Nachvormai

Gestern zum 8.Mai feierten einige Blogger die alliierten Streitkräfte, Narodnik und Wendy hingegen dankten besonders den proletarischen Soldaten, die durch ihr Wirken ein Ende des nationalsozialistischen Terrors ermöglichten.
In die ausgelassene Dankes- und Feieratmosphäre reihen sich letztgenannte Blogger allerdings nicht ein. Vielmehr bemerken sie, dass der Krieg gegen Deutschland keineswegs aufgrund inhaltlichen Problemen mit dem Nazi-Faschismus und nicht mit dem Ziel der Rettung der Überlebenden geführt wurde.
Es ist aber durchaus nicht unproblematisch die Kriegsentscheidung der alliierten Staaten in die Antinomie von pragmatischer Machtpolitik und wirklich antifaschistischer Interessenslage aufzuteilen.
Es ist sicherlich vernünftig darüber zu klagen, dass die Alliierten nicht schon früher geeignete Maßnahmen ergriffen haben, um dem nationalsozialistischen Deutschland den Garaus zu machen. Zwar sollte daraus keine unhistorische Denunziation der Appeasement-Politik Chamberlains erwachsen. Dennoch könnte die Frage, warum die Alliierten nicht früher eingriffen auf die Verschiedenartigkeit der alliierten Interessenslagen verweisen, die zu dem eher zögerlichen Vorgehen der antifaschistischen Kriegsparteien führte.
Die Spekulation über Absichten und Motive der Alliierten führt allerdings nicht sehr weit. Wendy bemerkt das zeitweise existierende Vertragsverhältnis zwischen Deutschland und der Sowjetunion. Der Hitler-Stalin Pakt kann aber etwa durchaus auch als Ausdruck eines realpolitischen Zugeständnis an die verzwickte Wirklichkeit verstanden werden, welche keine Insistenz auf klassischen Antifaschismus zuließ. Hitler zumindest ließ sich durch den Pakt nicht von einem Angriff auf die Sowjetunion abbringen. Auch bezüglich der Sowjetunion darf vermutet werden, dass nicht plötzliche pazifistische Ignoranz gegenüber Nazi-Deutschland zu dem Vertrag führte, sondern pragmatisch-militärische Machtabwägungen. Durch den Nichtangriffspakt konnte wertvolle Zeit für die Aufrüstung des sowjetischen Militärs gewonnen werden.
Ungeleugnet ist die grausame Realität des sowjetischen Machtbereichs. Aber eine gezwungene Einteilung der Kriegsmotivation der alliierten Machtblocke in zwei moralische Kategorien weist keinen großen analytischen Wert auf.
Offenbar ist es zielführender die alliierten Akteure innerhalb der Nachkriegsentwicklungen kritisch zu betrachten.
Ein wirklicher Antifaschismus nämlich hätte Reeducation und Sozialismus ernst genommen. Weder das Eine noch das Andere wirkten damals bestimmend auf das politische Handeln ein. Vielmehr dominierte eine Konkurrenzrationalität, die sich aus dem angeblichen „Systemkonflikt“ notwendigerweise ergeben musste. Dabei pervertierte in der DDR der Antifaschismus zu einer symbolischen Selbstzuschreibung, die eine Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus erfolgreich verhinderte, indem der Faschismus bedingungslos mit dem Kapital und dem Westen identifiziert wurde. „Das Böse“ wurde „zum Anderen“ und daher das post-faschistische sozialistische Kollektiv per se von nationalsozialistischer Ideologie freigesprochen.
Im Westen hingegen dauerte es nicht lange, bis die Demilitarisierung und Entnazifizierung von aktuellen Interessen überschattet wurde. Der Westen wollte die Eingliederung Deutschlands in den Kreis der Nationen, aus denen es sich zuvor durch die nationalsozialistische Barbarei katapultiert hatte. Deutschland sollte zum Frontstaat gegen den Kommunismus werden und dadurch den Siegeszug der Alternativlosigkeit kapitalistischer Gesellschaften vorbereiten. In dieser Funktion musste Deutschland schnell zu neuer Macht gelangen. Dieses Interesse kapitalistischer Staaten überwog deutlich mögliche antifaschistische Tendenzen und überging gleichgültig die Opfer des nationalsozialistischen Vernichtungsmechanismus.
Der Situation der Opfer im Nachkriegsdeutschland wurde mit Ignoranz begegnet. So mussten jüdische Überlebende häufig in Unterbringungen leben, in denen ihnen antisemitische Ressentiments entgegenschlugen.
Weiterhin wurde der Ausreise der Juden nach Palästina nicht bloß Unterstützung versagt, sondern sie wurde aktiv verhindert, sodass die Selbstorganisation teils dramatischer Überreiseversuche deutlich konterkariert wurde.
Um nicht ein weiteres Mal in der Geschichte zum Opfer zu werden mussten jüdische Menschen für ihr Recht kämpfen.

Sehr schnell sicherten besonders die USA die künftige Verfasstheit des Nachkriegsdeutschlands als bürgerlich-kapitalistischen Staat und dadurch die klare Frontstellung gegen den Kommunismus; im Inneren, wie im Äußeren.
Schon 1946 ist der Aufbau eines nichtkommunistischen Kernstaates in einer Rede von Byrnes offizielles Anliegen. 1947 wird der britisch-amerikanische Vertrag über die Vereinigung der Wirtschaftszonen geschlossen und eine ausdrücklich privat-kapitalistische Orientierung festgelegt. Die Truman-Doktrin legt den Eckpunkt für eine dezidiert anti-kommunistische Politik gegen die Sowjetunion und stellt damit auch ideell unwiderruflich den künftigen Status eines westdeutschen Teilstaates fest. Der Marshallplan sollte dann materiell die ökonomische Entwicklung des werdenden Frontstaates gegen die Sowjetunion bestimmen und vor allem die informelle Herrschaft der USA in Westeuropa absichern. Die Umsetzung von Sozialisierungsvorstellungen in den Ländern der Westzone scheiterten am Einspruch der USA.
Die für den Marshallplan notwendige Währungsreform im Westen verdeutlichte verstärkt und merklich die ökonomischen Verhältnisse: die Währungsreform begünstigte nämlich Kapital- und Bodenbesitzer deutlich und war somit ein Instrument für die künftige Vermögensverteilung.
Die Reaktion des real existierenden Kommunismus auf die Währungsreform bestand in der „Berliner Blockade“, der kalkulierten Aushungerung der West-Berliner Bevölkerung. Die us-amerikanische Antwort bescherte den Westalliierten einen propagandistischen Sieg, stand aber keineswegs für deren menscheinfreundlichere Politikausrichtung. Die Luftbrücke nach Berlin zur Versorgung der dortigen Bevölkerung wurde als Druckmittel benutzt, um die westdeutschen Ministerpräsidenten umzustimmen, welche einer intensiven Westbindung Deutschlands mit Skepsis begegneten. Ihnen drohte der US-Militärgouverneur D. Clay mit Konsequenzen für das eingeschlossene Berlin.
Der wirtschaftlichen Einheit folgte dann bald die Entscheidung über eine gemeinsame politische Ordnung der Zonen der Westalliierten, wodurch die Blockkonfrontation und die Ausstattung Westdeutschlands mit militärischem Arsenal unabdingbar wurde. Adenauers Bereitschaft eines Krieges gegen die Sowjetunion entsprach den westalliierten Vorstellungen über einen deutschen Verbündeten, sodass eine schnelle Wiederbewaffnung in Gang gesetzt wurde und die gleichberechtigte Eingliederung Deutschlands in polit-militärische Bündnisse nur eine Frage der Zeit war.
Der Marshallplan legte wohl den ersten folgenreichen Wegpunkt für den schnellen wirtschaftlichen und politischen Aufstieg Deutschlands und ermöglichte den selbstzufriedenen Wirtschaftswunderpatriotismus im Rahmen politischer Restauration der Adenauer-Ära. Adenauer verfolgte eine klar nationalistische Machtpolitik durch Westbindung und scheute sich nicht ungeheure Revisionsforderungen auszusprechen.
Die schnelle Westintegration Deutschlands gelang auch, weil besonders die USA von ihren europäischen Verbündeten die Aufgabe ihrer Frontstellung gegen Deutschland forderte, um eine solide Basis für ein anti-kommunistisches Westeuropa aufzubauen und so Deutschland eine feste Plattform für eigene Machtaspirationen bot.
Das Andauern der bürgerlichen Warengesellschaft nach Auschwitz, also die gesellschaftliche Statik in Permanenz, lässt die Katastrophe selbst akzidentiell werden. Darin liegt das bis heute kaum Fassbare. Der normale Fortlauf des Lebens nach der industrialisierten Vernichtung als wäre diese ein Intermezzo lässt die Kontinuität des Normalen anbetracht des Grauens selber Teil davon werden.
Es ist katastrophal, dass für die Befreiung der Juden deren erbitterter Kampf für ihr Recht notwendig war.
Die Deutschen mussten sich vor dem Geschichtsgang nicht ducken, sondern sie konnten geradewegs in die neue Gesellschaft der anti-kommunistischen Machtballung eintreten. Dass in Deutschland eine Entnazifizierung ausblieb und ein gesellschaftliches Bewusstsein über den deutschen Schrecken sich nur in Form oppositioneller Kräfte äußern könnte reflektiert Wahres über eine Gesellschaft, dessen Bestand die Katastrophe perpetuiert.


9 Antworten auf “Nachvormai”


  1. Gravatar Icon 1 Wendy 09. Mai 2008 um 14:00 Uhr

    Anmerkungen

    Jetzt sag´ mir doch mal bitte, was aus der „antifaschistischen“ Bestimmung der alliierten Kriegsparteien folgt? Natürlich, diese Kräfte waren alle entweder entschlosse Vertreter der bürgerlichen Demokratie oder des realen Sozialismus und standen deshalb schon ideologisch in Feindschaft zum Faschismus. Doch dieser Fakt hat die ja nicht dazu bewegt, ihr imperialistisches Taktieren aufzugeben, wenn für Stalin Polen beim Pakt raussprang… Why not?
    Erst als Nazi-Deutschland mit seinen militärischen Projekten die imperialistische Gemengelage der ganzen Welt für sich zum Guten ändern wollte, griffen die anderen Mächte ein, denn hier waren nun ihre „vitalen Interessen“ bedroht. Das, was du da alles anführst – gerade die europäische Jüd_innen interessierten, wenn, dann nur am Rande!
    Antifaschistisch in Wort und Tat also, da revidiere ich meinen Beitrag gerne, aber bürgerlich und imperialistisch bis ins Mark und kein Bezugspunkt irgendeiner Form von Solidarität!

    Zweite Anmerkung: Du schreibst, Stalin hätte die Zeit genutzt bzw. nutzen wollen, um sein Militär zu verstärken.
    In der Realität sah das so aus, dass er die mittleren und hohen Führungsränge zu großen Teilen auslöschte. Nie verlor eine Armee in Friedenszeiten soviel Personal wie die rote Armee zwischen dem ersten und dem zweiten Weltkrieg. Da war dem Stalin und seiner Partei ganz offensichtlich die absolute Macht im Inneren wichtiger als eine Wehrfähigkeit nach Außen.

  2. Gravatar Icon 2 schorsch 09. Mai 2008 um 15:01 Uhr

    Ich denke wir sind inhaltlich gar nicht so weit auseinander.

    „Erst als Nazi-Deutschland mit seinen militärischen Projekten die imperialistische Gemengelage der ganzen Welt für sich zum Guten ändern wollte, griffen die anderen Mächte ein, denn hier waren nun ihre “vitalen Interessen” bedroht. Das, was du da alles anführst – gerade die europäische Jüd_innen interessierten, wenn, dann nur am Rande!“

    Da würde ich dir gar nicht widersprechen, wobei ich nicht genau weiß, auf welchen Textteil von mir du den letzten Satz beziehst, weil ich das gar nicht leugne, sondern ja ausdrücklich so formuliere.

    Für mich ist die Betrachtung der Nachkrieszeit lohnenswerter, weil die Intentionen der Alliierten deutlicher werden bzw. ihren teilweise brutalen Charakter offenbaren. Aber das ist kein Streit ums Ganze.

  3. Gravatar Icon 3 Jupp 09. Mai 2008 um 15:54 Uhr

    Dass solche auf den ersten Blick unerklärlichen Handlungen wie die „Enthauptung“ der Roten Armee und die Liquidierung größerer Teile der bolschewistischen Führungskader u.ä. nicht dem Wahnsinn und der Machtgeilheit eines durchgeknallten Diktators geschuldet sind, sondern durchaus einer „inneren Logik“ folgten kann man diesem Text entnehmen: Stalin – Wer war das?

    Weil man ja mit dem Totschläger „Stalinist“ in politischen Debatten früher oder später unweigerlich konfrontiert wird, können ein paar sachdienliche Hinweise mit Sicherheit ganz hilfreich sein.

  4. Gravatar Icon 4 Jupp 09. Mai 2008 um 16:10 Uhr

    Als Ergänzung zu empfehlen ein Vortrag aus dem Jahr 1987: 70 Jahre Oktoberrevolution. Der Weg der KPdSU – Von der Verwirklichung einer Kritik an Staat und Kapital zum Bekenntnis, keine Revolution mehr zu wollen.

  5. Gravatar Icon 5 classless 09. Mai 2008 um 17:01 Uhr

    @Wendy

    Du schreibst, Stalin hätte die Zeit genutzt bzw. nutzen wollen, um sein Militär zu verstärken.
    In der Realität sah das so aus, dass er die mittleren und hohen Führungsränge zu großen Teilen auslöschte.

    Das passierte aber überwiegend vorm Hitler-Stalin-Pakt, der dann Schorschs Argumentation folgend Zeit verschaffte, um diesen Verlust wieder wettzumachen.

  6. Gravatar Icon 6 Wendy 10. Mai 2008 um 9:24 Uhr

    Achso, okay.

    schorsch, zwei Fragen:

    Was ist denn jetzt überhaupt deine Intention bei diesem Beitrag? Anscheinend keine Ehrenrettung der alliierten Mächte…

    Warum meinst du denn, dass die Nachkriegszeit spannender wäre. Ich denke, über die Sachen, die wir hier diskutieren, lässt sich auch super ein Urteil treffen, wenn mensch ihre Handlungen vor bzw. im Krieg abwägt.

  7. Gravatar Icon 7 schorsch 10. Mai 2008 um 11:50 Uhr

    Die Intention meines Beitrages ähnelt eigentlich der deines Beitrages auf deinem Blog.
    Mir erschien es bloß etwas vorschnell und ungenau – anhand den Beispiele die du anbringst – zwei moralische Kategorien aufzumachen, um den antifaschistischen Kriegsteilnehmern nachzuweisen kein Problem mit dem Faschismus zu haben. Wobei meine Argumentation zum Schluß meines Textes durchaus in eine ähnliche Richtung geht.
    Während oder vor dem Krieg einte der Nationalsozialismus die Alliierten ja tatsächlich zu einer antifaschistischen Front. Das lag aber vorranging eben eher nicht an dem solidarischen Interesse der Alliierten, die Menschen vom NS zu befreien, sondern am deutschen Faschismus, dessen gewaltige Machtpräsenz und Expansionsdrang die antagonistischen Interessen der Alliierten herausforderte und zusammenbrachte. Aber eine Betrachtung der Kalkulationen und Überlegungen der Alliierten vor dem Krieg ist dadurch immer etwas verschleiert. Freilich war schon weit vor dem Ende des Krieges relativ klar, wohin die künftige Entwicklung laufen wird.
    Ich denke aber, dass die Betrachtung der Nachkriegszeit vielleicht deutlicher zeigt, worum es den (West-)Alliierten ging, weil ihre Interessen freier lagen, da der Nationalsozialismus nicht mehr an der Macht war. Dennoch war der Kampf gegen den Faschismus nach 1945 keine zu vernachlässigende Angelegenheit, zu welcher er aber degradiert worden ist.

  8. Gravatar Icon 8 Wendy 11. Mai 2008 um 19:19 Uhr

    Ah, okay, *thumbsup*

  1. 1 Wem dankt das Gute und Schöne? « Reiten, lesen, Freund_innen treffen Pingback am 09. Mai 2008 um 14:04 Uhr
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