Der Gedanke als wilder Wanderer durch Amorbach…

Der folgende Text widerspricht einigen gängigen Standards dessen, was als die Grundbedingung der Textproduktion gilt. Weder ist er streng wissenschaftlich, noch rein literarisch. Er hat nicht bereits die Totalkonstruktion vorausgedacht, der die Fakten dann als nebensächliche Anreicherung dienlich sein sollen. Allerdings verfährt er auch nicht als Imitation der Faktenwelt, die so bunt und zusammenhangslos scheint, wie der tatsachenorientierte Blick sie erkennt und im nachhinein systematisiert. Zudem wird keine strenge Argumentationslinie nachvollzogen, dergemäß die Wahrnehmung schon präformiert ist und der die vielen Gegenstände gewaltsam selektiert und angepasst werden. Er verliert sich aber auch nicht in der Illusion, die in ihm waltende anarchische Assoziation sei ein strukturloses Zufallsprodukt. Der private Gedanke, der zwischen realitätsbezogenen Einfällen und losgelöster Phantasterei schwebt, also geistig Verbindungen zwischen Dingen knüpft, die auf kaum durchschaubaren Erfahrungsräumen basieren, muss sich selbst formieren, wenn er aus dem Privaten heraustritt. Das Denken verläuft aber immer in einem formlosen Netz von unbegründeten Thesen, rationalem Schlußfolgerungen, falschen Einsichten, wilden Assoziationen und strengen Ableitungsregeln. Erst im Nachhinein, wenn der Gedankensturm abgeflaut ist, wird die Unordnung aufgeräumt, also der Konstruktion unterworfen, um das Denken zu „veröffentlichen“. Die Veröffentlichung demokratisiert das Denken, weil sie es leichter zugänglich macht, betrügt aber zugleich: die streng geordnete Konstruktion ist die Suggestion einer permanenten Selbsterzeugung des Gedankens als kontinuierliches Fortschreiten. Die Genesis des Denkens, die immer in Brüchen und Widersprüchen verläuft, wird weggekürzt. Im Folgenden soll diese Selbstzensur gängiger Schreibpraxis nicht vollzogen werden; auf konzentrierte Ausarbeitung einzelner Gedanken ist verzichtet worden, Vieles wird nur angedeutet, um einer Zensur der Konstruktion zu entgehen. Ob der kommende Text nun eine spaßige Spinnerei, erkenntnisbringende Überlegung oder beides ist, sei dahingestellt.

Besuch in Amorbach: Vorteile der touristischen Kunstrezeption gegenüber kulturbürgerlicher Auratisierung

In Amorbach einem kleinen Ort in der Nähe Frankfurts fand ein berühmter Philosoph, als Kind in der Welt der Erwachsenen akzeptiert, ein Refugium, welches den Einzelnen, seinen Worte zufolge, beschützend auf das ihm gänzlich Entgegengesetzte vorbereitete. Vielleicht ließ die Abgeschiedenheit des Örtchens Glück erfahren, ohne den Spagat zwischen realer Humanität und Humanität als einen inneren Zustand vollziehen zu müssen. Solche Momente hat wohl jeder Mensch, vornehmlich in der Erinnerung an Kindheitserfahrungen, als schöne Augenblicke erlebt. In der dörflichen Stadt Amorbach war dieser schöne Augenblick für Adorno materiell aufbewahrt. Der schöne Augenblick musste nicht seelisch verewigt werden. Als seelisch verewigter würde zwar seine schmerzliche Partikularität verschwinden, aber er würde zum Teil der Persönlichkeit. In dieser würde er isoliert verkümmern und ein funktionales Verhältnis zum glücklosen Alltag einnehmen.
In der verspielten Verschachtelung der Bauten Amorbachs hingegen kann die Glückserfahrung aufgehoben werden. Selbst eine alte Ruine in der Nähe Amorbachs trägt noch einige Zierelemente, Siglen des Überflusses, ein materialisiert-ambivalentes Versprechen auf freie Zeit. Die mittelalterlichen Bauwerke in Amorbach scheinen den dauernden Fortbestand des Glücks zu garantieren; sie und ihre Zierelemente stehen schon ewig, ihr Anblick zeigt keine Gewaltmale.
Der ungezwungene Verlauf kleiner Gassen, welche imposante Kirchengebäude mit unscheinbaren Kleinbauten versöhnen, entspricht dem Gang der Erinnerung, welche Glück wahrnehmen lässt, ohne es instrumentell in den Marktalltag hineintragen zu müssen.

Es ist nun fraglich, ob der wiederholte Besuch Amorbachs die kunsterfahrungsähnliche Rezeption des architektonisch verewigten Glücksmoment ritualisieren würde; oder ob die Entfernung zwischen dem eigenen Wohnort (in Adornos Falle Frankfurt) und Amorbach dem Abstand entsprechen kann, welche die Utopie zum kritischen Gegenwartsdenken haben sollte. Es ist also fraglich, ob diese hochstilisierte Stadt des Glücks etwas Subversives bewahren kann oder zum immergleichen Kunstwerk der Marktgesellschaft wird. Zur Klärung dazu ist die Differenz optischer Rezeption eines Gemäldes und optisch-taktiler Rezeption von Architektur und zudem die objektive Lage der rezipierenden Person selbst – Tourist oder Stadtbewohner – sehr bedeutsam.

Architektur ist – anders als das gemalte Bild – immer nur fragmentarisch reproduzierbar. Die Einbettung des Gebäudes in die es umgebende Landschaft und Nebengebäude, die Häufung der Ortsspezifika, die vom Kleinsten ins Größte reichen, kann kaum adäquat reproduziert werden. Architektur stellt eine eigenartige Überschneidung von Kunst und Funktion, von Kunstwerk und Gegenstand des Kunstwerkes her.
Ein Bild stellt eine bestimmte Ansammlung historischer Dispositive dar und funktioniert als Knotenpunkt je zeitgenössischer Auffassungen, Erinnerungen und Hoffnungen. Es ist aber immer nur Ausschnitt einer historischen Epoche, dem es als einheitliches Kunstwerk aber den abgerundeten Anschein von Ganzheit verleiht. Dadurch kann es kunstwissenschaftlicher Archäologie oder philosophischer Dechiffrierung, also optisch-intellektueller Rezeption ausgesetzt werden.
Architektur wird aber niemals bloß optisch rezipiert, sondern immer auch taktil, also durch Gebrauch. Daher entgeht das architektonische Speichermedium voller utopischer Ahnung der problematischen Neigung des Kunstwerks: Das Kunstwerk enthält nämlich die Tendenz zur Mythologisierung. Weil es die Wirklichkeit schön oder zumindest ästhetisch darstellt, erzeugt und befriedigt es Sehnsucht: der Rezipient empfindet Glück, welches durch das Kunstwerk verewigt scheint. Das einheitliche Kunstwerk wird zum Träger und Fixpunkt des Glücks, welche in gesellschaftlicher Praxis unerfahrbar ist, und kann dadurch Teil eines Ritus im Dienst des Bestehenden werden, indem sich der Betrachter regelmäßig im Kunstwerk versenkt – diese Tendenz zur versenkenden Selbstaufgabe im Kunstwerk wandelt utopische Sehnsucht in den Todeswunsch um.
In einem solchen Ritus wird das Kunstwerk zum genuin-auratischen Kultgegenstand und treibt den durchaus religiös angehauchten Wunsch nach Änderung ins offen Religiöse. Es wandelt damit den Sinn des Überschreitens zum religiösen Heiligenschein des gesellschaftlichen Jammertales (Marx). Der spontane Drang zum unbestimmt Anderen regrediert zu einem integralen Teil der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft.

Die Rezeptionsweise der Architektur über Gebrauch verhindert solche Transformation in ein Heiligtum. Zwar kann man sich auch in einer Stadt verlieren und in deren unüberschaubaren Vielseitigkeit sinken, allerdings ist dies nur auf der Ebene taktiler Rezeption möglich und kann nicht zum Ritual werden: selbst das besinnungslose Flanieren durch die Gässchen der mittelalterlichen Stadt lässt den Straßenverlauf und die Häuserordnung allmählich vertraut werden, weckt Erinnerung an kleine Straßendetails und hält damit bei Bewusstsein. Eben weil die taktile Rezeption von Architektur – die in der städtischen Anhäufung nahezu unendlich viele Möglichkeiten optischer Rezeption schafft – auf einer anderen Ebene als die bloß optische Rezeption spielt, enthält sie die Möglichkeit, dass der Rezipient der Stadt bewusst als gegensätzlicher Pol gegenüber tritt. Die taktile Rezeption würde absurd, erfordere sie nicht vom Rezipienten möglichst umfassende Übersicht und Beherrschung des Tumults der Stadt. Der Bewohner der Stadt degradiert die Stadt daher notwendigerweise zum profanen Alltagsbehelf, denn er will in der Stadt praktisch zurechtkommen können, er ist funktional und instrumentell mit ihr verstrickt; ihm wird die taktile Rezeption zum Primat gegenüber der optischen.
Der Tourist hingegen verspürt weder die beengende Pause, noch das Drängen der Arbeit der Stadtbewohner. Er muss die Architektur der Stadt nicht marktwirtschaftlich nutzbar machen, sondern kann sich – neben der auch für ihn funktionalen taktilen Rezeption – ebenfalls der optischen Rezeption hingeben. Diese gewinnt aber nicht Oberhand; nicht zuletzt weil sich ständig neue Sichtmöglichkeiten und Blickweisen einstellen. Die illusorische Ganzheit des Gesamtkunstwerkes, welche zu seiner auratischen Verklärung führt, vermag die Architektur vielleicht noch im einzelnen Bauwerk, aber nicht in dessen städtisch-anarchischer Anordnung realisieren. Es scheint möglich, dass der Tourist für einen kurzen Augenblick der Dichotomie von Kunst und Wissenschaft, von besänftigender auratischer Mythologisierung und von glückloser Beherrschung im Ansatz entgehen kann. Der Tourist der Stadt erfährt das Glück des Kunstwerkes, ohne sich diesem zu unterwerfen. Die Konstruktion des Gesamtkunstwerkes findet ihr Pendant im Stadtplanungskonzept. Dieses evoziert aber keine auratische Ganzheit der Stadt, denn das Stadtplanungskonzept ist nämlich stets auch von einem praktisch-instrumentellen, aber nicht ausschließlich von einem ästhetischen Interesse geleitet. Nationalsozialistische Städteplanung versuchte hingegen die Aura auch für den städtischen Raum wirksam werden zu lassen, geht dabei allerdings einen Schritt weiter: Für die Wirkung des auratischen Kunstwerks bedarf es des Individuums, sonst würde die einsaugende Ausstrahlung des Kunstwerks verpuffen. Die nationalsozialistische Stadt, die volkgewordene Masse – die immer auch soldatische Menge ist – entspricht demgegenüber erst dann ihrem Wesen, wenn das Individuum gestorben ist. Das Individuum soll nicht sich in der Stadt versenken, sondern die nationalsozialistische Stadt das Individuum zerreiben und an dessen Stelle treten. In der städtisch-ästhetischen Totalisierung sollte das Individuum untergehen, wie es in der Volksgemeinschaft aufgehen sollte; der Nationalsozialismus wollte den Tot der Menschen, um sie als Idealbarbaren neu zu erschaffen. Die durchgeplante Stadt ist daher eine Analogie der formierten Massen und des kampfbereiten Heeres.


1 Antwort auf “Der Gedanke als wilder Wanderer durch Amorbach…”


  1. 1 … und der Blick des Urlaubers durch Miltenberg als Utopie. « Schorsch’s online Journal Pingback am 29. Juni 2009 um 22:57 Uhr
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