Archiv für Mai 2008

Nachvormai

Gestern zum 8.Mai feierten einige Blogger die alliierten Streitkräfte, Narodnik und Wendy hingegen dankten besonders den proletarischen Soldaten, die durch ihr Wirken ein Ende des nationalsozialistischen Terrors ermöglichten.
In die ausgelassene Dankes- und Feieratmosphäre reihen sich letztgenannte Blogger allerdings nicht ein. Vielmehr bemerken sie, dass der Krieg gegen Deutschland keineswegs aufgrund inhaltlichen Problemen mit dem Nazi-Faschismus und nicht mit dem Ziel der Rettung der Überlebenden geführt wurde.
Es ist aber durchaus nicht unproblematisch die Kriegsentscheidung der alliierten Staaten in die Antinomie von pragmatischer Machtpolitik und wirklich antifaschistischer Interessenslage aufzuteilen.
Es ist sicherlich vernünftig darüber zu klagen, dass die Alliierten nicht schon früher geeignete Maßnahmen ergriffen haben, um dem nationalsozialistischen Deutschland den Garaus zu machen. Zwar sollte daraus keine unhistorische Denunziation der Appeasement-Politik Chamberlains erwachsen. Dennoch könnte die Frage, warum die Alliierten nicht früher eingriffen auf die Verschiedenartigkeit der alliierten Interessenslagen verweisen, die zu dem eher zögerlichen Vorgehen der antifaschistischen Kriegsparteien führte.
Die Spekulation über Absichten und Motive der Alliierten führt allerdings nicht sehr weit. Wendy bemerkt das zeitweise existierende Vertragsverhältnis zwischen Deutschland und der Sowjetunion. Der Hitler-Stalin Pakt kann aber etwa durchaus auch als Ausdruck eines realpolitischen Zugeständnis an die verzwickte Wirklichkeit verstanden werden, welche keine Insistenz auf klassischen Antifaschismus zuließ. Hitler zumindest ließ sich durch den Pakt nicht von einem Angriff auf die Sowjetunion abbringen. Auch bezüglich der Sowjetunion darf vermutet werden, dass nicht plötzliche pazifistische Ignoranz gegenüber Nazi-Deutschland zu dem Vertrag führte, sondern pragmatisch-militärische Machtabwägungen. Durch den Nichtangriffspakt konnte wertvolle Zeit für die Aufrüstung des sowjetischen Militärs gewonnen werden.
Ungeleugnet ist die grausame Realität des sowjetischen Machtbereichs. Aber eine gezwungene Einteilung der Kriegsmotivation der alliierten Machtblocke in zwei moralische Kategorien weist keinen großen analytischen Wert auf.
Offenbar ist es zielführender die alliierten Akteure innerhalb der Nachkriegsentwicklungen kritisch zu betrachten.
Ein wirklicher Antifaschismus nämlich hätte Reeducation und Sozialismus ernst genommen. Weder das Eine noch das Andere wirkten damals bestimmend auf das politische Handeln ein. Vielmehr dominierte eine Konkurrenzrationalität, die sich aus dem angeblichen „Systemkonflikt“ notwendigerweise ergeben musste. Dabei pervertierte in der DDR der Antifaschismus zu einer symbolischen Selbstzuschreibung, die eine Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus erfolgreich verhinderte, indem der Faschismus bedingungslos mit dem Kapital und dem Westen identifiziert wurde. „Das Böse“ wurde „zum Anderen“ und daher das post-faschistische sozialistische Kollektiv per se von nationalsozialistischer Ideologie freigesprochen.
Im Westen hingegen dauerte es nicht lange, bis die Demilitarisierung und Entnazifizierung von aktuellen Interessen überschattet wurde. Der Westen wollte die Eingliederung Deutschlands in den Kreis der Nationen, aus denen es sich zuvor durch die nationalsozialistische Barbarei katapultiert hatte. Deutschland sollte zum Frontstaat gegen den Kommunismus werden und dadurch den Siegeszug der Alternativlosigkeit kapitalistischer Gesellschaften vorbereiten. In dieser Funktion musste Deutschland schnell zu neuer Macht gelangen. Dieses Interesse kapitalistischer Staaten überwog deutlich mögliche antifaschistische Tendenzen und überging gleichgültig die Opfer des nationalsozialistischen Vernichtungsmechanismus.
Der Situation der Opfer im Nachkriegsdeutschland wurde mit Ignoranz begegnet. So mussten jüdische Überlebende häufig in Unterbringungen leben, in denen ihnen antisemitische Ressentiments entgegenschlugen.
Weiterhin wurde der Ausreise der Juden nach Palästina nicht bloß Unterstützung versagt, sondern sie wurde aktiv verhindert, sodass die Selbstorganisation teils dramatischer Überreiseversuche deutlich konterkariert wurde.
Um nicht ein weiteres Mal in der Geschichte zum Opfer zu werden mussten jüdische Menschen für ihr Recht kämpfen.

Sehr schnell sicherten besonders die USA die künftige Verfasstheit des Nachkriegsdeutschlands als bürgerlich-kapitalistischen Staat und dadurch die klare Frontstellung gegen den Kommunismus; im Inneren, wie im Äußeren.
Schon 1946 ist der Aufbau eines nichtkommunistischen Kernstaates in einer Rede von Byrnes offizielles Anliegen. 1947 wird der britisch-amerikanische Vertrag über die Vereinigung der Wirtschaftszonen geschlossen und eine ausdrücklich privat-kapitalistische Orientierung festgelegt. Die Truman-Doktrin legt den Eckpunkt für eine dezidiert anti-kommunistische Politik gegen die Sowjetunion und stellt damit auch ideell unwiderruflich den künftigen Status eines westdeutschen Teilstaates fest. Der Marshallplan sollte dann materiell die ökonomische Entwicklung des werdenden Frontstaates gegen die Sowjetunion bestimmen und vor allem die informelle Herrschaft der USA in Westeuropa absichern. Die Umsetzung von Sozialisierungsvorstellungen in den Ländern der Westzone scheiterten am Einspruch der USA.
Die für den Marshallplan notwendige Währungsreform im Westen verdeutlichte verstärkt und merklich die ökonomischen Verhältnisse: die Währungsreform begünstigte nämlich Kapital- und Bodenbesitzer deutlich und war somit ein Instrument für die künftige Vermögensverteilung.
Die Reaktion des real existierenden Kommunismus auf die Währungsreform bestand in der „Berliner Blockade“, der kalkulierten Aushungerung der West-Berliner Bevölkerung. Die us-amerikanische Antwort bescherte den Westalliierten einen propagandistischen Sieg, stand aber keineswegs für deren menscheinfreundlichere Politikausrichtung. Die Luftbrücke nach Berlin zur Versorgung der dortigen Bevölkerung wurde als Druckmittel benutzt, um die westdeutschen Ministerpräsidenten umzustimmen, welche einer intensiven Westbindung Deutschlands mit Skepsis begegneten. Ihnen drohte der US-Militärgouverneur D. Clay mit Konsequenzen für das eingeschlossene Berlin.
Der wirtschaftlichen Einheit folgte dann bald die Entscheidung über eine gemeinsame politische Ordnung der Zonen der Westalliierten, wodurch die Blockkonfrontation und die Ausstattung Westdeutschlands mit militärischem Arsenal unabdingbar wurde. Adenauers Bereitschaft eines Krieges gegen die Sowjetunion entsprach den westalliierten Vorstellungen über einen deutschen Verbündeten, sodass eine schnelle Wiederbewaffnung in Gang gesetzt wurde und die gleichberechtigte Eingliederung Deutschlands in polit-militärische Bündnisse nur eine Frage der Zeit war.
Der Marshallplan legte wohl den ersten folgenreichen Wegpunkt für den schnellen wirtschaftlichen und politischen Aufstieg Deutschlands und ermöglichte den selbstzufriedenen Wirtschaftswunderpatriotismus im Rahmen politischer Restauration der Adenauer-Ära. Adenauer verfolgte eine klar nationalistische Machtpolitik durch Westbindung und scheute sich nicht ungeheure Revisionsforderungen auszusprechen.
Die schnelle Westintegration Deutschlands gelang auch, weil besonders die USA von ihren europäischen Verbündeten die Aufgabe ihrer Frontstellung gegen Deutschland forderte, um eine solide Basis für ein anti-kommunistisches Westeuropa aufzubauen und so Deutschland eine feste Plattform für eigene Machtaspirationen bot.
Das Andauern der bürgerlichen Warengesellschaft nach Auschwitz, also die gesellschaftliche Statik in Permanenz, lässt die Katastrophe selbst akzidentiell werden. Darin liegt das bis heute kaum Fassbare. Der normale Fortlauf des Lebens nach der industrialisierten Vernichtung als wäre diese ein Intermezzo lässt die Kontinuität des Normalen anbetracht des Grauens selber Teil davon werden.
Es ist katastrophal, dass für die Befreiung der Juden deren erbitterter Kampf für ihr Recht notwendig war.
Die Deutschen mussten sich vor dem Geschichtsgang nicht ducken, sondern sie konnten geradewegs in die neue Gesellschaft der anti-kommunistischen Machtballung eintreten. Dass in Deutschland eine Entnazifizierung ausblieb und ein gesellschaftliches Bewusstsein über den deutschen Schrecken sich nur in Form oppositioneller Kräfte äußern könnte reflektiert Wahres über eine Gesellschaft, dessen Bestand die Katastrophe perpetuiert.