Archiv für Oktober 2008

Über Wertkritik und Klassenkampf, das Allgemeine und Besondere

Ich wollte eigentlich nur ein Kommentar zu Lysis Gegenerwiederung verfaßen, aber da in den Kommentarspalten manche Diskussionen etwas verlaufen und ich schließlich mehr geschrieben habe, als ich ursprünglich vorhatte und die Diskussion möglicherweise von breiterem Interesse ist, veröffentliche ich meine Antwort wieder als Blogeintrag.
Zugunsten der Übersicht: auf einen Text von mir reagierte Lysis, worauf ich wiederrum reagierte und auf die folgende Kommentierung von Lysis antworte ich hier. Grobe Wiedergabe des Inhalts des Kommentars:

Die Wertkritiker [vernebeln] mit ihrer Metapher vom “automatischen Subjekt” , dass einzelne Kapitalfraktionen regelmäßig auch als politische Akteure in Erscheinung treten. (…) Mit einem Wort: die Wertkritik eskamotiert den Klassenkampf. Wo er sich von oben zeigt, wird er mit den “anonymen Zwängen” der kapitalistischen Konkurrenzverhältnisse entschuldigt (als ob diese nicht selbst ein historisches Produkt des Klassenkampfes wären und von ihren Profiteuren jeden Tag mit Zähnen und Klauen verteidigt würden!). Und wo er sich von unten zeigt, da denunziert man ihn kurzerhand als eine Form des “strukturellen Antisemitismus”.

Apersonale Herrschaftsverhältnisse realisieren sich nur über Personen, die dann aber auch als solche konkret auftreten und natürlich nicht als mechanisch neutrale Realisierungswerkzeuge der Strukturlogik fungieren, sondern je auch als verschiedene Ensemble gesellschaftlicher Verhältnisse auftreten. Ich halte es auch für falsch – das habe ich auch schon mal auf meinem Blog im Bezug auf sexistische und menschenverachtende Verbalattacken behandelt – Einzelverantwortlichkeiten mit dem Hinweis auf universalen Zwang zu entschuldigen:

„Allerdings geht in „der abstrakten Vorstellung des universalen Unrechts jede konkrete Verantwortung unter.“ (Adorno, MM).
Grade die stillschweigende Akzeptanz reaktionärer Äußerungen und der Hinweis auf die Immanenz solcher, würde die passende Ideologie für die Verantwortlichen solcher Verlautbarungen liefern.
Erst wenn derartige Äußerungen der bestehenden Normalität zugerechnet werden und der Aufschrei ausbleibt, herrschen diese tatsächlich.“

In dieser Hinsicht sehe ich also keinen allzu großen Widerspruch.
Im Bezug auf die Anmerkungen zum Klassenkampf vielleicht schon. Ich weiß gar nicht, ob es wirklichkeitsadäquat ist, diesen Begriff zu verwenden. Mehr als durch Klassenwahrnehmung wird der sozioökonomische Prozess durch das Rationalitätsmuster der Warenmonade gesehen. Zum großen Teil geht’s der gar nicht um Klassenkampf, sondern sie nimmt, ihrer Marktexistenzform entsprechend, eine Sichtweise des marktvermittelt Vereinzelten ein, der die umfassende Konkurrenz ideologisch und materiell bestehen muss. Diese ideologisch-funktionale Sichtweise kann zwar sicherlich übertreten werden. Aber das Konkurrenzprinzip reicht im Zweifel dann doch weiter. Die dem entsprechenden Kampfideologien reichen von meritokratisch-liberalen Durchhaltephrasen bis zu antisemitischen Imaginationen; das eigene Leid sei Schuld des Juden. Der Klassenkampf von unten ist dann auch meist nur eine Zusammenrottung des individualisierten Kollektivs, dessen Einzelne Zweckbündnisse bilden, um den individuellen Marktexistenzkampf führen zu können. Das folgt selbstverständlich immanenter Vernunft und ist auch an sich nicht kritisierbar. In diesem Zusammenhang ist es verständlich, wenn wirtschaftspolitische Entscheidungsträger für ihr Tun kritisiert werden. Hier Antisemitismus zu rufen wird der Tiefe der Sache sicher nicht gerecht.
Wenn aber Vorwürfe an einzelne Handlungsträger wirklich strukturbedingte Zwangshandlungen in den Bereich des Persönlichen heben, dann führt das nicht nur eine progressive „Arbeiterbewegung“ nicht weiter, sondern kippt m.E. nach dann eben schnell in eine Richtung, die eben nicht die wirklichen Gründe für all die Zumutungen äußert, denen viele Menschen ausgesetzt sind, sondern diese zementiert. Darüber hinaus besteht dann immer die Gefahr, dass nicht nur antikritische, affirmative Impulse gesetzt werden, sondern handfeste Ideologie produziert wird, welche regressive Tendenzen annimmt und ideologischer Teil des falschen Ganzen ist.
Mit solchen Umbrüchen habe ich ein Problem und wo nun Strukturverhältnisse personifiziert werden, also Verursacher gesucht und gefunden werden(Stichwort: Finanzkrise), die nicht existieren, halte ich den sensiblen Begriff des strukturellen Antisemitismus auch für angebracht. Personifizierung zu kritisieren bedeutet m.E. eben nicht, den Verantwortlichen – wie im Fall der Ermordung von Gewerkschaftsmitgliedern – den Freispruch per allgemeiner Setzung des Universalzwangs zu ermöglichen. Eine Kontextualisierung konkreter Einzelfälle ist aber dennoch notwendig, eben um das spezifisch Gesellschaftliche angreifen zu können und nicht bei moralischen Appellen zu verharren.

Ist die Kritik am Ressentiment ein Trick der Herrschenden, die Beherrschten ruhig zu halten?

Verschwimmt vor der Kritik am strukturellen Antisemitismus die Kritik der Verhältnisse?
Lysis hat unter meinem letzten Blogeintrag ein Zitat vom ISF platziert – als Gegenpol zu meinen kritischen Anmerkungen zur Manager-Schelte:

Denn mit inniger Genugtuung liest man Schlagzeilen wie: »Finanzmanager in Kalifornien tötet sich und seine Familie« (FAZ, 8. Oktober 2008). Dass der kommende Untergang des Kapitals im Nervenzusammenbruch, als suizidaler Amoklauf einiger (viel zu weniger) seiner Funktionäre sich antizipiert, das ist gar nicht so übel – schade nur, dass die Charaktermasken des Kapitals in ihrer Mehrheit so empfindsam nicht sind, als dass man auf die Schirrmachers, Ackermanns, Merkels hoffen dürfte.

Außerdem hat Lysis zwei Blogeinträge zu dieser Thematik veröffentlicht: Schadenfreudige ISF? Und: Zur Lehre vom Ressentiment.

Ich finde die Einwürfe nicht uninteressant, daher ein paar kurze Gedanken.
Es wäre sicherlich falsch – beispielsweise vor dem Hintergrund der jüngsten Krise – durch die relative Überbetonung vermeintlicher oder tatsächlicher Gefahren elementarer antisemitischer Denkstrukturen der Manager-Schelte, die Menschen vergessen zu machen, denen die Finanzkrise das Leben ungeheuer erschwert oder denen sie es sogar brutal nimmt.
Freude aber, die sich am Selbstmord von Finanzmanagern entzündet, drückt doch Freude darüber aus, dass sich gesellschaftliche Krisen als individuelle realisieren. Die Freude bezieht sich affirmativ auf die Transformation der gesellschaftlichen Krise in eine individuelle und reproduziert eine gewisse Grausamkeit die doch eher kritisch reflektiert werden sollte; so verständlich die Freude im Einzelnen vielleicht auch sein mag. Freude über den Selbstmord von Managern löst die Unmittelbarkeit zwischen Gesellschaft und Individuum auf eine Seite auf und erzeugt einen ideologischen Schein, der diese Vermitteltheit verschleiert.
Weiterhin geht es mir ja auch nicht um die moralische Kategorie des Beileides. Ob Manager beleidigt ihren Fernseher ausschalten und ihre Zeitung wegwerfen, weil beide Medien ihren Berufsstand in den Dreck ziehen ist mir wirklich ziemlich egal. Es ist auch kein Weltwunder, kein von Irrationalität durchsetzter Gedankenprozess, dass die durch die Krise Geprellten Wut entwickeln, die sie gegen ein Feindbild kanalisieren. Zumindest ist es möglich – und ich denke in weitesten Teilen ist das der Fall – dass die verständliche individuelle Wut, für die ich die Wütenden ja nicht in ermahnend maßregele, deutlich irrationalere Züge annimmt und auch ganz simpel zu einem falschen Urteil über die Funktionsweise der bürgerlichen Gesellschaf führt. Ich halte es in einer solchen Situation für verkehrt, dem Volksmund geduldig zuzuhören und vor lauter Verständnis alle Einwände, die eine marxistische Kritik anzuführen hätte, zu vergessen.
Ich nehme an, in einem ähnlichen Zusammenhang ist auch das folgende Zitat aus Horkheimers Frühschriften zu verstehen, welches sich auch auf dem Blog von Lysis findet:

Ein feiner Trick: das System zu kritisieren soll denen vorbehalten bleiben, die an ihm interessiert sind. Die anderen, die Gelegenheit haben, es von unten kennenzulernen, werden entwaffnet durch die verächtliche Bemerkung, daß sie verärgert, rachsüchtig, neidisch sind. Sie haben “Ressentiment”.
Demgegenüber sollte niemals vergessen werden, daß man ein Zuchthaus in keinem Fall und unter gar keinen Umständen kennenlernen kann, wenn man nicht wirklich und ohne Verkleidung als Verbrecher fünf Jahre dort eingesperrt war mit der Gewißheit, daß die goldene Freiheit, nach der man sich in diesen fünf Jahren sehnt, in einem nachträglichen Hungerleben besteht.
Es wirkt wie ein stillschweigendes Abkommen der Glücklichen, daß man über diese Gesellschaft, die weitgehend ein Zuchthaus ist, nur diejenigen als Zeugen gelten lassen will, die es nicht verspüren.

Klassendifferenzen oder Schichtungen existieren zwar, aber das Zitat von Horkheimer legt eine, den totalitären Gesamtzusammenhang der bürgerlichen Gesellschaft leugnende, Binarität nahe. Horkheimer macht eine Trennung zwischen denen auf, die sozusagen die Regeln des Diskurses stillschweigend festlegen und das Zuchthaus nicht spüren und der Gruppe, die das Zuchthaus von innen kennt, aber Nichts darüber und somit Nichts dagegen sagen darf. Als ob die Kritik ressentimentgeladener Ideologie, die sich als „kritischer Blick“ selbst verklärt, nur von den Glücklichen ausgesprochen würde. Ist die bürgerliche Gesellschaft für die „Glücklichen“ (wer soll das sein?) überhaupt ein ganz glückvolle Angelegenheit? Sind materiell möglicherweise bevorteilte Personen nicht erkenntnisfähig? Muss also in Kritik, bevor sie treffend formuliert werden kann, erst die Erfahrung von (Selbst-)Erniedrigung eingegangen sein? Oder geht es am Ende doch nur wieder um den richtigen „Klassenstandpunkt“?

Damals und Heute

Da ich Teile von diesem Text über die Kritik an Hans-Werner Sinn und Gegenkritik für eine Uni-Arbeit verwendet habe, darf er nicht mehr online verfügbar sein. Bei Interesse einfach eine Mail per Kontakt schicken.