Über Wertkritik und Klassenkampf, das Allgemeine und Besondere

Ich wollte eigentlich nur ein Kommentar zu Lysis Gegenerwiederung verfaßen, aber da in den Kommentarspalten manche Diskussionen etwas verlaufen und ich schließlich mehr geschrieben habe, als ich ursprünglich vorhatte und die Diskussion möglicherweise von breiterem Interesse ist, veröffentliche ich meine Antwort wieder als Blogeintrag.
Zugunsten der Übersicht: auf einen Text von mir reagierte Lysis, worauf ich wiederrum reagierte und auf die folgende Kommentierung von Lysis antworte ich hier. Grobe Wiedergabe des Inhalts des Kommentars:

Die Wertkritiker [vernebeln] mit ihrer Metapher vom “automatischen Subjekt” , dass einzelne Kapitalfraktionen regelmäßig auch als politische Akteure in Erscheinung treten. (…) Mit einem Wort: die Wertkritik eskamotiert den Klassenkampf. Wo er sich von oben zeigt, wird er mit den “anonymen Zwängen” der kapitalistischen Konkurrenzverhältnisse entschuldigt (als ob diese nicht selbst ein historisches Produkt des Klassenkampfes wären und von ihren Profiteuren jeden Tag mit Zähnen und Klauen verteidigt würden!). Und wo er sich von unten zeigt, da denunziert man ihn kurzerhand als eine Form des “strukturellen Antisemitismus”.

Apersonale Herrschaftsverhältnisse realisieren sich nur über Personen, die dann aber auch als solche konkret auftreten und natürlich nicht als mechanisch neutrale Realisierungswerkzeuge der Strukturlogik fungieren, sondern je auch als verschiedene Ensemble gesellschaftlicher Verhältnisse auftreten. Ich halte es auch für falsch – das habe ich auch schon mal auf meinem Blog im Bezug auf sexistische und menschenverachtende Verbalattacken behandelt – Einzelverantwortlichkeiten mit dem Hinweis auf universalen Zwang zu entschuldigen:

„Allerdings geht in „der abstrakten Vorstellung des universalen Unrechts jede konkrete Verantwortung unter.“ (Adorno, MM).
Grade die stillschweigende Akzeptanz reaktionärer Äußerungen und der Hinweis auf die Immanenz solcher, würde die passende Ideologie für die Verantwortlichen solcher Verlautbarungen liefern.
Erst wenn derartige Äußerungen der bestehenden Normalität zugerechnet werden und der Aufschrei ausbleibt, herrschen diese tatsächlich.“

In dieser Hinsicht sehe ich also keinen allzu großen Widerspruch.
Im Bezug auf die Anmerkungen zum Klassenkampf vielleicht schon. Ich weiß gar nicht, ob es wirklichkeitsadäquat ist, diesen Begriff zu verwenden. Mehr als durch Klassenwahrnehmung wird der sozioökonomische Prozess durch das Rationalitätsmuster der Warenmonade gesehen. Zum großen Teil geht’s der gar nicht um Klassenkampf, sondern sie nimmt, ihrer Marktexistenzform entsprechend, eine Sichtweise des marktvermittelt Vereinzelten ein, der die umfassende Konkurrenz ideologisch und materiell bestehen muss. Diese ideologisch-funktionale Sichtweise kann zwar sicherlich übertreten werden. Aber das Konkurrenzprinzip reicht im Zweifel dann doch weiter. Die dem entsprechenden Kampfideologien reichen von meritokratisch-liberalen Durchhaltephrasen bis zu antisemitischen Imaginationen; das eigene Leid sei Schuld des Juden. Der Klassenkampf von unten ist dann auch meist nur eine Zusammenrottung des individualisierten Kollektivs, dessen Einzelne Zweckbündnisse bilden, um den individuellen Marktexistenzkampf führen zu können. Das folgt selbstverständlich immanenter Vernunft und ist auch an sich nicht kritisierbar. In diesem Zusammenhang ist es verständlich, wenn wirtschaftspolitische Entscheidungsträger für ihr Tun kritisiert werden. Hier Antisemitismus zu rufen wird der Tiefe der Sache sicher nicht gerecht.
Wenn aber Vorwürfe an einzelne Handlungsträger wirklich strukturbedingte Zwangshandlungen in den Bereich des Persönlichen heben, dann führt das nicht nur eine progressive „Arbeiterbewegung“ nicht weiter, sondern kippt m.E. nach dann eben schnell in eine Richtung, die eben nicht die wirklichen Gründe für all die Zumutungen äußert, denen viele Menschen ausgesetzt sind, sondern diese zementiert. Darüber hinaus besteht dann immer die Gefahr, dass nicht nur antikritische, affirmative Impulse gesetzt werden, sondern handfeste Ideologie produziert wird, welche regressive Tendenzen annimmt und ideologischer Teil des falschen Ganzen ist.
Mit solchen Umbrüchen habe ich ein Problem und wo nun Strukturverhältnisse personifiziert werden, also Verursacher gesucht und gefunden werden(Stichwort: Finanzkrise), die nicht existieren, halte ich den sensiblen Begriff des strukturellen Antisemitismus auch für angebracht. Personifizierung zu kritisieren bedeutet m.E. eben nicht, den Verantwortlichen – wie im Fall der Ermordung von Gewerkschaftsmitgliedern – den Freispruch per allgemeiner Setzung des Universalzwangs zu ermöglichen. Eine Kontextualisierung konkreter Einzelfälle ist aber dennoch notwendig, eben um das spezifisch Gesellschaftliche angreifen zu können und nicht bei moralischen Appellen zu verharren.