Versöhnte Krisengesellschaft

Mein folgender Text über regressive Islamkritik und die Transformation (antideutscher) Kritik in liberale Affirmation ist vor dem Hintergrund des rechtsextremen Kongresses in Köln entstanden. Er ließe sich – eventuell als pessimistische Vorausschau – auch vor dem Hintergrund der Finanzkrise lesen. Die Identifikation mit der Herrschaft, das etatistische Vertrauen in den Staat ist nicht unbedingt nur eine ängstlich-verschreckte und autoritäre Reaktion auf das zugespitzte Marktchaos. Sie drückt die allgemeine Übereinstimmung der Beherrschten mit dem Status Quo aus, die schon vor der Krise bestand und sich nun in einem anderen Feld fortführt. Der Staat kann sich bei reglementierenden und ordnenden Eingriffen dem breiten Einverständnis der Beherrschten gewiss sein. Er tritt nämlich wieder als Retter von Zucht und Ordnung auf, deren Schutz das Anliegen verschiedenster sozialer Akteure war und ist. Ihre Zusammenkunft vollzog sich durch eine identitäre Verteidigung der bürgerlichen Gesellschaft gegen „den Islam“ als „das Andere“.

Derzeit läuft Islamkritik empörter Moscheebaugegner oder post-antideutscher Gruppierungen häufig darauf hinaus aus der Koran-Rezeption diverse Schlüsse über „den Islam“ oder die Rückständigkeit desselben zu ziehen. Das ist nicht nur Religionskritik plumperer Sorte, sondern kann zudem zu – einem gegebenenfalls marxistisch verbrämten – Kulturalismus führen.
Die isolierte Betrachtung religiöser Texte – des Korans etwa – fasst sie notwendigerweise als Zeugnis menschenverachtender Irrgläubigkeit auf. Diese isolierte Betrachtung kann aber aufgrund ihrer Abschottung keine verstehende Linie zwischen religiösen Texten, vielschichtigen Gesellschaftsprozessen und deren Wechselwirkung erzeugen.1 Geht Kritik so mit religiösen Texten um, ist sie in folgender Hinsicht mit derselben Blindheit geschlagen wie Fundamentalisten: die Herkunft und damit die Relativität der Schriftstücke bleibt beiden ominös und unangetastet. Der Text soll für sich stehen und sprechen. Er gilt als alleinige und hinreichende Erklärungsgrundlage des islamistischen Fundamentalismus.
Nun ist die kritische Lektüre der angeblichen Textsequenzen des Allmächtigen keineswegs falsch oder gänzlich abzulehnen. Bleibt Kritik aber dabei stehen, wird sie schnell zur verteidigungsmotivierenden Anklage „des Islam“, „des Anderen“.
Begnügt sich Kritik ausschließlich mit einem Vergleich der Errungenschaften der Aufklärung mit den schriftlich postulierten Inhalten einer Religion wird aus ihr Parteinahme. Sie unterschlägt die Faktizität zahlreicher gesellschaftlicher Faktoren und deren Verhältnis zum Text, dem sie dann, nahezu zwangsläufig, universelle Erklärungskompetenz für ein bestimmtes Thema, etwa Homophobie oder Fundamentalismus, zuspricht. Der Text ist an sich eine statische Konfiguration sinnbildender Zeichen. Dieser wird als solcher in der Logik quellenfixier Islamkritik konsequenterweise mit „dem Islam“ identifiziert. Dadurch gerät auch „der Islam“ zur überhistorischen und konstanten Gegenkultur. Folglich werden die vielen Gründe und die Tiefe verschiedenster sozioökonomischer Prozesse, die Fundamentalismus hervorrufen oder attraktiv erscheinen lassen, völlig verkannt.
Die so zum Ressentiment gewordene Islamkritik verortet ihren Standpunkt auf dem Boden der Moderne. Daher muss die konstruierte kulturelle Antithese zur westlichen Moderne – also „der Islam“ – davon abweichen. Dafür ist Distanz nötig, die durch die Identifizierung „ des Islams“ mit Archaischem und Barbarischem, erzeugt wird. Durch diese bloße Übertragung moderner Gewalt und des islamistischem Fundamentalismus – einschließlich seiner homophoben, patriarchalen etc. Inhalte – auf das archaisch Gewesene, werden deren wirklichen Ursachen ignoriert. Ein solcher Standpunkt versichert sich zusätzlich illusionär der eigenen Überwindung unterdrückender Menschenverachtung, woraus Identität erzeugt und gefestigt werden kann. Freilich wird der bürgerlichen Gesellschaft oder gar der Menschheitsgeschichte dadurch eine lineare Entwicklungs- und Liberalisierungstendenz unterstellt.
Dieser Denkschritt bildet eine Fronstellung zwischen dem „Wir“ und den „Anderen“, was dazu führt eine Diskrepanz zwischen Homophobie, Sexismus etc. und der westlichen Moderne zu simulieren bzw. letztere durch diesen Unterschied erst zu konstituieren. Was dann als „westlich“ gilt wird zu großen Teilen in Abgrenzungsritualen erst erfunden und identitär verwertet.
Das kann in doppelter Hinsicht den von Homophobie und Sexismus betroffenen Individuen schaden. Zum einen wird durch die Exterritorialisierung und Historisierung von Homophobie, Sexismus, Fundamentalismus etc. eine Verbindung dieser Phänomene mit der scheinbar aufgeklärten bürgerlichen Gesellschaft ignoriert oder geleugnet. Zusätzlich werden sie dadurch einer Kritik entzogen, die erkennt, dass durch die Aufklärung keineswegs das Reich menschenfreundlicher Vernunft emporstieg, sondern Macht- und Unterdrückungsverhältnisse auch im „Westen“ – oft in verdeckter Weise – fortbestehen.
Weiterhin kann die Differenzproduktion zwischen „Westen“ und „Islam“ dazu führen, dass etwa die Idee des freien Individuums als genuine und ausschließlich „westliche“ oder „europäische“ vorgestellt wird. Dadurch wird dieser Idee die Legitimationsgrundlage, nämlich deren universaler Anspruch, entzogen und verwandelt sich in einen Ausschluss der als „rückschrittlich“ markierten und erzeugten „arabischen Kultur“.
In dieser Abgrenzung verkommt der Universalismus schließlich zu einem identitätsstiftenden Etikett „des Westens“.
Die konkurrenzvermittelte Vereinzelung der Individuen, erzeugt ein Identitäts- und Gemeinschaftsbedürfnis. Kollektiven Zusammenhängen ist aber durch die fortschreitende Individuation die Substanz entzogen, da die Subjekte durch das Prinzip der ökonomischen Selbsterhaltung gegeneinander formiert werden. Unter solchen Umständen wird die ersehnte Gemeinschaft daher viel stärker durch Abgrenzungen gegen das „Andere“ definiert. In solchen gemeinschaftsbildenden Vorgängen wird das nationale Prinzip, welches durch Globalisierung und ökonomische Vernetzung immer offensichtlicher obsolet zu werden scheint, durch kulturelle Identitätskonstruktionen flankiert. An diesem Punkt ist eine möglicherweise emanzipatorisch motivierte Islamkritik zum integralen Bestandteil des aktuellen Abwehr- und Identitätsdiskurses geworden, der eine Polarität zwischen „Moderne“ und „Islam“ konstruiert. In dieser Dichotomie verteidigt er die bürgerliche Gesellschaft gegen ihre Feinde, anstatt beide als jeweilige Seite einer Medaille zu begreifen. Daher vollzieht sich häufig eine Metamorphose antideutscher Kritik in liberale Affirmation.
Solche Identitätsproduktionen (bezüglich des imaginierten „Wir“ sowie des „Anderen“) verleugnen die Komplexität globaler Prozesse und die Verstrickung scheinbar gegensätzlicher Erscheinungen. Das was als Islamismus in Erscheinung tritt wird durch textfixierte Religionskritik berechtigterweise abgelehnt, aber aufgrund fehlender sozioökonomischer Kontextualisierung kulturalisiert. Dadurch wird Islamismus „kultureller Andersartigkeit“ zugeschlagen oder die muslimische Religion als einzige Konstituente barbarischer Praktiken verstanden. Entgegen solch verkürzender Monokausalität müsste eine kritische Perspektive die vielen Vorgänge in Beziehung setzen, die durch fortschreitende Modernisierung und Entwicklung globaler Machtstrukturen und die unterschiedlichen Reaktionen darauf entstehen. Ein Blick, der durch Kulturalismus verwässert ist, ist nicht imstande dies zu leisten, da er die Gleichzeitigkeit und Verwobenheit global aktiver Dispositive in ihren unterschiedlichen Ausformungen übersieht. Er übersieht also all die Elemente, die in ihrem Zusammenhang zur Entstehung verschiedener Diskurse wie Sexualität, Patriarchat, Rechts- und Strafsystem etc. führen. Homophobie etwa, die sich erst auf Basis einer heteronormalisierten Gesellschaftsstruktur bilden kann, darf nicht als vormodernes Überbleibsel des religiösen Fanatismus relativiert werden. Vielmehr muss ihre Vermittlung mit modernen Strukturwandlungen der Gesellschaft auch im arabischen Raum und ihre Erscheinungsform – etwa im religiös-fundamentalistischen Gewand – untersucht werden.
Weiterhin sollten die Wechselbeziehungen zwischen Identitätszuweisungen und -selbstzuschreibungen ebenso betrachtet werden, wie das Verhältnis individueller und kollektiver Identitäten. Die Rolle des Scheiterns des arabischen Nationalismus und der theokratischen Reaktion nimmt hierbei sicherlich einigen Raum ein. Zudem könnten die verschiedenen Kämpfe unterschiedlichster sozialer Akteure in arabischen Ländern in diesem Zusammenhang thematisiert werden. Es sollten zeitgenössische und vergangene gesellschaftliche Entwicklungen in „westlichen“, wie „arabischen“ Gegenden als bestimmte Modi der kapitalistischen Globalisierung verstanden werden. Diese installierten und installieren zwar je verschiedene Sozialgefüge, sind aber keineswegs notwendigerweise mit einer expandierenden Liberalisierung westlicher Gesellschaften verbunden, wie es die identitätsstiftende „Islamkritik“ teleologisch unterstellt. Demgegenüber müsste begriffen werden, dass die Vorstellung fortschreitender Liberalisierung notwendig ideologischer Bestandteil der derzeitigen staatlich-ökonomischen Formation ist.
Islamismus darf also nicht als wiedererstarktes Relikt dunkler Vorzeit verharmlost, sondern muss als Krisenideologie in Bezug zur modernen Globalökonomie verstanden werden.
Ein solcher Erklärungsversuch brächte sich um seinen kritischen Gehalt, würde er dahin laufen, die Subjekte nur als Opfer bestimmter Entwicklungen zu begreifen oder gar eine oben erwähnte falsche Dichotomie unter anderen Vorzeichen reproduzieren: den „bösen Westen“ gegen den „eigentlich guten Islam“ auszuspielen.

  1. Es wäre verkürzt bloß innere Widersprüche des religiösen Denkens auszuloten und religiösen Dogmen mit wissenschaftlicher Methodik oder Vernunftidealen zu konfrontieren. Damit wird zwar möglicherweise der jeweils konkreten Ausformung von Religiosität eine kritische Gegenstimme vorgehalten, aber das Gesamtphänomen Religion bleibt damit unterbelichtet. Solche Kritik könnte durch die Wandelbarkeit und Flexibilität des Religiösen absorbiert werden. Da Religion durch die liberalen Vorbehalte die Notwendigkeit der Anpassung an gewandelte gesellschaftliche Strukturierungen vorgeführt bekommt und dadurch Attraktiv bleiben kann, wirkt liberale Kritik an Religion immanent und konstruktiv an deren Fortbestand. [zurück]

15 Antworten auf “Versöhnte Krisengesellschaft”


  1. Gravatar Icon 1 peter 01. November 2008 um 12:15 Uhr

    Wenn man einen Gegner treffen will, sollte man nicht auf den Pappkameraden schießen. Kein Antideutscher leitet alleine aus Koran-Zitaten irgendetwas ab und mir wäre auch nicht bekannt, dass antideutsche Kritik den Islam als etwas Archaisches betrachten würde – sonst würde der Vergleich mit dem NS ja überhaupt keinen Sinn machen. Du zitierst mit Recht keinen einzigen antideutschen Text, weil Du damit nämlich Deine hochtrabenden Thesen, die aus der Krisis abgeschrieben sind, gar nicht untermauern könntest.

    Und wenn die Kölner Auseinandersetzungen Anlaß für diesen Text waren, fragt sich, warum Du Dich mit folgendem Text

    http://gwg-koeln.50webs.com/text_scheitern_als_programm.html

    überhaupt nicht beschäftigst. Dass die Identifikation mit dem Staat umgekehrt bei der Antifa und allen anderen Freunden des Islam zu finden ist, nicht aber bei den Antideutschen, geht aus dem Flugblatt deutlich hervor.

  2. Gravatar Icon 2 schorsch 01. November 2008 um 19:06 Uhr

    den gwg köln text habe ich gelesen, weil ich ein paar vernünftige einwände erwartet hatte. nach der lektüre war ich wirklich enttäuscht. einmal weil die gwg den gegen sie gerichteten vorwürfen und dämoniserungen gar nicht so gerecht wurde und – recht offensichtliche – idioten diverser linker gruppen durch auffahren bekannter selbstverständlichkeiten kritisierte; langweilig. es ist natürlich richtig, dass ich nicht alle anti-deutschen gruppen mit der kritik treffe; vielmehr ging es mir ja auch um eine tendenz, die sämtliche standarts kritischer theorie vergisst und im prinzip bei der fdp angekommen ist: das bezeichne ich – zugegeben etwas schwammig – mit dem begriff „post-antideutsch“. (ob deine antideutsche lieblingsgruppe ja vielleicht doch viel cooler ist kann ja sein, interessiert mich aber marginal und ist auch eigentlich für das textanliegen völlig unerheblich.)
    entsprechenderweise ging es mir um diese (nicht immer anzutreffende) schnittmenge von liberalismus, konservativismus und antideuscher kritik und vor allem um eine kritik der bürgerlich, liberalen und konservativen standpunkte – die aber eben auch bei antideutschen auftauchen. ob irgendwelche blöden antifas oder sog. „freunde des islams“ auch staatsfans sind bestreite ich gar nicht, aber darum ging es nunmal in diesem text nicht. es ist allerdings schon bezeichnend, dass du diese trennung – antideutsche hier, islamfreunde und antifas dort – aufmachst.
    sämtliche distanzierungen antideutscher von einer staatsaffinen position sind doch außerdem völlig sinnlos, wenn ihre argumentationsstruktur auf die stärkung derselben hinausläuft oder tendenzen untermalt, deren kritik die sache eines kommnuistischen standpunktes sein müsste. die distanzierung ist dann (immerhin) ausdruck eines gewissen selbstverständnisses, welches idealistisch gegen die eigene position gewendet werden muss, um abstand zum bürgerlichen standpunkt zu heucheln.

    der vorwurf, der text sei abgeschrieben ist übrigens auch lächerlich. von der krisis habe ich glaube ich noch nie etwas gelesen; aber das ist auch egal: als ob ein gut abgeschriebener text argumentärmer wäre, als ein selbst verfasster.

  3. Gravatar Icon 3 Earendil 01. November 2008 um 22:28 Uhr

    @Peter

    Zu behaupten, die Kritik von Schorsch richte sich gegen Pappkameraden, und dann ein Pamphlet solcher „Pappkameraden“, auf das die Kritik haargenau trifft, zu verlinken – das ist schon stark. Macht’s einem natürlich auch die Erwiderung leicht. Ich zitiere mal:

    „Dieser Hass auf Freiheit, Individualität, Autonomie und Genuss ist nicht nur ein Charakteristikum des so genannten „Islamismus“, sondern jedes Islam. So vielfältig und bunt sich der Islam präsentiert und für den Unwissenden erscheint: Solange er sich nicht von der Unantastbarkeit der religiösen Offenbarung distanziert – d.h. vom Koran als Wort Gottes –, wird es nur verschiedene Abstufungen eines grundsätzlich barbarischen Normensystems geben.“

    Also gleich zwei essentials der „Islamkritik“:
    1. Islam und Islamismus – kein Bock auf Differenzierung, ist alles eine Soße.
    2. Im Koran ist die Ursache der islami(sti)schen „Barbarei“ zu finden.
    Und eben das, und die Konsequenz aus diesem verkehrten Denken – „den Islam“ als monolithischen, zeitlosen (=archaischen), barbarischen Block zu betrachten – wird doch von Schorsch kritisiert.

    Zur Staatsaffirmation: Nein, offen und bewusst niemals – Antideutsche kommen sich ja noch als Staatsfeind Nr. 1 vor, wenn sie zusammen mit Günther Beckstein demonstrieren. (Zu dem Zweck wird sich dann auch mal verschwörungstheoretisch so was zusammengesponnen: „die postnazistische Demokratie oder der mit ihr verbündete islamische Faschismus“; s. dazu aus der grade diskutierten Bundestagsresolution: „Solidarität mit Israel ist ein unaufgebbarer Teil der deutschen Staatsräson“.) Nur faktisch leisten sie eben ihren Beitrag zum Feindbild Islam und damit zur Verteidigung des aufgeklärten, „christlichen“ Abendlandes:

    „Eine solche Parteinahme schlösse kraft innerer Logik die Solidarität mit dem jüdischen Staat sowie die Unterstützung des Krieges gegen den islamischen Terror ein.“

    Parteinahme für die Kriege u.a. deutscher Nation – wenn das nicht Staatsaffirmation ist, was dann?

    Die „Kritik“ der GWG an Pro Köln & Co. scheint ohnehin nur darin zu bestehen, dass diese zu inkonsequent sind:

    „Denn gegen den Islam haben sie [Pro Köln, E.] eigentlich, wie sie auch regelmäßig betonen, gar nichts – bloß solle er aus Europa verschwinden.“

    Also, wert(h)e Rassisten: Nicht bloß immer „Hassprediger ausweisen!“ fordern; „Bombardierung islamischer Zentren“ (oder wenigstens, wie derzeit, Dörfer) ist angesagt!

    Und den Linken vorzuhalten, sie würden sich über den Anti-Islam-Kongress klammheimlich freuen, weil er so ein gutes Feindbild abgibt, ist ungefähr so geist- und geschmackvoll wie zu behaupten, Antideutsche würden die Schwulenverfolgung im Iran abfeiern.

  4. Gravatar Icon 4 peter 03. November 2008 um 10:27 Uhr

    Zunächst mal möchte ich auf Schorsch antworten:

    1. Dass viele Liberale tatsächlich den Islam als etwas Vormodernes beschreiben, stimmt natürlich. Falls Du eine solche Position als „post-antideutsch“ klassifizierst, gebe ich Dir natürlich Recht. Ich kannte den Begriff bisher nur aus Zusammenhängen, wo Linke sich gegenüber den Antideutschen abgegrenzt haben, weil diese nicht mehr ursprünglich antideutsch seien (etwa Lysis).

    2. Was müsste man denn aus einem kommunistischen Standpunkt an den Antideutschen kritisieren? Dass sie den War on Terror befürworten? Dass sie Israels Verteidigungskriege bejahen? Was ist denn die Deiner Anisicht nach „kommunistische Position“ dazu? Dass Krieg immer scheiße ist? Lies Dir mal Texte von Marx und Engels über Russland – damals der Vorposten der Barbarei – durch. Die Neue Rheinische Zeitung forderte einst auf der Titelseite: „Krieg gegen Rußland!“

    3. Gut, der Text ist nicht von der Krisis abgeschrieben. Um so besser. Trotzdem erinnert mich die Argumentationsweise an sie.

    Und nun zu Earendil:

    1. Du scheinst die Bedeutung des Wortes „Pappkamerad“ nicht zu kennen.

    2. Warum man zwischen Islam und Islamismus trennscharf unterscheiden können soll, müsstest Du ja erst erklären. Niemand sagt, dass es nicht radikalere Moslems gibt als andere. Aber beide berufen sich auf dieselbe Grundlage.

    3. In dem Flugblatt der GWG steht nicht, die Barbarei sei aus dem Koran abzuleiten, sondern daraus, dass radikale Moslems ihn für das Wort Gottes halten, das nicht im Sinne der Vernunft ausgelegt werden müsse, sondern unmittelbar immer schon die Wahrheit sei. Das ist ein gigantischer Unterschied etwa zum Judentum, aber auch zur Mehrheitsströmung im Christentum. Dass der Islam ein unveränderliches Wesen habe, behauptet niemand, aber dass es Züge gibt, die sich die Jahrhunderte hindurch erhalten haben (ggf. geringfügig modifiziert), ist auch sonnenklar. Denn Deine Position läuft auf die Absurdität heraus, was im Koran stehe, sei für das Wesen des Islam unerheblich.

    4. Zu Beckstein: Hast Du Dich schon einmal darüber beschwert, wenn Linke mit Politikern DER LINKEN demonstriert haben? Nein? Gut, dann halt den Rand. Ja? Gut, dann erklär mir, was daran falsch ist? Falsch wäre es doch nur dann, wenn die Aussagen, die auf solch einer Demonstration getätigt würden, falsch wären. Das ist aber eine andere Diskussion.

    5. Dass Deutschland mit dem islamischen Faschismus kollaboriert, wird unter anderem dort einsichtig, wo jeglicher Versuch, den Iran zur Aufgabe seines Atomprogramms zu zwingen, sabotiert wird.

    6. „Verteidigung des Abendlandes“? Gewiss nicht. Aber Verteidigung der bürgerlichen Gesellschaft (bzw. bürgerlicher Restbestände) gegenüber Schlimmeren allemal. Vgl. wieder einmal Karl Marx‘ Haltung zur 48er Revolution, zu Russland, zu Indien etc. Dass eine solche Verteidigung gleichzeitig die Kritik (an der postnazistischen Demokratie, aber auch an der Demokratie in der westlichen Variante) einschließt, muss ich wohl erwähnen, weil es sonst wieder verschwiegen wird.

    7. Parteinahme für Kriege? Ja, unter Umständen schon. Wenn Du das anders siehst, geh doch nach Woodstock…

    8. Die Kritik an Pro Köln lautet – und das steht in dem Flugblatt so deutlich, dass man dumm oder bosartig sein muss, um es zu überlesen –, dass sie keine Islamkritik betreiben, sondern Rassismus. Und wenn doch gelegentlich islamkritische Töne angestimmt werden, dann handelt es sich um Adaptionen zum Zwecke der Rechtfertigung dieses Rassismus. Ausnahmsweise richtig hat deshalb die Antifa von der „vermeintlichen Islamkritik“ Pro Kölns geschrieben.

  5. Gravatar Icon 5 abdel kader 03. November 2008 um 17:17 Uhr

    Und wenn (…) islamkritische Töne angestimmt werden, dann handelt es sich um Adaptionen zum Zwecke der Rechtfertigung dieses Rassismus.

    Gute Zusammenfassung der GWG-Position…

  6. Gravatar Icon 6 peter 03. November 2008 um 18:29 Uhr

    Huahaha! Ich lach mich tot! So eine gelungene Polemik – bei wem Herr Kader wohl in die Schule gegangen ist…

  7. Gravatar Icon 7 alkohol 04. November 2008 um 6:40 Uhr

    @ peter
    du bist hier einfach im falschen film. in der cdu würde idr wohler sein.

  8. Gravatar Icon 8 peter 04. November 2008 um 11:10 Uhr

    Ach so, ihr wollt unter euch sein. Das konnte ich nicht wissen. Dann einen schönen Tag noch!

  9. Gravatar Icon 9 schorsch 04. November 2008 um 12:37 Uhr

    @peter:“Was müsste man denn aus einem kommunistischen Standpunkt an den Antideutschen kritisieren?“

    Nur ein kurzer Einwurf, da wenig Zeit:
    Ich denke man müsste die unreflektierte Parteinahme vieler Antideutscher kritisieren, die sich auf das Feld der Realpolitik einlassen und im besten Fall die Kritik der bürgerlichen Gesellschaft im Kopf aufbewahren und faktisch(!) den Verteidigungsdiskurs der bürgerlichen Gesellschaft und des deutschen Staates fortschreiben. Diese Praxis führt zu einer ständigen Isolierung von Theorie und Praxis. Mir ist klar, dass das Problem von Theorie und Praxis nicht den Antideutschen vorgeworfen werden kann. Aber es gibt Tendenzen, welche eben die materiellen Vorgänge von einer kritischen Reflektion isolieren. Die Spitze des Eisberges ist m.E. dann eben wirklich eine völlig entproblematisierte Parteinahme für Krieg, dessen Resultate idealistisch überhöht werden und der völlig kontextfrei zu Modi der kapitalistischen Akkumulation und politischen Intervention als konstruierter „progressiver Einzelfall“ positiv besetzt wird. Staat und Nation, gegen die man eben noch Position bezog werden dann für einen Moment zu Vollstreckern von Modernität, Aufklärung, Menschenheil. Dem liegt fast immer eine ziemlich krude Vorstellung teleologischen Geschichtsverlaufs zugrunde. Eben diese Aufteilung kritisiere ich ja auch in meinem Text.

  10. Gravatar Icon 10 alkohol 04. November 2008 um 20:25 Uhr

    @peter:”Was müsste man denn aus einem kommunistischen Standpunkt an den Antideutschen kritisieren?”

    Nicht zuletzt den Philosemitismus. Der scheint zwar zunächst vor allem freundlich zu einer bestimmten Gruppe von Menschen zu sein.
    Aber diese positive Diskriminierung wird dann unfreundlich, wenn der Jude auf einmal nicht das tut, was man von ihm erwartet (Moshe Zuckermann z.B.).

  11. Gravatar Icon 11 DWR 06. November 2008 um 0:05 Uhr

    @alkohol

    ich glaube da schießt du übers ziel hinaus. philosemiten mag es im ‚antideutschen fußvolk‘ geben; für diese richtung repräsentativen medien wie der bahamas kannst du, wenn du dich denn darum bemühen würdest, keinen ‚philosemitismus‘ nachweisen. dieser vorwurf ist so falsch wie abgegriffen. und von zuckerman gibt es in der ‚antideutschen‘ buchreihe „konkret-texte“ sogar einen eigenen band mit gesprächen zwischen gremliza und ihm.
    „unfreundlich“ ist man eben zu seinem politischen gegner, auch wenn der jude ist – das spricht nicht gerade für philosemitismus.

  12. Gravatar Icon 12 Sebastian 26. November 2008 um 13:43 Uhr

    @ Peter/Koran/Religion

    aus einer Religionswissenschaftlichen und kulturevolutionären(post-relativierenden, die relativierung relativierend) Perspektive betrachtet ist die Kritik am Islam lächerlich, schon weil EIN Islam als gegebenes Verstanden wird.

    Beispiel: Wörtliches, Metaphorisches oder philospophisch-theolgisches Verständnis sind von theologen klassifzierte Lesearten, die alle in allen Religionen vorkommen. DIe letzten beiden hatten ihre Hauptzeit im Islam lange bevor sie sie bei uns hatten, dummerweise, und also tendiert der/die ungeblidete und nichtbedachte zur Annahme, es hat niemals ein Funken verstand in diesen WüstenKindern gegeben, dass ist aber eine derartig antiwissenschaftliche HAltung, dass sich beinahe jedes Wort darüber automatisch ergibt

    Was ihr mit Islam identifiziert ist strukurell mythologisch-konformistische Gesellschafts ordnung, und so zu tun, als sei dies Verbindbar mit Eigenschaften, die sich historisch spezifisch herausgebildet haben, zB der spezifischen Form des mythologisch-autoritären Monotheimuses genannt „Islam“, ist eine Fortführung rassistischen Denkens.

    (info: es gibt zB Deismus, rationales Religionsverständniss(Technisch gesehen macht Rationalität keine Aussagen, dh Theismus oder Atheismus sind beides nur Annahmen, von denen die einige weniger verlangt, umd die Welt zu erklären, dieses Prinzip gutzuheißen hat aber auch keinen Grund), pluralistisches Religionsverständnis(Interfaith, bright Green jews, Jesus Freaks, Sufismus), etc)

    Konsequent wäre das nur, wenn es eine gesamtverurteilung aller solcher Strukturen gebe, die wiederum dialektisch aufgehoben wird, dann könnte die positive Affirmation des bürg. liberalismus der „anti“ deutschen(jaja…; ) ) effektiv weitergaetragen werden, aber die Antideutsche bleibt dahinter zurück, und zieht sich stattdessen zurück zur Ur-These, also zurück nach Deutschland.
    In einem gewissen sinne hat der Name Anti-Deutsch dann dieselbe Funktion wie der Freiheitsbegriff bei den liberalen: als Gegenteil des eigentlichen Standpunktes(weiße über alles) für Verwirrung zu sorgen.

  1. 1 Spiel nicht mit den Schmuddelkindern « Schorsch’s online Journal Pingback am 20. November 2008 um 9:50 Uhr
  2. 2 Mit Deutschland gegen die Krise « Schorsch’s online Journal Pingback am 15. Dezember 2008 um 21:51 Uhr
  3. 3 Der Liberalismus in der Krise « Schorsch’s online Journal Pingback am 05. Februar 2009 um 16:40 Uhr
Die Kommentarfunktion wurde für diesen Beitrag deaktiviert.