden durch das systemmäßig noch Brauchbare gleich dem klaren Trinkwasser verdünnt und entschärft.

Alles Funktioniert, alles lässt sich einteilen, rationalisieren, analysieren und synthetisieren, aber das Verständnis bleibt auf der Strecke. Die Angst regiert, der kindliche Zustand wird der einer ganzen Gesellschaft. Der prüfende, skeptisch-kritische Blick, der die Geister verjagen sollte, erzeugt die Starrheit des Alls. Alle Texte und Gedanken sind im Ästhetizismus des Symbolen- und Zahlenspiels gestorben, ihnen wird kaum mehr in starren Denkmälern gedacht, Kunst ist ein unaufhörlicher Betrieb, dessen Dynamik der bewegungslosen Bewegung, der Starrheit gleicht. So nährt sich die Welt dem Zustand an, in dem die Angst nicht regiert: dem starren Moment, indem die Dinge präsent sind: der Schrank ohne Geist und die Tür fest verschlossen. Dieses Fernhalten von Angst ist keine Befreiung von ihr, sondern die absolute Kapitulation im Bann ihrer Logik. Die Starrheit der in diesem Bann gefangenen Menschheit entspricht der festen Identität, die das bürgerliche Subjekt bis aufs Messer gegen alle Gefahren verteidigt. Die Gewissheit im Moment der Selbstgabe der Dinge korreliert mit der Selbstgewissheit des ego cogito. Die Subjekte einer Gesellschaft mit dem versteinerten Blick auf das scheinbar Wirkliche, sind sich ihrer Selbsthabe als Wirkliche nur sicher wenn ihr Selbst durch die Formalismen des Systems, das Offenbarkeit und Wirklichkeit auszudrücken scheint, artikuliert werden kann; andernfalls müssten sie ihr Selbst als Irrationales Phantasma beschneiden. Eine Gesellschaft in diesem Zustand ist das Kind, das nichts mehr macht, als auf den Schrank zu schauen und der Erwachsene, der nur noch das Schloss prüft um auszuschließen, dass er es abgeschlossen hat. Niemand lebt mehr. Der Gedanke wird sein Anderes: wie irre schaut er prüfend – erstarrt und gebannt – in den Schrank, auf die Tür. Kunst und Wissenschaft näheren sich aneinander an, aber nicht als wechselseitiger Entfaltung, sondern in gegenseitiger Beengung: „Die Trennung von Zeichen und Bild ist unabwendbar. Wird sie jedoch ahnungslos selbstzufrieden nochmals hypostasiert, so treibt jedes der beiden isolierten Prinzipien zur Zerstörung der Wahrheit hin.“ (Adorno/Horkheimer).

Das Unbehagen in der bürgerlichen Gesellschaft, die Erfahrung der eigenen Verstümmelung und Blindheit muss ausgegrenzt werden, um überleben zu können: Erich Fromm über unglückliche Verdrängung in der Fülle des Lebens.

„Sie haben sich hier zwei Stunden selbst befriedigt!“

Narodnik hat ein Video aufgestöbert und auf seinem Blog verlinkt, in welchem Krahl einige bissige Worte gegen Mitscherlich schleudert, der von wütenden Studenten umringt ist, die ebenfalls auf ihn einreden. Mitscherlich habe – das betont Krahl deutlich – zwei Stunden einen Vortrag gehalten und damit einen Verrat – woran geht in dem Off-Kommentar leider unter – geübt. Auf die Erwiderung Mitscherlichs, Krahl sei ein demagogischer Zerstörer, antwortet dieser, Mitscherlich habe einen „liberalen Resonanzboden gehabt“, also die Chance sich den Massen verstehbar zu machen. Dies sei Mitscherlich – so der Vorwurf Krahls – nicht gelungen und daher müsse er sich jetzt über harte Worte, die ihn als Verräter denunzieren, also implizit als Außenseiter und Volks- oder Bewegungsfremdling geißeln, nicht wundern.
Schon diese Bemerkung Krahls zeigt, dass nach seinem Verständnis sich der Intellektuelle der Wut der Massen oder der ihres Anführers, also Krahl selbst, in Schuldeinsicht zu unterwerfen habe, weil er sein vermeintliches Telos, die Massenaufklärung oder Massenbegeisterung, also Propaganda, nicht erreicht habe.
Sicherlich gibt es einen äußert schmalen Grat, der über sinnvolle Verständlichkeit und Propaganda entscheidet. Angenommen es ginge Krahl und den aufgebrachten Studenten einfach um die Mitteilung, dass der Vortrag höchstens für Mitscherlich, aber sonst für niemanden, Erkenntnis gestiftet habe, weil keine anwesende Person seinen Ausführungen folgen konnte; dann hätte ironische Polemik oder offene Langeweile genügt. Die feindselige Massenentrüstung kann aber allein durch solches Interesse an zugänglicher Gedankenartikulation nicht erklärt werden. Offenbar ist die aufgebrachte Feindschaft durch ein weiteres Bedürfnis motiviert.
Entsprechend kritisiert Krahl in der Folge des Videos Mitscherlichs viel zu lange und akademische Rede, die von der Bevölkerung nicht verstanden werde. Anstelle einer nutzbringenden Arbeit, die die Gemeinschaft nicht unterläuft, sondern sich ihr andient und sie stärkt, wagt es Mitscherlich auf der Abstraktheit seiner Gedankenwelt, also ihrer Wahrheit, zu beharren. Dafür schlägt ihm die Ablehnung in vervefördernder Sportpalaststimme entgegen: er betreibe Selbstbefriedigung.
In dem scheinbar menschennahen Verständlichkeitsappell von Krahl steckt zweierlei: zumindest die Möglichkeit elitärer Massenverachtung und ein antiintellektuelles Ressentiment. Dadurch, dass von Mitscherlich Verständlichkeit gefordert wird, wird die Trennung von Kopf- und Handarbeit verewigt. Die Intellektuellen – zuständig für Philosophie, Wissenschaft, Kopfarbeit – haben ihre Denkprodukte als Konsumgüter dem Volk produktiv zur Verfügung zu stellen. Im Austausch erhalten sie schließlich die Konsumprodukte der Handarbeiter. Diese Handarbeiter sind – in der Fesselung an die Verrichtung der Plackerei – auf Verständlichkeit angewiesen, weil sie immer Handarbeiter bleiben werden. Vor diesem Hintergrund sind die Intellektuellen darauf verpflichtet, ihre Gedanken in verwertbare Schemata zu pressen, die mit nichts brechen, keine Irritationen erzeugen, sondern sich in den normierten Gedankenwegen zuhause fühlen. In solcher Zugänglichkeit wird das Faktische in seiner Macht nochmals bestätigt, da die Gedanken als mit dem Gegebenen identifizierte präformiert werden müssen, um als kulturindustrielle Waren massentauglich zu werden.
Die Intellektuellen müssen so reden, dass sie vom Volk verstanden werden, also garantieren, dass ihre Arbeit für die Massen „fruchtbar“ wird und damit die Legitimation für weitere „Synergieeffekte“ der Teilung Kopf- und Handarbeit erbringen. Tut die oder der Intellektuelle das nicht, droht die Gewalt der Worte. In diesem Falle lautet der Vorwurf an Mitscherlich: er betreibe Selbstbefriedigung. Damit wird Krahl nicht nur das „Glück der Erkenntnis“ (Adorno/Horkheimer) meinen, das sich Mitscherlich in seinem Vortrag gönnt, sondern er spielt mit der deutlich sexuellen Konnotation des Wortes. Der Lustgewinn des Intellektuellen wird ihm versagt, betätigt er sich nicht produktiv für die Volksgemeinschaft. Anstatt seine Worte verständlich ins Volk zu reichen, sein Ejakulat gemäß einer vorgestellten Natürlichkeit der Zeugung zuzuführen, wagt es Mitscherlich – und diese Vorstellung steckt in dem antiintellektualistischen Gerede von Selbstbefriedigung – sich als intellektueller Volksfremdling von der Gemeinschaft zu entfernen und im kleinen Kämmerchen sein vermeintlich perverses Denken als Herumgewichse zu praktizieren. Das ist der sexistische und homophobe Hintergrund des Vergleichs von Denken und Masturbation: das Produkt wird nur geduldet, wenn es sich produktiv fortpflanzt, sich der Körper als Element der Selbsterhaltung des Volkes durchstreicht, sich Glück und Lust versagend verbissen gegen diejenigen hetzt, die die sich eigensinnig Glück und Lust gönnen.