Ist die Kritik am Ressentiment ein Trick der Herrschenden, die Beherrschten ruhig zu halten?

Verschwimmt vor der Kritik am strukturellen Antisemitismus die Kritik der Verhältnisse?
Lysis hat unter meinem letzten Blogeintrag ein Zitat vom ISF platziert – als Gegenpol zu meinen kritischen Anmerkungen zur Manager-Schelte:

Denn mit inniger Genugtuung liest man Schlagzeilen wie: »Finanzmanager in Kalifornien tötet sich und seine Familie« (FAZ, 8. Oktober 2008). Dass der kommende Untergang des Kapitals im Nervenzusammenbruch, als suizidaler Amoklauf einiger (viel zu weniger) seiner Funktionäre sich antizipiert, das ist gar nicht so übel – schade nur, dass die Charaktermasken des Kapitals in ihrer Mehrheit so empfindsam nicht sind, als dass man auf die Schirrmachers, Ackermanns, Merkels hoffen dürfte.

Außerdem hat Lysis zwei Blogeinträge zu dieser Thematik veröffentlicht: Schadenfreudige ISF? Und: Zur Lehre vom Ressentiment.

Ich finde die Einwürfe nicht uninteressant, daher ein paar kurze Gedanken.
Es wäre sicherlich falsch – beispielsweise vor dem Hintergrund der jüngsten Krise – durch die relative Überbetonung vermeintlicher oder tatsächlicher Gefahren elementarer antisemitischer Denkstrukturen der Manager-Schelte, die Menschen vergessen zu machen, denen die Finanzkrise das Leben ungeheuer erschwert oder denen sie es sogar brutal nimmt.
Freude aber, die sich am Selbstmord von Finanzmanagern entzündet, drückt doch Freude darüber aus, dass sich gesellschaftliche Krisen als individuelle realisieren. Die Freude bezieht sich affirmativ auf die Transformation der gesellschaftlichen Krise in eine individuelle und reproduziert eine gewisse Grausamkeit die doch eher kritisch reflektiert werden sollte; so verständlich die Freude im Einzelnen vielleicht auch sein mag. Freude über den Selbstmord von Managern löst die Unmittelbarkeit zwischen Gesellschaft und Individuum auf eine Seite auf und erzeugt einen ideologischen Schein, der diese Vermitteltheit verschleiert.
Weiterhin geht es mir ja auch nicht um die moralische Kategorie des Beileides. Ob Manager beleidigt ihren Fernseher ausschalten und ihre Zeitung wegwerfen, weil beide Medien ihren Berufsstand in den Dreck ziehen ist mir wirklich ziemlich egal. Es ist auch kein Weltwunder, kein von Irrationalität durchsetzter Gedankenprozess, dass die durch die Krise Geprellten Wut entwickeln, die sie gegen ein Feindbild kanalisieren. Zumindest ist es möglich – und ich denke in weitesten Teilen ist das der Fall – dass die verständliche individuelle Wut, für die ich die Wütenden ja nicht in ermahnend maßregele, deutlich irrationalere Züge annimmt und auch ganz simpel zu einem falschen Urteil über die Funktionsweise der bürgerlichen Gesellschaf führt. Ich halte es in einer solchen Situation für verkehrt, dem Volksmund geduldig zuzuhören und vor lauter Verständnis alle Einwände, die eine marxistische Kritik anzuführen hätte, zu vergessen.
Ich nehme an, in einem ähnlichen Zusammenhang ist auch das folgende Zitat aus Horkheimers Frühschriften zu verstehen, welches sich auch auf dem Blog von Lysis findet:

Ein feiner Trick: das System zu kritisieren soll denen vorbehalten bleiben, die an ihm interessiert sind. Die anderen, die Gelegenheit haben, es von unten kennenzulernen, werden entwaffnet durch die verächtliche Bemerkung, daß sie verärgert, rachsüchtig, neidisch sind. Sie haben “Ressentiment”.
Demgegenüber sollte niemals vergessen werden, daß man ein Zuchthaus in keinem Fall und unter gar keinen Umständen kennenlernen kann, wenn man nicht wirklich und ohne Verkleidung als Verbrecher fünf Jahre dort eingesperrt war mit der Gewißheit, daß die goldene Freiheit, nach der man sich in diesen fünf Jahren sehnt, in einem nachträglichen Hungerleben besteht.
Es wirkt wie ein stillschweigendes Abkommen der Glücklichen, daß man über diese Gesellschaft, die weitgehend ein Zuchthaus ist, nur diejenigen als Zeugen gelten lassen will, die es nicht verspüren.

Klassendifferenzen oder Schichtungen existieren zwar, aber das Zitat von Horkheimer legt eine, den totalitären Gesamtzusammenhang der bürgerlichen Gesellschaft leugnende, Binarität nahe. Horkheimer macht eine Trennung zwischen denen auf, die sozusagen die Regeln des Diskurses stillschweigend festlegen und das Zuchthaus nicht spüren und der Gruppe, die das Zuchthaus von innen kennt, aber Nichts darüber und somit Nichts dagegen sagen darf. Als ob die Kritik ressentimentgeladener Ideologie, die sich als „kritischer Blick“ selbst verklärt, nur von den Glücklichen ausgesprochen würde. Ist die bürgerliche Gesellschaft für die „Glücklichen“ (wer soll das sein?) überhaupt ein ganz glückvolle Angelegenheit? Sind materiell möglicherweise bevorteilte Personen nicht erkenntnisfähig? Muss also in Kritik, bevor sie treffend formuliert werden kann, erst die Erfahrung von (Selbst-)Erniedrigung eingegangen sein? Oder geht es am Ende doch nur wieder um den richtigen „Klassenstandpunkt“?


6 Antworten auf “Ist die Kritik am Ressentiment ein Trick der Herrschenden, die Beherrschten ruhig zu halten?”


  1. Gravatar Icon 1 lysis 29. Oktober 2008 um 23:19 Uhr

    Ich zitiere mal aus deinem anderen Beitrag:

    Die Suche nach Verantwortlichen ist eben die Personalisierung von apersonalen Verhältnissen, die zur Identifizierung von vermeintlichen Tätern mit Personengruppen führt, gegen die sich strukturell antisemitisches Denken und Handeln richtet.

    Weißt du, das ist eben genau die Lüge des wertkritischen Programms: es realisiert nicht, dass sich durch das „anonyme“ Tauschverhältnis hindurch Klassenherrschaft realisiert. Die Wertkritiker mit ihrer Metapher vom „automatischen Subjekt“ vernebeln, dass einzelne Kapitalfraktionen regelmäßig auch als politische Akteure in Erscheinung treten, z.B. indem sie Gewerkschafter ermorden lassen (wie derzeit in Kolumbien) oder bonapartistische Militärs an die Macht bringen (wie in Chile); indem sie Kriegshetze befördern (wie unter Bush) oder rassistische Ideologien forcieren (wie unter Bismarck). Mit einem Wort: die Wertkritik eskamotiert den Klassenkampf. Wo er sich von oben zeigt, wird er mit den „anonymen Zwängen“ der kapitalistischen Konkurrenzverhältnisse entschuldigt (als ob diese nicht selbst ein historisches Produkt des Klassenkampfes wären und von ihren Profiteuren jeden Tag mit Zähnen und Klauen verteidigt würden!). Und wo er sich von unten zeigt, da denunziert man ihn kurzerhand als eine Form des „strukturellen Antisemitismus“. Mir ist das erstmals wie Schuppen von den Augen gefallen, als ich diesen Artikel las! Seitdem pflege ich gegen wertkritische Argumentationen ein — wie will ich’s sagen? — Ressentiment! Ich halte es für absolut zynisch und verlogen, den Imperialismus als eine anonyme Zwangsmaschine zu konstruieren, für die im Grunde niemand verantwortlich sei.

  2. Gravatar Icon 2 schorsch 30. Oktober 2008 um 1:11 Uhr

    Antwort wieder als Blogeintrag.

  3. Gravatar Icon 3 alkohol 01. November 2008 um 20:34 Uhr

    @ Lysis

    „Mit einem Wort: die Wertkritik eskamotiert den Klassenkampf.“

    Meinem Eindruck nach gilt was Ähnliches für die Kritik des Gegenstandpunkts. Der zaubert zwar den Klassenkampf nicht weg und kritisiert die Vorstellung von anonymen Systemzwängen. Aber weil der Klassenkampf auch von Seiten der Arbeiter erstmal systemimmanent bleibt, wird abfällig von „Gewerkschaftelei“ gesprochen.
    Der GSP hat wie so oft recht, aber nur damit er es sich in den Verhältnissen gemütlich machen kann.
    Ich denke dabei an diese Diskussion:

    http://freiezeiten.net/forum/viewtopic.php?f=52&t=260

  4. Gravatar Icon 4 ascetonym 01. November 2008 um 22:23 Uhr

    @ alkohol
    Das nervt, erstens, weil es auf das von lysis geschriebene überhaupt nicht eingeht. Zweitens, weil Du eine Erklärung schuldig bleibst wie aus der Gewerkschaftskritik deiner Hassliebschaft ein sich in „Verhältnissen gemütlich machen“ folgt, insbesondere dann, wenn du sogar behauptest die Kritik richtig zu finden. Selbstevident ist dein Vorwurf nicht und deshalb hilft der Link auch nicht weiter. Schreib doch aus was dich stört!

  1. 1 Über Wertkritik und Klassenkampf, das Allgemeine und Besondere « Schorsch’s online Journal Pingback am 30. Oktober 2008 um 1:08 Uhr
  2. 2 Debatte. Recycling. Wertkritik. Bonzen. // teilnehmende beobachtungen Pingback am 30. Oktober 2008 um 1:58 Uhr
Die Kommentarfunktion wurde für diesen Beitrag deaktiviert.