1. Mai – Tag des Konformismus und der Reaktion

Der Maifeiertag – das ist keine großartige Erkenntnis – ist zu einer Wiederkehr des Immergleichen geworden. Das wurde ermöglicht, weil der 1. Mai von seinen Akteuren zu einer Institution gemacht und zum Spektakel menschenverachtender Propaganda wurde, obwohl ihre Ansprüche der bürgerlichen Integration des Tages zunächst progressiv widersprachen. Seine Akteure identifizierten sich mit der gesellschaftlichen Macht und glichen sich kulturindustrieller Unterdrückung an. Der jiddische Dichter Mordechaj Gebirtig hingegen ließ es in seinen Liedern nicht so weit kommen. Durch die subversive Kraft der Kunst gelingt es ihm, über deren enge Grenzen hinauszuschauen.

Auf dem Gründungskongress der Zweiten Internationalen wurde der 1. Mai zum „Kampftag der Arbeiterbewegung“ erklärt. Mit Massenstreiks und Massendemonstrationen wurde der 1.Mai 1890 als Gedenken an die Opfer des Haymarket Riot in der ganzen Welt begangen. Die Streiks und Kämpfe waren ein Zeichen gegen eine kulturelle Besetzung des Gedenktages. Sie bringen zum Ausdruck, dass es ein Frevel gegen die Opfer des Antagonismus ist, das Andenken an sie in einem isolierten Sonderbereich immer wieder auszurichten und stets aufs Neue verpuffen zu lassen. Das Gedenken wäre in einem solchen Fall das Abfallprodukt einer Gesellschaft die sich durch die Überwältigung des widerspenstigen Einzelnen erhält. Die brutale Niederschlagung derer, die sich nicht dem Herrschaftsmechanismus der bürgerlichen Gesellschaft fügen wollten, würde neutralisiert zu einem fremden Gegenstand, der in der Erinnerung als bloßes gedankliches Kontemplationsobjekt noch Bedeutung hätte. Er wäre zum Anlass von klugen Reden, diffamierender Hetze und bald von rituellen Feierlichkeiten degradiert. Es wäre also genau so, wie es heute ist. Dem steht die Proklamierung eines Kampftages der Arbeiterbewegung entgegen. Haymarket Riot Die Revolte ist in diesem Verständnis kein fernes Objekt, sondern Aufforderung die Revolte nicht abbrechen zu lassen und Stiftungsmoment einer Kontinuität der Rebellion. Allerdings haftete der Idee einer solchen Fortführung seit Anbeginn der Geist der Herrschaft an. Die Deklaration des 1. Mai als Kampftag durch die Zweite Internationale besitzt etwas von dem Charakter eines Dekrets der Oberen, dem die Unteren folgsam beipflichten. Ihm fehlte geistige und tätliche Spontaneität. „Hinein in die Partei Lenins!“ und andere totalitäre Sprachmonster waren das propagandistische Telos liturgischer Parolen. Die kommunistischen und sozialdemokratischen Organisationen funktionierten im Geiste rationaler Selbsterhaltung und Expansion. Dem Partei-Verwaltungszentrum ging die Qualität des 1. Mai strukturell abhanden, er wurde Gegenstand parteilicher Organisations- und Verwaltungsmacht, die seine Bedeutung bloß noch quantitativ wahrnehmen konnten; das Maß seiner Bedeutung waren die mobilisierbaren Menschenmassen. Der Tag wurde zur Ausweitungs- und Erprobungsmöglichkeit der eigenen Fähigkeit Menschen an sich zu binden. In diesem Verhältnis wurde die Utopie zur Verheißung der durchorganisierten Partei. Auch in Form der Verheißung war die Utopie allerdings noch zu schwach, um gegen die Macht des prozessierenden Kapitals und dessen rechtsradikalen Wiedergängern zu bestehen. So musste sich die kommunistische Utopie im Sinne der Selbsterhaltung hart gegen ihre Gefährdung machen und so die eigene Essenz ausbrennen. Um nicht niedergetreten zu werden wurde Utopie zur Propaganda. Analog zur Kapitalakkumulation, die sich als Absolutes das subsumierbare Einzelbedürfnis unterwirft, wurde die Anziehung und Eingliederung von Arbeitern zum Selbstzweck. Dabei bedarf die Propaganda, welche die Form von Reklame annimmt, bereits der Rationalität von Kulturindustrie, deren Kontrollapparatur das Individuum in Unfreiheit halten muss, um weiterhin über es verfügen zu können. An die Stelle gemeinsamer Einsicht wurden der Schlachtruf, die Mobilisierung, die Aura der Bewegung und die Beschwörung des militärischen Heldentums gesetzt. So war das heute klassische Arbeiterlied schon von Anbeginn mit fundamentalen Motiven der kulturindustriellen Funktionslogik verknüpft. Deutlich tritt dies in „Der Rote Wedding“ von Hanns Eisler hervor. Nicht die Befreiung, sondern die Hypostase des Eigentums wird hier – sogar wortwörtlich – zum Programm: „Wir nähren den Hass und wir schüren die Glut, /Wir heizen die Herzen mit Kraft und Mut/ Bis der letzte Prolet uns gehört.“ Der Abweichler wird vorauseilend denunziert: „Ein Lump wer kapituliert.“ Dieses Motiv taucht auch in Ernst Buschs „Roter Wedding“ auf. Nicht die Partei wird als Ordnungsinstanz angerufen, sondern viel gründlicher die Kampf- und Opferbereitschaft als Bedingung dafür gefordert, nicht selber als Verräter gejagt zu werden. Solidarität wird als ideologisch-psychische Grundausstattung des geeigneten Frontkämpfers a priori abverlangt und so in blinde Loyalität und Kampfmoral des Soldaten verwandelt. Sie entspringt nicht mehr der freien Entscheidung des Einzelnen: „Wir fragen euch nicht nach Verband und Partei./ Seid ihr nur ehrlich im Kampf mit dabei?/ Gegen Unrecht und Reaktion!/ Wir sind durch die Not, durch den Hunger vereint,/ uns binden die Opfer im Kampf vor dem Feind.“ Die Parteisoldaten werden dem Lied nach durch den äußeren Druck zusammengeschweißt. Die Parteiorganisation schlägt aber einigen Vorteil aus der allgegenwärtigen Drohung des Feindes: sie wird von ihr selbst als Drohung gegen den Abweichler ausgesprochen, damit er sich als Anhängsel den Reihen der Bewegung unterordnet. So sind die Truppen des Rotfrontkämpferbundes wenigtens in Gestus und Erscheinung denen der frühen NSDAP ähnlich.Rotfrontkämpferbund
Damit kehrt sich der progressive Sinn des 1.Mai als Kampftag um. Nicht mehr die Kontinuität des Emanzipationskampfes, sondern die instrumentelle Herrschaft des selbsterhaltenden Parteiapparates, welche die Individuen zu Empfängern und Soldaten macht, speist sich aus diesem Datum. Weniger der Widerstand gegen den Geschichtslauf der bürgerlichen Gesellschaft, sondern Teilhabe am Allgemeinen wurde – hinter dem Rücken der Akteure – konstitutiv für die wiederkehrenden Manifestationen. Diese haben heute selbst den Praxissinn verloren und sind vollends in den Bereich der Kultur übergegangen. Der erste Mai ist eine Karnevalsveranstaltung für Gewerkschafter und Linke. Er ist zu einem höchstofiziellen Kultus geworden, der deshalb noch in Alltagspolitik hervorsticht, weil er sich in Abgrenzung zu ihrer Ratio konstituiert. Das bedeutet, dass am ersten Mai die Gewerkschaften die Reklametrommeln rühren und Forderungen aussprechen, die im Tagesgeschäft Tabu wären. Für die darin sich ausdrückende willkommene Selbstzensur wird der kämpferische Gestus zum ersten Mai gerne als Sonderbereich feierlicher Betriebsamkeit von liberalen und konservativen Zensoren geduldet. Die Gewerkschaftsfeinde wissen ebensogut wie die Gewerkschaftsfunktionäre, dass Forderungen, die den gewohnten gewerkschaftlichen Anpassungssinn überschreiten „ Gewerkschaftslyrik zum 1. Mai“ sind. Die kulturindustriellen Güter von Busch und Eisler sind ein früher und deutlicher Ausdruck für die Identifikation der Arbeiterbewegung mit dem gesellschaftlich Allgemeinen, für die Transformation von Kritik in Affirmation.
Dem widerspricht die Lyrik Mordechaj Gebirtigs. Dessen scharfer Sinn für Unterdrückung und die Distanz zum Allgemeinen sind allerdings Produkt brutaler Zurichtung durch die Antisemiten, an ihr haftet der Schrecken. Am 4. Juni 1942 wurde er im Krakauer Ghetto auf offener Straße von einem Nazi erschossen. Mordechaj Gebirtig wurde zum Opfer des Allgemeinen durch ein Ritual der Zivilisation, welches in der Klassengesellschaft lockende Vorstellungen durch Personifizierung rationalisiert und vernichtet. Der durch die Arbeiterparteien, ihren Plakaten, Parolen und Liedern beschworene Gesamtarbeiter widersteht der grausamen Ausgrenzung und dem Mord an den Juden, weil sein Blick stur nach den Vorgaben von Partei und Arbeiterlied justiert ist. Deren propagierte Hoffnung ist zumindest dem Anschein nach noch Verweis auf eine andere Gesellschaft. Diese Hoffnung ist aber beschnitten und brüchig; sie ist nach den Vorgaben der herrschenden Macht rational gestaltet und präformiert, um eben gegen die herrschende Macht zu bestehen. Daher richtet sie sich an Personen, deren Hände noch auf dem Steuerrad der Geschichte zu liegen scheinen – die in der bürgerlichen Gesellschaft als Machtsubjekt auftreten können – nämlich an die Arbeiter. Auf diese Weise wiederholt sie in sich die gesellschaftliche Marginalisierung der Machtlosen. Der jiddisch-polnische Poet Mordechaj Gebirtig widerstand in seinen Liedern dem Werben um den begehrten gesellschaftlichen Gesamtarbeiter, dessen Bild einen mythischen Bannkreis um die vorgeblich prädestinierte und auserwählte Gruppe zieht und sich so in Partikularität verliert. Mordechaj Gebirtig In Gebirtigs „Arbetlose Marsch“ steckt demgegenüber noch der Gedanke einer versöhnten Allgemeinheit, die erzielt werden soll, ohne dass sie sich dem Einzelnen überordnet. Zwar handelt das Stück unmittelbar von Arbeitslosen, mit ihnen sind aber Alle gemeint, die an der bürgerlichen Gesellschaft zu leiden haben: „jahrelang haben wir schwer gearbeitet/ und immer mehr geschafft:/ Häuser, Schlösser, Städte und Länder/ für ein Häuflein von Verschwendern./ Was ist unser Lohn dafür?/ Hunger, Not und arbeitslos.“ (Text). Durch das Eingespanntsein in eine objektive Tendenz wird die individuelle Erfahrung der eigenen Nichtigkeit gemacht. In der bürgerlichen Gesellschaft sind alle Menschen zur ersetzbaren Funktion erniedrigt und der Möglichkeit nach überflüssig, arbeitslos. Das Lied bewahrt eine genuine Hoffnung auf die Überwindung der bürgerlichen Gesellschaft und verewigt daher die Menschen, wie sie unter der bürgerlichen Gesellschaft geworden sind, also die Arbeiter, nicht, sondern besingt die Hoffnung auf eine befreite Menschheit: „und wir singen uns ein Lied/ von einem Land, einer neuen Welt,/ wo freie Menschen leben.“ (Text). Weil die wirkliche Utopie nicht mit dem Geist der Herrschaft und der Brutalität vereinbar ist, spricht aus dem Lied Zärtlichkeit.
Zwar sind Lieder über Arbeitslose rar, aber neben dem „Arbetlose Marsch“, handelt etwa das „Lied der Arbeitslosen“ von Hanns Eisler über diese marginalisierte Gruppe. Dieses Lied spricht zwar auch drastisch über die Verdrängung der Arbeitslosen und lässt sich als implizite Kritik des Arbeiterfetischismus lesen. Allerdings ist seine Darstellung des Leidens eine bloße Spiegelung der Gewalt des Faktischen und reproduziert so die Ohnmacht des Einzelnen: „Mensch, so stehste vor der Umwelt/ jänzlich ohne was;/ wenn dein Leichnam plötzlich umfällt,/ wird keen Ooge naß.“ (Text). Diese positivistische Unbarmherzigkeit schneidet die Perspektive auf Befreiung ab. „Durch die Anpassung an die Schwäche der Unterdrückten bestätigt man in solcher Schwäche die Voraussetzung der Herrschaft und entwickelt selber das Maß an Grobheit, Dumpfheit und Gewalttätigkeit, dessen man zur Ausübung der Herrschaft bedarf.“ (Adorno, Minima Moralia). Demgegenüber pocht Mordechaj Gebirtig auf hoffende Negativität, die durchaus die Spannung zwischen Romantisierung und Zartheit aushalten muss: „hat noch jemand etwas zu genißen,/ teilt man sich jeden Bissen./ Wasser schütten wir in uns hinein,/ wie die Reichen den Wein.“; „Wir gehen auf der Straße umher,/ wie die Reichen, ohne Beschäftigung.“ (Text). Das Pathos der allbekannten Arbeiterschlager überrollt menschliches Leid gleich dem Weltlauf der bürgerlichen Geschichtsschreibung der Davongekommenen. In Gebirtigs Lied hingegen zeigt sich Hoffnung, ohne dass sie die Trauer über die Opfer begraben muss. Ohne das Leid zu übergehen wird der Mensch nicht – wie dies bei Eisler der Fall ist – der Unausweichlichkeit des täglichen Schreckens ausgesetzt, sondern die Idee einer emanzipierten, glücklich-arbeitslosen Menschheit, also der Geist der Utopie, in mehrdeutigen Analogien als Möglichkeit der Menschen gedacht, nicht die Menschen als Objekte ihrer Ermöglichung.


2 Antworten auf “1. Mai – Tag des Konformismus und der Reaktion”


  1. Gravatar Icon 1 John Dean 21. Mai 2009 um 23:08 Uhr

    Pardon: wirr.

  2. Gravatar Icon 2 schorsch 25. Mai 2009 um 11:53 Uhr

    Wenn du Kritik an dem Text hast, kannst du sie wirklich gerne äußern, aber solche Kommentare sind einfach armselig.

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