Archiv für September 2008

Morgen fahre ich zum Antifa-Kongress in Köln. Wer Lust hat mir ein Hotelzimmer zu sponsoren meldet sich bitte noch rechtzeitig.

Liberale Wasserpistole

Auf dieser Website wurde die Bibel, das Buch Mormon und der Koran neu sortiert. Unter Stichworten wie “Widersprüchlichkeiten”, “Grausamkeit und Gewalt”, “Sex”, “Aburditäten” und “Intoleranz” kann man mit einem Klick die Stellen in den heiligen Bücheren finden, die es besonders schwer machen, sie heilig zu finden. Leider nur auf Englisch. Wer das ins Deutsche übersetzt verdient sich den großen Aufklärungsorden am Bande.
Quelle: achgut.com

Ein gutes Beispiel liberaler Religionskritik von der Kategorie, unter welche auch die „Islamkritik“ vieler Post-Antideutscher fällt. Eine Religion textexegetisch auseinander zu nehmen, indem man sich an den schriftlich fixierten Grausamkeiten reibt, um folglich fixe Werte der Aufklärung hypostasierend als Gegenbild zum religiösen Übel zu preisen ist ungefähr so aufregend und fortschrittlich wie einer hässlichen Blumenkette ein hübscheres Exemplar davon vorzuziehen.

Wenn das religionskritische Schusswaffenmagazin mit solcher Munition geladen ist, geht der Schuss nach hinten los: die religiöse Menge lässt die Gewehrsalve durch den Hinweis auf Auslegung und historische Einbettung am religiösen Phänomen abprallen und frönt weiterhin Bibellesekreis, Musikgottesdienst, Weltjugendtag und Abtreibungsgegnerei.

Allerdings gehört die Aura des Heiligen zum Liberalismus und der Autor will sie ja auch eigentlich gar nicht kritisieren. Der Liberalismus ist und bleibt nun mal ein säkularisiertes Glaubensystem. Die Textstellen der vormodernen Textvorlage empören aber dann doch so sehr, dass sie die edle Sphäre des Sakrosankten zu arg beschmutzen. Sie machen es besonders schwer die erwähnten Bücher heilig zu finden. Klar; der Liberale will eben keine Konkurrenzreligion neben Bürgerlichkeit und Marktwirtschaft, die ihre Barbarei auch mal offen ausspricht. Er kratzt am christlichen, islamischen oder mormonischen Lack um der „populären Logik der verkehrten Welt“ (Marx) die Metaphysik des Kapitals gegenüberzustellen.
Letztlich überführt der Nationalliberale sich aber selbst: er will der Person ein großen Aufklärungsorden ans Revers heften, welche die erwähnten Textstellen in deutscher Sprache zugänglich macht und gibt damit zu: eine Renaissance des Lutherdeutschtums unter umgekehrtem Vorzeichen wäre schon was nettes.