Archiv für Juni 2009

Militärputsch in Honduras

In Honduras sollten die Wähler in einem durch den Präsidenten Zelaya geplanten Referendum darüber abstimmen, ob mit der Präsidentenwahl zugleich ein Referendum über die Wahl einer verfassungsgebenden Versammlung stattfinden sollte. Dieses Vorhaben wurde nun durch ein Militärputsch zerstört.

Damals…

Die Wirtschaft Honduras, basiert auf einer kapitalfreundlichen Freihandelspolitik, aus der beispielsweise Zoll- und Steuervergünstigungen für Investoren erwachsen. Die Nähe zur USA ist für die honduranische Wirtschaft wieder von wesentlicher Bedeutung. Um die Wende des 19. zum 20. Jahrhundert konnten sich drei US-amerikanische Konzerne in Honduras riesige Landflächen aneignen. Ihre Gewinne waren auch wegen äußerst geringen Steuerverpflichtungen groß und überboten den Staatshaushalt, sodass das US-amerikanische Kapital eigentlicher Machthaber in Honduras war und gemäß eigener Interessen walten konnte. Als die vom Kapital eingesetzten Diktatoren längerfristig nicht mit Unruhen der Bevölkerung zurechtkamen, wurde die Hegemonie des Kapitals durch US-amerikanisches Militär unterstützt.

…und Heute

Die wirtschaftsfreundliche Politik des Landes wurde in diesen Tagen durch den Präsidenten Zelaya infrage gestellt. Durch die von ihm angestrebte verfassungsgebende Versammlung hätte sich Honduras enger an das ALBA-Bündnis angenähert, das sich als Gegengewicht zur amerikanischen Freihandelszone ALCA versteht. Dadurch wären die Profitinteressen von US-amerikanischen, aber auch taiwanischen Investoren in die honduranische Wirtschaft, die die neben den nach wie vor bedeutsamen Bananenanpflanzungen nun auch von Textil- und Holzverarbeitung gestützt wird, bedeutsam eingeschränkt. Der ehemals liberale honduranische Präsident Zelaya hätte dadurch seine Abkehr von einer neoliberalen Wirtschaftspolitik verstärkt. Sein Vorstoß wurde von Bauernverbänden und indigenen Organisationen unterstützt; ein Drittel der honduranischen Bevölkerung muss sich als Wanderarbeiter durchschlagen.
Diesen Änderungsbestrebungen des Präsidenten bereitete nun vorerst der Militärputsch ein Ende. Zwar wurde er nicht als erneute militärische Einflussnahme durch US-Militär von Außen geleitet. Allerdings steht der Militärputsch in Honduras auch im Zeichen deutscher Einflussnahme durch die FDP-nahe Friedrich-Naumann-Stiftung. Als (neo)liberaler Think Tank intensivierte die Stiftung ihre „Beratungsfähigkeit“, um den Reformabsichten des Präsidenten entgegenzuwirken und damit die Stellung des Kapitals gegen die sozialorientierten Reformbemühungen zu stärken. Sie begleitete somit ideell den militärischen Sturz eines Präsidenten, dessen Vorhaben dem neoliberalen Projekt deutliche Grenzen gesetzt hätte. Die Verflechtung liberaler Ideologie mit autoritären Machtinstanzen wird durch diese Vorgänge deutlich unterstrichen. Liberale Vernunft, deren Freiheitsmoment wesentlich in dem Glauben an eine gesellschaftliche Marktharmonie besteht, hat in sich einen autoritären Zug. Wenn der Markt als Mystifikation gesellschaftlicher Verhältnisse von selbst zur Harmonie der Gesellschaft führen soll, wird er zum götzenähnlichen Fetisch; dieser schenkt dann nach der liberalen Idee denjenigen, die sich ihm als Heiligtum unterwerfen auf unerklärliche Weise die gesellschaftliche Harmonie. Wer aber nicht mit dem Markt kompatibel ist uns so seine vorgebliche Harmonie stört, muss mit Gewalt rechnen. Hinter der unsichtbaren Hand des Marktes steht daher die sichtbare Hand des Staates: im Fall Honduras des Militärs, das die marktstörenden Vorschläge des honduranischen Präsidenten mit Hilfe der Friedrich-Naumann-Stiftung zu beseitigen wusste und damit die Hegemonialstellung bestimmter Kapitalfraktionen sicherte.
Die Friedrich-Naumann-Stiftung und etwa das wirtschaftsnahe Handelsblatt entskandalisieren und legitimieren den Sturz durch die vorgebliche Demokratiefeindlichkeit des Präsidenten. „Ich habe keine Option, an der Macht zu bleiben“, erklärte dieser allerdings gegenüber der spanischen Zeitung „El País. Außerdem sollte die verfassungsgebende Versammlung gegenüber den herrschenden Demokratieformen partizipative Demokratieelemente aufbauen.

… und der Blick des Urlaubers durch Miltenberg als Utopie.

Fortsetzung von diesem Text: „Der Gedanke als wilder wanderer durch Amorbach…“

Die optische Rezeption der Stadt erliegt daher nicht dem Trug des Gesamtkunstwerkes das Gewesene als sinnstiftende Einheit prästabilierter Harmonie darzustellen, weil das Wesen der (mittelalterlichen) Stadt darin besteht ständig rhizomatischem Wachstum zu unterliegen. Sie ist daher von Offenheit und Unbestimmtheit geprägt. Diese Offenheit, die ihr Korrelat in der Freiheit der taktilen Rezeptionsform verbunden mit dem flanierend-touristischen Blick des Urlaubers findet, eröffnet den Raum der Phantasie. Dieser Phantasiemoment des Blicks entsteht auch durch die geschichtslose Historie des Stadt, dessen Bauart veraltet ist: ungeachtet der konkreten historischen Fakten und Tatsachen der mittelalterlichen Stadt nimmt der flanierende Urlauber bloß die Daseinsform des Gewesenen an sich auf, die – aufgrund der Ferne des Alten – dieses Alte in freien Denkvariation neu gestalten kann. Die mittelalterlichen Stadtbauten verlängern sich ins Bewusstsein, in den phantasiekonstituierenden Blick. Darin verliert sich der Verweis in das Gewesene durch das Denkbare hindurch und damit in das Werdende und Kommende, ins Utopische hinein.
Mittelalterliche Architektur im touristisch-phantasievollen Blick von heute ist so eigentümlich konkret-abstrakt: aktuell konkret gebildete Utopie und als solche abstrakt, da sie aus der architektonischen Wahrheit über Vergangenes aber nicht über Bestehendes gebildet wurde; ihre Verbindungslosigkeit zum Jetzt liegt in der unüberbrückbaren Ferne des Alten, welches der phantasierten Utopie, die am Gegenstand des Vergangenen gebildet ist, eingeprägt wird. Der phantasievolle Blick über die Häuserreihen, die von Plätzen mit Brunnen und abzweigende Wege durchbrochen werden, entlang der Stadtmauer, hoch zum Turm, überbrückt die Nutzbarmachung dieser geheimnisvoll erscheinenden Architektur unter dem Vorzeichen des aktuellen Zustands; eine Stadtmauer kann keine Bomben abwehren. Der gelegentlich verklärende Blick kann auftauchende Unstimmigkeiten mit eigener Bedeutung füllen und damit die Grenze zwischen Vergangenheit und Zukunft überbrücken. Er sehnt sich nicht nach vergangenen Zeiten – sie sind der Keim des Jetzt – sondern erhält durch die Perzeption der unzeitgemäßen Vergangenheit Anstoß alles Zeitgemäße zu verlassen. Motiviert durch den Anblick des Vergangenen können die Unstimmigkeiten zwischen Gestern und Heute, die realitätsgerechte Vermittlung bedürften, überbrückt werden. Der an Entspannung interessierte Urlauber nimmt die Dinge mal nicht so genau und füllt sie mit der Eigenbedeutung seiner Phantasie. Sein Blick verlässt so zwar das Gegenwärtige und wird abstrakt, ist aber zugleich auch von der taktilen und gegenwartsbezogenen Rezeption flankiert. Dadurch wird der Blick an den unüberbrückbaren Abstand von Gegenwart und Vergangenheit erinnert und vor einem Aufgehen im fernen Gestern bewahrt. So nähert sich die am Vergangenen gebildete Utopie des Blicks wieder dem Heute an, ohne sich von der Utopie zu lösen.

Die Gewalt des Bürohauses

All dies wird die Tendenz postmoderner Architektur für künftige Generationen vernichten. Sie plant die Einbettung des Gebäudes in die raumstiftende Umgebung, ästhetisiert vielschichtige Architektur als Kunstwerk und drängt den optischen Eindruck in den Mittelpunkt der Rezeption. Die Undurchdringlichkeit der städtischen Totalität die in der Spannung von touristischem Genuss und dem Suchen nach Wegen und Lücken den Blick in die gesellschaftliche Ferne – und nicht in die künstlerische Tiefe des aufsaugenden Kunstwerkes – befreiend lenkt, weicht der postmodernen Konzentration aufs Einheitliche des Einzelnen, des Bauwerks. Damit geht sie in einer Linie mit der Bombastik moderner Bürogebäude, die ortsunabhängig gleich aussehen und immer mehr in rein optischer Rezeption aufgehen, da sie die Freiheit taktiler Rezeption durch ihre aufdringliche Funktionalität einschränken: die Mittelbarkeit von Struktur und Akteur lösen moderne Bauwerke auf, indem sie dem Benutzer einen ganz spezifischen Gebrauch des Gebäudes suggestiv nahelegen und so den Funktionsablauf rationalisieren. Für den touristischen Blick von Außenstehenden sind solche repressive Architekturen unzugänglich, da instrumentell verhärtet, für die Nutzer ist die taktile Rezeption – im Gegensatz zur Stadt der Vielheit – bar jeder Tiefe. Diese Gebäude- und Architekturart lässt auch die städtische Ansammlung architektonischer Produkte fragwürdig werden, weil die Anhäufung immergleicher Gebäude nur die Monumentalität der Einzelgebäude fortsetzt und keine neue Qualität erzeugt, wie es in der mittelalterlichen Stadt der Fall war. Die Liquidation des Individuums wird in der modernen Stadt vollzogen, während in der alten noch die Idee einer Vielheit antizipierbar war, die sich vielleicht potentiell von ihrem gemeinsamen Nenner, etwa der Stadtmauer, die die Vielheit zur Einheit „Stadt“ degradiert, ablösen könnte. Das moderne und post-industrielle Verhältnis von Stadt und Einzelgebäude reflektiert nun zeitgemäß und realitätsgerecht den Bezug des Individuum zur Gesellschaft: die monadische Vereinzelung ist heute nur noch der Mikrokosmos der bürgerlichen Konkurrenzgesellschaft. Die konkrete Utopie des Gebäudes wird heute zur Dystopie, zur Verlängerung und Erweiterung des Bestehenden, indem der instrumentelle Charakter Oberhand nimmt und die totale Verwaltung und Organisierung des gesellschaftlichen Lebens zum ästhetisch-architektonischen Programm erhebt.

Utopieverlassene Postmoderne

So weit scheint postmoderne Architektur allerdings nicht zu gehen. Durch das Zitieren historischer Stilelemente verschiedener Architekturepochen widersetzt sie sich ausschließlicher Funktionalität. Zwar verfolgt sie keinen tauben Historismus, sondern versucht Fiktionalität mit konkret historisch Vergangenem im Bauwerk zu verschmelzen, entkernt damit allerdings den – für heute, nicht für damals – utopischen Gehalt vormoderner Bauten, der darin liegt, sich durch das Gebäude von diesem in die Weite der unzeitgemäßen Betrachtungen zu emanzipieren.
Der postmoderne Versuch architektonischer Erinnerung an praktisch vergessene Bau- und Gestaltungsmöglichkeiten, entreißt dem Vergangenen das utopische Potential und das hoffnungsspendende Element, weil Gegenwart und Vergangenheit transplantativ Zusammengeführt werden. Die Spannung dieser Pole, die im touristischen Blick nicht offensichtlich manifest sind und eben in ihrer wechselseitigen Distanz in der Vermittlung des touristischen Blickes ihr utopisches Auskosten ermöglichen wird künstlich geschlichtet, indem die Pole zusammengebaut werden. Da die beschriebene utopische Form der Kluft zwischen Gestern und Heute entsteigt, ist sie im postmodernen Gebäude zwischen den zusammengedrängten Polen erstickt. Nicht nur das Zeitliche versucht die Postmoderne aneinanderzubinden. Die Anpassung des Gebäudes an die Umgebung scheint vorerst der modernen Tendenz unterschiedsloser Gebäudereihen zu widersprechen. Allerdings versucht sie im Bestehenden die Lücke zwischen Ideal und Wirklichkeit zu überwinden, Allgemeines, die Stadt, und Besonderes, das Gebäude, zu versöhnen. Da sie dies im isolierten Bereich der Architektur versucht und daher schon von vorneherein von gesellschaftlichen Umbrüchen – die allein die Brücke zwischen Wirklichkeit und Ideal schlagen könnten – abgeschottet ist, beruhigt sie die utopiegeladene Spannung zwischen Ideal und Wirklichkeit. Sie nimmt die Hoffnung auf eine Gesellschaft, die mit der herrschenden nicht identisch ist, indem sie das Ziel der Hoffnung auf den aktuellen Zustand überträgt und damit die triumphale Übermacht des Existenten untermauert. So setzt sie den Einzelnen im trügerischen Namen des vorgeblichen Einspruchs gegen die Moderne der Härte der blanken Wirklichkeit noch bedingungsloser aus, als es die modernen Bauwerke tun.

Obdachlosenheim

Philosophie ist der Gedanke im Ornament der Ewigkeit. Bricht er aus dieser Zierde aus, ist er plötzlich tot. Um weiterzuleben muss er mit sich Stücke des Schmucks losbrechen und mitnehmen, denn seinen Ankunftsort gibt es noch nicht; verliert er aber seine überflüssige Bürde wird er ihn auch niemals erreichen können.

Der Gedanke als wilder Wanderer durch Amorbach…

Der folgende Text widerspricht einigen gängigen Standards dessen, was als die Grundbedingung der Textproduktion gilt. Weder ist er streng wissenschaftlich, noch rein literarisch. Er hat nicht bereits die Totalkonstruktion vorausgedacht, der die Fakten dann als nebensächliche Anreicherung dienlich sein sollen. Allerdings verfährt er auch nicht als Imitation der Faktenwelt, die so bunt und zusammenhangslos scheint, wie der tatsachenorientierte Blick sie erkennt und im nachhinein systematisiert. Zudem wird keine strenge Argumentationslinie nachvollzogen, dergemäß die Wahrnehmung schon präformiert ist und der die vielen Gegenstände gewaltsam selektiert und angepasst werden. Er verliert sich aber auch nicht in der Illusion, die in ihm waltende anarchische Assoziation sei ein strukturloses Zufallsprodukt. Der private Gedanke, der zwischen realitätsbezogenen Einfällen und losgelöster Phantasterei schwebt, also geistig Verbindungen zwischen Dingen knüpft, die auf kaum durchschaubaren Erfahrungsräumen basieren, muss sich selbst formieren, wenn er aus dem Privaten heraustritt. Das Denken verläuft aber immer in einem formlosen Netz von unbegründeten Thesen, rationalem Schlußfolgerungen, falschen Einsichten, wilden Assoziationen und strengen Ableitungsregeln. Erst im Nachhinein, wenn der Gedankensturm abgeflaut ist, wird die Unordnung aufgeräumt, also der Konstruktion unterworfen, um das Denken zu „veröffentlichen“. Die Veröffentlichung demokratisiert das Denken, weil sie es leichter zugänglich macht, betrügt aber zugleich: die streng geordnete Konstruktion ist die Suggestion einer permanenten Selbsterzeugung des Gedankens als kontinuierliches Fortschreiten. Die Genesis des Denkens, die immer in Brüchen und Widersprüchen verläuft, wird weggekürzt. Im Folgenden soll diese Selbstzensur gängiger Schreibpraxis nicht vollzogen werden; auf konzentrierte Ausarbeitung einzelner Gedanken ist verzichtet worden, Vieles wird nur angedeutet, um einer Zensur der Konstruktion zu entgehen. Ob der kommende Text nun eine spaßige Spinnerei, erkenntnisbringende Überlegung oder beides ist, sei dahingestellt.

Besuch in Amorbach: Vorteile der touristischen Kunstrezeption gegenüber kulturbürgerlicher Auratisierung

In Amorbach einem kleinen Ort in der Nähe Frankfurts fand ein berühmter Philosoph, als Kind in der Welt der Erwachsenen akzeptiert, ein Refugium, welches den Einzelnen, seinen Worte zufolge, beschützend auf das ihm gänzlich Entgegengesetzte vorbereitete. Vielleicht ließ die Abgeschiedenheit des Örtchens Glück erfahren, ohne den Spagat zwischen realer Humanität und Humanität als einen inneren Zustand vollziehen zu müssen. Solche Momente hat wohl jeder Mensch, vornehmlich in der Erinnerung an Kindheitserfahrungen, als schöne Augenblicke erlebt. In der dörflichen Stadt Amorbach war dieser schöne Augenblick für Adorno materiell aufbewahrt. Der schöne Augenblick musste nicht seelisch verewigt werden. Als seelisch verewigter würde zwar seine schmerzliche Partikularität verschwinden, aber er würde zum Teil der Persönlichkeit. In dieser würde er isoliert verkümmern und ein funktionales Verhältnis zum glücklosen Alltag einnehmen.
In der verspielten Verschachtelung der Bauten Amorbachs hingegen kann die Glückserfahrung aufgehoben werden. Selbst eine alte Ruine in der Nähe Amorbachs trägt noch einige Zierelemente, Siglen des Überflusses, ein materialisiert-ambivalentes Versprechen auf freie Zeit. Die mittelalterlichen Bauwerke in Amorbach scheinen den dauernden Fortbestand des Glücks zu garantieren; sie und ihre Zierelemente stehen schon ewig, ihr Anblick zeigt keine Gewaltmale.
Der ungezwungene Verlauf kleiner Gassen, welche imposante Kirchengebäude mit unscheinbaren Kleinbauten versöhnen, entspricht dem Gang der Erinnerung, welche Glück wahrnehmen lässt, ohne es instrumentell in den Marktalltag hineintragen zu müssen.

Es ist nun fraglich, ob der wiederholte Besuch Amorbachs die kunsterfahrungsähnliche Rezeption des architektonisch verewigten Glücksmoment ritualisieren würde; oder ob die Entfernung zwischen dem eigenen Wohnort (in Adornos Falle Frankfurt) und Amorbach dem Abstand entsprechen kann, welche die Utopie zum kritischen Gegenwartsdenken haben sollte. Es ist also fraglich, ob diese hochstilisierte Stadt des Glücks etwas Subversives bewahren kann oder zum immergleichen Kunstwerk der Marktgesellschaft wird. Zur Klärung dazu ist die Differenz optischer Rezeption eines Gemäldes und optisch-taktiler Rezeption von Architektur und zudem die objektive Lage der rezipierenden Person selbst – Tourist oder Stadtbewohner – sehr bedeutsam.

Architektur ist – anders als das gemalte Bild – immer nur fragmentarisch reproduzierbar. Die Einbettung des Gebäudes in die es umgebende Landschaft und Nebengebäude, die Häufung der Ortsspezifika, die vom Kleinsten ins Größte reichen, kann kaum adäquat reproduziert werden. Architektur stellt eine eigenartige Überschneidung von Kunst und Funktion, von Kunstwerk und Gegenstand des Kunstwerkes her.
Ein Bild stellt eine bestimmte Ansammlung historischer Dispositive dar und funktioniert als Knotenpunkt je zeitgenössischer Auffassungen, Erinnerungen und Hoffnungen. Es ist aber immer nur Ausschnitt einer historischen Epoche, dem es als einheitliches Kunstwerk aber den abgerundeten Anschein von Ganzheit verleiht. Dadurch kann es kunstwissenschaftlicher Archäologie oder philosophischer Dechiffrierung, also optisch-intellektueller Rezeption ausgesetzt werden.
Architektur wird aber niemals bloß optisch rezipiert, sondern immer auch taktil, also durch Gebrauch. Daher entgeht das architektonische Speichermedium voller utopischer Ahnung der problematischen Neigung des Kunstwerks: Das Kunstwerk enthält nämlich die Tendenz zur Mythologisierung. Weil es die Wirklichkeit schön oder zumindest ästhetisch darstellt, erzeugt und befriedigt es Sehnsucht: der Rezipient empfindet Glück, welches durch das Kunstwerk verewigt scheint. Das einheitliche Kunstwerk wird zum Träger und Fixpunkt des Glücks, welche in gesellschaftlicher Praxis unerfahrbar ist, und kann dadurch Teil eines Ritus im Dienst des Bestehenden werden, indem sich der Betrachter regelmäßig im Kunstwerk versenkt – diese Tendenz zur versenkenden Selbstaufgabe im Kunstwerk wandelt utopische Sehnsucht in den Todeswunsch um.
In einem solchen Ritus wird das Kunstwerk zum genuin-auratischen Kultgegenstand und treibt den durchaus religiös angehauchten Wunsch nach Änderung ins offen Religiöse. Es wandelt damit den Sinn des Überschreitens zum religiösen Heiligenschein des gesellschaftlichen Jammertales (Marx). Der spontane Drang zum unbestimmt Anderen regrediert zu einem integralen Teil der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft.

Die Rezeptionsweise der Architektur über Gebrauch verhindert solche Transformation in ein Heiligtum. Zwar kann man sich auch in einer Stadt verlieren und in deren unüberschaubaren Vielseitigkeit sinken, allerdings ist dies nur auf der Ebene taktiler Rezeption möglich und kann nicht zum Ritual werden: selbst das besinnungslose Flanieren durch die Gässchen der mittelalterlichen Stadt lässt den Straßenverlauf und die Häuserordnung allmählich vertraut werden, weckt Erinnerung an kleine Straßendetails und hält damit bei Bewusstsein. Eben weil die taktile Rezeption von Architektur – die in der städtischen Anhäufung nahezu unendlich viele Möglichkeiten optischer Rezeption schafft – auf einer anderen Ebene als die bloß optische Rezeption spielt, enthält sie die Möglichkeit, dass der Rezipient der Stadt bewusst als gegensätzlicher Pol gegenüber tritt. Die taktile Rezeption würde absurd, erfordere sie nicht vom Rezipienten möglichst umfassende Übersicht und Beherrschung des Tumults der Stadt. Der Bewohner der Stadt degradiert die Stadt daher notwendigerweise zum profanen Alltagsbehelf, denn er will in der Stadt praktisch zurechtkommen können, er ist funktional und instrumentell mit ihr verstrickt; ihm wird die taktile Rezeption zum Primat gegenüber der optischen.
Der Tourist hingegen verspürt weder die beengende Pause, noch das Drängen der Arbeit der Stadtbewohner. Er muss die Architektur der Stadt nicht marktwirtschaftlich nutzbar machen, sondern kann sich – neben der auch für ihn funktionalen taktilen Rezeption – ebenfalls der optischen Rezeption hingeben. Diese gewinnt aber nicht Oberhand; nicht zuletzt weil sich ständig neue Sichtmöglichkeiten und Blickweisen einstellen. Die illusorische Ganzheit des Gesamtkunstwerkes, welche zu seiner auratischen Verklärung führt, vermag die Architektur vielleicht noch im einzelnen Bauwerk, aber nicht in dessen städtisch-anarchischer Anordnung realisieren. Es scheint möglich, dass der Tourist für einen kurzen Augenblick der Dichotomie von Kunst und Wissenschaft, von besänftigender auratischer Mythologisierung und von glückloser Beherrschung im Ansatz entgehen kann. Der Tourist der Stadt erfährt das Glück des Kunstwerkes, ohne sich diesem zu unterwerfen. Die Konstruktion des Gesamtkunstwerkes findet ihr Pendant im Stadtplanungskonzept. Dieses evoziert aber keine auratische Ganzheit der Stadt, denn das Stadtplanungskonzept ist nämlich stets auch von einem praktisch-instrumentellen, aber nicht ausschließlich von einem ästhetischen Interesse geleitet. Nationalsozialistische Städteplanung versuchte hingegen die Aura auch für den städtischen Raum wirksam werden zu lassen, geht dabei allerdings einen Schritt weiter: Für die Wirkung des auratischen Kunstwerks bedarf es des Individuums, sonst würde die einsaugende Ausstrahlung des Kunstwerks verpuffen. Die nationalsozialistische Stadt, die volkgewordene Masse – die immer auch soldatische Menge ist – entspricht demgegenüber erst dann ihrem Wesen, wenn das Individuum gestorben ist. Das Individuum soll nicht sich in der Stadt versenken, sondern die nationalsozialistische Stadt das Individuum zerreiben und an dessen Stelle treten. In der städtisch-ästhetischen Totalisierung sollte das Individuum untergehen, wie es in der Volksgemeinschaft aufgehen sollte; der Nationalsozialismus wollte den Tot der Menschen, um sie als Idealbarbaren neu zu erschaffen. Die durchgeplante Stadt ist daher eine Analogie der formierten Massen und des kampfbereiten Heeres.

Das Zusammenspiel polizeilicher und wohlfahrtsstaatlicher Repression: in Köln prügeln Polizeibeamte eine geldbedürftige Diabetikerin aus der ARGE.