Mit Deutschland gegen die Krise

Die dem Liberalismus inhärente Tendenz zum Etatismus und zum Autoritären wird besonders in Krisenzeiten immer deutlicher.

Die Finanzkrise – ideologisch vernebelt als Gier der Manager, Preis der Überheblichkeit der USA oder als zwangsläufige Folge „unserer Wirtschaft“ – presst die vereinzelt Einzelnen zusammen. Nicht die innere Verständigung gemäß individueller Interessen, die vernünftige Assoziation, sondern die Zusammenschweißung der individualisierten Subjekte durch den äußeren Krisenzwang konstituiert derzeit sozialen Zusammenhang.

Dem Markt, als höchstes Produkt menschlicher Entwicklung und Zivilisation, als Endpunkt der Evolution, soll sich das individuierte Handeln anpassen. Neben der völligen Marktkonformität ist die Notwendigkeit des individuellen Opfergang nicht nur eine implizite Folge dieser Vorstellung, sondern offen erklärte Forderung des Liberalismus: individuell wirkende gesellschaftliche Krisen sollten vom Individuum gleich einer „Naturkatastrophe“ hingenommen werden.
Angela Merkel rief dieses gemeinsame Opfer, das nationale Einstehen aller für die Krise auf dem Krisengipfel in Berlin aus. Merkel sagte, die „schwierigen Monate, die vor uns liegen“, könnten am besten gemeinsam bewältigt werden. „Alles, was wir im nächsten Jahr tun, sollte Deutschland stärken und kein Strohfeuer sein.“
Das gemeinsame Opfer, welches die Krise abverlangt, der äußere Feind, die USA oder die „Mangerkaste“, stellen eine Einheit her, die sich durch äußeren Zwang oder ideologische Justierung auf den Feind erhält. In Zeiten der Krise schlägt die dem Liberalismus inhärente Tendenz zum Etatismus durch und eröffnet eine gesellschaftliche Tendenz zum Autoritären. Die Armutsverwaltung wird nun noch deutlicher zu administrativer Kontrollpolitik, die Anpassung zum Gebot der Stunde – die Kehrseite ist die Denunziation der Abweichung durch die krisenbewegte Opfergemeinschaft.

Der „Geist der Administration“ (Horkheimer) ergreift nun auch die Gewerkschaften, die kürzlich noch Lohnforderungen aussprachen deren Höhe nicht selten als kongruente Anzeige für gewerkschaftliche Irrationalität ausgegeben wurde. Die Gewerkschaften sind also nun anpassungswillig bereit, einen „Preis für die Beschäftigungssicherung in der Krise“ zu zahlen: „Wir werden mit aller Kraft dazu beitragen, einen Schutzschirm für Arbeitsplätze aufzuspannen. Ich kann den Unternehmen versichern, dass wir ihnen entgegen kommen werden, um betriebsbedingte Kündigungen zu vermeiden“. (IG BCE-Chef Hubertus Schmoldt).

Während also Bundeskanzlerin Angela Merkel und Vizekanzler Frank-Walter Steinmeier zu einem „nationalen Kraftakt“ (n-tv) gegen die Wirtschaftskrise aufrufen, rekonstruiert der Spiegel in seiner aktuelle Ausgabe die Genese der deutsch-völkischen Gemeinschaft: „Die Geburt der Deutschen vor 2000 Jahren: Als die Germanen das Römische Reich bezwangen“.


4 Antworten auf “Mit Deutschland gegen die Krise”


  1. Gravatar Icon 1 biber 21. Januar 2009 um 0:07 Uhr

    Moin erstmal!

    1.) Ja, ich weiß, ich bin eine treulose Tomate und schiebe unbeantwortete Mails solange vor mir her, bis eine Antwort hinfällig wird…hmmpf
    damit zu Punkt zwo:
    Ich bin mir nicht sicher, worauf Du in diesem Beitrag hinaus willst. Dass das Anlitz des Staates, denen, die ihn ohnehin schon als Übel ausgemacht haben, in der Krise noch ein Wenig widerwärtiger erscheint?
    „In Zeiten der Krise schlägt die dem Liberalismus inhärente Tendenz zum Etatismus durch und eröffnet eine gesellschaftliche Tendenz zum Autoritären.“
    Das mag vielleicht in staatlicherseits ausgerufenen „Zeiten der Krise“ besonders offen zu Tage treten, aber dass sich das gemeine Volk mit den Interessen „seines“ Staates gemein macht und ihn sich stark wünscht, mitunter auch sein hartes Durchgreifen gegen „Schädlinge“ befürwortet oder fordert, das ist doch ganz gewöhnlicher Nationalismus, oder?

  2. Gravatar Icon 2 schorsch 21. Januar 2009 um 17:12 Uhr

    Schon, aber ich denke in Krisenzeiten zeigt sich, wie der (politische) Liberalismus – der seinem Selbstverständnis zufolge eben keinen autoritären Nationalismus vertritt – wirklich genuin etatistisch-autoritäre Züge ausprägt. Sie werden ihm sicherlich nicht einfach von außen aufgepfropft. Vielmehr zeigen sich die innere Dynamik dieser Ideologie und das organische Gesellschaftsbild der liberalen Idee, welche in Zeiten des funktionierenden Marktes eben liberal und in Problemzeiten autoritär argumentiert. Ich denke also nicht, dass sich eine gewisse Latenz einfach deutlicher und schärfer zeigt, sondern eine Seite aktiviert wird, die im Liberalismus innewohnt, im Falle ihrer Aktivierung sich aber schon qualitativ etwas verändert und sich der Liberalismus eben nicht einfach kontinuierlich fortsetzt.

  1. 1 Der Liberalismus in der Krise « Schorsch’s online Journal Pingback am 05. Februar 2009 um 16:55 Uhr
  2. 2 1. Mai – Tag des Konformismus und der Reaktion « Schorsch’s online Journal Pingback am 03. Mai 2009 um 12:20 Uhr
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