Liberale Wasserpistole

Auf dieser Website wurde die Bibel, das Buch Mormon und der Koran neu sortiert. Unter Stichworten wie “Widersprüchlichkeiten”, “Grausamkeit und Gewalt”, “Sex”, “Aburditäten” und “Intoleranz” kann man mit einem Klick die Stellen in den heiligen Bücheren finden, die es besonders schwer machen, sie heilig zu finden. Leider nur auf Englisch. Wer das ins Deutsche übersetzt verdient sich den großen Aufklärungsorden am Bande.
Quelle: achgut.com

Ein gutes Beispiel liberaler Religionskritik von der Kategorie, unter welche auch die „Islamkritik“ vieler Post-Antideutscher fällt. Eine Religion textexegetisch auseinander zu nehmen, indem man sich an den schriftlich fixierten Grausamkeiten reibt, um folglich fixe Werte der Aufklärung hypostasierend als Gegenbild zum religiösen Übel zu preisen ist ungefähr so aufregend und fortschrittlich wie einer hässlichen Blumenkette ein hübscheres Exemplar davon vorzuziehen.

Wenn das religionskritische Schusswaffenmagazin mit solcher Munition geladen ist, geht der Schuss nach hinten los: die religiöse Menge lässt die Gewehrsalve durch den Hinweis auf Auslegung und historische Einbettung am religiösen Phänomen abprallen und frönt weiterhin Bibellesekreis, Musikgottesdienst, Weltjugendtag und Abtreibungsgegnerei.

Allerdings gehört die Aura des Heiligen zum Liberalismus und der Autor will sie ja auch eigentlich gar nicht kritisieren. Der Liberalismus ist und bleibt nun mal ein säkularisiertes Glaubensystem. Die Textstellen der vormodernen Textvorlage empören aber dann doch so sehr, dass sie die edle Sphäre des Sakrosankten zu arg beschmutzen. Sie machen es besonders schwer die erwähnten Bücher heilig zu finden. Klar; der Liberale will eben keine Konkurrenzreligion neben Bürgerlichkeit und Marktwirtschaft, die ihre Barbarei auch mal offen ausspricht. Er kratzt am christlichen, islamischen oder mormonischen Lack um der „populären Logik der verkehrten Welt“ (Marx) die Metaphysik des Kapitals gegenüberzustellen.
Letztlich überführt der Nationalliberale sich aber selbst: er will der Person ein großen Aufklärungsorden ans Revers heften, welche die erwähnten Textstellen in deutscher Sprache zugänglich macht und gibt damit zu: eine Renaissance des Lutherdeutschtums unter umgekehrtem Vorzeichen wäre schon was nettes.


4 Antworten auf “Liberale Wasserpistole”


  1. Gravatar Icon 1 nonono 05. September 2008 um 12:13 Uhr

    Aber schön, dass du die richtige Textstelle am Start hast!

  2. Gravatar Icon 2 alkohol 08. September 2008 um 4:42 Uhr

    Die Textstellen der vormodernen Textvorlage empören aber dann doch so sehr, dass sie die edle Sphäre des Sakrosankten zu arg beschmutzen. Sie machen es besonders schwer die erwähnten Bücher heilig zu finden. Klar; der Liberale will eben keine Konkurrenzreligion neben Bürgerlichkeit und Marktwirtschaft, die ihre Barbarei auch mal offen ausspricht.

    Ich kann mir nicht vorstellen, dass der Liberale sich über die Beschmutzung der Sphäre des Sakrosanten empört. Erstmal tut er doch ganz jovial und amüsiert sich über die Absurditäten veralteter Denkversuche.

    So ist der Spiegel durchaus imstande die rassistischen Lehren von Rudolf Steiners Anthroposophie zu referieren, um die dann als schnurrige Spinnerei abzutun, die man nicht ernstnehmen müsse.

    Dass diese Großzügigkeit ihre Grenzen hat, der Spaß auch mal aufhört, würde er kaum als Verteidigung einer Heiligen Sache bezeichnen.

    Gerhard Scheit hat, wenn ich mich recht entsinne, mal behauptet, das Judentum sei eine Religion, die ohne die Vorstellung von einer Hölle auskomme, was wohl freundlich ausgedrückt nur halbwahr ist.
    Die Zeugen Jehovas müssten ihm da noch lieber sein: die lehnen die Lehre von der Hölle eindeutig ab. Trotzdem vertreten die auch nicht gerade eine tolle Religion.

  3. Gravatar Icon 3 schorsch 08. September 2008 um 12:35 Uhr

    hallo alkohol,

    du hast schon recht mit dem was du sagst; ich war etwas polemisch.

  1. 1 Über die Wasserpistole, die nicht funktioniert « knes Pingback am 05. September 2008 um 12:21 Uhr
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