Archiv für Juli 2008

Fußballspießer und Kulturpöbel

Nach dem Abitur hört der Stress nicht auf, sondern setzt sich in Urlaubsexzessen fort. Daher ist auch ein angedachter Text zur EM immer noch nicht fertig, sodass ich hier nur einen Teil daraus reinstelle.
Zur EM sah man sich fast gezwungen den Bildungsbürgern in ihrer elitären Abscheu vor dem feiernden Fußballpöbel in ihren Beschwerden beizupflichten. Warum diese Art der Unmutsäußerung die Regressivität des Mobs und dessen Basis nicht zu treffen vermag, versuche ich in folgendem Textteil anzureißen.

Das Gerede von „kultiviertem Verhalten“ der Spießbürger angesichts des Mobs ist nicht die Antithese zur (Fußball-)Gemeinschaft der Zusammenhangslosen und dessen Dynamik, sondern eng mit ihr verwoben: in der Beschwörung des kultivierten Habitus, der guten Seele und des edlen Charakters ist die Idee wirklicher Individualität von Freien und Gleichen negiert. Die Unterwerfung der Sinnlichkeit unter die Herrschaft der Seele bedeutet die Verinnerlichung von Herrschaft und zusätzlicher Unterdrückung. Die Nivellierung der Menschen auf die Freiheit und Gleichheit der Seele zeigt an, dass diesseitiges Dasein auf reale Unfreiheit und Ungleichheit stößt. Die gesellschaftliche Praxis ist vom Handeln der Einzelnen entfremdet, weshalb individuelle Entfaltung und Erkenntnis nur in der transzendentalphilosophischen Tiefe der seelischen Subjektivität möglich scheint. Diese Beseelung beruht auf der Abgrenzung von Glück und Geist gegen die gesellschaftliche Praxis. Diese Trennung, die Kultur als Bereich abseits gesellschaftlicher Praxis etabliert ist Resultat einer elenden Gesellschaft, in der Freiheit und Gleichheit nur noch als Ideale existieren können und somit – der Praxis entzogen – transzendente Kategorien werden. Das gesellschaftliche Leben soll von diesen zum Ideal gewordenen Kategorien durchzogen werden, ohne die Konstitution der gesellschaftlichen Totalität selbst zu berühren. Wenn bestimmte Ideen zum kulturellen Ideal oder philosophischer Kategorie geworden sind verliert ihre unmittelbare Übersetzung in Praxis einen implizit kritischen Impetus: per kultureller Realisierung des Ideals gilt das Gute und Wahre – auf Basis der permanenten Reproduktion der Klassengesellschaft – als verwirklicht und verliert jeglichen utopischen Hauch. „Die Entfernung zwischen Faktizität und Idee ist größer geworden, gerade weil sie enger zusammengedacht werden.“ (Marcuse).
Grade weil die zum kulturellen Ideal gewordene Hoffnung auf materielle Erfüllung nicht auf dem Boden gesellschaftlicher Wirklichkeit besteht, sondern von dieser prinzipiell getrennt ist, kann sich deren Einzug ins Gesellschaftliche bei gleichzeitiger Isolation davon nur im Rahmen des Individuellen realisieren. Diese Realisierung soll sich durch die Bildung der Einzelnen erreicht werden. „So erhebt die Kultur das Individuum, ohne es aus seiner tatsächlichen Erniedrigung zu befreien.“ (Marcuse). Das Individuum wird auf dieser rein kulturellen und daher affirmativen Ebene in Form der Person befreit: als Person soll es sich in Schach halten und als Heiligtum veredeln. Kultur gerinnt zur edlen Person. In der Zivilisiertheit der Person spiegelt sich die Übermacht der Gesellschaft, dessen Härten der Einzelne in Form einer widersprüchlichen Komposition von Person oder Persönlichkeit und Konkurrenzsubjekt bestehen muss und welche ein vages „Glücksversprechen“ als individuelle Marke verbannt. Daher steht die abstrakte Kulturgemeinschaft der edlen Personen immer vor dem Umschlag in eine äußere Gemeinschaft; keine von beiden berührt wirklich existente Gegensätze. Diese äußere Gemeinschaft reproduziert blind den Maßstab der inneren und erlangt dadurch neue Qualität. Ihr Anliegen besteht in der nachträglichen Deckung des ehemals Getrennten: Kultur soll durch Aktivierung aus ihrer isolierten Rolle geholt werden, indem sie verwaltet und organisiert wird. Diese Aktivierung ist der Versuch einer nachträglichen Aufhebung der Dichotomie, dessen Pole auf dem Boden der Ursache für dieselben nicht zusammengebracht werden können. Daher muss die Aufhebung der Kultur immer brutaler beschworen werden, bis nicht mehr der Inhalt von umfassender Aktivierung und Politisierung zählt, sondern bloß nur noch deren Form. „Die Tat wird wirklich autonomer Selbstzweck, sie bemäntelt ihre eigene Zwecklosigkeit“. (Adorno/Horkheimer).