Archiv für April 2008

„Mit Deutschland gegen die Scheißmoslems“ – In der Prodomo formiert sich rassistischer Protest

In der neuen Prodomo ist ein Artikel über „antideutschen Protest“ in Köln-Kalk zu lesen. Wer einen antideutschen Demobericht über’s Fahnenwedeln erwartet wird geprellt: dem erwartungsvollen Leser und der interessierten Leserin kotzt Jan Huiskens ein rechtes Pamphlet gegen arabische Jugendliche ins Gesicht.

Nachdem in Köln Kalk ein Marokkaner – offenbar aus Notwehr – von einem Deutschen erstochen wurde regte sich Protest gegen Rassismus, den Huiskens als Speerspitze des Islamismus verklären will; die neuen Rassisten seien Türken, die gegen Ungläubige kämpfen würden. Genaueres über den Vorfall lese man in Huiskens Artikel.
Der Artikel von Huiskens kann nicht anders verstanden werden als ein artikuliertes Abgrenzungsbedürfnis gegen selbst entworfene Anti-Personen oder Gegenkulturen. In genuin rassistischer Manier greift er auf „Vermutungen“ und „Erfahrungen“ zurück, weil ihm die Belege und weitsichtigen Analysen fehlen, die er für seine Identitätsstiftung gerne hätte. Die Abwesenheit zuverlässiger empirischer Befunde erklärt er aus einem halluzinierten Bedürfnis der empirischen Sozialforschung das Themenfeld „antischwarzer Rassismus moslemischer Prägung“ lieber nicht weiter auszuleuchten. Damit setzt er die vielsagende Verschwörungsideologie der dezidiert islamfeindlichen und teilweise rassistischen Antideutschen fort. Das ist ein gedanklicher Rückzug als Bornierung in Form der unbewussten Projektion, die sicherlich grundlegend für eine rassistische Gesellschaftsinterpretation ist.
Noch deutlicher wird dies an einer logischen Blamage des Autors:

Nun lässt die Beschreibung „mediterran“ offen, welcher Herkunft die Täter waren (…),dass es sich jedoch um Moslems gehandelt haben könnte, ist aufgrund des manifesten antischwarzen Rassismus unter türkischen und arabischen Jugendlichen zumindest möglich.

Wenn schon keine verlässlichen Datenmengen vorliegen, verlegt der Autor seinen Blick eben auf Einzelfälle, die seine gewagten Thesen untermauern sollen. Seine „These“ – ein unfundiertes Urteil par excellence – gilt ihm als Interpretationsprämisse des Einzelfalles. Da die Täter leider keine dschihadistischen Schlachtrufe grölten und sich damit in das Bild des Autors nicht einfügten, werden sie eben von ihm selbst eingefügt: es bestehe ja immerhin noch die Möglichkeit, dass Islamisten am Werk waren! Diese „Möglichkeit“ speist sich ausschließlich aus seinem rassistischen Ressentiment und nicht aus zuverlässigen Untersuchungen; im Zweifel ist Huiskens eben gegen die Angeklagten.

Dem Artikel fehlt durchweg jegliche Anstrengung dem Beschriebenen ein aufklärendes Verständnis folgen zu lassen, welches über Ressentimentbekundungen hinausgeht:

Wieso dann die Jungen aber nicht gegen die Alten rebellieren, die ihnen auch noch einbläuen wollen, der Umgang mit Nichtmoslems sei schädlich, das Erlernen der deutschen Sprache unnötig und sexuelle Selbstbestimmung sowie Gleichberechtigung ein Frevel, ist nicht einzusehen.

Es ist wohl ziemlich offensichtlich, dass Huiskens – der entweder zu doof ist solche Mechanismen zu verstehen, oder der sie nicht verstehen will, weil sie sein Feindbild gefährden könnten – sich als nationalliberaler Kämpfer für das Menschenrecht stilisiert. Die besinnungslose Verteidigung des eigenen Kollektivs gegen das vorgestellte Fremde wird ihm dann zur progressiven Tat. Handeln war eben schon immer wohlfeiler als verstehendes Denken.

Husikens orientiert sich lieber phänomenlogisch anstatt Wechselbeziehungen des komplexen Feldes von Ausgrenzung, alltäglichem Rassismus und Ressentimentbildung zu betrachten. Zwar betont er den deutschen Rassismus und die soziale Lage der bezichtigten Gruppe, lässt die Auswirkungen dieser Faktoren allerdings völlig unterbelichtet und versucht keine Beziehungsgefüge und Wirkungsmechanismen darzustellen.
Die gefährliche Tendenz der „self fulling prophecy“ einer Kriminalisierung von Migranten wird durch Huiskens fortgeführt, indem er kategorisch ausschließt die Täter als Einzelpersonen zu betrachten und partikulare Erscheinungen als Ausdruck einer fremden Kultur beschreibt, um sie so in seine stereotype Wahrnehmung einzugliedern.
Theoretisch banal zugleich höchst bedenklich wird es, wenn Huiskens die Reaktionen der „mehrheitlich moslemischen Jugendlichen“ auf den Tod Salihs völlig entkontextualisiert als maßlos übertriebene Reaktion auf einen „Unfall“ darstellt, der vom armen deutschen Michel gar nicht mal gewollt sei.
Es ist sicherlich fruchtbar, (womöglich reaktive) Gangbildungstendenzen im Zusammenhang mit deutschem Alltagsrasismus, sozialer Ausgrenzung, justizieller Ungleichbehandlung usw. zu thematisieren. Dann müssten aber nicht nur die Wirkungen institutionalisierter Abgrenzungsrituale und des neoliberalen Strafregimes berücksichtigt werden, sondern zudem müsste die Dialektik von Identitätszuweisung und Identitätskonstruktion schärfer und ohne rassistisches Vorzeichen besprochen werden. Wichtig wäre es zudem sich vor Überwältigungsvorstellungen durch etwas „Anderes“ zu befreien, die der Artikel implizit thematisiert. Eine solche mehrdimensionale Betrachtung würde wohl kaum zu dem peinlich-monokausalen Schluß führen, die Täter seien in Wahrheit alles tiefreaktionäre Islamisten, welche die Bundesrepublik Deutschland in einen Gottesstadt transformieren wollen.
Weil der Autor aber ernsthaft behauptet, seine Analyse auf dieses Ergebnis abstellen zu können, muss man sich am Ende seines Textes nicht mehr über dessen analytische Grobheit wundern. Dem Autor geht es nicht um eine möglichst umfassende Beschreibung der Vorfälle, sondern sein Abgrenzungsbedürfnis strukturiert den Text so, dass alles nur auf einen Schluß hindeuten kann: der Dschihad gegen Ungläubige geschieht hier und jetzt.
Dadurch erzeugt Huiskens muslimische Migranten als „lebende Antithese“ und als Projektionsfläche aller halluzinierten Ängste des deutschen Bürgermobs und legitimiert ideologisch eben die Ausgrenzungssituation, der die meisten Migranten ohnehin schon ausgesetzt sind.