Was ist „linke Kritik“?

In der aktuellen Ausgabe (nicht online) der Sisyphos ist ein Text von mir erschienen, der sich der Frage widmet, was „linke Kritik“ ist und dazu einige basale Gedanken vorführt:

Kritik und „linke Kritik“ kann vieles bedeuten. Dieser Beitrag konzentriert den Blick auf eine bestimmte kritische Methodik und damit eine Denkrichtung vor dem Hintergrund des „westlichen Marxismus“, der bereits in der letzten Ausgabe näher dargestellt wurde. Zunächst sollen einige Differenzierungen und Abgrenzungen die Intention linker Kritik deutlich machen. Ein Exkurs über die warenproduzierende Gesellschaft führt einige Gedanken aus um weitergehende Reflexionen über linke Kritik vorzubereiten.

Konstruktive und destruktive Kritik

Bedeutsam ist die Unterscheidung zwischenkonstruktiver und destruktiver Kritikausrichtung. Konstruktive Kritik beinhaltet immer eine realpolitische Perspektive, enthält also einen Vorschlag zu Verbesserung, während grundlegende Prinzipien einer Gesellschaft nicht berührt werden. Konstruktive Kritik unterscheidet sich zwar von dumpfem Hinnehmen, bleibt aber in ihrer Gesamtheit affirmativausgerichtet. Konstruktive Kritik thematisiert also durchaus Missstände und gibt sich mitunter auch widerspenstig. Gleichzeitig wird der Maßstab der bestehenden Grundordnung gesellschaftlicher Konstellationen als gegeben hingenommen. Problematisierende Interventionen bewegen sich dann immer innerhalb der Grenzen, die durch die Macht des Bestehenden gesetzt werden.
Damit sind schon die Ebenen konstituiert, in welchen sich konstruktives Denken überhaupt bewegen kann. Im besten Falle gerät konstruktive Kritik, etwa in Gestalt eines realpolitischen Sozialdemokratismus, in eine Zwickmühle: zwar können punktuelle Problemlagen erörtert oder im Einzelnen sogar Verbesserungen erreicht werden, jedoch haftet diesem Prozess dann ein regulativer oder stabilisierender Charakter an. Die Fundierungen der kritisierten Missstände werden nämlich nicht in Frage gestellt, sondern durch den konstruktiver Kritik immanenten Prozess verhärtet. Häufig nimmt konstruktive Kritik auch die Form von Politikberatung an und unterwirft sich einem gesellschaftlichen Zweck. Dann ist Kritik längst von der Position kritischen Nachdenkens entfernt und prüft die eigenen Denkresultate auf ihre politische Tauglichkeit, sodass ihr eine instrumentelle Ausrichtung eigentümlich wird.
Dem verweigert sich destruktive Kritik, welche prinzipieller und rücksichtsloser ist als ihr realitätsfixierteres Pendant. Destruktive Kritik geht in ihrer theoretischen Positionierung nicht positiv von der existierenden Gesellschaft aus, sondern nimmt diese selber in ein kritisches Denken auf. Damit ist die Überschreitung der existenten Gesellschaft als Möglichkeit bereits implizit formuliert. Destruktive Kritik konzentriert sich nicht bloß auf Erscheinungen, sondern zielt auf die grundlegendsten Strukturierungen der bestehenden Gesellschaft. Die theoretischen Gründe für diese radikale Ausrichtung können hier nur bruchstückhaft angedeutet werden.

Exkurs: die warenproduzierende Gesellschaft

Die Andeutungen konzentrieren sich auf Marx’ kritische Kategorienanalyse. Es handelt sich hierbei um eine logische Erarbeitung der Grundformen kapitalistischer Produktion auf abstrakter Ebene, die mit der empirischen Welt in Verbindung stehen, aber nicht unmittelbar auf sie übertragen werden können. Wie kapitalistische Produktion konkret geformt ist und welche genauen Verhältnisse1 jeweils für eine Gesellschaft gelten, muss historisch immer wieder neu erarbeitet werden, ohne bestimmte Grundsätzlichkeiten außer Acht zu lassen. Diese Grundsätzlichkeiten sollen hier kurz angerissen werden. Die kapitalistische Verfasstheit der herrschenden Produktionsweise bestimmt die bürgerliche Gesellschaft bis in den verborgensten Winkel. Sämtliche Lebensbereiche sind von einer Verwertungslogik erfasst oder der kapitalistischen Produktion adäquat formiert. Der Begriff der „Totalität“ nimmt in der Kritik der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft eine wichtige Rolle ein und bezieht sich in etwa auf die Struktur einer Gesellschaftsordnung. Die Rationalität des Kapitalismus und seine spezifische Gewalt ist eine alles erfassende, aber gesellschaftlich erzeugte Totalität. Mit dem Privateigentum trat langsam eine warenproduzierende2 Ökonomie isolierter und konkurrierender Kapitalbesitzer in die Welt. Indem Waren im Zwangsverhältnis der Konkurrenz produziert werden, realisiert sich die Notwendigkeit für den einzelnen Kapitalbesitzer Waren möglichst effizient auf den Markt zu werfen, was für die Betroffenen dann z.B. Gehaltskürzung, Arbeitsintensivierung oder Entlassung bedeutet. Diese Ausbeutungsverhältnisse und in ihrem Gesamtbezug auf die Gesellschaft irrationalen Einzelhandlungen sind den grundlegenden Strukturen der kapitalistischen Produktionsweise immanent. In einer Produktionsweise in der Güter wettbewerbsvermittelt von vereinzelten Produzenten für den Austausch erzeugt werden, stellt sich gesellschaftlich produzierter Reichtum warenförmig dar. Die Vielheit der konkreten Waren ist ein offensichtlicher Hinweis auf ihre Verschiedenheit. Der Warentausch bezieht die verschiedenen Waren aber immer wieder auf ein allen Waren gemeines Element, anhand dessen sich verschiedene Wert- bzw. Tauschrelationen der Waren herstellen. Das Gemeinsame aller Waren lässt sich nur in der Abstraktion von den konkreten Differenzen finden: alle Waren sind Resultat von verausgabter Arbeit. Die verschiedenen Arbeiten sind allerdings auch heterogen. Verschiedenen Waren erfordern unterschiedlich viel Arbeitszeit zu ihrer Produktion. Daher kann nur abstrakte Arbeit, also zur Produktion einer Ware nötige durchschnittliche gesellschaftliche Arbeit, das Element sein, worauf sich alle Waren reduzieren lassen. Nur indem von den konkreten Waren abstrahiert wird, indem also Geld als objektiver Vermittler zwischen die Waren tritt, kann sich der Warentausch entfalten. Indem durch bloßes Handeln Waren praktisch gleichgesetzt und unterschiedliche Privatarbeiten allesamt auf gesellschaftliche Durchschnittsarbeit reduziert werden, bildete sich historisch das Geld als reale Abstraktion vom Konkreten der Waren aus. Geld ist deshalb keine bloß gedankliche Abstraktion. Geld drückt also das allen Waren Gemeinsame3 aus, Resultat von gesellschaftlich verausgabter Arbeit zu sein und stellt daher den gesellschaftlichen Tauschwert einer Ware dar. Der Tauschwert reguliert die Austauschsverhältnisse von Waren entsprechend der zu ihrer Produktion gesellschaftlich nötigen Arbeitszeit. Die gesellschaftlich durchschnittlich benötigte Arbeitszeit zur Produktion einer Ware, kann selbstverständlich schwanken und wird nie festgelegt. Geld ist somit die notwendige Materialisierung gesellschaftlicher Verhältnisse: in einer auf Warenproduktion beruhenden Gesellschaft müssen sich ökonomische Verhältnisse in der Geldform darstellen, um individuelle Arbeit in den Status unmittelbar gesellschaftlicher Arbeit zu heben. Die Anerkennung der individuellen Arbeit als gesellschaftlich gültige ist Motiv und Bedingung der Produktion, denn nur wenn die individuelle Arbeit geldvermittelt mit gesellschaftlicher Arbeit in Beziehung tritt, lässt sich Profit erzeugen. Profit, „Geldvermehrung“ wird von Marx „Akkumulation“ genannt. Wenn aus Geld durch die Verausgabung von Arbeitskraft und damit durch Mehrwertproduktion4 mehr Geld entsteht, wird von Kapital bzw. verwertendem Kapital gesprochen. Kapitalverwertung wird zum Zweck, wodurch nicht menschliche Bedürfnisse, sondern Kapitalakkumulation zum Maßstab der Produktion erhoben wird. Die wechselseitige Unabhängigkeit der Personen ergänzt sich zu einem System allseitiger Abhängigkeit. Durch das isolierte Wirken der Wirtschaftssubjekte kommt erst das Geld bzw. der Wert durch eine Vielzahl getrennter Akte und undurchschaubarer Marktprozesse zustande, die jedem Marktteilnehmer die Notwendigkeit diktieren möglichst billig zu produzieren5. Der Wertdurchschnitt eine Ware bildet sich durch unzähliges Wirken von einzelnen Produzenten. Er stellt sich ihnen aber als außer ihnen existierendes Verhältnis von Gegenständen dar und zwingt ihnen die Logik rücksichtsloser Mehrwertproduktion auf. In der Geldform verschwinden alle gesellschaftlichen Verhältnisse, die derselben zugrunde liegen. Die gesellschaftliche Form (also der Wert) individueller Arbeitsverausgabung beherrscht die Wirtschaftssubjekte unabhängig davon, was sie selber darüber denken. Die durch sie selbst permanent geschaffene gesellschaftliche Form ihrer Arbeitsprodukte verselbstständigt sich gegen ihren Willen und zwingt zu bestimmten Handlungen. Die Verhältnisse zwischen den unzähligen Akteuren erzeugt also eine auf sie rückwirkende Struktur. Daher muss das Handeln von Produzenten aber auch sozialen Akteuren immer im Zusammenhang mit dieser ökonomischen Struktur gesehen werden, die ihnen eine bestimmte Rationalität vorgibt, die weit über die „ökonomische Sphäre“6 hinaus und in andere Bereich hineinwächst und nicht an den Bedürfnissen der Menschen orientiert ist. Demnach überdenkt eine marxistische7 Staats- oder Ideologiekritik auch immer die strukturelle Vermitteltheit von kapitalistischer Warenproduktion, dem bürgerlichen Staat oder ideologischer Formationen, ohne aber rigorosem Ökonomismus zu verfallen, also gewisse Eigendynamiken der Bereiche Staat und Ideologie zu verkennen. Der Markt setzt dem Individuum den Imperativ im Allgemeinen aufzugehen. Durch diesen Prozess wird die Individuation der Einzelnen fortgetrieben, nicht aber die Entfaltung des Individuums zugelassen. Die Differenz, als individuelle Eigensinnigkeit und persönliches Bedürfnis, wird zerstört sofern sie den Anforderungen des Marktes nicht entspricht. Das Individuum muss diese Ausgrenzungsmechanismen in sich selbst verlagern, um den Vorgaben des Marktes zu genügen. Diese Individuation bedeutet Selbstbehauptung in umfassender Konkurrenz der Einzelnen und führt – dialektisch formuliert – zu einer falschen Identität des Einzelnen mit dem Allgemeinen: der Einzelne existiert nicht autonom in einem reflektierten Verhältnis zur Gesellschaft, sondern geht in der Gesellschaft auf, während die Gesellschaft die Substanz des Individuums ist. Die Vorstellung einer Emanzipation von naturhaften Zwängen wird hier umgekehrt und bedeutet die selbstständige Summierung unter ein totalitäres Ganzes. Der Liberalismus formt diesen Zustand oft in dessen Verteidigung: der Einzelne solle Demut gegenüber Vorgängen verspüren, die aktuell nicht rational gesteuert werden könnten.

Totalität als Denkprämisse

Diese Überlegungen führen eine kritische Theoriebildung zu ihrer fundamentaloppositionellen Ausrichtung. Aus dieser Position heraus formuliert radikale Kritik keine moralische Verurteilung, sondern orientiert sich an einem kritischen Verständnis der Zustände, unter welchen Menschen akut leiden, um die Aufhebung dieser Verhältnisse zu fördern. Aus dieser Position innerhalb des Bestehenden muss das Faktische einer Kritik unterzogen werden. Als Denkausgang fungiert daher die Totalität der Gesellschaft, also das falsche Ganze selber. Einzelne Phänomene werden aus sich selbst heraus entwickelt, ohne deren Verknüpfung mit dem Allgemeinen zu ignorieren. Eine kritische Analyse bleibt nicht bei einem deskriptiven Betrachten stehen, sondern eine immanente Kritik reflektiert immer die Verflechtung und den Bezug der Einzelphänomene aufs Ganze, ohne dem Einzelphänomen die Relevanz abzusprechen. Sie befindet sich gleichermaßen innerhalb und außerhalb des Gegenstandes. Das bedeutet, dass sich kritische Gesellschaftstheorie keiner speziellen Prämissen, Voraussetzungen oder gar übernatürlicher oder überhistorischer Konstanten, wie die der menschlichen Natur bedient. Diese Prämissen würden alle Problemerörterungen zu einem Rekurs auf die zuvor gesetzte Denkprämisse verkommen lassen und die Bedingtheit
des Inhaltes einer solchen Prämisse durch die bestehende Gesellschaft ignorieren. Demgegenüber soll die Gesellschaft kritisch aus ihr selbst heraus wirklich verstanden und dargestellt werden. Die Totalität selber als Prämisse zu setzen ist daher keine Formalität. Vielmehr steckt darin eine Absage an nationalistische, rassistische, sexistische, antisemitische, anthropologische, religiöse usw. Ansätze, welche die Gesellschaft oder Einzelerscheinungen nur unter diesen Vorzeichen interpretieren und immer aus einer mit der Gesellschaft verstrickten Position heraus ihre Überlegungen anstellen. Dem ist eine linke Kritik, durch Beanspruchung der Emanzipation aller Menschen entgegengesetzt, indem der eigene Standpunkt in kritischen Überlegungen reflektiert wird. Rassistische Muster, antisemitische Denkweisen, kurz: ideologische Interpretationen der Wirklichkeit setzt eine linke Kritik in den Bezug zur Totalität selber, indem die übergeordneten Strukturen, welche einen Menschen zum Nationalismus, Antisemitismus usw. führen, analysiert werden.

Freiheit + Gleichheit = Kommunismus?

Eine Grundskepsis gilt aber auch gegenüber progressiv wahrgenommenen Idealen wie der Gleichheit und Freiheit. Beides sind Begriffe, deren Inhalt äußerst strapazierbar ist. Freiheit kann z.B. Unabhängigkeit und Emanzipation, Gleichheit die Abwesenheit von Diskriminierung bedeuten. Allerdings kann ein moderner Freiheitsbegriff auch die bedingungslose Auslieferung an Marktzwänge meinen und Gleichheit zum ständigen Ver- und Abgleichen der Subjekte und zu Gleichmacherei führen. Eine radikale Kritik muss untersuchen, worauf die Realisierung von Freiheit und Gleichheit innerhalb des Bestehenden effektiv hinausläuft. Diese Ideale werden also im gesellschaftlichen Kontext verstanden, um die innere Dynamik solcher Ideale aufzudecken. Weiterhin darf auch nicht bloß eine Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit eines Ideals beklagt werden. Vielmehr gilt es aufzuzeigen, wieso diese Differenz unter den herrschenden Bedingungen aus dem Ideal selber entspringt. Auch muss bedacht werden, dass viele Liberalisierungsprozesse, etwa die Säkularisierung, gesellschaftlich häufig unreflektiert bleiben. Sie werden durch komplexe sozioökonomische Konstellationen in Bewegung gesetzt, aber nicht kritisch aufgenommen und enthalten damit immer die Möglichkeit traditionalistischer Umkehrung. Für eine ernsthafte Kritik kann daher die bloße Konfrontation der Realität mit fortschrittlichen Idealen keine Lösung sein. Nur in einer umfassenden und grundlegenden Kritik kann sich ein kritisches Verständnis und damit Emanzipation abzeichnen. Das ganz Andere, der Kommunismus, ist kein Ideal, demgemäß die Realität modelliert werden könne. Der Realität kann nicht einfach ein Ideal übergestülpt werden, denn eine Anklage gegen das System ohne es zu verstehen eröffnet die Möglichkeit der Irrationalität: wenn sich ein utopisches Ideal dem Verstand vollends bemächtigt, verläuft sich ein kritischer Impetus in emotionalisierte Visionen. Kritik darf nicht durch eine aufgezwungene Darstellung alternativer Möglichkeiten beschränkt werden. Zwar können gewisse Grundzüge einer freien Gesellschaft umrissen werden, aber selbst solche dürfen sich nicht in dogmatische Bedingungen verwandeln. Ein ausgearbeitetes Konzept gäbe vor, woran sich eine Realisierung einer anderen Gesellschaft zu orientieren hätte und wäre daher mit einer freien Gesellschaft schon a priori nicht vereinbar.

Informierte Hoffnung

Eine Theorie, die sich wirklich kritisch mit der bürgerlichen Gesellschaftsordnung auseinandersetzt befindet sich in einem Spannungsfeld. Sie befindet sich zwischen Kritik der bestehenden Zustände, dem Anspruch diese Zustände zu verändern und temporärer Unmöglichkeit der tatsächlichen Änderung des falschen Ganzen. Kritisches Denken darf allerdings nicht vor der Autorität des Faktischen kapitulieren, sondern muss auf die grundsätzliche Möglichkeit des Anderen beharren. Ein utopisches Element innerhalb kritischen Denkens ist also wichtig, wenngleich das Bewusstsein über dieses Element selbstkritisch bleiben muss, um ein Abgleiten in spekulative Science-Fiction Szenarien zu verhindern. Zudem müssen leichtfertige Hoffnungen auf eine Lösung innerhalb der realen Grenzen zurückgewiesen werden. Reflektierte Hoffnung weiß zu verstehen, dass systematische Ausschlussmechanismen der kapitalistischen Warenwirtschaft Ausbruchsversuche permanent unterminieren. Es ist falsch, angesichts hermetischer Herrschaftsverhältnisse die unbedachte Flucht ins Private anzutreten, wie es ebenso falsch ist der triumphalen Übermacht des derzeit Seienden mit blindem Aktionismus zu begegnen. Nur in der ständigen Reflexion des spannungsvollen Verhältnisses von Wirklichem und Möglichem kann die Utopie umfassender Emanzipation bewahrt bleiben. In einer Gesellschaft, die von den Zwangsgesetzen der Konkurrenz durchwaltet ist, locken Appelle an das Menschliche den Schein, es wäre unter bestehenden Verhältnissen ein vollends humaner Umgang miteinander möglich. Trotzdem gilt es ebenso, dass ein Ausbleiben von Empörung gegenüber Unmenschlichkeiten eine gefährliche Passivität und Akzeptanz fördert, die letztlich auf eine Billigung der ursächlichen Bedingungen der Grausamkeiten hinausläuft. Zwar ist der Hinweis auf den immanenten Charakter jedes Schreckens korrekt, allerdings darf dieser Hinweis nicht blind gegenüber dem Besonderen machen. Der Verweis auf die Universalität des Unrechts wird außerdem schnell zu einer Ideologie derer, welche sich konkreter Verantwortung8 entziehen wollen. Eine kritischer Standpunkt muss seine widerspruchsvolle Existenz unter den momentanen gesellschaftlichen Verhältnissen verstehen und sich selber innerhalb dieser positionieren ohne sich aber endgültig damit abzufinden. Zwar gibt es kein Richtiges im Falschen, dennoch darf dem kein fatalistisches Abfinden mit der schlechten Realität folgen. Erst wenn die normale Barbarei tatsächlich normalisiert wird und der Aufschrei ausbleibt, ist ihre Herrschaft vollendet. Erst wenn die Möglichkeit einer anderen Gesellschaft als Unmöglichkeit und ausschließlich die Analyse als einzig Mögliches erklärt wird, ist der Anspruch auf Veränderung obsolet geworden. Der theoretischen Reflexion muss daher ihre politische Dimension enthalten sein. Der Reflexion muss mit Nachdruck der Anspruch auf reale Opposition verliehen werden, sonst ist Kritik mit dem Allgemeinen identifiziert und ihr geht der Anspruch auf Überschreitung desselben verloren. Dann würde der Kritiker zum Kapitalismus gehören, wie der Hoffnarr zum Fürstenhof. Im Bereich des Praktischen bedeuten diese Überlegungen beispielsweise, dass Streiks, Lohnkämpfe und Mitbestimmungsrechte zwar immer im Zusammenhang und in ihrer Kompatibilität mit der herrschenden Verwertungsund Herrschaftslogik kritisch überdacht werden müssen, es für die Betroffenen aber z.B. nicht gleichgültig ist, welchen konkreten Arbeitsverhältnissen sie tatsächlich ausgesetzt sind. Ein praktischer Reformismus ist also nicht an sich falsch, aber muss immer als sehr begrenzte Handlungsmöglichkeit verstanden werden, die grundlegende Widersprüche der warenproduzierenden Gesellschaft nicht auflösen kann. Auswirkungen der Kapitalakkumulation etwa, können – wenn überhaupt – nur beschränkt gemildert werden. Diese Milderung vollzieht sich aber immer nur als reaktive, also spiegelbildliche Korrektur kapitalistischer Produktion immanenter, sich ständig wiederholender Prozesse. Bedürfnisorientierung ist unter solchen Umständen also im besten Fall die auf die Permanenz widersprüchlicher Verteilungskämpfe reduziert. Eine umfassende Emanzipation des Individuums kann auf diesen Grundlagen nicht erfolgen.

  1. Theoretisch können verschiedene Formen der kapitalistischen Produktion ausgemacht werden. Konstitutiv ist etwa ein spezifisches Verhältnis von Kapital, Arbeit und Staat. So unterscheidet sich zwar die fordistische Ära der Fließbandproduktion von flexibilisierten Arbeitsverhältnissen des Neoliberalismus, dennoch sind beiden Produktionsmodellen wesentliche Bestimmungen charakteristisch, die ihren begrifflichen Bezug auf kapitalistische Produktion rechtfertigen. [zurück]
  2. Auch wenn sich neben der profanen Warenproduktion ein komplizierter Dienstleistungsbereich etabliert hat, ändert dies an den grundlegenden Strukturen nichts, da eine Dienstleistung bloß eine immaterielle Ware ist. [zurück]
  3. In Marx’ Kategorienanalyse von Ware, Geld und Kapital spielt der Begriff des Werts eine wichtige Rolle. Geld drückt gesellschaftlich gültigen Wert, Durchschnittsarbeit aus. Wert kann nicht unmittelbar empirisch erfasst werden, stellt aber keine metaphysische Kategorie dar, weil Marx ökonomische Verhältnisse immer als Ausdrucksformen bestimmter Wertverhältnisse plausibel macht und stets auf den gesellschaftlichen Charakter des Werts verweist. Der Wert stellt sich zwar durch das Zusammenwirken der einzelnen Produktionsprozesse her, wirkt aber unter der Oberfläche ökonomischer Prozesse auf sie selber wieder ein. Dies wird später berührt. [zurück]
  4. Mehrwert entsteht, indem der Kapitalist Geld gegen Arbeitskraft tauscht. Der Lohn begleicht die Reproduktionskosten (Nahrungsmittel usw.) des Arbeiters. Da Arbeitskraft länger vernutzt werden kann, als zur Reproduktion derselben nötig ist, stellt die Arbeitskraft die Quelle des Mehrwerts dar. Alle Zeit, die über die Reproduktion des Lohns hinaus verausgabt wird bildet dann den Mehrwert des Kapitalisten. [zurück]
  5. Ob die individuell verausgabte Arbeitszeit als gesellschaftliche gilt stellt sich erst durch den Tausch selber heraus. Nie darf mehr Arbeitsaufwand zur Produktion einer Ware betrieben werden, als gesellschaftlich durchschnittlich notwendig ist, weil im Tausch eben nicht individuell verausgabte Arbeitszeit, sondern nur die durchschnittlich notwendige als Tauschwert zählt. Da der individuellen Perspektive aber verborgen bleibt, ob der Arbeitsaufwand für ein Produkt „wertgemäß“ verausgabt wurde, besteht die sicherste Option in möglichst billiger Produktion. [zurück]
  6. Selbst eine strikte Einteilung der Gesellschaft in verschiedene Bereiche ist schon problematisch, da sie die Unabhängigkeit dieser „Parzellen“ von der Grundstruktur des Marktes impliziert. [zurück]
  7. Hier wird selbstverständlich von einer bestimmten Richtung des Marxismus ausgegangen. Besonders der traditionelle Marxismus reduziert sämtliche Fragestellungen bloß auf ökonomische Konstellationen. [zurück]
  8. Diese Verantwortung ist natürlich keine umfassende, sondern durch die spezifische Situation der Person innerhalb der bestehenden Gesellschaft näher bestimmt. [zurück]

1 Antwort auf “Was ist „linke Kritik“?”


  1. 1 linke kritik und 1. mai « ambivalenz Pingback am 04. Mai 2009 um 15:58 Uhr
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