… und der Blick des Urlaubers durch Miltenberg als Utopie.

Fortsetzung von diesem Text: „Der Gedanke als wilder wanderer durch Amorbach…“

Die optische Rezeption der Stadt erliegt daher nicht dem Trug des Gesamtkunstwerkes das Gewesene als sinnstiftende Einheit prästabilierter Harmonie darzustellen, weil das Wesen der (mittelalterlichen) Stadt darin besteht ständig rhizomatischem Wachstum zu unterliegen. Sie ist daher von Offenheit und Unbestimmtheit geprägt. Diese Offenheit, die ihr Korrelat in der Freiheit der taktilen Rezeptionsform verbunden mit dem flanierend-touristischen Blick des Urlaubers findet, eröffnet den Raum der Phantasie. Dieser Phantasiemoment des Blicks entsteht auch durch die geschichtslose Historie des Stadt, dessen Bauart veraltet ist: ungeachtet der konkreten historischen Fakten und Tatsachen der mittelalterlichen Stadt nimmt der flanierende Urlauber bloß die Daseinsform des Gewesenen an sich auf, die – aufgrund der Ferne des Alten – dieses Alte in freien Denkvariation neu gestalten kann. Die mittelalterlichen Stadtbauten verlängern sich ins Bewusstsein, in den phantasiekonstituierenden Blick. Darin verliert sich der Verweis in das Gewesene durch das Denkbare hindurch und damit in das Werdende und Kommende, ins Utopische hinein.
Mittelalterliche Architektur im touristisch-phantasievollen Blick von heute ist so eigentümlich konkret-abstrakt: aktuell konkret gebildete Utopie und als solche abstrakt, da sie aus der architektonischen Wahrheit über Vergangenes aber nicht über Bestehendes gebildet wurde; ihre Verbindungslosigkeit zum Jetzt liegt in der unüberbrückbaren Ferne des Alten, welches der phantasierten Utopie, die am Gegenstand des Vergangenen gebildet ist, eingeprägt wird. Der phantasievolle Blick über die Häuserreihen, die von Plätzen mit Brunnen und abzweigende Wege durchbrochen werden, entlang der Stadtmauer, hoch zum Turm, überbrückt die Nutzbarmachung dieser geheimnisvoll erscheinenden Architektur unter dem Vorzeichen des aktuellen Zustands; eine Stadtmauer kann keine Bomben abwehren. Der gelegentlich verklärende Blick kann auftauchende Unstimmigkeiten mit eigener Bedeutung füllen und damit die Grenze zwischen Vergangenheit und Zukunft überbrücken. Er sehnt sich nicht nach vergangenen Zeiten – sie sind der Keim des Jetzt – sondern erhält durch die Perzeption der unzeitgemäßen Vergangenheit Anstoß alles Zeitgemäße zu verlassen. Motiviert durch den Anblick des Vergangenen können die Unstimmigkeiten zwischen Gestern und Heute, die realitätsgerechte Vermittlung bedürften, überbrückt werden. Der an Entspannung interessierte Urlauber nimmt die Dinge mal nicht so genau und füllt sie mit der Eigenbedeutung seiner Phantasie. Sein Blick verlässt so zwar das Gegenwärtige und wird abstrakt, ist aber zugleich auch von der taktilen und gegenwartsbezogenen Rezeption flankiert. Dadurch wird der Blick an den unüberbrückbaren Abstand von Gegenwart und Vergangenheit erinnert und vor einem Aufgehen im fernen Gestern bewahrt. So nähert sich die am Vergangenen gebildete Utopie des Blicks wieder dem Heute an, ohne sich von der Utopie zu lösen.

Die Gewalt des Bürohauses

All dies wird die Tendenz postmoderner Architektur für künftige Generationen vernichten. Sie plant die Einbettung des Gebäudes in die raumstiftende Umgebung, ästhetisiert vielschichtige Architektur als Kunstwerk und drängt den optischen Eindruck in den Mittelpunkt der Rezeption. Die Undurchdringlichkeit der städtischen Totalität die in der Spannung von touristischem Genuss und dem Suchen nach Wegen und Lücken den Blick in die gesellschaftliche Ferne – und nicht in die künstlerische Tiefe des aufsaugenden Kunstwerkes – befreiend lenkt, weicht der postmodernen Konzentration aufs Einheitliche des Einzelnen, des Bauwerks. Damit geht sie in einer Linie mit der Bombastik moderner Bürogebäude, die ortsunabhängig gleich aussehen und immer mehr in rein optischer Rezeption aufgehen, da sie die Freiheit taktiler Rezeption durch ihre aufdringliche Funktionalität einschränken: die Mittelbarkeit von Struktur und Akteur lösen moderne Bauwerke auf, indem sie dem Benutzer einen ganz spezifischen Gebrauch des Gebäudes suggestiv nahelegen und so den Funktionsablauf rationalisieren. Für den touristischen Blick von Außenstehenden sind solche repressive Architekturen unzugänglich, da instrumentell verhärtet, für die Nutzer ist die taktile Rezeption – im Gegensatz zur Stadt der Vielheit – bar jeder Tiefe. Diese Gebäude- und Architekturart lässt auch die städtische Ansammlung architektonischer Produkte fragwürdig werden, weil die Anhäufung immergleicher Gebäude nur die Monumentalität der Einzelgebäude fortsetzt und keine neue Qualität erzeugt, wie es in der mittelalterlichen Stadt der Fall war. Die Liquidation des Individuums wird in der modernen Stadt vollzogen, während in der alten noch die Idee einer Vielheit antizipierbar war, die sich vielleicht potentiell von ihrem gemeinsamen Nenner, etwa der Stadtmauer, die die Vielheit zur Einheit „Stadt“ degradiert, ablösen könnte. Das moderne und post-industrielle Verhältnis von Stadt und Einzelgebäude reflektiert nun zeitgemäß und realitätsgerecht den Bezug des Individuum zur Gesellschaft: die monadische Vereinzelung ist heute nur noch der Mikrokosmos der bürgerlichen Konkurrenzgesellschaft. Die konkrete Utopie des Gebäudes wird heute zur Dystopie, zur Verlängerung und Erweiterung des Bestehenden, indem der instrumentelle Charakter Oberhand nimmt und die totale Verwaltung und Organisierung des gesellschaftlichen Lebens zum ästhetisch-architektonischen Programm erhebt.

Utopieverlassene Postmoderne

So weit scheint postmoderne Architektur allerdings nicht zu gehen. Durch das Zitieren historischer Stilelemente verschiedener Architekturepochen widersetzt sie sich ausschließlicher Funktionalität. Zwar verfolgt sie keinen tauben Historismus, sondern versucht Fiktionalität mit konkret historisch Vergangenem im Bauwerk zu verschmelzen, entkernt damit allerdings den – für heute, nicht für damals – utopischen Gehalt vormoderner Bauten, der darin liegt, sich durch das Gebäude von diesem in die Weite der unzeitgemäßen Betrachtungen zu emanzipieren.
Der postmoderne Versuch architektonischer Erinnerung an praktisch vergessene Bau- und Gestaltungsmöglichkeiten, entreißt dem Vergangenen das utopische Potential und das hoffnungsspendende Element, weil Gegenwart und Vergangenheit transplantativ Zusammengeführt werden. Die Spannung dieser Pole, die im touristischen Blick nicht offensichtlich manifest sind und eben in ihrer wechselseitigen Distanz in der Vermittlung des touristischen Blickes ihr utopisches Auskosten ermöglichen wird künstlich geschlichtet, indem die Pole zusammengebaut werden. Da die beschriebene utopische Form der Kluft zwischen Gestern und Heute entsteigt, ist sie im postmodernen Gebäude zwischen den zusammengedrängten Polen erstickt. Nicht nur das Zeitliche versucht die Postmoderne aneinanderzubinden. Die Anpassung des Gebäudes an die Umgebung scheint vorerst der modernen Tendenz unterschiedsloser Gebäudereihen zu widersprechen. Allerdings versucht sie im Bestehenden die Lücke zwischen Ideal und Wirklichkeit zu überwinden, Allgemeines, die Stadt, und Besonderes, das Gebäude, zu versöhnen. Da sie dies im isolierten Bereich der Architektur versucht und daher schon von vorneherein von gesellschaftlichen Umbrüchen – die allein die Brücke zwischen Wirklichkeit und Ideal schlagen könnten – abgeschottet ist, beruhigt sie die utopiegeladene Spannung zwischen Ideal und Wirklichkeit. Sie nimmt die Hoffnung auf eine Gesellschaft, die mit der herrschenden nicht identisch ist, indem sie das Ziel der Hoffnung auf den aktuellen Zustand überträgt und damit die triumphale Übermacht des Existenten untermauert. So setzt sie den Einzelnen im trügerischen Namen des vorgeblichen Einspruchs gegen die Moderne der Härte der blanken Wirklichkeit noch bedingungsloser aus, als es die modernen Bauwerke tun.