Archiv für November 2008

Auf die Vorwürfe und den Ausschluß hat der ça ira Verlag und AG Kritische Theorie nun in Form einer Presseerklärung reagiert.

Spiel nicht mit den Schmuddelkindern

Mit einem klaren Beschluss der Mehrheit aller Aussteller endete am Sonntag die 13. Linke Literaturmesse in Nürnberg: Der Verlag »Ça ira« wird künftig ausgeschlossen. Die anderen Verlage wollen es sich und ihrem Publikum nicht länger zumuten, daß auf dem Messestand von »Ça ira« die »antideutsche« Zeitschrift Bahamas ausliegt. Junge Welt

Die meisten Artikel in der Bahamas können wohl sicherlich als ein Beispiel der Sorte Kritik gelten, die – um ihre eigene Substanzlosigkeit zu kaschieren – die Linke nicht mehr für verhängnisvolle Irrtümer und Ideologeme kritisiert, sondern eben diese Linke als Referenzgegenstand braucht, um sich der Gültigkeit oder Treffsicherheit eigener Kritik zu versichern. Solcher Typus (post)antideutscher Kritik hat mit Marxismus oder Kritischer Theorie nichts mehr zu tun, sondern schlägt in einen liberalen Verteidigungsdiskurs um. Diese Begriffsbildung, welche die dialektische Vermitteltheit von Subjekt und Objekt, realexistierender Praxis und theoretischer Fundierung nicht aufnimmt ist zur Hypostase verdammt.
Viele zur Buchmesse ausliegende Bücher erfordern sicherlich ein ähnliches Urteil oder ungleich härtere Kritik. Eine Verbannung des Ungeliebten würde mich dennoch erschrecken, ebenso wie fragwürdig sich mir die Aussonderung bestimmter Publikationen von einer Literaturmesse darstellt, deren theoretische Substanz man sicherlich diskutieren, sowie man auch deren Inhalte kritisieren kann.
Außerdem: ginge es nur um diese Zeitschrift, die „Bahamas“, dann müsste die Sache doch nicht mal mit einem Ausschluss eines Verlages enden. Man träte in eine polemisch-kritische Diskussion, verböte das Auslegen der „Bahams“ oder sonstwas.
Die Junge Welt schreibt weiterhin:

Die Aussage, die RAF sei »der verlängerte Arm der SS« gewesen, sei nach einhelliger Meinung der Höhepunkt der Geschichtsklitterung gewesen. Junge Welt

Wer soll das, wann und wo gesagt haben? Das geht weder aus dem Artikel der Jungen Welt hervor, noch kenne ich irgendeine Pressemitteilung oder eine gemeinsame Erklärung der angeblichen „Mehrheit aller Aussteller“, in der diese Aussage belegt wird.
Den Ausschluss des „Ça ira“ Verlages verstehe ich auf dieser Grundlage eher als praktisch gewordenes Ausgrenzungsbedürfnis bestimmter Teile der Linken.

Adorno, Abweichung

Jeder macht sich verdächtig, der mit der Kritik am Kapitalismus die am Proletariat verbindet, das mehr und mehr die kapitalistischen Entwicklungstendenzen selber bloß reflektiert.

Versöhnte Krisengesellschaft

Mein folgender Text über regressive Islamkritik und die Transformation (antideutscher) Kritik in liberale Affirmation ist vor dem Hintergrund des rechtsextremen Kongresses in Köln entstanden. Er ließe sich – eventuell als pessimistische Vorausschau – auch vor dem Hintergrund der Finanzkrise lesen. Die Identifikation mit der Herrschaft, das etatistische Vertrauen in den Staat ist nicht unbedingt nur eine ängstlich-verschreckte und autoritäre Reaktion auf das zugespitzte Marktchaos. Sie drückt die allgemeine Übereinstimmung der Beherrschten mit dem Status Quo aus, die schon vor der Krise bestand und sich nun in einem anderen Feld fortführt. Der Staat kann sich bei reglementierenden und ordnenden Eingriffen dem breiten Einverständnis der Beherrschten gewiss sein. Er tritt nämlich wieder als Retter von Zucht und Ordnung auf, deren Schutz das Anliegen verschiedenster sozialer Akteure war und ist. Ihre Zusammenkunft vollzog sich durch eine identitäre Verteidigung der bürgerlichen Gesellschaft gegen „den Islam“ als „das Andere“.

Derzeit läuft Islamkritik empörter Moscheebaugegner oder post-antideutscher Gruppierungen häufig darauf hinaus aus der Koran-Rezeption diverse Schlüsse über „den Islam“ oder die Rückständigkeit desselben zu ziehen. Das ist nicht nur Religionskritik plumperer Sorte, sondern kann zudem zu – einem gegebenenfalls marxistisch verbrämten – Kulturalismus führen.
Die isolierte Betrachtung religiöser Texte – des Korans etwa – fasst sie notwendigerweise als Zeugnis menschenverachtender Irrgläubigkeit auf. Diese isolierte Betrachtung kann aber aufgrund ihrer Abschottung keine verstehende Linie zwischen religiösen Texten, vielschichtigen Gesellschaftsprozessen und deren Wechselwirkung erzeugen.1 Geht Kritik so mit religiösen Texten um, ist sie in folgender Hinsicht mit derselben Blindheit geschlagen wie Fundamentalisten: die Herkunft und damit die Relativität der Schriftstücke bleibt beiden ominös und unangetastet. Der Text soll für sich stehen und sprechen. Er gilt als alleinige und hinreichende Erklärungsgrundlage des islamistischen Fundamentalismus.
Nun ist die kritische Lektüre der angeblichen Textsequenzen des Allmächtigen keineswegs falsch oder gänzlich abzulehnen. Bleibt Kritik aber dabei stehen, wird sie schnell zur verteidigungsmotivierenden Anklage „des Islam“, „des Anderen“.
Begnügt sich Kritik ausschließlich mit einem Vergleich der Errungenschaften der Aufklärung mit den schriftlich postulierten Inhalten einer Religion wird aus ihr Parteinahme. Sie unterschlägt die Faktizität zahlreicher gesellschaftlicher Faktoren und deren Verhältnis zum Text, dem sie dann, nahezu zwangsläufig, universelle Erklärungskompetenz für ein bestimmtes Thema, etwa Homophobie oder Fundamentalismus, zuspricht. Der Text ist an sich eine statische Konfiguration sinnbildender Zeichen. Dieser wird als solcher in der Logik quellenfixier Islamkritik konsequenterweise mit „dem Islam“ identifiziert. Dadurch gerät auch „der Islam“ zur überhistorischen und konstanten Gegenkultur. Folglich werden die vielen Gründe und die Tiefe verschiedenster sozioökonomischer Prozesse, die Fundamentalismus hervorrufen oder attraktiv erscheinen lassen, völlig verkannt.
Die so zum Ressentiment gewordene Islamkritik verortet ihren Standpunkt auf dem Boden der Moderne. Daher muss die konstruierte kulturelle Antithese zur westlichen Moderne – also „der Islam“ – davon abweichen. Dafür ist Distanz nötig, die durch die Identifizierung „ des Islams“ mit Archaischem und Barbarischem, erzeugt wird. Durch diese bloße Übertragung moderner Gewalt und des islamistischem Fundamentalismus – einschließlich seiner homophoben, patriarchalen etc. Inhalte – auf das archaisch Gewesene, werden deren wirklichen Ursachen ignoriert. Ein solcher Standpunkt versichert sich zusätzlich illusionär der eigenen Überwindung unterdrückender Menschenverachtung, woraus Identität erzeugt und gefestigt werden kann. Freilich wird der bürgerlichen Gesellschaft oder gar der Menschheitsgeschichte dadurch eine lineare Entwicklungs- und Liberalisierungstendenz unterstellt.
Dieser Denkschritt bildet eine Fronstellung zwischen dem „Wir“ und den „Anderen“, was dazu führt eine Diskrepanz zwischen Homophobie, Sexismus etc. und der westlichen Moderne zu simulieren bzw. letztere durch diesen Unterschied erst zu konstituieren. Was dann als „westlich“ gilt wird zu großen Teilen in Abgrenzungsritualen erst erfunden und identitär verwertet.
Das kann in doppelter Hinsicht den von Homophobie und Sexismus betroffenen Individuen schaden. Zum einen wird durch die Exterritorialisierung und Historisierung von Homophobie, Sexismus, Fundamentalismus etc. eine Verbindung dieser Phänomene mit der scheinbar aufgeklärten bürgerlichen Gesellschaft ignoriert oder geleugnet. Zusätzlich werden sie dadurch einer Kritik entzogen, die erkennt, dass durch die Aufklärung keineswegs das Reich menschenfreundlicher Vernunft emporstieg, sondern Macht- und Unterdrückungsverhältnisse auch im „Westen“ – oft in verdeckter Weise – fortbestehen.
Weiterhin kann die Differenzproduktion zwischen „Westen“ und „Islam“ dazu führen, dass etwa die Idee des freien Individuums als genuine und ausschließlich „westliche“ oder „europäische“ vorgestellt wird. Dadurch wird dieser Idee die Legitimationsgrundlage, nämlich deren universaler Anspruch, entzogen und verwandelt sich in einen Ausschluss der als „rückschrittlich“ markierten und erzeugten „arabischen Kultur“.
In dieser Abgrenzung verkommt der Universalismus schließlich zu einem identitätsstiftenden Etikett „des Westens“.
Die konkurrenzvermittelte Vereinzelung der Individuen, erzeugt ein Identitäts- und Gemeinschaftsbedürfnis. Kollektiven Zusammenhängen ist aber durch die fortschreitende Individuation die Substanz entzogen, da die Subjekte durch das Prinzip der ökonomischen Selbsterhaltung gegeneinander formiert werden. Unter solchen Umständen wird die ersehnte Gemeinschaft daher viel stärker durch Abgrenzungen gegen das „Andere“ definiert. In solchen gemeinschaftsbildenden Vorgängen wird das nationale Prinzip, welches durch Globalisierung und ökonomische Vernetzung immer offensichtlicher obsolet zu werden scheint, durch kulturelle Identitätskonstruktionen flankiert. An diesem Punkt ist eine möglicherweise emanzipatorisch motivierte Islamkritik zum integralen Bestandteil des aktuellen Abwehr- und Identitätsdiskurses geworden, der eine Polarität zwischen „Moderne“ und „Islam“ konstruiert. In dieser Dichotomie verteidigt er die bürgerliche Gesellschaft gegen ihre Feinde, anstatt beide als jeweilige Seite einer Medaille zu begreifen. Daher vollzieht sich häufig eine Metamorphose antideutscher Kritik in liberale Affirmation.
Solche Identitätsproduktionen (bezüglich des imaginierten „Wir“ sowie des „Anderen“) verleugnen die Komplexität globaler Prozesse und die Verstrickung scheinbar gegensätzlicher Erscheinungen. Das was als Islamismus in Erscheinung tritt wird durch textfixierte Religionskritik berechtigterweise abgelehnt, aber aufgrund fehlender sozioökonomischer Kontextualisierung kulturalisiert. Dadurch wird Islamismus „kultureller Andersartigkeit“ zugeschlagen oder die muslimische Religion als einzige Konstituente barbarischer Praktiken verstanden. Entgegen solch verkürzender Monokausalität müsste eine kritische Perspektive die vielen Vorgänge in Beziehung setzen, die durch fortschreitende Modernisierung und Entwicklung globaler Machtstrukturen und die unterschiedlichen Reaktionen darauf entstehen. Ein Blick, der durch Kulturalismus verwässert ist, ist nicht imstande dies zu leisten, da er die Gleichzeitigkeit und Verwobenheit global aktiver Dispositive in ihren unterschiedlichen Ausformungen übersieht. Er übersieht also all die Elemente, die in ihrem Zusammenhang zur Entstehung verschiedener Diskurse wie Sexualität, Patriarchat, Rechts- und Strafsystem etc. führen. Homophobie etwa, die sich erst auf Basis einer heteronormalisierten Gesellschaftsstruktur bilden kann, darf nicht als vormodernes Überbleibsel des religiösen Fanatismus relativiert werden. Vielmehr muss ihre Vermittlung mit modernen Strukturwandlungen der Gesellschaft auch im arabischen Raum und ihre Erscheinungsform – etwa im religiös-fundamentalistischen Gewand – untersucht werden.
Weiterhin sollten die Wechselbeziehungen zwischen Identitätszuweisungen und -selbstzuschreibungen ebenso betrachtet werden, wie das Verhältnis individueller und kollektiver Identitäten. Die Rolle des Scheiterns des arabischen Nationalismus und der theokratischen Reaktion nimmt hierbei sicherlich einigen Raum ein. Zudem könnten die verschiedenen Kämpfe unterschiedlichster sozialer Akteure in arabischen Ländern in diesem Zusammenhang thematisiert werden. Es sollten zeitgenössische und vergangene gesellschaftliche Entwicklungen in „westlichen“, wie „arabischen“ Gegenden als bestimmte Modi der kapitalistischen Globalisierung verstanden werden. Diese installierten und installieren zwar je verschiedene Sozialgefüge, sind aber keineswegs notwendigerweise mit einer expandierenden Liberalisierung westlicher Gesellschaften verbunden, wie es die identitätsstiftende „Islamkritik“ teleologisch unterstellt. Demgegenüber müsste begriffen werden, dass die Vorstellung fortschreitender Liberalisierung notwendig ideologischer Bestandteil der derzeitigen staatlich-ökonomischen Formation ist.
Islamismus darf also nicht als wiedererstarktes Relikt dunkler Vorzeit verharmlost, sondern muss als Krisenideologie in Bezug zur modernen Globalökonomie verstanden werden.
Ein solcher Erklärungsversuch brächte sich um seinen kritischen Gehalt, würde er dahin laufen, die Subjekte nur als Opfer bestimmter Entwicklungen zu begreifen oder gar eine oben erwähnte falsche Dichotomie unter anderen Vorzeichen reproduzieren: den „bösen Westen“ gegen den „eigentlich guten Islam“ auszuspielen.

  1. Es wäre verkürzt bloß innere Widersprüche des religiösen Denkens auszuloten und religiösen Dogmen mit wissenschaftlicher Methodik oder Vernunftidealen zu konfrontieren. Damit wird zwar möglicherweise der jeweils konkreten Ausformung von Religiosität eine kritische Gegenstimme vorgehalten, aber das Gesamtphänomen Religion bleibt damit unterbelichtet. Solche Kritik könnte durch die Wandelbarkeit und Flexibilität des Religiösen absorbiert werden. Da Religion durch die liberalen Vorbehalte die Notwendigkeit der Anpassung an gewandelte gesellschaftliche Strukturierungen vorgeführt bekommt und dadurch Attraktiv bleiben kann, wirkt liberale Kritik an Religion immanent und konstruktiv an deren Fortbestand. [zurück]